Ar. SS Erstes Blatt. Donnerstag den 12. April 1888.
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Vureaur Schulstraße 7.
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.
Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn«
Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
Amtlicher Hheil.
Bekanntmachung.
Klagen und sonstige Erklärungen und Anträge sind bei unserer Gerichtsschreiberei an allen Wochentagen Vormittags zwischen 10 und 12 Uhr Dorzubringen.
Wer einen Amtsrichter sprechen will, ohne vorgeladen zu sein, hat sich Mittwochs Vormittag einzufinden.
Gießen, den 7. April 1888. Grobherzogliches Amtsgericht.
__________________________________________Langsdorfs.____________________________________________________
An die Vorstände der Jokal-Dereine der Guflav-Adolf-Htiftung.
Sie werden ersucht, soweit dies noch nicht geschehen ist, die Beiträge zu rubricirter Stiftung alsbald einzusammeln und an den Rechner, Herrn Döring in Gießen, einzusenden.
Lang-Göns, den 10. April 1888. Dr. Strack, Dekan.
Politische Rundschau
Gießen, den 11. April 1888.
Die Nächte des Kaisers werden noch immer durch Husten und Auswurf gehört und folgen sich in dem Allgemeinbefinden des Monarchen noch abwechselnd Zeiten Eines verhältnißmäßtg günstigen Zustandes und solche, die weniger befriedigend sind. Die Meldung, daß Professor Dr. Esmarch aus Kiel jüngst den Kehlkopf des Kaisers Untersucht und dabei ein Urtheil über den Charakter der Krankheit abgegeben habe, aoird jetzt als unrichtig bezeichnet mit dem Bemerken, daß der berühmte Kieler Chirurg «om Kaiser nur in Hinsicht auf persönliche Beziehungen empfangen worden und nicht Sn der Lage gewesen ist, ein Gutachten abzugeben.
Der Besuch, den die Kaiserin Victoria im UeberschwemmungSgebiete »er Warthe am Montag abgeftattet hat, beweist in überzeugendster Weise die innige Theilnahme, welche unser erhabenes Kaiserpaar den von der Ueberschwemmungskata- sstrophe Heimgesuchten widmet. Die hohe Frau hat sich selbst zur Dolmetscherin dieser Gefühle gemacht, indem sie bei den verschiedenen offictellen Empfängen in Landsberg, §Vrcus, Posen u. s. w. ihrer und des Kaisers Theilnahme an dem schweren Unglück in Len herzlichsten Worten Ausdruck verlieh und dabei wiederholt das Bedauern ihres Laiserlichen Gemahls aussprach, nicht persönlich in die heimgesuchten Landestheile frommen zu können. In allen Städten, welche die Kaiserin mit längerer oder kürzerer Anwesenheit beehrte, wurde ihr seitens der Bevölkerung eine begeisterte Begrüßung zu Theil, wie dies namentlich in der Stadt Posen der Fall war, woselbst sich auch das polnische Element an dem Empfange stark betheiligte. In Posen besichtigte die Kai- sierin die Localitäten, in denen die Obdachlosen hauptsächlich untergebracht sind, also Lie Schulen, die Militärbaracken und die Forts, und sprach sich die hohe Besucherin cauf das Anerkennendste über die getroffenen Maßregeln aus. Kurz nach 5 Uhr Nachmittags trat die Kaiserin die Rückreise über Bentschen und Frankfurt a. O. an und erfolgte in der zehnten Abendstunde die Ankunft des kaiserlichen Extrazuges auf dem Charlottenburger Bahnhofe.
Zu Gunsten der Ueberfchwemmten in Norddeutschland hat der Londoner Oberbürgermeister auf Ersuchen des englischen Botschafters in Berlin, Malet, einen ssehr warmen Aufruf in den englischen Zeitungen erlassen. In seiner Zuschrift an den Oberbürgermeister bemerkt der Botschafter, Tausende in England würden gewiß freudig bereit sein, gerade in dieser Zett materielle Beweise ihrer Sympathie und Achtung für Deutschland zu geben.
Die Sturmfluth von Gerüchten, welche durch die KanzlerkristS verursacht worden ist, will sich noch immer nicht ganz verlaufen, während die Krisis selbst zur Zeit als wieder beschworen oder wenigstens als vertagt gelten kann. Welche Vorgänge hierbei eigentlich hinter den Coulissen gespielt haben und ob das baitenbergische Hei- llathsprojekt wirklich nur den äußerlichen Anlaß zu der Demissionsaffaire gebildet hat, wie von mancher Seite behauptet wird, dürfte vielleicht erst später einmal völlig klar werden. Für jetzt muß man sich mit der Genugthuung begnügen, daß der Sturm, bei welchem es sich um das Verbleiben des Reichskanzlers im Amte handelte, unschädlich vorübergebraust ist; eine Garantie, daß er sich im gegebenen Momente nicht wiederum erheben wird, ist freilich nicht gegeben und somit verbleibt als Rückstand der jüngsten Bismarckkrisis eine ziemlich unbehagliche und unerquickliche Stimmung, die möglicherweise noch verschiedene Nachspiele zeitigen wird. Fürst Bismarck selbst gedenkt sich in den nächsten Tagen in die ländliche Einsamkeit von Varzin zurückzuziehen und daselbst llängere Zeit zu verweilen, und man wird ihm dies unter den obwaltenden Verhältnissen kaum verargen können.
Die »BoularrgeritiS*, die neueste politische Modekrankheit der Franzosen, macht bei der „großen Nation" weitere bedenkliche Fortschritte. Die Ersatzwahlen, welche am Sonntag in den Departements Dordogne, Aisue und Aude zur Deputirten- tkammer stattgefunden haben, bedeuten theils einen directen, theils einen inbirccten Triumph des Boulangismus. Direct triumphirten die Boulangisten in der Dordogne, wo ihr Herr und Meister selber mit ca. 60,000 von 100,000 abgegeben Stimmen gewählt wurde, indirect aber im Aude-Departement, wo Boulanger, obwohl er daselbst ®ar nicht candidirte 7150 Stimmen erhielt, und im Aisne-Departement, wo der Radicale Doumer gewählt wurde, dessen Candidatnr von den Boulangisten unterstützt worden war. Auch der im Aude-Departement gewählte Radicale Ferroul segelt im Fahrwasser Boulangismus, denn er hat von seinen Wählern den Auftrag übernommen, die Wiedereinstellung Boulanger's in die Armeelisten zu beantragen. Für seine Wahl in Der Dordogne hat Boulanger den dortigen Wählern in einem Briefe gedankt, in Welchem er sich auf's Neue für Kammerauflösung und Verfassungsrevision ausspricht «md seine Wahl als eine neue Protestkundgebung gegen die jetzige Kammer bezeichnet. Woulanger verzichtete jedoch auf das Mandat für die Dordogne und erklärte, er wolle mur das Departement du Nord vertreten, woselbst am kommenden Sonntag die Ersatz- Mahl zur Kammer stattfindet. An einem für Boulanger ebenfalls günstigen Ausgange [
derselben kann kaum gezweifelt werden, aber ob der Ex-General alsdann mit den „Plebiscits" für ihn genug haben wird, ist eine andere Frage.
Die Ministerkrifts in Holland, welche durch den Rücktritt des Ministeriums Heemskerk entstand, erscheint durch die Bildung des neuen Ministeriums einstweilen als beseitigt. Das Präsidium in demselben nebst dem Portefeuille des Innern übernahm der Baron de Mackay, eines der einflußreichsten Mitglieder der clerical-orthodox- proteftantischen Koalition, welche bei den Neuwahlen zur zweiten holländischen Kammer siegte; als Minister des Aeußern werden Gericke, als Kriegsminister Oberst Schimmel- penninck und als Colonialminister Keuchenius genannt. Bei der ausgesprochen reac- tionäxcn Färbung des Cabinets Mackay ist sein Gegensatz zur ersten Kammer der Generalstaaten, in welcher nach wie vor die liberale Partei überwiegt, von selbst gegeben und hiermit die Lebensfähigkeit des neuen Ministeriums von Anbeginn seiner Thatigkeit in Frage gestellt.
In Irland ist es am Sonntag infolge des Verbotes nationalistischer Versammlungen wieder einmal zu bedenklichen Crawallen an verschiedenen Orten gekommen. Ucbcratt "'ußte hierbei die Polizei, zum Theil sogar das Militär einschreiten und es kam zu zahlreichen Verwundungen. Eine Wiederholung dieser Tumulte ist bei der eifrigen Agitation der parnellistischen Deputirten nicht unwahrscheinlich.
Eine neue egyptifche Anleihe hat in den letzten Tagen das Licht der Wett erblickt und zwar in bewerkenswerth leichter Weise, was immerhin für die Hebung des Staatscredits des Pharaonenlandes an den europäischen Börsen spricht. Wie der Unterstaatsseeretär Fergusson im englischen Unterhause erklärte, betrage die neue egyptische Anleihe 2 Millionen englische Pfund, dieselbe habe feine Priorität vor früheren Anleihen und berühre die für letztere verpfändeten Sicherheiten in feiner Weise.
Telegraphische Depeschen.
Wolff'S telegr. Correspondenz-Bureau.
Berlin, 10. April. Das Befinden des Kaisers, der, obschon er alle Geschäfte erledigte und auch ausfuhr, in den letzten Nächten etwas mehr hustete und auch eine kleine Anschwellung hatte, zeigte heute bei gutem Appetit gehobenen Kräftezuftand.
— Der Kaiser hörte Vormittags mehrere Vorträge und arbeitete längere Zett mit dem Chef des Civilkabinets.
Berlin, 10. April. Der Kaiser überwies dem Centralcomttö in Berlin für die Ueberfchwemmten aller deutschen Landestheile fünfzigtausend Mark.
Bern, 10. April. Der Buudesrath beschloß, gegen Verfasser, Herausgeber und Verbreiter des Gedichtes: „Vive la France“ (Basler Fastnacht) strafgerichtliche Untersuchung einzuleiten und den Fall an die Bundesassisen zu verweisen.
Paris, 10. April. Die Regierung ordnete auf Klage des Grafen Dillon eine Untersuchung über die Verbreitung von Depeschen an, die zwischen Dillon und Bon- langer gewechselt wurden.^Mehrere Abendblätter protefttren gegen die Veröffentlichung der Depeschen. „Temps" findet den Vorgang unregelmäßig, derselbe Helle indessen das politische Verhalten Boulanger's auf.
— Der deutsche Botschafter Graf Münster besuchte heute Vormittag den Minister des Auswärtigen, Goblet. Er reift heute Abend nach Hannover ab und wird nach kurzem Aufenthalt dort wieder hierher zurückkehren.
London, 10. April. Im Unterhause theilte der Sprecher mit, er habe durch Lord Salisbury eine Mittheilung des deutschen Botschafters v. Hatzfeld erhalten, wonach sich der veutsche Reichstag am 19. März einstimmig dahifi ausgesprochen habe, daß der Ausdruck der Verehrung des Hauses der Gemeinen anläßlich des Dahin- scheidens des Kaisers Wilhelm und die Theilnahme Englands am Schmerze deS deutschen Volkes überall in Deutschland lebhafte Sympathie hervorgerufen und den Beweis freundschasUicher Beziehungen zwischen beiden Völkern geliefert habe.
— Für die Ueberfchwemmten in Preußen empfing der Lordmayor gestern 100 Pfund ^Don dem Prinzen von Wales, begleitet von einem Schreiben, welches Befriedigung über die Bildung eines Hilfsfonds ausdrückt, ferner 300 Psd. von Rothschild und 500 von der Firma Schröder.
Rom, 10. April. Wegen der Kopfsteuer kam es in Bernalda (Bezirk Potenz« in der Basilicata) zu einem thätlichen Conflict zwischen Bauern und Gensdarmen. Letztere mußten feuern; sie tödteten vier und verwundeten mehrere Bauern; auch Gensdarmen sind verletzt worden.
Universität-° Chronik.
Marburg. Der zeitige Rector der Universität Kiel, Prof. Dr. Brockhaus, welcher feit 1872 der dortigen Universität angehört, hat einen Ruf als Lehrer des Kirchen- und Staatsrechtes an die hiesige Universität erhalten. — Derselbe wild, wie wir hören, an Stelle des nach Straßburg berufenen Professor Dr. Sickel treten, da der für denselben berufene Professor Dr. Huber zu Basel einem Rufe nach Halle. Folge geben wird.


