Ar. 26S Zweites Blatt. Sonntag den 11. November 1ZZL.
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Gureaur Sch ulst raße 7.
CMaa—
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.
PretS vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlobn.
Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
L o s a l e
Gießen, 10. November. (Sitzung der Stadtverordneten vom 8. November.) Anwesend: Herr Oberbürgermeister Bramm, Herren Beigeordneten Gnauth und sreller, Seitens der Stadtverordneten die Herren Baist, Georgi. Grüneberg, Dr. Gutfletsch, Honstein, Hoch, Homberger, Jughardt, Ad. Noll, Aug. Noll, Dr. Ploch, Schopbach, Simon. Vogt und Wallenfels.
An Stelle des infolge Wegzugs aus der Verwaltung der Bücking'schen Stiftung ausscheidenden Herrn Kauf wird Herr Dr. Ploch gewählt. — Der Großh. Bürgermeisterei unterm 29. September von Großh. Kreisamt Gießen zugegangene Entwurf eines Statuts, betr. Kranken- und Unfallversicherung der zeitweilig, d. h. weniger als eine Woche, in land- und forstwirthschaftilchen Betrieben beschäftigten Personen (siehe Anzeiger Nr. 232 vom 4. October d. I., ist z. Z. vom Stadtoorstand dahin begutachtet worden, daß die Stadt Gießen für eine obligatorische Versicherung der genannten Arbeiterkategorie sich nicht äußern, sondern höchstens einer facultativen Versicherung -ustimmen könne und zwar deshalb, weil der Nutzen der Versicherung, wie sie der Entwurf vorsehe, nicht im Verhältniß zu dem Aufwande stehe. Auf ein weiteres Aus- schreiben Großb. Kreisamts in gleichem Betreff (siehe Anzeiger Nr. 256) beschließt die Versammlung Beharren auf dem früher gefaßten Beschluß, oa die im Statut bezeichneten Arbeiter zum größten Theile in den Nachbarorten wohnen und jedenfalls noch darüber zu entscheiden sei, wo dieselben zu versichern seien. Es sei demnach die Errichtung eines besonderen Statuts für Gießen als nicht nothwendig zu bezeichnen. Herr Dr. Gutflei sch spricht sich hierauf ebenfalls für Beharren auf dem vom Stadt- norstand eingenommenen Standpunkt aus. So segensreich die Versicherung der Arbeiter •fei, so sei sie doch noch nicht soweit in das Volk eingedrungen, um sie auf die unständigen Arbeiter, d. h. diejenigen auszudehnen, die heute hier, morgen da arbeiten. Zudem sei es für die zu Versichernden mit Schwierigkeiten verknüpft, wenn sie ihre Beiträge, zu denen ein Drittel von den Arbeitgebern zurückzuvergüten sei, entrichten sollen. Die Arbeiter hätten keinen Nutzen davon, sie würden im Gegentheil in ihrem Verdienst geschmälert, denn sie müßten ihrer Arbeit die Zeit, welche sie zur Entrichtung der Beiträge brauchten, entziehen, außer der Arbeitszeit hätten sie aber keine Gelegenheit zur Entrichtung der Beiträge, denn wenn sie Morgens zur Arbeit gingen, seien die Kassen noch nicht offen und Abends nach Beendigung der Arbeit schon geschlossen. — DieEonsolidaiion des Neu stad ter Feldes macht die Erwerbung eines daselbst befindlichen Grundstückes nöthig. Es wird dementsprechend beschlossen und der hierzu erforderliche auf die Stadt entfallende Betrag von 680 JL bewilligt. — Die in einer früheren Sitzung beschlossenen Anschaffungen für die höhere Mädchenschule, Schränke, Tische, Lehrmittel, sowie die Herstellung zweier Eorridor-Glasoerschlüsse haben einen Kostenaufwand von 900 JL erfordert. Der Betrag wird bewilligt, desgl. dre Kosten für einige Herstellungen und Anschaffungen im Polizeigebäude. — Maurer Johannes Lepper I. beabsichtigt am Schrffenberger Weg, neben der Thomas'schen Wirthschaft ein Wohnhaus zu errichten und ersucht um Angabe der Baufluchtlinie. Es wrrd auf Antrag der Baudeputation beschlossen, von der Festsetzung einer Baufluchtlinie für das vorliegende Gesuch abzusehen, dagegen dem Gefuchsteller aufzugeben, das projectirte Wohnhaus in derselben Entfernung von der Axe des Schiffenberger Weges zu errichten, als das Thomas'sche. — Herrn W. Gail, welchem die Erlaubniß zur Erbauung eines Hühnerhauses unter Mitbenutzung der sein Besitzthum nach dem Oswald's Garten hin abschließenden Mauer ertheilt worden, wurde gleichzeitig die fernere Giltigkeit eines vom 18. Juni 1846 datirenden Reverses, nach welchem eine in der Umfriedigung des Gail'fchen Besitzihums befindliche, nach dem Oswald's Garten führende Thüre nur bis auf Seitens der Stadt erfolgenden Widerruf belassen werden soll, zur Bedingrrng gemacht. Hiergegen hat Herr Garl bei Großh. Kreisamte Einspruch erhoben und geltend gemacht, daß die Genehmigung zur Anbringung einer Thür in der Umfriedigung des Grundstückes zu einer Zeit erfolgte, in welcher Oswald's Garten noch nicht den öffentlichen Charakter wie jetzt getragen, daß aber bei dem jetzigen Charakter der Oswald's Garten als öffentliche Straße bei allenfalls beabsichtigtem Neubau eines Wohnhauses in der Front der Gartenmauer ein Zugang zu demselben hergestellt werden müsse. Großh. Polizeiamt berichtet hierzu, daß die Gestattung eines Zuganges auf Widerruf einen praktischen Werth nicht habe und sie es ganz in das Ermeßen Großh. Kreisamts stelle, über den erhobenen Einspruch zu entscheiden. Die Baudeputation theilt zwar auch die Ansicht, daß in diesem Falle der Belassung der Thür auf Widerruf gegenüber einer dauernden Gestaltung ein praktischer Werth nicht betzulegen sei, sie beantragt aber trotzdem Beharren auf dem Beschlüsse des Stadtoorstandes. Wenn z. B. auch der Spies'sche Anbau den Schein einer festgesetzten Baufluchtlinie habe, so sei der Oswald's Garten, resp. die parallel neben der Gail'schen Besitzung laufende Straße nicht in den Bauplan ausgenommen worden, es seien deßhalb über die spätere Verwendung des Oswald's Garten alle Möglichkeiten in's Auge zu fassen, z. B. die Benutzung als Markt, Errichtung einer Markthalle u. s. w., es sei ferner nicht ausgeschlossen, daß die Verbindung mit der Wetzsteingüsse entweder durch Anlage einer Straße auf der anderen Seite des Oswald's Garten oder auch in der Mitte derselben hergestellt werden müsse, je nachdem sich das Bedürfniß zur Benutzung des Platzes geltend mache; nicht minder sei, vielleicht mit Fortführung der Wetzsteingasse nach der Nordanlage, der Wegfall der jetzt vorhandenen Straße in's Auge zu fassen, kurz, der Möglichkeiten zur Verwendung des Oswald's Garten seien so verschiedene, daß es nur zu empfehlen sei, wenn sich die Stadt das Verfügungsrecht über diesen Platz vorbehalte. Es wird dementsvrechend beschlossen. — Das Gesuch des Möbeltransporteurs Joh. Keßler um Erlaubniß zur Anbringung eines Firmenschildes in der Sonnenstraße wird, da es sich um ein altes Schild handelt, ausnahmsweise befürwortet, dagegen das Gesuch des Herrn Sattler LouiS Wittich in gleichem Betreff an die Baudeputation verwiesen. — Das Angebot des Herrn Verlagsbuchhändlers Emil Roth, die Stadt wolle von dein demnächst erscheinenden neu bearbeiteten Stadtplan wie früher wieder 30 Stück für die verschiedenen Bureaux übernehmen, wird auf Antrag der Baudeputation abgelehnt. Für die Zwecke des Gas- und Wasserwerks läßt bie Stadt einen Plan im Maßstabe von 1 : 1000 durch einen Geometer fertigen. Nachdem man aber der Canalisation der Stadt insoweit näbergetreten, als die erforderlichen Vorarbeiten in Angriff genommen werden sollen, hat sich die Nothwendigkeit ergeben, diesen Plan im Maßstabe von 1 : 2500 copiren zu lassen, um ihn bei den Vorarbeiten verwerthen zu können. Da nack eingezogenen Erkundigungen indeß die Vervielfältigung des. Stadtplanes auf mechanischem Wege billiger wirb, so wird beschlossen, den Bedarf' an Stadtplänen für die verschiedenen Bureaux rc. auf diese Weise zu decken. 100 Stück des betreffenden Planes würden sonach auf 281 JL zu stehen kommen; sind diese beschafft, so liege ein Bedürfniß zum Ankauf des Roth'ichen Planes nicht vor. — Zur Unterlage für die Vorarbeiten der Canalisationsbauten war die Zusammenstellung der Pegelstände der Lahn, wie solche vom Kreisbauamt seit langen Jahren täglich ausgenommen werden, nöthig; die hierfür erforderlichen Kosten (30 JL) werden bewilligt. — Der Voranschlag über die Pflasterung einer Gossenrinne in der
i Schottstraße wird genehmigt. — Das Gesuch des Herrn Spies II., welcher seinen 1 Wirthtchattsbeirieb in der Neustadt auf den Anbau ausdehnen will, um Ertheilung | der Concession hierzu soll befürwortet werden, jedoch spricht sich die Versammlung da- 5 für aus, daß höheren Orts eine Entscheidung darüber herbeigeführt werde, ob ein Wirth, der die Concession schon besitzt und seine Wirthschaft, wie im vorliegenden Falle, einfach-erweitert, aus Anlaß dieser Vergrößerung und für diese einer besonderen Concession bedarf.
Vermischtes.
Worms, 6. November. Unter den heute zur Einstellung gelangten Rekruten befindet sich im besonderen auch ein hier wohnender 22 Jahre alter Handarbeiter, um seiner dreijährigen Militärpflicht zu genügen. Derselbe ist lt. „W. Z." verheirathet und Vater dreier kleinen Kinder; seine Familie lebt in den dürftigsten Verhältnissen und ist nunmehr auf die Hilfe öffentlicher Mildthätigkeit angewiesen!
— Die Sensationsbraut Fräulein Marcelle Boulanger, die schöne Tochter d^s unruhigen Generals, ist in gewisser Hinsicht ebenso genial veranlagt, wie ihr Papa. So hat sie bei ihrer kürzlich stattgehabten Hochzeit eine neue Toilette eingeführt, die alle Pariser Bräute in hellen Aufruhr versetzt hat. Die weißeMoirö Robe verjüngen Dame war nämlich durchweg mit breiten weißen Straußenfeder-Bordüren verbrämt, unter deren gekrausten Enden Orangeblüthen heroorlugten. Die Blüthen sahen aus, als wenn sie unter einer leichten Schneedecke vergraben wären.
Altkirch t. E., 6. November. Hier und in der Umgegend sind gestern beider Einstellung der Rekruten grobe Ausschreitungen vorgekommen. In Altkirch versuchte eine nach Hunderten zählende Volksmenge sich beim Abmarsch der Rekruten von der Kornhalle nach dem Bahnhof unter wüstem Schreien und Brüllen unter die geordneten Züge zu mischen. Als das begleitende Militär dies nicht erlaubte, drängte das Volk gewaltsam ein und aus der Menge erfolgten Steinwürfe gegen die Soldaten. Das Militär lud schließlich die Gewehre und ging gegen die Massen vor. Erst dann wurde die Ordnung wieder hergestellt. Ein Unglück ist zwar nicht vorgekommen, wäre aber unvermeidbar gewesen, wenn nach dem Laden aus der Menge noch die geringste Reizung erfolgt wäre. Weit ärger als in Altkirch selbst waren die Ausschreitungen in Jllfurt, einer Bahnstation auf der Strecke Altkirch-Mülhausen. Als der Zug mit den Rekruten hier ankam, drängte die Volksmenge wild und schreiend gegen den Zug ein. Jede Ordnung wurde verhöhnt; Soldaten, Stationsbeamte und Zugbeamte, die zur Ruhe mahnten und die aufgeregten Leute zurückdrängen wollten, wurden von den An drängenden beschimpft. Aus der Menge wurde mehrmals „Vive la France!“ gerufen Der befehligende Offizier, der die Ordnung wieder herstellen wollte, wurde ausgelacht und angegriffen. Der Offizier zog blank, um sich zu vertheidigen und verletzte einen Angreifer am Kopfe. Der Bahnhof wurde dann mit Gewalt geräumt. (K. Z.)
— (Eine neue Universität.) Die Stadt Gothenburg beabsichtigt, aus dem Ertrage von drei Vermächtnissen eine Hochschule zu errichten. Ein Kapital von etwas über 1,460,000 Kronen wird vom 1. Juli 1889 ab der neuen Hochschule zur Verfügung stehen. Es sollen acht Lehrstühle errichtet werden: je einer für Philosophie, Geschichte, Staatswissenschaften, Literatur, Kunstgeschichte, klassische Sprachen, neu- europäische Sprachen und nordische Sprachen. Die Verwaltung soll aus einem vom König ernannten Präsidenten, sieben gewählten Mitgliedern und dem Rektor der Hochschule bestehen.
— (Auch eine Explosion.) Man hat vonTournüren gehört, die aus Roßhaar, Mousselin, Zeitungspapier, Kissen, Vogelkäfigen, Polstern u. s. w. hergesteM werden, man hat ferner häufig gelesen, daß die Damen ihre Tournüre zum Schmuggeln benutzt und daß aus denselben bei der Zoll-Visitation Weckuhren, Cigarren, Edelsteine und sogar Schnaps zum Vorschein gekommen sind, indessen daß eine Tournüre auch explodiren kann, dürste doch noch nicht dagewesen sein. Als kürzlich eine angesehene junge Dame in Berlin, zu deren eleganter Toilette auch eine Tournüre von seltener Größe gehörte, eine öffentliche Vorlesung besuchte und sich auf den für sie referoirten Sitz nicberlaffen wollte, glitt sie aus und fiel auf den Rücken. In demselben Augenblick wurde von dm in der Nähe der gefallenen Dame befindlichen Personen das Geräusch einer leichten Explosion wahrgenommen. Als sich die Dame wieder erhob, bemerkte man, daß ihr Umfang außerordentlich zusammengeschrumpft war — ihre aus Gummi hergestellte, durch Einblasen von Luft aufgebauchte Tournüre war nämlich beim Hinfallm geplatzt. Die grenzenlose Verlegenheit der Dame und die Heiterkeit der Beobachter dieses drolligen Intermezzos kann man sich lebhaft vorstellen.
— (Martini.) Er gehört unstreitig mit zu den populärsten Tagen im ganzen Jahre, der St. Maninstag am 11. November, und nicht am Wenigsten trägt dazu bei das geflügelte Attribut, das ihn begleitet, jener segensreiche Vogel nämlich, der einst durch sein rechtzeitiges Geschnatter das Kapitol gerettet haben soll und von dem ein Liebhaber einst behauptete: Die Gans ist doch ein schlimmer Vogel, eine ist zu wenig und zwei sind beinahe zu viel! — Wenn nun auch nicht Jedermann einen so ungewöhnlichen Appetit besitzt, so ist die gastronomische Beliebtheit der Frau Gans doch durch die ganze cioilisirte Welt hin verbreitet, besonders zu Martini, wozu sie ja so nothwendig gehört, wie zu einem Schuh der zweite. Ob deshalb, weil der heilige Martin sich einst im 4. Jahrhundert im Gänsestall versteckte, als man kam, um ihn zum Bischof zu ernennen, bis das Geschnatter des geschwätzigsten aller Vögel seinen Aufenthalt, wohin er aus bescheidener Scheu vor der ihm zugedachten Würde sich geflüchtet, den ihn Suchenden verrieth, oder ob deswegen, weil ehedem die Sitte herrschte, den „Zehnten", die Abgaben an die Geistlichkeit und die zu Martini fälligen Zinsen an Gänsen und Hühnern zu entrichten, anstatt in Geld? — Gewiß ist nur, daß erst im Jahre 1171 die erste wirkliche, d. h. wohlverbriefte, urkundliche „Martins- gans" auftauchte, nämlich in der Abtei von Corwey. Doch diese Gans war eine ungenießbare, nämlich eine silberne, das Geschenk eines Verehrers St. Martins zu dessen Feste, wann ober die allererste Martinsgans die Tafel zierte, hüllt sich wie so manches Andere in das Dunkel der verflossenen Zeiten. Früherer Brauch war, daß dort, wo man Wein baute, am Martinstag der erste Wein geprobt ward und dieser „Martinswein" war einst verknüpft mit mancher üblichen Verpflichtung, wie z. B. die einiger Klöster an die Lehen-Inhaber, wobei auf jeden Kopf, Greis wie Säugling mib* gerechnet, eine gewisse, bestimmte Quantität kam. Auch verschiedene Jahrhunderte alte Stiftungen zum Gedachtniß an vertriebene Feinde und verirrte Wanderer sind, zum Theil erloschen, theils erhalten, mit Martinsgans und Martinstrank verbunden und noch jetzt ruft die hoffnungsvolle Jugend mancher deutschen Gegend: „Martine, Martine, mack' das Wasser zu Weine!" indem sie am betreffenden Tage Wasserkrüge hinsetzt, um dasselbe in Most verwandelt zu finden und außerdem womöglich ein hufeisenartiges Gebäck dazu, „Martinshorn" mit Namen. Anderswo ziehen die Kinder, Martinslieder singend und Martinslichter tragend, am St. Martinsabend druck die Straßen, zuweilen mit allerlei Mummerei und Neckerei, und Gaben aller Art dafür


