Reichstags. Auf seinen Vorschlag wird der Reichstag nicht, wie Bismarck
wollte, auf Grund einer Ordre des verstorbenen Kaisers geschlossen, sondern nur vertagt werden.
eine kleine Erholung einzutreten. Einzelne verließen das Palais, kehrten aber später zurück. Etwas nach halb 9 Uhr erfolgte der Tod, dessen Eintritt auf
Berlin, 9. März. Die letzten Stunden des Kaisers waren ruhig und schmerzlos. Zwischen 2 und 3 Uhr hat er dem Leibarzt Tieman noch Verschiedenes diktirt. Von 6 Uhr an trat Bewußtlosigkeit ein. In dieser entschlief er sanft. Die Leiche sitzt aufgerichtet im Bett und gewährt mit den ruhigen, schmerzfreien Zügen den Anblick eines Schlafenden. Anton v. Werner zeichnet sie. Der Kronprinz wird bestimmt Sonntag hier erwartet. Die Mitglieder des Abgeordnetenhauses und des Reichstages versammeln sich in tiefernster Stimmung. In beiden Häusern wird Fürst Bismarck erwartet.
Berlin, 9. März. Am Sterbelager des Kaisers waren sämmtliche hier anwesende Angehörige der königlichen Familie versammelt. Der Körper des Kaisers Wilhelm ruht jetzt, mit weißer Decke verhüllt, im Schlafzimmer auf seinem Bett von Lichtetn umgeben. Der Gesichtsausdruck ist überaus friedlich-milde. Vor dem Palais verharrt eine dichtgedrängte Menschenmenge in lautloser Trauer. Die höchsten Herrschaften haben nach 10 Uhr das Palais verlassen. Heute Abend findet im Sterbezimmer ein Gottesdienst mit dem Domchor statt.
Berlin, 9. März. Der „Staatsanzeiger" bringt folgende Bekanntmachung: „ES hat Gott gefallen, Se. Majestät den Kaiser und König, unseren Allergnädigsten Herrn, nach kurzem Krankenlager heut 8V2 Uhr Morgens int achtundzwanzigsten Jahre seiner reichgesegneten Regierung aus dieser Zeitlichkeit abzurufen. Mit dem königlichen Hause betrauert unser gesammtes Volk den Hintritt des allgeliebten, ehrwürdigen Herrschers, dessen Weisheit so lange über seinen Geschicken in Krieg und Frieden ruhmreich gewaltet hat. i
Berlin, 9. März. Der „Kreuz-Zeitung" zufolge hätte der verstorbene Kaiser Wilhelm seine Beisetzung im Mausoleum von Charlottenburg angeordnet. Nach anderweiten Mttheilungen fehlen darüber noch Bestimmungen.
Berlin, 9. März. Im Reichstage machte der Reichskanzler, im Abgeordnetenhause der Minister v. Puttkamer die Mittheilung vom Tode Seiner Majestät des Kaisers und Königs. Der Nachfolger des höchstseligen Kaisers nimmt den Namen Friedrich III. an.
Berlin, 9. März. Der heutige Trauergottesdienst im Sterbezimmer findet nur für die engere königliche Familie ohne Domchor statt. Morgen wird dagegen um ll1/? Uhr ein Trauergottesdienst für die Familienmitglieder mit Gefolge, wobei der Domchor mitwirken wird, abgehalten werden. Nähere Bestimmung,m über die Trauerfeierlichkeiten sind noch nicht getroffen worden. Dieselben werden erst nach der Eröffnung des Testamentes getroffen werden.
Berlin, 9. März. Die außerordentliche Stadtverordnetensitzung fand I ^eute Nachmittag 5 Uhr statt. Die Mitglieder, ausgenommen die Vertreter I der Arbeiterpartei, erschienen in Amtstracht ohne Kette. Nachdem der Vor- steher v. Forckenbeck in bewegten Worten des hochseligen Kaisers gedacht und für den Kaiser Friedrich den Segen des Himmels zur Wiederherstellung seiner Gesundheit erbeten, wurde beschlossen, gemeinschaftlich mit dem Magistrat an die Kaiserm-Wtttwe eine Beileidsadresse zu richten, ebenso eine solche an Kaiser Friedrich entweder zu erlassen oder eventuell durch eine Deputation zu überreichen.
Berlin, 9. März. Das Aussehen der Stadt ist jetzt wenig verändert. Ein starker Regen fällt. Nur in der Umgebung des Palais, das abgesperrt ist, sammeln sich große Menschenmassen an, die eine ruhige, musterhafte Ord- nung beobachten. Die Börse und die Schulen sind geschlossen, aber noch keine Geschäftsläden. Immer mehr Flaggen auf Halbmast, zum Theil auch schwarze Trauerflaggen, erscheinen.
Berlin, 9. März. Heute ist die Berliner Börse geschloffen.
Berlin, 9. März. Die Schulen wurden nach dem Bekanntwerden der Todesnachricht mit einer Trauerfeier geschlossen. Die Professoren der I Universität setzten die Vorlesungen aus, auch die Theater sind sämmtlich geschlossen. Der Magistrat berieth über die an die Kaiserin-Wittwe und den
Friedrich zu richtenden Adressen und beschloß, daß die Magistratsmitglieder sechs Wochen Trauerflor tragen sollen. Um zwölf Uhr erscholl von sämmt- lichen Kirchen ein einstündiges Trauergeläute. Mit der Abnahme der Todten- maske ist der Professor Begas betraut.
Q Dresden, 9 März Auf Befehl des Königs sind alle öffentlichen Lustbarkeiten wegen des Ablebens des Kaisers Wilhelm bis zur Beisetzuna unterlagt Es wird em einstündiges tägliches Trauerläuten auf vorläufig I unbestimmte Zett und die Ankündigung des Trauerfalls von den Kanzeln | herab angeordnet.
I Kn München, 9. März. Kaiser Friedrich trifft morgen Abend 10 Uhr I 00 von San Nemo mittelst Extrazug in Ala ein. Er reist sofort I weiter und durchfährt München am Sonntag früh 8 Uhr.
I fi Stuttgart, 9. März. Der „Staatsanzeiger" veröffentlicht die köniq- I Verordnung, betreffend die Landestrauer. Es werden alle öffentlichen - «netten bis zum Beisetzungstage des hochseligen Kaisers untersagt und das Glockenlauten in sämmtlichen Kirchen des Landes angeordnet. Das schwarz umränderte officielle Blatt widmet dem Kaiser und König einen Nach- m welchem die Herrschertugenden des Feldherrn, sowie des Friedens- fursten gepriesen und die Verdienste um das Vaterland hervorgehoben werden. Der Schluß lautet: „Die Saat, die der hochselige Kaiser und König ausgestreut hat, wird keimen und wachsen, das Gestirn Deutschlands, welches mit ? Kaiser Wilhelm I. aufgestiegen ist, wird nicht erbleichen. Der unermeß- liche Verlust muß das Band zwischen dem Kaiserhause und dem deutschen fester knüpfen. Die gemeinsame Trauer einigt die Herzen und richtet den Buck auf das Vaterland, von dem wir hoffen, daß es unversehrt aus dieser schweren Prüfung hervorgehen wird."
Straßburg i. E.. 9. März. In der heutigen Vormittagssitzung des Landesausschusses verlas der Präsident Schlumberger die Mittheiluna des i Statthalters über das Ableben Sr. Majestät des Kaisers. Der Landes- ausschuß ermächtigte das Präsidium einstimmig, die geeigneten Schritte zu thun, um der tiefen Theilnahme der Landesvertretung an dem schmerzlichen Ereignisse Ausdruck zu geben. Die Sitzung wurde alsdann aufgehoben.
.. Wien, 9. März. Alle Zeitungen bekunden anläßlich des Dabin- scheidens des Kaisers Wilhelm die tiefste Theilnahme. Das „Fremdenblatt" hebt hervor, daß das innige bundesfreundliche Verhältniß zwischen Deutschland und Oesterreich durch den Thronwechsel unberührt bleibe. Das Reichs- cepter bleibe in der Hand eines Friedensfürsten, der die geschaffenen Grundlagen festhalte.
... Paris, 9. März. Präsident Carnot sandte nach Empfang der Nach- richt vom Tode des Kaisers Wilhelm ein Beileids-Telegramm nach San Remo cm. n o-x ^r.i^nch' und beauftragte den Chef seines militärischen Hauses, Oberst Lichtenstein, dem deutschen Botschafter Grafen Münster seine innigste theilnahme auszudrücken. Dem Botschafter Herbette in Berlin wurde gleichzeitig em Beileids-Telegramm zu Händen des deutschen auswärtigen Amts übermittelt. Der Ministerpräsident und sämmtliche Minister schrieben sich beim Botschafter Grafen Münster ein.
London, 9. März. Die „Pall Mall Gazette" zollt der Charakter- große des Kaisers Wilhelm tiefe Huldigung. Sie sagt, er war von fleckenloser Chrenhaftigkeit, ein Muster und Vorbild aller modernen Monarchen und er^hinterlaste Deutschland in nie geahnter Größe. Der „Globe" und die „^amt James Gazette" drücken ihre aufrichtigste Theilnahme an dem Schmerz der deutschen Ration aus und huldigen dem Heimgegangenen großen Monarchen. _ 91 März. Heute um Mitternacht reist König Humbert in
bglettung nach Genua, um den neuen Kaiser Friedrich bei seiner Durchreise nach Berlin zu begrüßen. Der König wird nach dreistündigem Aufenthalte rn Genua nach Rom zurückkchren. König Humbert condolirte heute sosort dem neuen Kaiser und begrüßte in ihm den Nachfolger des väterlichen Ruhmes. Das Telegramm des Königs kreuzte sich mit einer De> pejche des Kaisers Friedrich, welche besagte, daß ihn im Schmerze des Augenblicks die Freundschaft des Königs und Italiens tröste. Die hiesige Köniqs- familie sandte auch an die kaiserliche Familie nach Berlin ein Beileidstelegramm. Der Bürgermeister von Rom condolirte dem Oberbürgermeister
m REM0, .9- März. Kaiser Friedrich hat gut geschlafen. Sein Befinden ist recht befriedigend. 1
Remo, 9. Marz. Die Nachricht von dem Ableben des Kaisers Wilhelm traf hier gegen 1 Uhr ein und rief große Aufregung hervor. Auf tC^en Gruppen und besprechen sich. Der Kronprinz empfing die Meldung bereits am Vormittag, während er im Garten promenirte, ein Diener überreichte ihm die betreffende Depesche auf einem Teller. Der Kronprinz war sehr erregt, obgleich er durch ein vorhergegangenes Telegramm der Katterm aus den Tod des Kaisers vorbereitet worden war. Die Kronprin- ihr^Kn f ^a^en ®aS GoniuIat und die Vizeconsulate haben H°'kmast gezogen. Im deutschen Vizeconsulat wurde die Nachricht vom Tode des Kaisers öffentlich angeschlagen. Die Flagge ist mit ^rauerflor umhüllt. Die Abreise soll am Samstag Vormittag 9 Uhr er- soigeN. rx x
, San R-m-, 9 März. Der Magistrat von San Remo ließ heute Nachmittag große Plakate mit Trauerrand folgenden Inhalts in deutscher a"f$Ia9en- "MUbürger! Die traurige Nachricht von dem Tode des deutichen Kaisers hat auf s tiefste alle Städte Italiens berührt und vor "" '-irr“ * bas Schmerzlichste betroffen, welche auf das Leb- Hafteste erfüllt ist von der tiefsten Hochachtung und Zuneigung für den Erst- verstorbenen und seine Familie. Unser erhabener Ga t, Se* ,n l«n Vaterland um die höchsten Pflichten zu übernehmen, ver aßt am morgenden Tage unsere Stadt, die er in der Zeit seines Aufent- hal s b,S zum letzten Moment mit dem höchsten Wohlwollen beglückt hat. Mitbürger! Wenn nur uns trennen von diesem glorreichen Fürsten, so zeigen wir, daß wir alle, ohne Unterschied des Standes, einen lebhaften Antheil nehmen an semer Trauer und, obschon wir seine Abreise bedauern, so be> gleiten wir ihn doch mit heißen Wünschen im Namen der ganzen Stadt. Im Namen der Municipalität der Stadt San Remo: AcauaSciati." (F Q \
San Remo, 9. März. Das Befinden des Kaisers Friedrich ist 8 Uhr 32 Minuten konstatirt wurde/ Soeben tagt der Seniorenkonvent des I 9>//uhr früh^festg"-!^".^ Kräuselst ^Än"äbgMist7°^'" SRpirfiätnnä. 9Iiff fpinpn 9^nrfrhfnn mirh hör ritrht mi» I 'S'aU «HlUtO 9 Kaiser F fr d) ß
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diese beiden mächtigen Pfei'er des europäischen Friedens dahinraffen sollte, sei dieser dennoch nicht gefährdet, weil der Nachfolger auf dem deutschen Kaiseclhrone die Traditionen seines Großvaters und Vater» nicht unmittelbar verletzen könne und weil Fürst Birmarck, der Krone erster Beirath, unzweifelhaft den Frieden wolle. — Man wird gestehen müssen, daß eine solche Sprache aus französischem Munde gegenüber dem nationalen Unglück, welches Deutsch- land betroffen, eine durchaus würdige und angemessene ist.
Im Uebrigen müssen diesmal die sonstigen politischen Nachrichten gegen- über den folgenschweren Meldungen aus der deutschen Reichshauptstadt durchaus zurücktreten und werden dieselben jedenfalls noch füc längere Zeit dar Interesse und die Theilnahme Europas wie der ganzen übrigen Welt in An- sprach nehmen.
Berlin, 9. März. Von einem Augenzeugen der letzten Stunden des Kaisers erfahre ich, daß gegen 8 Uhr die gefammte Familie, die anwesenden Generäle, Minister und Hofschargen in das Sterbezimmer gelassen wurden, es dicht gedrängt füllend. Der Kaiser befand sich bewußtlos in halbsitzender Stellung im Bett, Prinz Wilhelm und die Aerzte um ihn beschäftigt, auf das letzte Zeichen des Lebens lauschend. Der Tod erfolgte schmerzlos und unmerklich.
Berlin, 9. März. Der Tod des Kaisers erfolgte, nachdem der Kaiser in der Nacht wiederholt klare Momente gehabt hatte, um halb 9 Uhr ruhig und schmerzlos. Die Nachricht ist in der Stadt bereits verbreitet, die Flaggen von allen öffentlichen Gebäuden wehen aus Halbmast. Tiefe Niedergeschlagenheit macht sich im öffentlichen Verkehr bemerkbar.
Berlin, 9. März. Der Kaiser war bis 3 Uhr Morgens bei guter Besinnung; er sprach und diktirte auch. Einiges. Dann trat wieder ein Ohn- machtsansall ein. Bismarck, die Minister und Generäle wurden benachrichtigt, I sie erschienen mit der ganzen kaiserlichen Familie. Gegen .6 Uhr schien wieder


