Ausgabe 
11.3.1888 Erstes Blatt
 
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EiPes Blatt.

Nr. 61

Sonntag den 11. März

1888

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

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tretung, wenigsten- für gewisse Regierung-acte, seine- Vater- übernimmt, wohl dtscutabel erscheinen, doch wird eben in dieser Beziehung der Lauf der Dinge abzuwarten sein.

Am Sterbelager de- Kaiser- waren sämmtliche in Berlin an wesende Angehörige der Königlichen Familie versammelt. Der Körper bet Kaiser Wilhelm ruht, mit weißer Decke bedeckt, im Schlafzimmer aus feinem Bett, von Lichtern umgeben. Der Gesichtsauödruck ist überaus friedlich und milde. Vor dem kaiserlichen Palais standen am Freitag über Tausende dicht gedrängt in lautloser Trauer. Die höchsten Herrschaften verließen Vormittags nach zehn Uhr das Palais. Am Abend des Freitag fand im Sterbezimmer Golteedienst durch den Domchor statt.

Aus Wien wird gemeldet, daß die letzten Nachrichten über das Be stnden Kaiser Wilhelm's vom Donnerstag einen unnennbar schmerzlichen Eindruck machten. Die Stimmung war eine geradezu fieberhaft erregte und sah man mir allftundlich sich steigernder Spannung weiteren Meldungen ent­gegen. Nichts vermochte sonst die öffentliche Ausmerksamkett zu fesseln u<ib Aue« erschien kleinlich und gleichgültig gegenüber den sehr trüben Ge üchten, welche schon an diesem Tage im Umlauf waren und aus das Schlimmste Dor. bereiteten. Zahlreiche Extrablätter meldeten dann in später Abendstunde den Tod Kaiser Wilhelm'-, wodurch eine ungeheure Aufregung verursacht iüu_: e, bis endlich ein amtlicher Widerruf den Inhalt der Blätter dementtrte. Arch aus München kommen ähnliche Berichte, ein am Donnerötag austauchenrns Gerücht vom Tode Kaiser Wilhelm'- erregte große Bewegung und dichte Volksmassen sammelten fich, Ex'rablätter erwartend, um die Zeitungskioske.

Hebet den Emdruck, den das Hinscheiden Kaiser Wilhelm's im Aus, lande gemacht, lagen bis heute nur vereinzelte Kundgebungen vor, I aber zweifellos w,rd er ein ganz gewaltiger sein. Sehr theilnahmsvoll lautern I schon in Folge der besorgnißerregenden berliner Meldungen vom Mittwoch I und Donnerötag die Aeußerungen der Wiener und der Londoner Blätter und I gingen außerdem aus der deutschen Botschaft in London zahlreiche Anfragen I nach dem Befinden Kaiser Wilhelm's ein. Ueberall wurden Aeußerung n ] üejfter Sympalhie laut vnd wurden dir heißtsten Wünsche für die Wieder I gcnesung des erlauchten Monarchen ausgesprochen. Diese Wünsche, fte fine» I nun nach dem Nathschlusse de- Höchsten unerfüllt geblieben, aber sie bekunden I doch die innige Theilnahme d/S Auslandes an dem schweren Geschicke, von I welchem gegenwärtig die deutsche Nation heimgesucht wird und bi<6 ist ein I Trost m all' dem Unglück, das über Deutschland herringebrochen ist. Selbst I die Chauvinistenblätter Frankreich- brachten sympathische Artikel anläßlich I der Erkrankung Kaffer Wilhelm'-. So schrieb DieLiberte", die Kcankheu I Kaiser Wilhelm's bringe dir Stimme der nationalen Leidenschaft zum Schweigen, I der greife Kaiser und der schwergeprüfte Kronprinz seien keine Feinde mehr I für Frankreich. Dann heißt es weiter, selbst wenn ein unerbittliche- Geschick I

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlobn. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Se. Majestät -er Kaiser und König hat dem Staatsministerinm bezüglich der Landes­trauer folgenden Erlaß zngehen lasten:

Hinsichtlich der bisher üblich gewesenen Landestraner wollen Sie keine Bestimmnngen treffen, es vielmehr jedem Deutschen überlasten, wie er Angesichts des Heimganges eines solchen Monarchen der Betrübniß Ansdrnck geben nnd anch die Dauer einer Einschränkung öffentlicher Unterhaltungen fiir sachgemäß erachten will.

Berlin, 9. März, Abends. Dem Reichskanzler Fürsten Bismarck ging folgendes Telegramm zu:

San Remo, 9. März. Im Augenblick tiefster Trauer um den Heimgang Sr. Maj. des Kaisers und Königs, meines geliebten Herrn Vaters, spreche ich Ihnen wie dem Staats- Ministerium meinen Dank für die Hingebung und Treue ans, mit welcher Sie Alle dem­selben dienten. Ich rechne auf Ihrer Aller Beistand bei der schweren Aufgabe, die mir wird. Ich reise am 10. März Morgens nach Berlin.

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Politische Uebersicht.

Gießen, 10. März.

Mit unsagbarem Schmerz vernimmt da» deutsche Volk die Trauer- Ikünde, daß fein ruhmreicher Kaiser, Wilhelm I., entschlafen ist I und wohl auch die Gegner Deutschlands werden in diesem tragischen Momente i ie Gejühle der Stämme Deutschland- ausrichtig zu würdigen wissen. Schon [ Meldungen vom Donnerstag Abend über den Zustand des greifen Herrschers I ließen das Aeußerste befürchten, allerdings fand in den Abendstunden des Don* I nerstag noch ein leichtes Ausflackern der Lebenskräfte statt, aber schon während I oer Nach! nahm dann der vorhandene Schwächezustand weiter zu, um am Freitag Morgen einen ungemein hohen Grad zu erreichen, und in der neunten Morgenstunde ist brr Kaiser sanft entschlafen. Was die Trauer des deutschen Volkes noch so unsäglich erhöht, ist der Umstand, daß dem verblichenen Herrscher nicht mehr vergönnt fein sollte, seinen Sohn noch einmal in die Arme schließen .in können und wie unter den obwaltenden Umständen die erschütternde Trauer­kunde aus Berlin auf den Kronprinzen wirken muß, läßt fich wohl einigermaßen bdfen, aber schwer sagen. Daß das Hinscheiden des Kaisers die sofortige Ab- -eise des Kronprinzen und seiner Familie aus San Remo zur Folge gehabt h)b-?n würde, konnte nicht mehr bezweisett werden und so ist seine Ankunst in Berlin bern auch bereits für Sonntag, 11. März, angesagt. Selbstverständlich > muß man jetzt vom Kaiser Friedrich sprechen, aber noch ist der Wechsel ter Situ^tijfi ein so jäher, erschütternder, baß man fich nur schwer in die neue 2:ge fiiidertrann unb unwillkürlich spricht man da noch immer vom Kronprinzen. Unb wenn man nun ferner erwägt, baß der neue Kaiser selber noch zwischen Tod und Leben steht, trotz ber verhällnißmäßig so günstigen Meldungen, welche noch in den letzten Tagen aus San Remo einliefen und baß er, ber Tieskranke, nunmehr so plötzlich zur Regierung berufen worden ist, so stellt dies einen Fall i i ber Weltgeschichte bar, wie er so tragisch wohl noch nie zu verzeichnen ge* Schn ist!

D'e letzten Regierungshandlungen Kaiser Wilhelms waren fiie Einsetzung bes Prinzen Wilhelm zu feinem Stellvertreter und die Unter* zcichnm.g der zum Schluffe der Reichstagssesfion ermächtigenden Ordre. Wie es nun in Anbetracht der eingetretenen traurigen Sachlage mit den noch restiren- den Arbeiten des Reichstages werden wird, steht einstweilen dahin, wahrscheinlich ist jedoch, daß er seine Geschäfte unter Verzicht aus alle Formalitäten schleunigst obwickelt und bann vielleicht zur Proclamirung bes neuen Kaisers versammelt bleibt, denn den Reichstag bei dieser Lage der Dinge auseinander gehen zu lassen, erscheint doch wohl ausgeschloffeti. Was die Stellvertretung des Prinzen Wikbelm anbelangt, die auf ber kafferlichen Lerorbnung vom 17. November 1887 brühte, so ist bteselbe natürlich unter ben obwaltenben Verhältnissen hinfällig geworben, aber in Anbetracht ber Krankheit bes bisherigen Thronfolgers durfte *üe Frage, ob Prinz oder vielmehr nun Kronprinz Wilhelm nicht die Stelloer-