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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
Gureaur Schul st raße 7.
Betreffend: Den Rundgang der Feldgeschworenen.
Gießen, am 3. Oktober 1888.
Nr. 238 Zweites Blatt. Donnerstag den 11. October
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Grotzherzoglichen Bürgermeistereien des KreifeS.
™ empfetilen Ihnen, die Feldgeschworenen zu veranlassen nach § 20 der Instruktion vom 23. Februar 1833 (Regierungsblatt S. 105) im laufenden
M°nat die Gemarkungen zu begehen, um stch von dem Zustande der Grenzen zu unterrichten, urfiT über den Befund in ihr Tagebuch ein Protokoll aufzu^ nehmen. Wir machen dabe, darauf aufmerksam, daß zwar zu einem Steinsatze wenigstens drei Feldgeschworene beisammen sein müssen, daß aber zu dem Rundgange, werm daber nicht zugleich steine gesetzt werden Men, eine geringere Anzahl Feldgeschworme genügt. Wegen Beseitigung der vorgefundenen Mangel wollen Sie das Geeignete veranlassen, wobei namentlich die Aufräumung, Geraderichtung und Erneuerung der Grenzsteine in's Auge zu fassen ist An den Dreiecks., Gemarkungs., Flur- und Gewann-Grenzst-inen darf jedoch keine Veränderung ohne Mitwirkung eines Geometers I. Nasse vorgenommm werben-, D>e Wahl und Zuziehung desselben bleibt Ihnen überlassen; doch wollen Sie da, wo es sich um Grenzsteine mehrerer Gemarkungen handelt sich unter einander desfalls benehmen. Für dre Erhaltung der Parcellengrenzsteme des Gemeindeeigenthums ist auf Gemeindekosten von Ihnen Sorge zu trägem Wo noch kerne Ausstemung des Gememde-Eigenthums stattgefunden hat, beauftragen wir Sie, den Gemeinderath desfalls zu vernehmen und dessen Beschluß zu vollziehen. Die an den Parcellengrenzstelnen der Privaten vorgefundenen Mängel sind den Bethetligten zur Beseitigung zu eröffnen. Im Uebrigen ver. weisen wir Sie auf das Gesetz vom 23. October 1830 (Reg.-Bl. S- 463) und die vorgenannte Instruction vom 23. Februar 1833 (Reg.-Bl. S 105) ^°?^ber ^-"Verzeichnisse auf die Bekanntmachung vom 18. December 1874 (Reg.-Bi. S. 784) und auf unser Ausschreiben vom 29 Januar 1885 er vir* z i
,in„ Jahren durch die Katasterbehörde vorgenommenen Hauptrevisionen der Gemarkungen haben fast ausnahmslos dar Vorhandensein
Sorasal^^.^ Är»“! tf"“* 'S B°stMmthe,t zu schließen Ift daß die Feldgeschworenen ihre Rundgänge nicht mit der nöthigen
Sorgfalt aurgefuhrt haben Die beträchtliche Zahl von Grenzmängeln hätte ihnen sonst nicht entgehen können. Hierdurch sind aber vielen Gemeinden sehr bebeutenbe, therlweise auf Tausende von Mark sich belaufenbe Kosten entstanben, welche bei einer gewissenhaften Handhabung der jährlichen Revisionen um nehmen .roarc"- Wir erwarten deshalb von den Feldgeschwocenen, daß sie ihre Rundgänge mit größerer Sorgfalt als bisher vor.
nehmen, und werden gegen dreiemgen Feldgeschworenen 'N deren Gemarkungen sich bet demnächst auszuführenden Hauptrevisionen Grenzmängel in bedeutender Zahl vorfinden, wegen schlechter Versehung ihres Dienstes mit Strafen einschreiten. Sie wollen die Feldgeschworenen hiernach bedeuten. U
ff"JinVj,mSCnben Monats sind uns Abschriften der in die Tagebücher der Feldgeschworenen aufgenommenen Protokolle mit Bericht über Ihre Desfalls getroffenen Anordnungen fammt den Kostenverzeichmssen von Ihnen vorzulegen.
v Gagern.__-
Erscheint täglich mit Ausnahme des MontagS. Mark 20 Pf. mit Bringerloha.
_____________Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
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Vermischtes
Aus dem Großherzogthum. Im August 1888 kamen in den 15 größten Gemeinden des Grotzherzogthums 496 Todesfälle vor und zwar oerftarben im 1. Lebensjahre 219, im 2—15. Lebensjahre 60 und Erwachsene 217. Die Zahl der Todesfälle betrug in den Gemeinden Mainz 127, Darmstadt-Bessungen 102, Offenbach 57 Worms 34, Gießen 33, Bingen 13, Kastel 25, Lampertheim 19, Bensheim 14, Alzey 8' Pfungstadt 14, Viernheim 12, Heppenheim 11, Neu-Isenburg 19, Friedberg 8. Die Todesursache anlangend, verstürben durch Verunglückung 9, durch Selbstmord 12 an Masern 12, Scharlach und Rose je 1, Diphtherie 6, Croup, Unterleibslyphus, Ktndbett- fieber, acutem Gelenk-Rheumatismus je 2, Keuchhusten 8, Jnfectionskrankheiten 4 Lungenschwindsucht 59, acuten entzündlichen Krankheilen der Athmungsorgane 24, Apoplexia (Schlagfluß) 20, Darmcatarrh und Brechdurchfall 97, anderen bekannten Krankheiten 209, in 26 Fällen war die Todesursache unbekannt.
Friedberg, 8. October. Für die mit der Bahn fahrenden Schüler der Realschule und des Progymnasiums ist, wie wir hören, von Kassel eine höchst bedeutsame und erfreuliche Nachricht etngetroffen, die auch weitere Kreise, insbesondere solche, denen die Erziehung der Jugend am Herzen liegt, interessiren dürfte. Auf eine Eingabe des Leiters der Anstalt, Dr. Curschmann, an die Etsenbahn-Direction Hannover, hat nämlich das Königliche Eisenbahn-Betricbsamt der Main-Weser-Bahn die in Frage kommenden Stationen angewiesen, dafür zu sorgen, daß Schüler und schulpflichtige Kinder, soweit dies möglich ist, in besonderen Wagenabtheilen und getrennt von Erwachsenen befördert werden. Wer da weiß, welch schwere sittliche Schädigungen die empfängliche Kinder- seele durch unpassende und garstige Worte und Reden aus dem Munde Mitreisender erleiden kann, der wird es der Königlichen Behörde aufrichtig Dank wissen, daß sie einen von Eltern und Lehrern tiefgefühlten und schon oft geäußerten Wunsch so freundlich erfüllt bat.
Berlin, 5. October. D!e Bismarck'schen Waldungen bei Friedrichsruh liefern die Telegraphenstangen für das Deutfche Reich. Von welcher Bedeutung diese Lieferung ist, erhellt aus folgender Mittheilung: Gestern wurde auf der in den Bismarck'schen Waldungen bei Friedrichsruh belegenen Jmprägnirungsanstalt der Reichspostverwaltung ein in seiner Art bis jetzt wohl einzig dastehendes Fest — die Ablieferung der hunderttausendsten Reichstelegraphenstange — gefeiert, zu welchem die Spitzen der in Betracht kommenden Reichs- und Landesbehörden, Oberpostdirector Kühl aus Hamburg mit mehreren seiner Rathe, Landrath v. Dolega-Kozierowsky aus Ratzeburg, Landvogt Jacobson aus Schwarzenbeck, Forstmeister Eilers und Oberförster Lange, sowie eine ^ethe von anderen zu dem Feste in mehr oder minder nahen Beziehungen stehenden Herren erschienen waren. Nachdem Herr Gutsbesitzer Ktehn aus Börnsen, unter dessen Leitung sämmtlichc hunderttausend Stangen zur Anlieferung gelangt sind, die Gäste in beredten Worten willkommen geheißen hatte und die blumengeschmückte Jubelstange — eine kernige, wetterfeste Lärche aus den fürstlichen Forsten — herangefahren worden war, nahm Herr Obervostdirector Kühl das Wort, um in längerer, zündender Rede ein Hoch auf den Kaiser Wilhelm II. und daran anschließend auf den Fürsten Reichskanzler und den Staatssecretär Dr. v. Stephan auszubringen. Darauf folgte eine Besichtigung der ganzen Anstalt und eine Fahrt im offenen Wagen durch den herr- lichen Sachsenwald nach Schloß Reinbeck, woselbst der Theilnehmer ein lukullisches Gabelfrühstück harrte, zu welchem Gott Bacchus seine edelsten Gaben gespendet hatte. Ku da^Frübsiück schloß sich gegen Abend ein großes Festessen in Waldesruh bei Friedrichsruh, an welchem das gesammte in Betracht kommende Forstpersonal der Fürstlich v. Bismarck'schen und lauenburgischen Staats- und Gemeinbewaldungen, sowie zahlreiche andere Herren mit ihren Damen Theil nahmen und wobei der Strom afrYk ben un& Lieder mächtig floß. Namentlich war es das Blumberger'sche Lied: .Alldeutschlands Losungswort" (Wir Deutschen fürchten Niemand, als nur Gott allein), welches hierbei die Begeisterung der ganzen Versammlung mächtig anregte und wiederholt stürmisch gesungen wurde. Ein Festball,der bis zum anbrechenden Morgen währte, schloß die in allen ihren Theilen hochgelungene Feier. Zu erwähnen dürfte i nod) sein, daß die Jubelstange nach mündlichen Aeußerungen des Oberpostdirectors Kuhl am Abzweigungspunkte der Reichstelegraphenlinie von Friedrichsruh nach Trittau, i unmittelbar vor dem fürstlichen Schlosse in Friedrichsruh aufgestellt werden soll. •
_ .. ~ [Iftobe 1888/89.] Wir verdanken dem in der Damenwelt wohlbekannten Seidenhause G. Henneberg in Zürich folgenden Modebericht, der gewiß so manche Freundin unserer Zeitung umsomehr interessiren dürfte, als wir vor der Wintersaison Zf c?' Nicht allein Schnee und Eis, sondern auch Theater und Eoncerte, Gesell- schasten, Balle rc als angenehme Abwechslungen im Gefolge hat, bei welchen die stets nßcl* l2- Fee „Mode" auch ein Wörtchen mitsprechen mochte, — Er lautet: Justage VköHere ich Ihnen Folgendes: Ein neues Seidengewebe versucht sich für die kommende Smson Bahn zu brechen; dasselbe nennt sich: Armüre ist ein honigwabenahnliches, mattglänzendes Seidengewebe. Ob dasselbe ourchoringenden Erfolg haben wird, möchte fast bezweifelt werden; wenigstens befürchteten viele w arnen, bie sich selbst das Prädikat „Praktisch" beilegen, daß dieser neue Stoff „wenig praktisch sei, weil der Staub sich leicht hineinsetzen und schwer wieder daraus bürfte. Es möchte fast als ein »faux pas“ der in- und ausländischen Seiden-Jndustrie bezeichnet werden, daß sie fortwährend auf das Componiren von neuen einfarbigen Seidengeweben bedacht ist, welche doch sehr selten die erprobten und seit Jahren beliebten Genres wie: Satins Merveilleux und Sarahs zu verdrängen ver- mogen. In erster Linie sollte doch die Farbe in Betracht gezogen werden; denn eine Blondine kann schwerlich die Farbe wählen, die eine Brünette gut kleidet und um- gekehrt, wie auch carrtrte Stoffe die etwas schlanken Formen abrunden, während gestreifte Gewebe starke Körperfülle auf das Maß der Schönheit zurückdrängen. Diese Punkte sind der der Wahl eines Stoffes zu berücksichtigen, und keine Dame wird sich eine Farbe wählen, die rhr nicht „steht", nur weil die Farbe „neu" ist. Ob glanzende, gerippte oder matte Gewebe in der bevorstehenden Saison genommen werden, ist nur eine secundare Frage, da jede Dame ihren eigenen Geschmack spielen lassen kann, denn
J ti o,n.. eDer Alles „Mode". Für glänzende Seidenstoffe haben wir Satins dachesse uno ote feit Jahren beliebien weichen, anfebmiegenben Satins Merveilleux; für „Gerippt" Die Failles franyaises; für „Matt" die Surahs; — was sonst von neuen Geweben sich tn. ™ legten Zähren heroorgewagt hat, keins hat sich solcher Gunst zu erfreuen gehabt roie diese vier genannten glatten einfarbigen Seidenstoffe. In hoher Gunst der Mode stehen immer noch gestreifte Sarahs in allen möglichen Farbenzusammenstellungen und Streifenbreiten; aud) Changeant oder Schiller sind sehr en vogue. Noch einen Seiben- stoff mochte ich besonders erwähnen, der verhältnißmäßig zu stiefmütterlich von den Damen behandelt wird, ich meine den indischen Foulard. Bedruckte Foulards sind ja beliebte ©ommerfläfie, aber die einfarbigen werden entschieden verkannt und zu wenig gewürdigt, wohl hauptsächlich weil sie in den kleinen Pröbchen zu wenig vorstellen und m den Modemagazinen zu selten vorgefunden werben. Und doch gibt es für junge Damen, die sich zu einer einfarbigen Seidenrobe entschlossen haben, kaum etwas Duftigeres, Geschmeidigeres als ein Foulardkleid; abgetragen kann man den Stoff tmmer roteoer oerroenöen, sei es für Morgenröcke oder ähnliche Zwecke. Für die kommende Ballsaison werden Spihenstoffe eine hervorragende Rolle spielen; Paris hat sehr große Bestellungen darin gegeben; sie sind aber auch sehr praktisch, da man vor--
1 abrige und noch ältere Ballroben, die sonst unmöglich nochmals Erscheinung machen durften. Damit überziehen und so, als hochmodern, wieder neu in den Lichtkreis der Gesellschaftsraume und der Ballfäle einführen kann. — Bevorzugte Farben sind: Smaraßb, Serpent, Moos, Grünspan, Kohlgrün, Reseda, Olive; in Grau die Schiefer- tone, die verschiedenen Abstufungen in Braun, Dann grellseuerroth bis zum Grenat und das ewig frischen Teint hervorzaubernde Electric in Hell bis Dunkel, neben denen stdoch becibirtere Mobefarben keineswegs fehlen bürsten. — Für die schwarzen Selben- stoffe sind außer genannten Genres: Satins Duchesse, Merveilleux, Failles franpaises, aud) Satins de Lyon, Peckins, „Monopol" und Damaste laut neuesten Berichten meines Lyouer Hauses für Paris viel bestellt. Das dürfte genügen; denn welchen Zauber schließt betreffs „Mode" bas Wort Paris nicht für jebes Frauenherz ein und doch so oft mit Unrecht, denn wenn auch speciell auf dem Gebiete der Mode, des Geschmackes unb auch des „Chic" dem Franzosen, im engeren Sinne dem Pariser der Vorrang vor allen übrigen Nationen zugestanden wird, so darf das doch nur bis zu einem gewissen ©rabe geschehen, denn ich darf wohl dreist behaupten, daß jede Dame, gleichviel welcher Nation, sich elegant und mit Chic kleiden kann, ohne gerade gezwungen zu sein, von dem Pariser Geschmack abzuhängen.


