Mr. Dienstag den 12. Juni 1888.
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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Amtlicher Hheit.
Betreffend: Feldbereinigung in der Gemarkung Saasen.
Bekanntmachung.
Großherzoaliche Landeskommission für Feldbereinigung hat auf Grund des Art. 42 des Gesetzes über die Feldbereinigung vom 28 September 1887 (Reg-Blatt S. 247) die Anwendung dieses Gesetzes aus die in der Konsolidation begriffene Gemarkung Saasen für zweckmäßig erklärt und den Unter* zeichneten^ach Art. 15, Nr. eontaa d.n 23. Juni l. I., Vormittags 10 Uhr, in Saasen eine Versammlung der betheiligten Grundeigenthümer stattfinden, in welcher dieselben Wünsche und Anträge vorbnngen können und in melcker die Wablen lur neu zu bildenden Vollzugskommission und einem Schiedsgerichte vorzunehmen find.
Qur Vollzuaskommission sind zwei Sachverständige nebst zwei Stellvertretern, zum Schiedsgerichte ist ein Mitglied, nebst nnem Stellvertreter von den beteiligten Gruudeigenthümern zu wählen. Jeder anwesende Betheiligte hat eine Sttmme.Die Beschlusfe. Ä 'hrer Gültigkeit eine Mehrheit von
rwei Dritttüeilen der Anwesenden und sind unter dieser Voraussetzung auch sur die nicht erschienenen Betheiligten verbindlich.
5 Kommen gültige Beschlüsse nicht zu Stande, so hat die Landeskommission sur Feldbereinigung die Sachverständigen und Schiedsrichter zu ernennen.
Alle bei der Feldbereinigung in Saasen beteiligten Grundeigenthümer werden zu dieser Versammlung hiermit etngelaben- Darmstadt, den 29. Mai 1888. Der Vollzugskommissär:
Nover, Regierungsrath. 4bza
Politische Wochenschau
Gießen, 11. Juni.
In dem Befinden des Kaisers seit der Uebersiedelung des hohen Herrn nach Friedrtchskron sind noch immer zeitweise Schwankungen zu verzeichnen, die indessen leinen beunruhigenden Charakter tragen, sondern auf die wohl noch immer nackwirkenden Erregungen zurückzuführen sind, welche der Domicilwechfel für den Pionarchen mit sich brachte. Auch sollen die Wucherungen im Kehlkopfe sich wieder etwas loszuliffen beginnen Die Nacht zum Samstag verbrachte der Kaiser wieder besser als die vorhergegangenen letzten Nächte und suhlte er sich am Samstag Morgen recht munter. Gr begab sich alsbald in den Park und nahm später einige Vorträge entgegen.
Die Kaiserin Bicioria hat nunmehr, von der Prinzessin Victoria und kleinem Gefolge begleitet, den längst geplanten Besuch des westpreußischen Ueber- schwemmungsgebietes ausgesührt. Am Samstag früh 7 Uhr traf dre hohe ftrau in Dirschau ein, eine Stunde später in Marienburg, von wo aus die Besichtigung der Durchbruchsstelle der Weichsel bei Jonasdorf vorgenommen wurde. Mittags erfolgte die Ankunft in Elbing, wo die Kaiserin und ihre Begleitung im Hause des Commerzienrathes Schichau binirten. Die Rückkehr nach Potsdam ging über Dirschau und Schneidemühle vor sich und traf der kaiserliche Extrazug in der ersten Morgenstunde des Sonntags wieder auf der Wildparksta.'on ein. Die Kaiserin wurde an ollen von ihr berührten Punkten des Ueberschwemmungsgebietes von der Bevölkerung jubelnd begrüßt und in diesem herzlichen Empfange spiegelte sich sichtlich die Freude und die Genugthuung über den Besuch wider, durch welchen die Theilnahme des Kaiserhauses auch für die von der Ueberfchwemmungskatastrophe heimgesuchten Bewohner Westpreußens zu so erhebendem Ausdruck kommt.
Eine Annäherung zwischen Oefierreich-Urigarn und Rußland durch die Vermittelung des Fürsten Bismarck soll im Werke sein. Dies deutet wenigstens eine Correspondenz aus Berlin im „Pester Lloyd", der bekanntlich mit den ungarischen Regierungskreisen in Fühlung steht, an und heißt es, Rußland sei unter Ablehnung der Allianzanerbietungen Frankreichs geneigt, Bevollmächtigte behufs Anbahnung einer Verständigung nach Wien zu entsenden. Fürst Bismarck vermittele in der Sache und werde er beim ersten Entgegenkommen Rußlands die deutsche Politik wieder in em russenfreundlicheres Fahrwasser einlenken. - Die Meldung bedarf freilich noch der Bestätigung aber gerade unwahrscheinlich klingt sie nicht und wenn vom „Pester Lloyd" hierzu bemerkt wird, Frankreich sei für den europäischen Frieden ungleich gefährlicher, als Rußland, so kann man dem ungarischen Blatte nicht Unrecht geben.
Die am Samstag in Budapest zusammengetretenen österreichisch-ungarischen Delegationen sind am Samstag vom Kaiser feierlich eröffnet worden und aus dem Munde des österreichischen Monarchen wird die Welt hoffentlich beruhigende und friedlich' Versicherungen bezüglich der allgemeinen Lage vernommen haben. Im Ue'origen werden im Vordergründe der Verhandlungen der Delegationen Finanzfragen und hier wieder die Forderungen für militärische Zwecke stehen. In letzterer Beziehung vernimmt die N. Fr. Pr.", daß das gemeinsame Krtegsbudget diesmal ein Mehrerforder- nist von 42/io Millionen Gulden ausweist, daß für Anschaffung von Repetirgewehren 13 Millionen und für organisatorische Maßnahmen im Ordinarium wie im Extraordinarius 8 Millionen eingestellt sind. Der außerordentliche Specialcredit der Kriegsverwaltung beträgt 47,3 Millionen Gulden, von denen 16 Millionen bereits veraus- aabt sind und welche Ausgabe also die Delegationen nachträglich gut heißen müssen; 13 7 Millionen werden zu künftiger Verwendung und 17,6 für besonders dringende ^ällc gefordert. Oesterreichischerseits wohnten der Eröffnung der Ministerpräsident Graf Taaffe, der Reichskriegsminister General v. Bauer und der Marinecornmandant v. Sterneck bei.
Von König Christian IX. von Dänemark ist ein Beweis echter landesväterlicher Gesinnung zu verzeichnen. Der dänische Herrscher begeht am 15. November d I die Feier seines 25jährigen Regierungsjubiläums und war deshalb in Dänemark eine Subscription eingcleitet worden, aus deren Erträgnissen dem Königspaare anläßlich dieses deoorstehenden Ereignisses ein Landsitz in Jütland zum Geschenk gemacht werden sollte. Der König hat jetzt aber die Annahme dieses Nationalgeschenkes abgelehnt mit der ihm zur Ehre gereichenden Begründung, daß ihm die drückenden ökonomischen Verhältnisse des Landes die Entgegennahme einer solchen Gabe nicht gestatten WUr^CI3n Bologna hat am Sonntag die Jubelfeier anläßlich des 800jährigen Bestehens der dortigen Universität ihren Anfang genommen. Das Königspaar, die
meisten Mitglieder des Cabinets und zahlreiche Senatoren und Abgeordnete sind aus diesem Anlasse in Bologna anwesend und auch die gelehrte Welt Italiens wie des Auslandes ist bei der Jubelfeier stark vertreten. Fast sämmtliche deutsche Hochschulen haben Deputationen von Docenten und Studirenden nach der altberühmten italienischen Musenstadt entsendet, was zugleich ein neuer Beweis für die Herzlichkeit der allgemeinen Beziehungen zwischen Deutschland und Italien ist.
In der Leitung des egypttschen CabinetS ist plötzlich ein Personenwechsel eingetreten. Der Ministerpräsident Nubar Pascha wurde vom Vicekönig förmlich ab- gesetzt^'weil er angeblich gegen den Unterstaatssecretär im Aeußern — einen Engländer — im'Ministerralhe zu schroff auftrat; Riaz Pascha hat sich zur Uebernahme des erledigten Portefeuilles bereit erklärt. Es scheint indessen beinahe, als ob hierbei englische Jntriguen mitgewirkt hätten, denn Nubar Pascha trat selbstständiger auf, als es Engländern in den Kram paßte.
Zum Rücktritte des Ministers von Puttkamer.
Die letzten Tage haben für Preußen und folgerichtig deshalb auch für das Reich überraschende politische Thatsachen gebracht. Aenderungen, wie solche schließlich jeder Regierungs- und Thronwechsel mit sich dringt, erwartete man ja allerdings in Preußen und dem Reiche, zumal sich die Gesundheit Kaiser Friedrichs wesentlich gebessert hat und eine regelmäßige Theilnahme des Monarchen an den Regierungsgeschästen ftatt- findet, aber so rasch und zum Theil auch so überraschend, wie sie nur eingelroffen sind, vermuthete man das Eintreten der Aenderungen nicht. Der preußische Staatsrninister des Innern, von Puttkarner, hat seinen erbetenen Abschied erhalten und man irrt sich nicht, wenn man die Ursache des Rücktritts dieses Ministers in Zusammenhang mit dem Kaiserlichen Handschreiben an Herrn von Puttkarner bringt, in welchem Handschreiben die Nothwendigkeit betont wurde, daß gerade anläßlich der verlängerten Legislaturperioden die Beamten sich jeder Wahlbeeinflussung streng zu enthalten hätten. Ob nun der Minister von Puttkarner in dem betreffenden Handschreiben einen Tadel für feine Amtsführung oder eine Differenz zwischen den jetzigen und früheren Re- aierungsgrundsätzen erblickt hat, wagen wir nicht zu entscheiden, die Thatsache bleibt aber bestehen, daß der Minister von Puttkarner nach Empfang eines oder auch zweier Kaiserlichen Handschreiben über die Haltung der Beamten bei den Wahlen seine Entlassung erbeten und erhalten hat. Die große persönliche Tüchtigkeit des ausgeschiedenen Ministers ist übrigens vom Kaiser hervorragend gewürdigt worden, denn Herr von Puttkarner hat anläßlich seiner Abschiedsbewilligung das Großkreuz des Hohen- zollern-Ot/dens vom Kaiser erhalten.
Als eine hochwichtige Thatsache muß der Rücktritt des Ministers von Puttkarner aber zweifellos und unter allen Umständen deshalb gelten, weil durch die dem Herrn von Puttkarner gewährte Entlassung ziemlich deutlich dargethan ist, daß der Kaiser und König Friedrich den in der Aufrechterhaltung einer extrem conservativen Politik, als deren eifrigster Verfechter im preußischen Ministerium Herr von Puttkarner galt, kein Heil für den Staat erwartet. Man muß sich freilich noch jeder Meinung darüber enthalten, ob das preußische Ministerium nunmehr in das gemäßigt conservatioe, in das freiconservative ober gar in das liberale Fahrwasser einlenken wird, denn wir wissen noch nicht, wer der Nachfolger des Herrn von Puttkamer sein wird und wissen auch nicht, ob nicht auch noch andere Minister zurücktreten. Officiösen Kundgebungen zuiolge ist allerdings eine eigentliche Ministerkrisis nicht vorhanden, indem die übrigen Minister mit dem Reichskanzler an der Spitze erklärt haben, daß sie wegen der Wahb fraae ihre Entlassung nicht nehmen würden. Auch kann man vom Fürsten Bismarck, welcher über den Parteien steht und einst im Reichstage seinen politischen Standpunkt dabin erläutert hat, „daß es Zeiten gebe, wo dictatorisch regiert werden muffe und auch gelten, wo liberal regiert werden müsse", erwarten, daß er nicht nur mit einem freiconservativen, sondern unter Umständen auch mit einem nationalliberalen Cabmet bie Reaierungsgeschäfte weiter leiten wirb. Nimmt man also als richtig an, daß Fürst Bismarck unb bie übrigen Minister im Amte bleiben, so könnte es sich wohl nur um clre Reconstruction bes Ministeriums im freiconservativen ober im nationaUiberalen Sinne haubeln, zumal bekanntlich bie gemäßigt Conservativen unb Nationalliberalen im vreutzischm Landtage rote im Reichstage über die Mehrheit der Stimmen verfugen.
kann aber auch der Fall fein, daß der Rücktritt des Ministers van Puttkamer der erste Anfang zu weiteren, wenn auch erst später solgenben weit und tret grerfenben Umänderungen in den Regierungskreisen Preußens und des Reichs ist. Grund zu Erregungen ist indessen nicht vorhanden, da Preußen und das Reich auf feitgeiugter Grundlage stehen und darf man deshalb der ferneren Entwickelung der inneren PolE. mit Ruhe entgegensehen.


