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Mittwoch den 11. Januar
Nr. 9
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.
Bureau r Schulstraße 7.
Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pst,
Darmstadt, 9. Januar. Seine Königliche Hoheit der Großherzog werden eines vorübergehenden Unwohlseins wegen Mittwoch den 11. d. Mt». weder Audienzen erthellen, noch Meldungen und Vorträge entgegennehmen.
Der für den 11. d. Mts. in Aussicht genommene Hosball ist bis aus Weiteres verschoben.
Darmstadt, 9. Januar. Se. Königl. Hoheit der Großherzog haben Allergnädigfi geruht:
Am 9. Januar dem Bürgermeister Johannes Weber II. zu Kirch-Göns, im Kreise Friedberg, das Allgemeine Ehrenzeichen mit der Inschrift: „Für langjährige treue Dienste" zu verleihen.
Berlin, 7. Januar. Dem Prinzen Wilhelm ist aus Anlaß des Jahreswechsels seitens der Berliner Hos- und Domprediger nachstehender Glückwunsch zugegangen:
Durchlauchtigster Prinz, gnädigster Herr! Durchlauchtigste Prinzessin, gnädigste Frau! Euren Königl. Hoheiten nahen sich die treugehorsamsten Hos- und Domprediger zum Beginn des neuen Jahres mit den innigsten Segenswünschen. Durch den Ernst der Zeit wie durch die schwere Heimsuchung, welche aus dem Königshause ruht, sind wir zu besonderer Fürbitte bewegt. Gott der Herr mit seiner Allmacht und Barmherzigkeit walte wie in vergangenen Tagen auch in Zukunst über unserm Vaterlande, er halte insonderheit seine Gnaoen- Hand über dem Leben Sr. Kaiser!. Hoheit des Kronprinzen und laffe denselben seine Durchhülfe und Tröstung reichlich erfahren. Eure Königl. Hoheiten aber und Ihr Haus segne der treue Gott über Bitten und Verstehen. Wenn Sie es in den letzten Wochen des alten Jahres erfahren haben, daß auch das lautere Sinh eten für die Arbeit des Reiches Gottes nicht ohne Widerspruch bleibt, so sei das Wort des Herrn Ihr Licht: „Wer mich bekennet vor den Menschen, den will ich auch bekennen vor meinem himmlischen Vater." In tiefster Ehrerbietung verharren Eurer Königl. Hoheiten unterthänigste Hos- und Domprediger.
Berlin, den 31. December 1887.
(gez.) Kögel. Stöcker. Schrader. Bayer.
Der Prinz hat hierauf die folgende Antwort ertheilt:
Potsdam, den 3. Januar 1888.
Das Hof- und Dom-Ministerium hat mich durch feine zur Jahreswende da^chrachten freundlichen Glück- und Segenswünsche wieder herzlich erfreut. Die mir ausgedrückte Theilnahme an dem Besinden Sr. Kaiser!. Hoheit des Kronprinzen, meines inniggeliebten Vaters, hat mit besonders tief gerührt. Ich beuge mich vor der Autorität der ärztlichen Wissenschaft, erhoffe aber mit den Meinigen und der gesammten Nation, daß die kräftige Natur meines Vaters, unter gnädiger Hülfe des Allmächtigen, die ernste Krankheit überwinden werde. Die von Ihnen erwähnten Mißdeutungen, welche mein Eintreten für das Wohl der geistig und körperlich Nothleidenden vielfach hervorgerusen hat, haben mich schmerzlich berührt, sie werden mich aber nicht abhalten, dem Vorbilde unseres erhabenen Kaisers und meines theuren Vaters folgend, unbeirrt von politischen Parteibestrebungen, stets zur Hebung des Wohles aller Nothleidenden nach Kräften beizutragen.
(gez.) Wilhelm, Prinz von Preußen.
An das König!. Hof- und Dom-Ministerium, z. H. des General-Superintendenten rc. Herrn Dr. Kögel, Berlin.
Berlin, 7. Januar. Von Amtswegen wird gegen die eigenmächtige Aenderung von Vornamen, wenn diese auch nicht in betrügerischer Absicht erfolgt, gewarnt, weil das öffentliche, staatliche wie Gemeinde-Interesse die Verhinderung derartiger Verdunkelungen fordert. •
— Der demnächst eingehende Staatshaushalt wird auch höhere Beträge für die Fortbildungsschulen und technischen Lehranstalten fordern. Pläne zu Steuerumgestaltungen liegen jedoch nicht vor.
— Bekanntlich hat der Kaiser am Neujahrstage erklärt, daß die Kaiser- Manöver sich diesmal auf das Garde- und brandenburgische Armee-Corps beschränken würden. An der Reihe war eigentlich das 9. (schleswig-holsteinische) Armee-Corps, und zwar hätten die Hebungen in Mecklenburg staltfinden sollen, doch wollte der Kaiser weitere Reisen vermeiden.
— Die Ausweisungen Deutscher aus Rußland dauern fort. So ist dieser Tage ein Lehrer, der 24 Jahre dort gewirkt, ausgewiesen worden und in bitterster Roth in Lyck angekcmmen. Dagegen sollen die Gewerbekammern Polens ermächtigt worden sein, allen israelitischen Ausländern, welche bisher ein Giloepatent erster Klaffe hatten, dasselbe auch für das laufende Jahr zu ertheilen. Das Posener „Tagebl." will dies aus guter Quelle erfahren haben.
— In unfern politischen Kreisen erwartet man, daß dem Reichstag schon bald nach seinem Zusammentritt am 17. Januar ein Nachtrags-Etat zugehen wird, der die Forderungen der Militärverwaltung für die aus der neuen Wehr- Vorlage hervorgehende Heeresverstärkung enthalten wird. Die Höhe dieser Forderung ist noch nicht genau bekannt. In sonst unterrichteten Kreisen wird angenommen, daß sie sich auf nahezu 100 Mill. »X belaufen wird. In andern Kreisen wird freilich diese Höhe bestritten. Jedenfalls hat bereits der Kriegsminister in der Reichstagssitzunq vom 16. December ausdrücklich darauf hinge- roiefen, daß durch Bekleidung, Bewaffnung und Ausrüstung der für den Kriegsfall in Aussicht genommenen Gesammtverstärkung des Heeres nicht unerhebliche einmalige Kosten entstehen werden.
Berlin, 9. Januar. Der Kaiser hat die letzte Nacht besser verbracht als die vorhergegangenen. Die katarrhalischen Erscheinungen gehen bereits zurück, doch mußte der Kaiser heute den größten Theil des Tages noch im Bette rubringen. — Die Nachrichten über das Befinden deS Kronprinzen lauten fortwährend günstig. ES wird namentlich berichtet, daß sein Aussehen ein sehr gutes sei. Von einem Herrn aus- seiner Umgebung, der vor Kurzem erst zurückgekehrt ist, erfahren wir, daß der Kron prinz thatsachlich wohler aussteht als vor Beginn des Leidens. --- Die Zuversicht in
Politische Ueberficht^
I Gieße«, 10. Januar.
Der Kaiser leidet seit einigen Tagen an Erkältung und hat der hohe Herr daher seine täglichen Spazierfahrten bis auf Weiteres eingejlettt. Im Uebrigen ist das Unwohlsein von keinem Belang und schlief der Kaiser in der Nacht von Samstag zum Sonntag, abgesehen von einigen Unterbrechungen , gut. „ , , , , anr-r« . rA
Der Ausgang der Reich sta gs-Ersatzwahl tm Wahlkreise Wirsitz-Schubin kann nur mit großer Genugthuung verzeichnet werden. Es siegte hierbei der Gutsbesitzer Poll, welcher von den vereinigten Deutschen als ihr alleiniger Candidat aufgestellt worden war, mit 8794 Stimmen über den Candidaten der Polen, Rittergutsbesitzer Graf Skorszewski, welcher 4122 Stimmen erhielt. Hiermit ist es den Deutschen gelungen, diesen Wahl- kreis zu behaupten, den sie am 21. Februar 1887 den Polen abnahmen und welcher seit jenem Tage durch den inzwischen verstorbenen Abgeordneten Falken- berg vertreten wurde. Der Wahlkreis galt lange Zeit hindurch als ein fester Besitz des Polenthums, bis es dem vereinigten Zusammenwirken der deutschen Parteien gelang, den heißumstrittenen Parlamentssitz für Wirsitz-Schubin der Sache des Deutschthums zu erobern. Wenn die Deutschen denselben auch letzt ungeachtet der Verbitterung unseres Parteilebens behauptet haben, so ist das nur erfreulich und berechtigt zü der Erwartung, daß der Wahlkreis den Deutschen nunmehr dauernd erhalten bleiben werde. Uebrigens ist die Zahl der diesmal abgegebenen Stimmen im Vergleich mit dem 21. Februar 1887 auf beiden Seiten nicht unbeträchtlich zurückgegangen. Dem Vernehmen nach wird sich auch Herr Poll, wie es schon sein Vorgänger im Mandat, Falken- bera qethan hat, der nationalliberalen Fraktion des Reichstages anschließen.
Zu einem merkwürdigen Titelstreit scheint der Angriff de» Reichs-Anzeiger»" aus dar Prädikat „Hoheit" führen zu wollen, welches der Gothaische Hofkalender dem Fürsten Ferdinand von Bulgarien gegeben hat. Rach dem „Reichi-Anzelger" soll dem Bulgareniürsten nur der Titel „Durch- lauchl" zukommen, während die Redaction des Hoskalenders in einer Zuschrift an verschiedene Zeitungen den Beweis zu führen sucht, daß dem Coburger sowohl al» Prinz des Hauses Coburg, wie als Herrscher Bulgariens da» Prädikat Hoheit" gebühre. Vielleicht wirb nun wieder der „Reichr-Anzeigsr" repliciren; jedenfalls wird aber dieser Streit von „Hoheit" contra „Durchlaucht" den Fürsten Ferdinand in seiner Stellung nicht erschüttern. — Vorliegenden Falles komme noch hinzu, daß derartige amtliche Mittheilungen der bulgarischen Regie- rung nur insoweit von Bedeutung, als sie vom Sultan sanctionirt seien; Bul- garien sei kein souverainer Staat und könne wie Egypten nur von der Pforte vertreten werden. , ,
Die englische Regierung geht gegen dieienigen irischen Deputirten, welche zugleich nationalistische Hetzapostel sind, mit wirklich merkwürdiger Stramm- heit vor. So wurde am Samrtag wieder einer der parnellitischen Hauplhähne, Lane, wegen aufrührerischer Reden in Dublin verhaftet, jedoch gegen Caulion einstweilen wieder aus freien Fuß geletzt. Am gleichen Tage kam er in Galway anläßlich der Einbringung des Agitator» Wilsred Blunt zu einem größeren Krawalle Die Volksmaffen begrüßten den Agitator enthusiastisch und verur- fachten Tumulte, so daß die Polizei mit blanker Waffe einschreiten mußte, wobei er an Verwundungen nicht fehlte. Blunt selbst wurde schließlich In da» Ge« sönoniß abaeiührt, welches stark bewacht wird.
" Dis Erhebung der bisherigen spanischen Gesandtschaft in Rom zum Range einer Botschaft ist nun ebenfalls erfolgt und übergab Graf Rarcon, der Vertreter Spaniens, am Sonntag dem König in feierlicher Audienz feine Beglaubigung al» Botschafter.
Mit großer Spannung steht man in Italien den nächsten Nachrichten au» Massauah entgegen, da der erste Zusammenstoß zwischen dem italienischen Expeditionr-Corpr und den Truppen des Regus augenscheinlich bevorsteht. Nach läng-rer Unterbrechung haben die Italiener ihre Vorwärtsbewegung wieder auf« genommen und besetzten ihre Vorposten Dogali, welches durch den ersten Ueber- fall der italienischen Truppen durch die Schaaren Ra» Alula'», de» abyssintschen Oberfeidherrn, eine so traurige Berühmtheit erlangt hat. Aus dm Dogalt beherrschenden Höhen soll ein kleines Fort errichtet «erden, um einen etwaigen abermaligen Vorstoß der Abyssinier hierdurch abzuschwächen; ferner war für Sonntag die Verlegung de» Hauptquartier» de« Oberstcommandirenden, General Marzano», nach Monkullo, also unmittelbar hinter die äußerste Front der ''.alieniichen Stellungen, angekündigt worden. Ueber die B-wegungm der Abysst- nier fehlen wieder einmal alle Nachrichten, indessen scheint e», daß der Negu» seinen begonnenen Vormarsch unterbrochen hat, um die Italiener in vorthetl« Hafter Stellung am Rande de» Hochlande», da» hinter den Felsenschluchten von Saati und Dogali aussteigt, zu erwarten. Vielleicht, daß schon die nächsten Tage di- Kunde von dem ersten Zusammenstöße zwischen den Truppen Marzano'» und den Abyssiniern bringen.


