Ar. 1S6 Samstag den 11. August . I 1888.
(Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
»ur.a«r Sch ulstraße 7. Erscheint täglich mit Ausnahme des Montag«. g
Amtlicher Hßeit.
Bekanntmachung.
Wir bringen hiermit zur öffentlichen Kenntniß, daß der Rechner und Oeconom Kötter in der Großh. Anstalt für Blödsinnige „Alicestist", welcher seither durch den Finanzaspiranten Kreuder vertreten wurde, seinen Dienst wieder angetreten hat. Das Bureau befindet sich wie bisher in der Anstalt.
Darmstadt, den 4. August 1888. Großherzogliche Provinzial-Direction Starkenburg.
In Vertretung: Dr. Zeller.
Betreffend: Dekanatsvisitation. Lang-Göns, den 9. August 1888.
Das Großherzogliche evangelische Dekanat Gießen
an fänrmtliche Pfarrämter -es Dekanats.
Der Großherzogliche Superintendent der Superintendantur Gießen beabsichtigt, Sonntag und Montag, den 19. und 20. August, Visitation im hiesigen Dekanat zu halten. Indem ich Sie erhaltenem Auftrage gemäß hiervon benachrichtige, beauftrage ich Sie zugleich, nach der Instruction vom 15. März 1834 die vorgeschriebene Bekanntmachung zu erlassen. Montag, den 20. August, Bormittag» 10 Uhr, soll eine Pfarrconferenz im gewöhnlichen Versammlungslocal zu Gießen abgehalten werden, wozu ich Sie erhaltenem Auftrage gemäß einlade.
Dr. Strack
Politische Rundschau
Gießen, 10. August.
Noch wirkt in allen Gemüthern die Nordlandsfahrt Kaiser Wilhelms nach imb schon wenden sich die Blicke der nun feststehenden zweiten großen Reise zu, die Len jungen Kaiser im kommenden Herbste über Wien nach Rom zum Besuche des Königs Humbert führen soll. Obwohl der deutsche Kaiser jedenfalls erst im October in der „ewigen Stadt" erscheinen wird, so geht man daselbst doch schon jetzt an die Vorbereitungen zu einem großartigen Empfange des kaiserlichen Gastes und so wird Lenn auch die Romfahrt unseres Kaisers den Augen der Welt glanzvolle Bilder entrollen. Die politische Bedeutung aber dieser angekündigten Kaiserretse nach Süden sieht im Voraus fest, sie ergiebt sich schon aus der Thatsache, daß sie dem Besuche der Herrscher gilt, deren Reiche mit Deutschland in einem festen und innigen Bündntß- werhältnisse stehen und somit kann der Besuch Kaiser Wilhelms in Wien und Rom nur die Besiegelung und weitere Stärkung der deutsch-österreichisch-italienischen Allianz Ledeuten. Soeben aber ist es von Berlin wie von Petersburg aus von authentischer Sette erklärt worden, daß die Kaiserentrevue von Peterhof ein vollständig friedliches Resultat ergeben habe und die Welt darf sich der freudigen Gewißheit htngeben, daß die Reise unseres Kaisers nach Wien und Rom die Tragweite der Kaiserbegegnung im Norden nur noch umfassender und verheißungsvoller gestalten wird.
Von den ferneren Reiseprojecten des Kaisers gilt, abgesehen von den Manöverretsen des Monarchen, bis jetzt sein Besuch in Bayreuth in der Ivetten Hälfte des August und dann ein mehrtägiger Aufenthalt in den Reichslanden, im September, als gesichert, lieber die mehrseitig gemeldete Reise Kaiser Wilhelms nach Thüringen zur Theilnahme an den großen Htrschjagden des Herzogs von Coburg, die Mitte August in der Gegend von Oberhof, der Sommerfrische der kaiserlichen Prinzen, ßtattfinden sollen, müssen erst noch bestätigende Mittheilungen abgewartet werden.
Wiederum sind blühende deutsche Länder striche schwer von der Wuth der entfesselten Elemente hetmgesucht worden und besonders haben die Gegenden am Rtesen- gebirge und weitere Thetle von Oberschlesien unter den jüngsten Ueberschwemmungen sjchwer zu leiden. Erschütternde Meldungen kommen aus den heimgesuchten Bezirken, die hoffentlich auf baldige thatkrästige Unterstützung und Hilfe von staatlicher wie privater Seite her rechnen dürfen.
Verhandlungen über einen deutsch - russischen Handelsvertrag werden als Levorstehend angekündtgt, doch wird man die Bestätigung dieses sensationellen Gerüchtes auf alle Fälle noch abwarten müssen.
Das Interesse an den Wochenereignissen im A u s l a n d e war diesmal der Strikt Lewegung in Frankreich und speciell in der Hauptstadt Parts in erster Linie zugewendet. Die jüngsten Nachrichten hierüber lassen kaum mehr einen Zweifel, daß in der Hauptstadt Frankreichs wieder einmal der revolutionaire Geist spukt und daß Lie Lohnbewegung der Erdarbeiter, Kellner u. s. w. mehr und mehr in communisttsche imd anarchistische Bahnen einlenkt. Die Straßenemeute bei dem am Mittwoch stattgefun- Lenen Begräbnisse des ehemaligen Commune-Generals Eudes beweist klar, wie drohend pch die Pariser Arbeiterbewegung unter Leitung staats- und gesellschaftsfeindlicher Elemente bereits zugespitzt hat. Obwohl regierungsseitig infolge der schon vorher an- gekündigten Theilnahme der Strikenden an dem Begräbnisse besondere Vorsichtsmaßregeln ergriffen worden waren, vermochten dieselben doch nicht, die blutigen Zusammenstöße zu verhindern, welche sich zwischen der Polizei und den Theilnehmern am Leichenzuge rntspannen und wobei es an Revolverschüssen, ja sogar an geworfenen Bomben, die »lücklicher Weife nicht explodtrten, nicht fehlte. Da die Polizei sich gegen die Straßen- Meuterer als machtlos erwies, so mußten noch Gensdarmen, Stadtgardisten und Milt- ttär einschreiten und mit blanker Waffe die Tumultuanten zerstreuen, aber erst, nachdem Ler Letchenzug auf dem Friedhof angelangt war, konnte die Ordnung wieder einiger- Maßeu hergestellt werden. Es sind hierbei mindestens gegen 50 Personen verwundet Worden und auch die Zahl der Verhafteten ist eine große. Die Regierung soll entschlossen sein, nunmehr mit rücksichtsloser Energie gegen die Strikenden aufzutreten und dazu ist es allerdings die höchste Zett, denn sonst können die seitherigen Straßenunruhen iir eine vollständige Revolution der unteren Beoölkerungsklassen von Paris Umschlägen.
Ueber die zwischen Italien und Frankreich schwebende Massaua h-Frage Liegen noch keine wetteren Meldungen vor, ausgenommen, daß nun auch Deutschland steine Zustimmung zu dem Standpunkte Italiens in der Angelegenheit hat erklären Uassen. Ebenso wenig ist bis jetzt von einem Proteste einer Macht gegen die Besetzung des Hafens und Gebietes von Zula durch die Italiener etwas bekannt geworden,
obwohl von französischer Seite ein solcher Einspruch vorbereitet roerben soll. Es heißt, Frankreich wolle denselben auf einen Vertrag mit Abyssinien gründen, der vom Jahre 1859 datiren und Frankreich den Besitz von Zula zusprechen soll. Das ist aber freilich ein bischen lange her!
Die Kiewer Jubiläumsfeier ist doch nicht ohne einige bemerkenswerte Zwischenfälle verlaufen. So hat namentlich eine Rede des bekannten panslaoistischen Wortführers Jgtiatieff Aufsehen erregt, weil sie mit derartigen Ausfällen gegen Oesterreich gespickt war, daß sie selbst am russischen Hofe peinlich berührte und foll darum Jgnatieff einen scharfen Verweis vom Czaren erhalten haben. Auch die Beglückwünschungs-Depesche, welche der croatische Bischof Strohmayer nach Kiew sandte und in der von der zu erfüllenden Weltmission Rußlands gesprochen wird, macht viel von sich reden. In Wien verlautet, Bischof Stroßmaycr solle wegen dieser Kundgebung vor einem österreichischen Gerichtshöfe zur Verantwortung gezogen werden.
Telegraphische Depeschen.
Wolsi'S telegr. Eorrespon-enz. Bureau.
Bonn, 9. August. In der heutigen Schlußsitzung des Anthropologenkongresses sprach Dr. Mles über die Verschiedenheit der Schädelbildung, Professor Howard Gore aus Washington über die anthropologische Forschung in Amerika, Dr. Schmidt über die Vererbung erworbener Eigenschaften, John Evans über altbritifche Münzen, Kämen über die Uebereinstimmung der rheinischen Culturreste mit den bezüglichen ethnographischen Angaben Cäsars und Tacitus. Im Weiteren wurde der Vorstand ermächtigt, wegen der Ausnahme von Bestimmungen über Eigenthumssicherung an Alter- thümern in's neue bürgerliche Gesetzbuch eine Eingabe an den Reichskanzler zu richten. Zum nächsten Versammlungsort wurde Wien bestimmt.
Paris, 9. August. Der gestrige Abend ist verhältnißmäßig ruhig verlaufen. Es gab nur einige tumultuarische Zwlfchenfälle aus der Place de la Republique, wo Truppen zur Unterstützung der Polizeiagenten einfchritten. Auch in Faubourg Saint Antoine fand ein Handgemenge statt. Don den gestern Verhafteten wurden nur acht in Haft behalten. Die Zahl der Verwundeten beträgt 30, sämmtlich leicht. — In Amiens sind neuerdings keine Ruhestörungen vorgekommen. Die Zeitungen meinen allgemein, der gestrige Tag sei besser verlaufen als zu befürchten war. Die radikalen Blätter werfen der Polizei Mangel an Kaltblütigkeit vor.
PariS, 9. August. Im heutigen Ministerrath theilte Floquet mit, daß die Arbeitsbörfe seit längerer Zeit ihrem eigentlichen Zwecke nicht mehr diene und daher vorläufig geschlossen bleiben solle.
— Mehrere Ansammlungen der Strikenden wurden heute Vormittag von der Polizei mit leichter Mühe auseinandergetrieben. Die Arbeitsbörse wird fortdauernd polizeilich bewacht.
— Kriegsminister Freycinet tritt morgen eine Reise an, um die militärischen Anstalten in Chambery, Brianson und Grenoble zu besichtigen.
Paris, 9. August. Die „Agence Haoas" veröffentlicht die Antwort Goblet's auf die italienischen Noten in der Massauahfrage. Die Note schließt: Wenn das Verfahren Italiens zur einfachen Beseitigung der Kapitulationen und unserer früheren Rechte in Massauah führen sollte, würde uns nur erübrigen, von der übrigen Art des Vorgehens und von dem für die Zukunft aufgestellten Principe Akt zu nehmen, wonach die Kapitulationen mit vollem Rechte ohne irgend welche Verhandlungen mit den Mächten wie ohne Erklärung ihres Einvernehmens in einem Lande, wo eine europäische Verwaltung eingerichtet wird, ihre Wirksamkeit verlieren. Wir behalten uns vor, daraus diejenigen Consequenzen zu ziehen, welche unser Interesse in solchen Gebieten, wo wir auf Grund regelrechter Erwerbstitel angesessen sind, vor- ' schreiben wird.
London, 9. August. Ans dem Banket, welches der Lordmayor gestern zu Ehren des Cabtnets gab, beantwortete Lord Salisbury den Toast auf das Ministerium mit einer Rede, in welcher er Folgendes sagte: Im Ganzen herrsche hinsichtlich der auswärtigen Angelegenheiten Ruhe; mit größerer Zuversicht als je könne man sagen, daß das Ziel aller Herrscher die Sicherung eines ununterbrochenen Friedens sei. In Egypten herrschten noch Gefahren an der Grenze, im Innern seien alle Schwierigkeiten^ überwunden; Egypten sei solvent und Englands Politik in Egypten unverändert. Was Bulgarien betreffe, so deute, soweit die auswärtigen Mächte in Frage kommen, alles auf zukünftige Ruhe und Frieden. Bei den leitenden Staatsmännern Europas trete die Ueberzeugung hervor, daß es das Beste fei, Bulgarien sich selbst zu überlassen; unzweifelhaft passe eine solche Politik allen europäischen Staaten; England wünsche nur die Freiheit und Unabhängigkeit Bulgariens - Deutschland habe stets erklärt, daß ihm Sulßoricn eine gleichgültige Angelegenheit sei, Oesterreich wünsche die Aufrechterhaltung des territorialen sutus quo und Rußland strebe als höchste Genugthuung für die Tapferkeit seiner Soldaten, welche für die Freiheit Bulgariens geblutet haben, ein blühendes und zufriedenes Bulgarien an-


