Nr. 160 Donnerstag den 12. Juli 1888.
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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Politische Rundschau.
Gießen, 11. Juli.
Heber die bevorstehende Begegnung Kaiser Wilhelms mit dem Czaren geben jetzt mit jedem Tage ergänzende Mitthetlungen ein. So steht es nunmehr fest, daß unser Kaiser am Freitag Abend Berlin mittelst Extrazuges verläßt, um am Morgen des folgenden Tages in Kiel einzutreffen; die Meeresfahrt nach der nordischen Metto- pole tritt der Monarch voraussichtlich noch im Laufe des Samstag an. Das die kaiserliche Yacht „Hohenzollern" geleitende Geschwader wird aus den Panzerschiffen „Baden", „Bayern", „Kaiser" und „Friedrich der Große", sowie dem Aviso „Ziethen" bestehen, während der Ausreise selbst wird aber außerdem noch eine stattliche Flotille von deutschen Kriegsschiffen im Kieler Hafen versammelt sein. Das Geschwader langt vermuthlich erst am Donnerstag, den 19. Juli, an der finnländischen Küste an; da indessen Kaiser Alexander seinem erlauchten Gaste entgegenzufahren gedenkt, so wird die erste Begrüßung zwischen beiden Herrschern noch auf hoher See erfolgen. Der größere Theil des Gefolges Kaiser Wilhelms begtebt sich per Bahn direct nach Petersburg. Nach einer neuerlichen Version würde auch das Schulgeschwader, aus „Stein", „Gnei- senau", „Moltke" und „Prinz Aldabert" bestehend, sowie die Torpedoflottlle der kaiserlichen Yacht „Hohenzollern" das Geleite bis in die russischen Gewässer geben.
Wenn etwas geeignet sein könnte, den Ausstreuungen, als ob man in Oesterreich- Ungarn die Zusammenkunft der Kaiser Wilhelm und Alexander mit besorgten Blicken betrachte, wirksam entgegenzutreten, so sind es die Auslassungen, des officiösen „Wiener Fremdenblattes" über dieses bevorstehende Ereigniß. In ungemein sympathischer Weise urtheilt das genannte Blatt über die Begegnung, welche jene Wolke des Mißtrauens und Unbehagens verscheuchen werde, die so lange über dem russischen Volke lagere. Die persönliche gegenseitige Aussprache der beiden Monarchen werde Rußland hoffentlich in den Stand setzen, ohne Voreingenommenheit die friedlichen und loyalen Ziele der Politik Deutschlands und seiner Verbündeten zu beurtheilen, der ja ausschließlich die Erhaltung der Ruhe des Eontinents zu danken sei. Wenn dieses wirklich gelingen sollte — schließt das halbamtliche Wiener Blatt seine bemerkenswerthen Ausführungen — wenn in Rußland einmal dieses stete Mißtrauen gegen die Politik seiner Nachbarn schwindet, wenn man auch dort zur richtigen Beurtheilung jener Grundlagen der europäischen Ordnung gelangen sollte, welche allein eine legale Entwickelung und allmäliche Lösung aller internationalen Fragen ermöglichen, dann wird die Reise Kaiser Wilhelms n. nach Rußland der Zuversicht in die Erhaltung des Weltfriedens jene breitere Basis gewähren, welche von allen Völkern und auch jenen Oesterreich-Ungarns mit solcher Sehnsucht erwartet wird.
Nachdem General von Caprivi von seinem Posten als Chef der Admiralität zurückgetreten, ist der Chef der Marinestation der Nordsee Graf Monts, unter Ernennung zum commandirenden Admiral zur Admiralität behufs Vertretung des Chefs derselben commandirt worden. Was Herrn v. Caprivi anbelangt, so erhält sich das Gerücht, er werde das Commando eines Armeecorps übernehmen und bezeichnet man ihn schon als Nachfolger des Prinzen Georg im Commando über das sächsische Armeecorps, da der Prinz infolge seiner Beförderung zum Generalfeldmarschall und Armee- Jnspecteur seine Stelle als commandirender General jedenfalls niederlegen wird. Es muß indessen abgewartet werden, ob Herr v. Caprivi wirklich zum Führer der sächsischen Truppen berufen werden wird. Ferner verlautet, daß auch General v. Albedyll, der Chef des Militärcabinets, demnächst das Commando eines Armeecorps übernehmen werde und soll als sein Nachfolger in der Leitung des Militärcabinets Generallieutenant v. Hanke, bislang Commandeur der 2. Garde-Infanteriedivision, ausersehen sein.
Das sächsische Königspaar hat feinen mit der Besichtigung der Kopenhagener Ausstellung verbundenen Besuch am dänischen Königs hofe beendigt und am Montag die Reise nach Stockholm fortgesetzt. Auch am schwedischen Hofe wird die Aufnahme der sächsischen Majestäten eine ebenso glänzende und auszeichnende fein, wie dies schon in der dänischen Hauptstadt der Fall war. Von Stockholm aus gedenken die hohen Reisenden einen Ausflug nach dem Innern der an großartigen Naturschönheiten so reichen scandinavischen Halbinsel zu unternehmen.
In Frankreich hat Held Boulanger nach längerer Pause wieder etwas von sich hören lassen. Er hielt in Rennes am Sonntag eine Banketrede, in welcher er abermals gewaltig gegen die jetzige Kammer loswetterte und es als hoch an der Zeit bezeichnete, daß dieser Kammer ein Ende gemacht werde, damit das Land feine Ver- fassungsreoision bekomme. Diese Ablcierung bekannter boulangistischer Phrasen scheint vorerst auf die große Masse der Franzosen nicht den geringsten Eindruck gemacht zu haben. — Am selben Sonntag hat in Frankreich schon wieder eine Kammerersatzwahl stattgefunden und zwar im Rhone-Departement. Dieselbe ergab für Chepie (gemäß. Republ.) 37,133, Vaillont (Socialist) 17,011 und für den Radicalen Montheilet 10,747 Stimmen, es ist eine engere Wahl erforderlich. Uebrigens enthielten sich zwei Drittel der Wähler der Stimmenabgabe, was gerade nicht für die Wahlfreudigkeit der Wähler in diesem Departement spricht.
Der von der serbischen Synode an die Königin Natalie von Gerbten nach Wiesbaden entsendete Bischof Dimitrije wurde von der Königin nicht empfangen, womit der Versuch, eine Verständigung zwischen ihr und König Milan herbeizuführen, als gescheitert zu betrachten ist.
Telegraphische Depeschen.
Wolst'S telegr. Correspondenz, Burean.
Berlin, 10. Juli. Der Kaiser empfing gestern noch den Staatsminister Grafen Bismarck, sowie Nachmittags den Justizminister Friedberg. Heute Vormittag wohnte der Kaiser den Exercitien auf dem Bornstedter Felde bei, empfing später militärische Meldungen, nahm Vorträge entgegen und arbeitete mit dem Chef des Militärcabinets. Mittags erschien der neuernannte Generalfeldmarschall Prinz Georg von Sachsen, um sich für seine Ernennung zu bedanken. .
— Botschafter Schuwalow ist von seiner Kur in Karlsbad zuruckgekehrt, um Donnerstag am Galadiner im Potsdamer Stadtschlosse thetlzunehmen.
Berlin, 10. Juli. Botschafter Schuwalow reift Ende dieser Woche nach Petersburg und bleibt während der Kaiser-Zusammenkunft dort.
Wiesbaden, 10. Juli. Die serbische Regierung suchte amtlich für ihre Abgesandten Die Unterstützung für die Rückführung des Kronprinzen nach. Die Unterstützung konnte nicht verweigert werden. Die serbischen Abgesandten haben bisher von dieser Zusage keinen Gebrauch gemacht.
Sagan, 10. Juli. In vergangener Nacht wurden durch den aus Berlin kommenden Courierzug bei Hansdon drei Postbedienstete überfahren und zwei derselben getödtet, der dritte wurde schwer verletzt und der Packetkarren zerttümmert.
Stuttgart, 10. Juli. Der „Staatsanzeiger für Württemberg" meldet über den Besuch des Prinrregenten Luitpold von Bayern in Friedrichshafen Folgendes: Bei der Tafel erhob sich der König und brachte folgenden Toast aus: „Ich trinke auf das Wohl des Prinzregenten Luitpold, sowie auf die Fortdauer des gegenseitigen freundschaftlichen Verhältnisses zwischen Bayern und Württemberg." Hierauf erwiderte der Prinzregent: „Ich erlaube mir, auf das Wohl Ihrer Majestäten mein Glas zu erheben, ich bin glücklich, daß ich mich schon seit langer Zeit der wohlwollenden Freundschaft Ihrer Majestäten erfreue, zugleich drücke ich meine Freude über die herzliche Fortdauer der fi'eunbschaftlichen Beziehungen beider Länder aus. Hoch lebe das Königspaar von Württemberg."
— Der Prinz-Regent empfing den Minister v. Mittnacht in besonderer Audienz. De^ König verlieh dem Prinz - Regenten das 2. Feld - Artillerie - Regiment Nr. 29. Die Einwohnerschaft brachte dem Prinz - Regenten die herzlichsten und wärmsten Ovationen bar.
Karlsruhe, 10. Juli. Die Frau Großherzogin begann heute zur Herstellung von ihrem noch immer nicht überwundenen Augenleiden ein erneutes Heilverfahren, wird in der nächsten Zeit völliger Ruhe und Zurückgezogenheit sich hingeben müssen und sich unter Leitung des Hofraths Dr. Maier einer sorgfältigen Behandlung unterziehen.
— Der Erbgroßherzoa machte heute Vormittag dem Kronprinzen von Griechenland in Heidelberg einen Besuch.
Stockholm, 10. Juli. Der König und die Königin von Sachsen sind heute Mittag 12 Uhr mittelst Extrazuges von Malmö hier eingetroffen, begleitet von dem deutschen Legationssecretär Prinzen Lichnowsky, welcher denselben bis Malmö entgegengefahren war. Der Kronprinz war den Herrschaften mit dem Generallieutenant Grafen Lagerberg, der Staatsdame Gräfin Gyldenstolpe und dem Oberkammerherrn Grafen Lerenhaupt bis Guesta entgegengereist. Am Bahnhof waren der König, die Kronprinzessin, Prinz Eugen und die Herzogin-Wittwe Therese anwefend und begrüßten das sächsische Königspaar auf das Herzlichste. Vor dem Bahnhofe war eine Ehrencompagnie mit der Fabne und Musik aufgestellt, welche bei der Einfahrt des Zuges die Nationalhymne „Heil dir im Siegerkranz" intonirte. Die Majestäten fuhren sodann in zwei sechsspännigen Galawagen, geführt und gefolgt von je einer Schwadron der Leibgarde, zum königlichen Schlosse, woselbst eine aus der Svea-Leibgarde und Dragonern gebildete Ehrencompagnie aufgestellt war. Bei der Ankunft am Bahnhof und bei der Ankunft im Schlosse wurden Salutschüsse abgegeben. Im Schlosse begrüßte die Königin die Gäste auf das Herzlichste. Auf dem ganzen Wege vom Bahnhof bis zum Schlosse waren die Straßen prachtvoll geschmückt; unter den Flaggen zeigten sehr viele die sächsischen Landesfarben. Eine zahlreiche Volksmenge begrüßte die hohen Gäste mit sympathischen Zurufen. — Nachmittags findet eine Ausfahrt nach dem Lustschlosse Rosendal statt, woselbst das Diner eingenommen wird.
Paris, 10. Juli. Bei dem gestrigen Banket in Saint Seroan (Bretagne) zu Ehren Boulcmger's sprach derselbe die Hoffnung aus, daß ihm vor Ablauf eines Jahres der Degen wieder zurückgegeben sein werde.
Die Krankheit Kaiser Friedrichs.
Die Broschüre, in welcher von den behandelnden Aerzten Kaiser Friedrichs (mit Ausnahme der englifchen Aerzte), die sämmtlichen Krankheitsberichte niedergelegt sind, ist erschienen. An der Bearbeitung der Berichte haben theilgenommen: Prof. Dr. Bardeleben, Prof. v. Bergmann, Dr. Bramann, Pros. Gerhardt, Pros. Kußmaul, Dr. Landgraf, Dr. Moritz Schmidt, Prof. Schrötter, Prof. Tobold, Prof. Waldeyer.
Bei Beurtheilung der Schrift wird man nicht außer Acht lassen, daß sie nur von einem Theile der deutschen Aerzte ausgeht, daß aber der englische Arzt, Dr. Mackenzie, gegen den sich die Darstellungen der deutschen Aerzte zum großen Theil richten, sich über Die Krankheit noch nicht geäußert hat. Die Berichte, wie sie in der Broschüre bargelegt sind, werden dem englischen Arzte jedenfalls Gelegenheit geben auch fein Urtheil abzugeben. Inwieweit die dem englischen Arzte gemachten Vorwürfe, er habe im persönlichen Interesse des Patienten gehandelt, die seiner Zeit geplante Operation verhindert, die deutschen Aerzte getäuscht, den Patienten von der Heimath ferngehalten, das Vorhandensein von Krebs in Abrede gestellt, um zu verhindern, daß eine Regentschaft eingesetzt wurde und sich so auch in politische Angelegenheiten gemischt sich bestätigen, wird die Zeit lehren; jedenfalls ist mit dem Erscheinen der Broschüre der erste Schritt zur Aufklärung geschehen. Die Schrift beginnt mit einem glänzend geschriebenen Bericht des Prof. Gerhardt und zwar zunächst über den Krankheitsbeginn. In demselben schildert Prof. Gerhardt, daß Se. Kaiser!, und König!. Hoheit der damalige Kronprinz des Deutschen Reichs und von Preußen feit Januar 1887 von einer dauernden Heiserkeit befallen worden, die langsam zunahm. Für die Hartnäckigkeit des Hebels konnte als Erklärung dienen, daß der Kronprinz viel zu sprechen veranlaßt war und daß ein sorgfältiges Vermeiden von Erkältungen, wie wünschenswerth, nicht immer stattgehabt haben soll. Das Hebel habe unter Krankheits-Erscheinungen begonnen und galt auch im Anfänge als katarrhalische Heiserkeit, gegen die indeß gegen Katarrhe sonst wirksame Arzneimittel gänzlich erfolglos geblieben waren. Der Bericht Profi Gerhardl's besagt bann u. A. weiter:
Am 6. März 1887 untersuchte ich auf Wunsch und in Gegenwart bes Herrn Generalarztes Dr. Wegner mit bem Kehlkopfspiegel. Die Stimmbänber zeigten geringe gleichmäßige Röthung. Währenb ber Athmung sah man am Raube bes linken Stimm- banbes, zwischen Stimmfortsatz unb Stimmbanbmitte, ersterem näher, eine blasse, jungen; ober lappenartige, anscheinenb etwas unebene Vorragung. Die Länge berselben betrug etwa 4, bie Höhe 2 mm. Bei ber Stimmbilbung legten sich bie Stimmbänber bicht aneinanber und an der bezeichneten Stelle ragte ein längliches, niederes, blaß- rothes Knötchen über bie Stimmritze empor.
Die Heiserkeit würbe bebingt burch bie Einklemmung bieses Gebilbes zwischen bie Stimmbänber bei ber Tonbilbung, woburch bie Schwingungen beider stimmbänber gestört wurden. Die Diagnose wurde gestellt auf polypöse Verdickung bes linken ©timmbanbranbeS. — Die Behanblung hatte bie Aufgabe, biefe Geschwulst zu entfernen. Die nächsten Tage würben barauf verwenbet, ben hohen Kranken an Einführung von Sonben unb Instrumenten zu gewöhnen. Coca'in-Anwenbung, zum Zweck, ben Kehlkopf gegen Berührung von Jnsttumenten unempfindlich zu machen, wurde selbst in großen Dosen (10 unb 20 Prozent-Lösungen) sehr gut ertragen. Da-


