Nr. 239 Freitag den IS October 1888.
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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Politische Rundschau.
Gießen, 11. October.
Kaiser Wilhelm ist zur Stunde in den letzten, aber vielleicht glänzendsten Theil seines Reiseprogrammes eingetreten, denn seit heute weilt der erlauchte Monarch in den Mauern Roms, nachdem er schon gestern Abend in italienisches Gebiet etngetreten war. Kaiser Wilhelms Besuch in der Hauptstadt Italiens schließt die lange Reihe der Antrittsbesuche des neuen deutschen Kaisers ab, welche in Peterhof begann und über Stockholm und Kopenhagen, über Dresden, Detmold, Stuttgart und München nach Wien führte und nun in Rom und Neapel ihre südlichen Endpunkte findet. Die Wirkung dieser Kaiserbesuche ist schon jetzt eine ungewöhnlich große, doch wird sie erst in ihrer vollen Bedeutung hervortreten, wenn der Kaiser wieder nach der Heimath zurückgekehrt sein wird. Die bis jetzt bedeutungsvollste Kundgebung der Südenfahrt des deutschen Herrschers hatte der Aufenthalt in Wien gezeitigt, in den gegenseitigen Trinksprüchen der Kaiser Wilhelm und Franz Josef und diese Aeußerungen aus allerhöchstem Munde haben auf's Reue in markantester Weise nicht nur die politische Freundschaft, sondern auch die treue Waffenbrüderschaft zwischen Deutschland und Oesterreich-Ungarn betont und besiegelt. Zweifellos wird jedoch auch der Besuch Kaiser Wilhelms in Rom ähnliche bedeutsame Kundgebungen bringen, bestimmt, die Fortdauer des innigen Bundes auch zwischen Deutschland und Italien vor aller Welt zu bestätigen und hiermit wiederum die vollständige Harmonie und Interessengemeinschaft des vom Memelstrome bis zum Golf von Tarent reichenden Völker- und Staatenbundes zu beweisen.
Die Bedeutung, welche man jenseits der Alpen selbst dem Besuche des Kaisers Wilhelm am italienischen Hofe betmißt, erhellt schon äußerlich aus dem bekannten Programme der glänzenden Festlichkeiten, welche zu Ehren des kaiserlichen Gastes in Rom und in Neapel stattfinden werden und zu denen die Vorbereitungen schon wochenlang getrosten worden sind. Die Hauptpunkte der Festlichkeiten in Nom werden die große Truppenparade bei Centocelle, der Empfang des Kaisers auf dem Rathhause, der ihm zu bringende großartige Fackelzug, die Beleuchtung des Collosseums u. s. w. sein, während den Mittelpunkt der neapolitanischen Kaiserfeste die Revue über das in Neapel zusammengezogene, über 30 Schiffe zählende italienische Geschwader bilden wird. Unabhängig von den Feierlichkeiten, welche der italienische Hof und die Stadt Rom anläßlich des Besuches des deutschen Kaisers veranstalten, steht sein Empfang im Vatican da. Soweit bekannt, findet die Begegnung zwischen dem Kaiser und dem Papste an diesem Freitag statt und begiebt sich der Kaiser vom preußischen Gesandtschaftsgebäude aus mittels eigener Equipage nach dem Vatican.
Im deutschen Auswärtigen Amte sind mehrfache Personalveränderungen erfolgt. Lcgationsrath Kiderlen-Wächter, bisher in Constanttnopel, wurde zum Wirk!. Legationsrath und Vortragenden Rath in der politischen Abtheilung des Auswärtigen Amtes ernannt, ebenso wurde der Wirkt. Legationsralh Raschdau, bislang in der handelspolitischen Abtheilung, zum vortragenden Rathe in der politischen Abtheilung des Auswärtigen Amtes ernannt; an Stelle Raschdau's wurde Consul Atchberger in die handelspolitische Abtheilung berufen.
Zu der Affaire Geffcken melden die „Berl. Pol. Nachr.", daß die Ueberführung Professor Geffckens von Hamburg nach dem Untersuchungsgefängniß in Moabit (Berlin) nunmehr erfolgt sei. Das Entmündigungsverfahren ist dem Vernehmen nach Geffcken gegenüber nun doch etngeleitet worden; es wird von den Hamburger Gerichten entschieden, deren Erkenntntß eventuell dem Reichsgerichte zur Erwägung mttgetheilt werden soll. Dem gegenüber muß freilich immer wieder hervorgehoben werden, daß sich Prof. Geffcken in vollem Umfange zur Veröffentlichung des kronprinzlichen Tagebuches bekannt und für dieselbe die Verantwortung übernommen hat.
Zu den Hofjagden in der Steiermark wird berichtet, daß deren Schluß wegen der überaus ungünstigen Witterung bereits für Dienstag Nachmittag in Aussicht genommen war, daß die etngetretene etwas bessere Witterung aber noch eine Gerns- jagd am Mittwoch früh ermöglichte, an welcher neben Kaiser Wilhelm die sämmtlichen übrigen erlauchten Jagdgäste des österreichischen Kaisers theilnahmen. Alsdann erfolgte die Rückkehr der hochfürstlichen Jagdgesellschaft nach der Eisenbahnstation Capellen, von wo aus sie ^mittelst Extrazuges nach Mürzzuschlag fuhr. Hier fand Mittwoch Mittag 1 Uhr die Weiterreise des Kaisers Wilhelm, nach herzlichster Verabschiedung von Kaiser Franz Josef und den übrigen Fürstlichkeiten, mit dem inzwischen eingetroffenen Gefolge, nach Italien statt; auf der Weiterfahrt vereinigte sich Prinz Heinrich von Preußen in Villach mit seinem kaiserlichen Bruder.
Präsident Carnot nimmt auch auf seiner gegenwärtigen Rundreise durch den Südosten Frankreichs energisch Stellung gegen die verschiedenen antircpublikanischen Bestrebungen. Er hat sich in dieser Beziehung schon bei seinem Besuche in Lyon kräftig ausgesprochen und auch gelegentlich seines Aufenthaltes in Annecy, der Hauptstadt des Departements Obersaooyen, ließ sich Carnot entschieden gegen die erwähnten Bestrebungen aus. Seitens des Präsidenten des Generalrathes von Obersavoyen wurde dafür Herrn Carnot in einer Ansprache versichert, die savoytsche Bevölkerung sei der französischen Republik treu ergeben und würde jeden verbrecherischen und sinnlosen Versuch gegen die Republik energisch zurückweiscn.
Die ernste Lage in Deutschosiafrika hat zur Beorderung des deutschen Schulgeschwaders aus dem Mtttelmeere nach Zanzibar geführt. Das Geschwader besteht aus den Panzerfregatten „Stosch", „Moltke", „Gneisenau", „Charlotte", mit über 60 Geschützen und 1600 Mann Besatzung unter dem Commando des Contre-Admirals Hollmann. Ob indessen das bloße Erscheinen dieser stattlichen Flottenmacht an der Küste Zanzibars die Ruhe in den deutsch-ostafrikanischcn Besitzungen wtederherstellen wird, möchte zu bezweifeln sein. Vielmehr ist es nur zu wahrscheinlich, daß der deutsche Flottencommandant ein beträchtliches Landungscorps zur förmlichen Rückeroberung der verlorenen Punkte zunächst an der Küste wird ausschiffen lassen müssen.
Deutschland.
Darmstadt, 10. October. Seine Königl. Hoheit der Großherzog haben Aller - gnädigst geruht:
Am 13. September den Regierungsrath im Kaiserlichen Gesundheitsamt zu Berlin Dr. Georg Gaffk y zum ordentlichen Professor in der medicinischen Fakultät der Ländesunioersität, mit Wirkung vom 1. October 1888 an, zu ernennen und in gedachter Eigenschaft zu berufen.
Darmstadt, 10. October. Seine Königliche Hoheit der Großherzog empfingen heute u. A. den Professor Bose aus Gießen.
Darmstadt, 10. October. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben Allergnädtgst geruht:
Am 7. October den Ober - Rechnungsprobaior bei der zweiten Abtheilung der Justifikatur der Ober-Rechnungskammer August Re ttberg zum Ober-Rechnungsrevisor bei dieser Abtheilung zu ernennen; — an demselben Tage den Lehrer an dem Realgymnasium und der Realschule zu Gießen Franz Schwabe auf sein Nachsuchen bis zur Wiederherstellung seiner Gesundheit, mit Wirkung vom 16. October l. I. an, in Den Ruhestand zu versetzen;
am 8. d. M. den Steuercommissär des Steuercommissariats Seligenstadt Carl Fuhr auf sein Nachsuchen unter Anerkennung seiner treu geleisteten Dienste bis zur Wiederherstellung seiner Gesundheit in den Ruhestand zu versetzen.
Darmstadt, 10. October. Das Großherzogltche Regierungsblatt Nr. 29 enthält:
1. Bekanntmachung Großherzogl. Ministeriums der Finanzen, die Erbauung von Nebenbahnen betreffend.
Nachdem Seine Königliche Hoheit der Großherzog zu genehmigen geruht haben, daß der Sitz der zur Leitung des Baues der staatlichen Nebenbahnen vorübergehend eingerichteten Großherzoglichen Baubehörde für Nebenbahnen bis auf Weiteres von Nidda nach Darmstadt verlegt werde, so wird dies hierdurch zur öffentlichen Kenntniß gebracht.
2. Bekanntmachung Großherzoglichen Ministeriums des Innern und der Justiz, bahnpolizeiliche Vorschriften für die Nebenbahnen im Großherzogthum, insbesondere für die Nebenbahn Stockheim-Gedern betreffend.
Berlin, 9. October. Dem Vernehmen nach beabsichtigt die königliche preußische Zollverwaltung, bet 139 Amtsstellen Mustertypen für die Abfertigung der mit dem Anspruch auf Zollnachlaß auszuführenden Getreide- und Mühlenfabrikate aufzustellen, nach welchen in Zweifelsfällen entschieden werden soll, wie derartige Fabrikate in Bezug aur ib'e Verzollung zu behandeln sind. Die Beschaffung der erforderlichen Proben hat die Zoll - Verwaltung dcue Verbände deutscher Müller überlafffti, jedoch es als erwünscht bezeichnet, wenn von jeder Getreidesorte 4 Typen aufgestellt würden und zwar für Mehl, welches kontirungssähig ist; für Diehl, welches nicht kontirungsfähig, beim Eingang aber als Mehl zu verzollen ist; für Mehl, welches nicht kontirungsfähig und beim Eingang nur nach voraufgegangener Denaturirung zollfrei ist, und für Kleie, welche vorangegangener Denaturirung entbehrend, zollfrei abgelasfen werden darf.
— In Paris ist unter dem Titel „M&noires authentiques de Fr6d4rlc III. rassemblds et compldtäs“ eine französische Uebersetzung des in der „Rundschau" veröffentlichten Tagebuchs erschienen. Desgleichen ist in London eine solche in englischer Sprache herausgekommen. Es wird darauf aufmerksam gemacht, daß nach der Berner Convention vom 9. September 1886 derartige Uebersetzungen einen strafbaren Nachdruck bilden, wegen dessen gerichtlicher Verfolgung das Erforderliche von hier aus an- geordnet werden wird.
Berlin. Es kann kein Zweifel darüber herrschen, daß in unserer social- politischen Zeit der Gedanke, eine allgemeine deutsche Ausstellung für Unfallverhütung zu veranstalten, in welcher die Vorrichtungen gezeigt werden sollen, welche die Arbeitgeber zum Schutze der Arbeitnehmer in ihren Betrieben eingeführt haben, und den Arbeitgebern felbft Gelegenheit geboten werden soll, die von ihnen accepttrten Vorrichtungen mit anderen zu vergleichen, sowie neue Unfallverhütungsmaßregeln kennen zu lernen, überall einen lebhaften Anklang gefunden hat. Unsere Behörden haben in erfreulichster Weife, wie immer auch hier, den humanen Bestrebungen Vorschub zu leisten sich bemüht und die ihnen unterstellten gewerblichen Etablissements zur Beschickung der Ausstellung aufgefordert, und unsere Industriellen bringen dem Unternehmen eine so große Sympathie entgegen, daß sich fchon heute sagen läßt, daß die im Frühjahr 1889 zu Berlin zu eröffnende Ausstellung nicht nur gesichert, sondern daß auch, trotzdem auf dem Ausstellungsräume neue Gebäude zur Aufnahme von Ausstellungsgegenständen erbaut sind, der verfügbare Ausstellungsplatz mit den angemeldeten Gegenständen bis auf den engsten Winkel ausgefüllt werden könnte.
Das Hauptinteresse auf der Ausstellung wird unstreitig diejenige Abtheilung erregen, in welcher die einzelnen Schutzvorrichtungen in ihrem Zusammenwirken und Jnetnandergreifen mit den Maschinen, an welchen sie angebracht sind, entroeber in natura, was bei Vorrichtungen und Maschinen von geringerer Dimension wohl denkbar ist, ober in Mobellen ober auch in Zeichnungen bargestellt werben sollen. Hier soll anschaulich gezeigt werden, wie unsere Technik, wenn sie in ihrer immer weiteren Entwickelung auch Gefahren für Leben unb Gesundheit ber Arbeiter mit sich bringt, doch in gleicher Weise die Mittel anzugeben vermag, diesen Gefahren vorzubeugen. Leider sind, wie wir von coinpetenter Stelle hören, gerade für diesen Theil ber Ausstellung noch nicht so viele Gegenstände angemelbet worben, wie man erwartet unb bei ber außerorbentlichen Mannigfaltigkeit ber bereits in ben verschiedenen Branchen und Betriebsanlagen zur Einführung und Anwendung gelangten Schutzvorrichtungen mit Recht in Aussicht genommen hatte. Mag dies in einigen Fällen an ber größeren Kostspieligkeit liegen, welche mit ber Anfertigung, bem Transport unb ber Ausstellung gerabe bieser Ausstellungsobjecte unstreitig verbunben ist, so spielt boch unter den Grünben dafür eine große Rolle bie Abneigung so Manches unserer Jnbustriellen, seine Wohlfahrtseinrichtungen öffentlich zur Schau zu stellen, barnit zu prunken. So berechtigt und anerkennenswerth diese Abneigung nun auch vorn ethischen Standpunkte ist, so dürfte doch in diesem Falle eine Ausnahme von ber Regel wohl am Platze sein. Wird doch auch mit ber Ausstellung ber Zweck verbunben, bie in einzelnen Betrieben als bewährt befunbenen Schutzvorrichtungen weiteren Kreisen zur Kenntniß zu bringen unb barnit Nacheiferung zu erwecken!
Wir finb überzeugt, baß cs nur bieses Hinweises bebarf, um bie Lücke aus- gefüllt zu sehen, welche bisher in ben Vorbereitungen zu ber lebiglid) humanen Zwecken Dienenden Ausstellung sich gezeigt hat. Je mannigfaltiger bie Ausstellungsobjecte sind — unb biesbezüglich ist auch bie Einsenbung ber kleinsten Schutzvorrichtung von Nutzen —, je umfangreicher bie Abtheilung sich barstellt, in welcher bie Schutzvorrichtungen im Zusammenwirken mit ben Maschinen gezeigt werben und je lebendiger damit der Eindruck wird, ben bie gefammte Ausstellung hervorruft, um so besser wird der Zweck der letzteren erreicht werben.


