Nr. 212
Dienstag den 11. September
1888;
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
ivureaur Schulstraße 7.
____________________________________I_____________________ .1 Erscheint täglich mit Ausnahme des MontagS.
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Politische Rundschau
Gießen, 10. September.
Zu den in der Zeit vom 10. bis 13. September ftattftndenden Manövern M Nordsee-Geschwaders wird Kaiser Wilhelm erwartet. Die Zeit der Ankunft des Monarchen in Bremerhafen ist ab^r wohl deshalb noch nicht genau bestimmt, weil man nicht genau weiß, zu welcher Zeit die Kaiseryacht „H^henzollern", die den Kieler Hafen bereits verlassen hat, auf der Rhede von Bremerhafen eintreffen robb, denn wieder an Bord der „Hohenzollern" gedenkt der Kaiser den Flottenmanövern auf der Nordsee beizuwohnen. Man nimmt aber mit ziemlicher Sicherheit an, daß der Kaiser am Morgen des 11. September in Bremerhafen eintreffen wird. Die Flottenübungen finden auf der Seeftrecke zwischen Bremerhafen und Wilhelmshafen statt. Auf der Rhede von Bremerhafen sind bereits 21 deutsche Kriegsschiffe, 1 Panzerschiff, 4 Kreuzerfregatten, 2 Avisos und 14 Torpedoboote angekommen.
In der Zett vom 11. bis 13. d. M. wird in Stettin der deutsche Juristen- lag abgehalten werden. Unstreitig gehört der deutsche Juristentag, beschickt von bedeutenden juristischen Autoritäten, praktischen Juristen und Rechtslehrern aus allen Theilen Deutschlands, zu jenen Versammlungen, welche wissenschaftliches Streben mit praktischen Tendenzen zu vereinigen gewußt und indirect durch ihre Beschlüsse auf die Einigung im Entwickelungsgange des öffentlichen Lebens in Deutschland eingeroirkt haben. Auch seitdem ein deutsches Parlament geschaffen, welches das Rechtsgebiet vollständig beherrscht und bedeutende theoretische und praktische Juristen in der Mitte zählt, ist die Bedeutung des deutschen Juristentages, seine Aufgabe, die Rechtswissenschaft zu fördern und auf das öffentliche Leben praktisch einzuwirken, noch immer eine hervorragende. Der Juristentag beschäftigt sich nicht allein mit Materien, die bereits abgeschlossen in Gesetzen vorliegen, sondern er läßt sich auch angelegen sein, neue gesetzgeberische Acte, welche vom fortschreitenden Bedürfniß verlangt werden, durch praktische Mitwirkung und theoretische Beleuchtung nach Möglichkeit zu fördern.
In den höchsten militärischen und politischen Kreisen Oesterreichs zeigt man sich über das Ergebniß der Kaisermanöver in Böhmen außerordentlich befriedigt. Dieselben haben nicht nur einen hohen Stand der Leistungsfähigkeit der in Böhmen stehenden Truppen, sondern auch eine treue und aufopfernde Anhänglichkeit der Bevölkerung an das Kaiserhaus und die H^ereseinrichtungen bewiesen. Wie bereits bekannt wurde, hat auch der Kaiser Franz Josef in einem Erlaß an den Statthalter von Böhmen seinen kaiserlichen Dank für die erhebenden Kundgebungen und Opferwilligkeit der Bevölkerung während der zwei Monate kundgegeben.
Zwischen Rußland und Egypten, dem nach vollständiger Unabhängigkeit strebenden größten türkischen Vasallenstaat, hat ein recht bemerkenswertherAustausch herzlicher Beziehungen stattgefunden. Wie man aus Moskau schreibt, sind die beiden Söhne des Vicekönigs von Egypten, Erbprinz Abbas Bey und sein Bruder Prinz Mehemed Ali, am 27. August, von St. Petersburg kommend, dortselbst eingetroffen und auf Befehl des Czaren sammt ihrem Gefolge im Kreml untergebracht worden. Die Prinzen werden sich von Moskau aus nach Nischnij-Nowgorod begeben. Vor ihrer Abreise von der russischen Hauptstadt sind die beiden Prinzen sowohl vom Czaren wie von der Czarin in Abschieds-Audienz empfangen worden. Kaiser Alexander verlieh dem Thronerben Egyptens das Großband des St. Stanislaus-Ordens, sein Bruder Mehemed Ali erhielt die zweite Klasse desselben Ordens. Auch des Gefolge der Prinzen wurde mit Ordens- Auszetchnungen bedacht.
Man sollte meinen, der wackelige Zustand, in welchem sich die französische Republik befindet, werde die Republikaner zur Eintracht unter sich und zur Stütze der Regierung veranlassen. Wer aber das glaubt, irrt sich in dem politischen Verstände der Republikaner sehr. Seit einiger Zett mehren sich vielmehr in der Pariser Presse die Angriffe gegen das am Ruder befindliche Cabinet FloqUet. Den Einen geht Herr Floquet zu weit, den Anderen nicht weit genug. Es fehlt einstweilen nur an einem Vorwande, der die Bildung einer Parteikoalitjon zum Sturze des Cabinets ermöglichen könnte; die Unzufriedenen sehnen deshalb den Zusammentritt der Kammer herbei, der ihren Angriffen den parlamentarischen Spielraum schaffen soll. Es sind übrigens nicht blos innere Schwierigkeiten, auf die das Cabinet sich gefaßt machen muß, sondern auch der ewige Stein des Anstoßes und Aergernisses, Tonktng, kann Floquet zu Fall bringen. Das Budget für dieses Kolonialreich schließt mit dem Fehlbetrag von runden 30 Millionen. Die Ausrede, die größere Summe sei auf innere Kolonisation verwendet worden, dürfte schwerlich ausreichen, um die 30 Millionen nachbe- roilltgt zu erhalten. Den Berichten der „Lanterne" zufolge übersteigt die Mißwirth- schaft in Tonking alles Maaß, die dortigen französischen Beamten leben wie „Gott in Frankreich" herrlich und im Lande nimmt die Anarchie reißend zu. Da wäre also schon der schwache Punkt entdeckt, an welchem man einsetzen kann, um das Ministerium aus den Angeln zu heben, ein Ministerium, dessen größter Fehler in den Augen des hungrigen französischen Streberthums offenbar der ist, nun schon eine ganze Weile im Sattel zu sitzen und anderen Leuten über Gebühr den Weg zu einer guten Stelle zu versperren.
Die Auflösung der rumänischen Kammern wird demnächst erfolgen. Am 13. d. M. tritt bereits in Sinaia unter dem Vorsitze des Königs ein Mtnisterrath behufs endgültiger Festsetzung des Tages der Auflösung innerhalb dieses Zeitraumes zusammen. Unmittelbar darauf erfolgt die Einberufung der Vertretungskörper zur Anhörung der die Auflösung aussprechenden königlichen Botschaft. Die Neuwahlen finden nach der „Corr, de V Eft" gegen den 1. November statt. Der Zusammentritt der neugewählten gesetzgebenden Körperschaften wird zum ordnungsmäßigen Termine, das ist am 27. November, erfolgen.
Deutschland.
Darmstadt, 8. September. Seine König!. Hoheit der Großherzog haben Aller- gnädigst^ geruhtordentlichen Professor an der Universität Basel, vr. Otto Behaghel, zum ordentlichen Professor in der philosophischen Fakultät der Landes- untversität, mit Wirkung vom 1. October ds. Js. an, zu ernennen und in gedachter Eigenschaft zu berufen.
Telegraphisch« pepeschen.
Wolfs'» telegr. Eorresponbenr-Burear».
Hirschberg i. Schl., 9. September. Das Wasser des Bober ist seit Mitternacht langtem tm Fallen. Der durch das Hochwasser angerichtete Schaden ist sehr bedeutend.
Haag, 8. September. Die Generalstaaten sind zur Berathung des Gesetzentwurfs über die Vormundschaft für die Kronprinzessin auf den 11. d. Mts. einberufeu. Bei dem Bureau der Kammer soll die Hauptbestimmung des Gesetzes, die Vormundschaft der Königin zu übertragen, allgemeine Zustimmung finden. Die Regierung hat einige Abänderungen in Betreff der Details des Gesetzes gemacht.
Washington, 8. September. Die Repräsentantenkammer nahm heute den Gesetzentwurf an, durch welchen dem Präsidenten der Union die verlangten Vollmachten zur Ergreifung von Repressalien gegen Kanada erthetlt werden. Nur vier Mitglieder des Hauses stimmten gegen die Annahme dieser Bill.
Afrika.
Zanzibar, 8. September. Am 5. September ging Sr. M. Schiff „Möwe" nach Tonga, wo durch die ostafrikanische Gesellschaft die Uebernahme der Verwaltung stattfinden sollte. Erkundigungshalber ging Nachmittags ein Boot an's Land, mußte aber umkehren,_ weil es von der einheimischen Bevölkerung ohne Grund beschossen wurde. Am nächsten Morgen wurden zwei Boote der „Möwe" in gleicher Weise angegriffen, worauf diese auf die Angreifer feuerte und dieselben durch ein kleines Detachement zerstreute. Der Sultan hat Truppen zur Züchtigung der Aufständischen abgesandt. Die Ruhe ist wieder hergestellt.
Darmstadt, 9. September. Seine Königliche Hoheit der Großherzog sind am 7. d. M. von Balmoral abgereist und gestern Abend In Hamm zur Besichtigung der 14. Division eingetroffen.
Darmstadt, 8. September. (Militärdienstnachricht.) Prinz Reinhard zu Solms- Hohensotms-Ltch, in der Armee, und zwar als Sec.-Lt. ä la suite des 2. Großherzogl. Hess. Drag.-Regmts. (Leib-Drag.-Regts.) Nr. 24, vorläufig ohne Patent, — angestellt.
Berlin, 8. September. Se. Majestät der Kaiser nahm heute Vormittag Vortrüge entgegen und entsprach Nachmittags einer Einladung des Vice-Präsidenten des Reichstags, Benda (Rudow), zur Hühnerjagd.
— Der Kaiser hat dem Commandeur des 5. Armeekorps, General v. Meer- scheidt-Hüllessem, das Großkreuz des Rothen Adlerordens mit Eichenlaub verliehen.
— Das 3. Armeekorps ist heute in Beilin eingerückt.
— In dem jetzt erschienenen Wahlaufruf der konservativen Partei, welcher von v. Rauchhaupt, v. Minnigerode, Grimm, v. Hammerstein, Korsch, Grafen Limburg- Stirum, v. Liebermann, Sack und o. Wedell-Malchow unterzeichnet ist, heißt es: Die Partei hält die Reform der bestehenden directen Steuern für ein dringendes Bedürfniß. Die Leistungen für die Volksschulen bedürfen einer weiteren gesetzlichen Regelung. Die Partei tritt im Interesse der religiös - sittlichen Jugenderziehung und gemäß der historischen Entwickelung für die confessionelle Volksschule ein, kann aber zu einer gesetzlichen Regelung des Verhältnisses der Kirche zur Schule, wie sie der Antrag der Centrumspartei fordere, die Hand nicht-bieten.
Berlin, 8. Sept. Die „Post" schreibt heute wörtlich: Gegenüber den in letzter Zeit durch die Zeitungen gebrachten Nachrichten über eine bevorstehende Veröffentlichung testamentarischer Bestimmungen Sr. Majestät Kaiser Friedrichs sind wir in der Lage, solchen Nachrichten auf das bestimmteste zu widersprechen. Dieselben haben an maßgebender Stelle und insbesondere auch bei Ihrer Majestät der Kaiserin Friedrich umsomehr Befremden erregen müssen, als letztwilltge Bestimmungen des hochseltgen Kaisers überhaupt nicht bestehen. (F. I.)
Berlin, 9. September. Die „Nordd. Allgem. Ztg." erklärt die Nachrichl der „Staatencorrespondenz", daß zur Arbeitsentlastung des Fürsten Bismarck eine anderweitige Besetzung des Handelsministeriums zu erwarten sein würde, als müßige Erfindung. Wir möchten bei dieser Gelegenheit darauf aufmerksam machen, daß für den Posten des Handelsministers zur Zeit im Etat nicht einmal ein Gehalt ausgesetzt ist. " (F. I.)
Berlin, 9. September. Das „Armee-Verordnungsblatt" veröffentlicht folgende al/rhöchste Cabinetsordre betreffend die Herausgabe des Exercier-Reglements für die IKanterie: „In dankbarem Gedenken an Meines in Gott ruhenden Herrn VaterS Majestät übergebe Ich hiermit der Armee daS aus seiner Anregung hervorgegangene neue Exercter-Reglement für die Infanterie. Dasselbe soll neben voller Aufrechterhaltung der althergebrachten Zucht und Ordnung der Ausbildung für die Bedürfnisse deS Gefechts weiteren Raum schaffen. Der durch Vereinfachung mancher Formen erreichte Vortheil darf nicht dadurch verloren gehen, daß von irgend Jemand zur Erzielung gesteigerter äußerlicher Gleichmäßigkeit oder in anderer Absicht mündlich oder schriftlich Zusätze zu dem Reglement gemacht werden. Es soll vielmehr der für die Ausbildung und Anwendung absichtlich gelassene Spielraum nirgends eine grundsätzliche Beschränkung erfahren. Jeden Verstoß gegen diesen Meinen Willen werde Ich unnachsichtlich durch Verabschiedung ahnden. Im Uebrigen ist jede Zuwiderhandlung gegen die Festsetzung des 1. und 3. Theils mit Ernst zu rügen, mißverständliche Auffassung des 2. Theils dagegen in belehrender Form zu berichtigen. Berlin, den 1. September 1888. Wilhelm." (F. I.)
Hirschberg i. Schl., 8. September. In Folge zwölfftündigen heftigen RegenS sind alle Gebtrgsflüsse wieder aus ihren Ufern getreten; aus Landeshut und Schreiberhau wird drohendes Hochwasser gemeldet.
München, 8. September. Der heutigen Jubelmesse zu Ehren des Erzbischofs vr. v. Stetchele wohnten der päpstlichen Nuntius, die Bischöfe von Salzburg, Augsburg, Regensburg, die obersten Hofchargen, die Minister v. Feilitzsch, v. Leonrod, v. Heinleth, zahlreiche Beamte und Einwohner bei. Der kirchliche Festzug konnte Regens halber nicht stattfinden, dagegen wird morgen ein großer Festzug der katholischen Vereine abgehalten.
Lokales.
Gieße«, 10. September. Das gestrige Sommerfest de« hiesigen Rad- sahroereins, welches in Rücksicht aus die ungünstige Witterung mehrere Male verschoben werden mußte, hatte sich auch gestern nicht gerade des besten Wetters zu erfrct£n-„ konnte aber trotzdem ganz programmgemäß abgehalten worden. Rach der vom Wallthor ausgehenden Corsosahrt entwickelte sich in Slein's Garten ein fröhliches Treiben und nahmen namentlich die abgehaltenen Fahrten das Interesse der Festtheil- nehmer in Anspruch. Von den sportlichen Leistungen verdienen besonder- Erwähnung dieiemgen am sahrenden Reck, das Einradfahrcn und die Gießener Zukunstsbilder-


