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Nr. 8L

Mittwoch den 11. April

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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

tzureairr Schulstraße 7.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Politische Rundschau

Gießen, den 10. April 1888.

Noch immer zieht die jüngste »BiSmarckkrifis" in der Tagespresse ihre Kreise und über Umfang, Bedeutung wie eigentlichen Ausgangspunkt derselben kann man da noch sehr verschiedenen Ansichten begegnen. Jedenfalls wird aber wenigstens das Eine als feststehend betrachtet werden können, daß, wenn in der That eine Krisis vorhanden gewesen, diese zur Zeit als beseitigt gelten kann, nur wäre es in hohem Grade wünschenswerth, daß zur Beruhigung der durch diese Affaire nichts wenig aufgeregten öffentlichen Meinung endlich eine Kundgebung von authenischer Seite erfolgte, wozu man sich jedoch maßgebenden Orts noch immer nicht entschließen zu können scheint. Was alles an den Gerüchten, die mit der Kanzlerkrisis Zusammenhängen, wahr, über­trieben oder erfunden ist, läßt sich für jetzt nur schwer beurtheilen und es muß einst­weilen dahingestellt bleiben, ob und wann sich der über dieser ganzen Frage ruhende Schleier einmal vollständig lüften wird. Alle Anzeichen deuten indessen darauf hin, daß das battenbergische Heirathsproject eben der Kernpunkt der Krisis gewesen ist, bei welchem gewisse weibliche Einflüsse die Hauptrolle spielten und daß Fürst Bismarck, die bedenklichen politischen Folgen, welche sich an eine Verbindung des ehemaligen Bulgarenfürsten mit der deutschen Kaisertochter vermuthlich knüpfen würden, sofort erkennend, gegen den Heirathsplan sofort sein staatsmännisches Veto einlegte. Ob nun dem Kaiser wirklich ein formelles Entlassungsgesuch des Kanzlers vorgelegen hat, ist jetzt indessen nicht mehr von Belang, nachdem nicht zu bezweifeln steht, daß Fürst Bismarck zur Genugthuung des deutschen Volkes und aller Freunde Deutschlands auf seinem Posten verbleibt.

Die Theilnahme, welche unser Kaiserpaar der von der UeberfchwernmungS- katastrophe betroffenen Bevölkerung Norddeutschland's von Anfang an widmete, hat in dem Besuche, welchen Kaiserin Victoria am Montag im Ueberschwemmungsgebiete der Warthe abstattete, einen besonderen und erhebenden Ausdruck gefunden. Es muß den Bewohnern der heimgesuchten Landestheile zu einem ungemeinen Trost gereichen, daß die hohe Frau selbst in .ihrer Mitte erschienen ist, um persönlich sich über die dortige Nothlage zu tnformiren und dann aus eigener Anschauung dem Kaiser Bericht zu erstatten und die begeisterte Aufnahme, welche Kaiserin Victoria in den von ihr besuchten Orten gefunden hat, beweist, daß die Bevölkerung des Warthe-Ueber- fchwemmungsgebietes den hochherzigen Entschluß der Monarchin wohl zu würdigen weiß.

Die Feststellung der Schäden, welche Hochwasser und Eisgang an Bau- und Schutzwerken, an Aeckern und Fluren angerichtet, und der zur Beseitigung derselben erforderlichen Mittel muß naturgemäß der Zeit vorbehalten bleiben, bis die Gewässer wieder ihren natürlichen Stand erntet haben. Um indessen, soweit dies irgend mög­lich, einige Unterlagen für die alsbald zu fassenden Entschließungen wer preußischen Regierung zu gewinnen, sollen von den betheiligten preußischen Mintsterialressorts vor­läufige Ermittelungen möglichst an Ort und Stelle in der angedeuteten Richtung an- gestellt werden. So sind u. A. auch vom Minister für Landwirthschaft, Dr. Lucius, Eommissare in die verschiedenen Ueberschwemmungsgebiete entsendet worden, um unter Beirath der Provinzialbehörden und der Organe der Deichoerbände die Wiederher­stellungskosten der zerstörten oder stark beschädigten Deiche wenigstens annähernd zu ermitteln. Man hofft, für diesen Zweck durch Heranziehung der Erfahrungen bei -früheren Deichbrüchen und Beschädigungen und durch Vergleich der früheren Höhe und des Umfanges der Schäden mit den heutigen Verhältnissen ein wenigstens an­nähernd zutreffendes Bild des Gesammtbedarfes in der erforderlichen kurzen Zeit ge­winnen zu können. Daß die Untersuchungen darüber, ob und nach welchen Richtungen Maßregeln zu treffen sind, um der Wiederkehr ähnlicher Unglücksfälle vorzubeugen, zücht mit der gleichen Schnelligkeit zu Beschluß gelangen können, liegt auf der Hand.

Für Elsatz'LothriNgen wird ein kaiserlicher Gnadenact nach dem Muster der für Preußen erlassenen Amnestie angekündigt. Dementsprechend erscheint die Be­gnadigung der Landes- und Hochverräter ausgeschlossen, dagegen dürften die vielen, in letzter Zeit in den Reichslanden wegen ^aufrührerischer Rufe (cris ß6ditieux) verur­teilten Personen auf Amnestie zu rechnen haben.

Bet der am Sontag in Laon (Aisne-Departement) stattgehabten Ersatzwahl wurde der Radicale Doumer, zu dessen Gunsten Boulanger nach dem ersten Wahlgang zurückgetreten war, mit 42,244 Stimmen gewählt, das Ergebniß bedeutet demnach einen Triumph der Anhänger Boulanger's; ebenso fiel die Wahl in Pörigueux (Dordogne) woselbst Boulanger selbst candidirte, vollständig zu Gunsten desselben aus; Boulanger wurde mit ca. 60,000 Stimmen gewählt. Bei der ebenfalls am Sonntag stattge­fundenen Ersatzwahl in Carcassonne (Departement Aude) erhielt Ferroul (gemäßigter Republikaner) 21,515, Cauval (Monarchist) 15,869 und Boulanger, welch' letzterer gar nicht candidirte, 7151 Stimmen, so daß in diesem Departement eine engere Wahl er­forderlich ist. Alles in Allem genommen, bekunden auch die Ersatzwahlen in den ge­nannten drei Departements einen Fortschritt der Sache Boulanger's.

Amtschland.

Darmstadt, 9. April. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben Aller- gnädigst geruht:

Am 4. April dem Generalsecretär der Centralftelle für die Landwirthschaft rind die landwirthschaftlichen Vereine, Landes-Oekonomierath Dr. Rudolf Weiden­hammer, das Ritterkreuz erster Klasse des Verdienstordens Philipps des Großmüthtgen zu verleihen;

am 7. d. M. den Ministerialrevisor bei der Buchhaltung des Ministeriums der Finanzen, Philipp Ludwig Wickenhöfer, auf sein Nachsuchen und unter Aner­kennung seiner langjährigen, treugeleisteten Dienste in den Ruhestand zu versetzen und demselben aus diesem Anlaß den Charakter alsRechnungsrath" zu verleihen.

Darmstadt, 9. April. Mit Genehmigung Seiner Königlichen Hoheit des Groß­herzogs ist der Gerichtsassessor Welcker mit der provisorischen Versehung der Stelle eines ständigen juristischen Hilfsarbeiters bei dem Ministerium der Finanzen beauf­tragt worden.

Berlin, 8. April. Der Kaiser machte Nachmittags 2 Uhr mit der Kaiserin eine Spazierfahrt in der Richtung nach Spandau. Er kehrte um 23/a Uhr zurück und em­pfing später den Botschafter Herbette.

Berlin, 6. April. DieKöln. Ztg." bringt nachstehende längere Ausführung über dieKanzlerkrisis":

Prinz Alexander von Battenberg wird nicht zum Geburtstag der Prinzessin Victoria nach Berlin kommen. Bis vor ganz kurzer Zeit hatte diese Absicht noch be­standen, nachdem die ursprünglich auf Ostern geplante Brautfahrt des Prinzen noch in letzter Stunde aufgegeben worden war. Man kann aus dieser abermaligen Ver­tagung des wiederholt festgesetzt gewesenen Besuchs des Prinzen von Battenberg den Schluß ziehen, daß die vielbesprochene Angelegenheit einstweilen nicht in einem den Anschauungen des Reichskanzlers entgegenstehenden Sinne entschieden worden ist. Ob der Aufschiebung derselben die völlige Aufhebung folgen werde, ist zur Stunde noch ungewiß; dieNordd. Allgem. Ztg." druckt noch heute Abend alle Mittheilungen der Köln. Ztg." über die schwebende Krisis ab, ohne ihrerseits eine Bemerkung anzu­schließen. lieber die Zeit und die Geschichte der Krisis zeigt sich von den uns zu Ge­sicht gekommenen Blättern nur die anfangs so ungläubigeFranks. Ztg." heute in der Hauptsache unterrichtet; nur daß sie vielleicht das Ganze um einen oder zwei Tage zu spät ansetzt. Dem in dieser Sache gewiß unverdächtigen Frankfurter Blatte wird nämlich aus Darmstadt uulerm 6. April folgendes berichtet:

Da der beabsichtigte Rücktritt des Reichskanzlers von verschiedenen Seiten mit der geplanten Vermählung des Fürsten Alexander vyn Bulgarien mit der Prinzessin Victoria von Preußen in Zusammenhang gebracht wird, so kann ich nicht umhin, da­von Notiz zu nehmen, was seit mehreren Tagen hier in gut unterrichteten Kreisen er­zählt wird. Hiernach waren die Vorverhandlungen über die Verlobung der beiden ge­nannten fürstlichen Persönlichkeiten vor etwa acht Tagen bereits so weit gediehen, daß Fürst Alexander am zweiten Osterfesttage nach Berlin reisen wollte; es scheint die Proclamirung der Verlobung für den gestrigen Tag (den Geburtstag des Fürsten) in Aussicht genommen gewesen zu sein. Alles war hier im Palais auf dem Luisenplatz bereits zur Abreise vorbereitet und die Koffer schon gepackt, als auf einen von Berlin gegebenen Wink hin die Reise plötzlich unterblieb. Ich therle dieses Gerücht selbstver­ständlich unter aller Reserve mit, muß aber daran erinnern, daß die fragliche eheliche Verbindung bereits seit Anfang 1884 ein Lieblingswunsch der nunmehrigen Kaiserin Victoria ist. Als im April jenes Jahres hier die Vermählung der ältesten Tochter unseres Großherzogs, Prinzessin Victoria, mit dem Prinzen Ludwig von Hessen gefeiert wurde, ist die betreffende Angelegenheit zwischen der dermaligen Kronprinzessin des deutschen Reiches und dem Fürsten Alexander, welche beide hier anwesend waren, so weit als nur möglich gefördert worden. Der Fürst reiste bald darauf nach Berlin, fön* indetz am Reichskanzler einen entschiedenen Gegner der geplanten Heirath, die denn auch unterblieb. Zwischen den Betheiligten wurde aber das ganze Project nicht aufgegeben, sondern nur der richtige Augenblick abgewartet, um damit wieder heroor- zutreten. Daß man den gegenwärtigen Zeitpunkt hierzu für geeignet hielt, liegt ebenso auf der Hand, wie die leicht begreifliche politische Rücksicht, die den Reichskanzler heute ebenso nöthigt, sich jener Heirath zu widersetzen, wie im Jahre 1884."

Wir hatten Bedenken getragen, diese Einzelheiten die nur in einem unwesent­lichen Nebenpunktc ungenau sind zu veröffentlichen. Nun die Veröffentlichung ge­schehen ist, vielleicht von derselben Seite her, auf welche uns die Rücksichtnahme geboten zu fein schien, stehen wir nicht an, sie für durchaus zutreffend zu erklären. Es geht aus denselben unter anderm auch hervor, daß die Krisis so weit hinaufreicht, daß sie selbst ohne Vermittelung des Telegraphen in Wien bekannt werden konnte, ehe sie ver­schoben war. Wäreder Wink" aus Berlin nicht nach Darmstadt ergangen, daß die Reise einstweilen unterbleiben solle, so wäre Fürst Bismarck an seinem letzten Geburts­tage bereits Reichskanzler in demissione gewesen. Es könnte nur natürlich scheinen, wenn er die hohen Verbündeten des deutschen Reiches rechtzeitig darüber beruhigt hätte, daß seinem Rücktritt eine Aenderung unserer Politik nicht zu Grunde liege, und zu diesem Zwecke wäre die Angabe der wahren Ursachen der Krisis wohl unerläßlich gewesen.

Die sympathische Gestalt des ritterlichen Prinzen Alexander von Battenberg, weiland Fürsten von Bulgarien, hat schon einmal den Mittelpunkt eines sehr erregten deutschen Meinungskampfes gebildet. Durch den Schelmenstreich von Sofia war am 21. August 1886 der Mann, dessen Name den Bulgaren eben erst auf siegreichen Fahnen vorangeweht hatte, von einer Verfcbwörerbande gestürzt worden. Diese Schandthat war nur möglich gewesen, weil Karawelow, der Ministerpräsident des Fürsten, und seine Genossen unter dem starken Eindruck der falschen, aber von der russischen Diplo­matie künstlich genährten Voraussetzung standen, sie hätten lediglich zwischen dem Sturze des Battenbergers und einer russischen Besetzung Bulgariens zu wählen. Kara­welow glaubte deshalb vielleicht als Patriot zu handeln, als er die bezahlten Ver­schwörer gewähren ließ. Die tragische Verschuldung des Fürsten Alexander aber bestand darin, daß er, mehr zufahrender Cavalier und Officrer als vorsichtig abwägender Staatsmann, sich durch englische Einflüsterungen hatte verleiten lassen, sich an die Spitze der russenfeindlichen national-bulgarischen Bewegung zu setzen, statt durch kühle politische Vernunftgründe mäßigend auf diese leidenschaftliche Bewegung einzuwirken. Das Mißverhältnis zwischen der weltumspannenden Größe des britischen Reiches und der lächerlichen Schwäche seiner militärischen Centralkraft bringt es mit sich, daß die englische Staatskunst darauf angewiefen ist, sich nach einem conttnentalen Degen um­zusehen, der Englands Schlachten schlage. Und wie im Großen, so übt England dies klug ersonnene Abwälzungssystem gleichermaßen im Kleinen; es schiebt auch kleine Völker gern als Schachfiguren gegen seine großen Gegner vor. Die englische Preffe klatschte der russenfeindlichen Politik des Battenbergers Beifall zu, erklärte aber nach dem Sturze des Fürsten gleichmüthig, England bedauere das Schicksal des Bulgaren­fürsten, könne aber nichts für ihn thun, Deutschland aber solle sich schämen, daß es für einen so edlen Fürsten nicht mit Infanterie, Cavallerie und Artillerie in's Feld rücke. Der Battenberger scheint die Haltung Englands ziemlich begreiflich gefunden, dagegen mit besonderer Erbitterung die Unthätigkeit, ja, Russenfreundlichkeit Deutsch­lands empfunden zu haben, obschon die deutsche Diplomatie ihm durch keine Silbe Anlaß gegeben hatte, irgend etwas anderes zu erwarten. Prinz Alexander hat seitdem beharrlich und entschieden alle bulgarischen Beschwörungen, wieder nach Sofia zurück­zukehren, abgewiesen, aber er hat kein Hehl daraus gemacht, daß diese Verneinung in eine Bejahung Umschlägen würde, wenn sich die internationale Lage, wenn sich beson­ders die Haltung Deutschlands ändern sollte. Wenn er geglaubt haben sollte, daß englische Hände augenblicklich stark genug seien, eine Hochzeitsfackel zu entzünden, die unter Umständen zur Kriegsfackel werden könnte, fo theilen wir diese Ansicht nicht; wir finden es begreiflich, daß hochstehende Frauen über ihre Herzensangelegenheiten die Politik und die großen dauernden Jntereffen der Dynastie und des Vaterlandes au8 den Augen verlieren; zu den Hütern dieser Interessen aber find naturgemäß nickt sie, sondern der Kaiser und sein Kanzler berufen. Unseres Erachtens aber liegt kein Gr uni»