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M. 264 Samstag den 10 November 1888.

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn«

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf«.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

Ärrrearrr Schul st raße 7.

Politische Rundschau.

Gießen, 9. November.

Die ablaufende Woche stand in Bezug auf die innere Politik vollständig unter fc.-m Zeichen der Slbgeordnetenwahlen in Preußen, mit welchen der diesmalige Wahlkampf nunmehr definitiv abgeschlossen ist. Ein Ueberblick über das Gesammt- «rgebnitz der Wahlen vom 6. November zeigt, daß die Prognose, die man unmittelbar mach den Urwahlen hinsichtlich der Zusammensetzung des neuen preußischen Abgeordneten- tzauses stellen konnte, daß nämlich die letztere keine einschneidende Veränderungen er- Seiden würde, im Wesentlichen richtig war. Immerhin sind aber natürlich verschiedene Verschiebungen in den gegenseitigen Stärkeverhältnissen der Fractionen erfolgt und fftellt sich das Bild des neuen Abgeordnetenhauses im Vergleiche init dem alten Hause folgendermaßen dar, wobei die Ziffern in den Klammern die bisherige Stärke der 'Parteien bedeuten. Eonseroative 131 (138), Frerconservative 67 (62), National- Siberale 87 (72), Freisinnige 29 (40), Centrum 99 (98), Polen 14 (15), Dänen 2 (2), Welfen 1 (2), Wildltberale 3 (5). Doch selbst diese Ziffern dürften noch nicht als endgilttg feststehende zu bezeichnen sein, da bei den Conseroativen und wohl auch bei Iden Naiionalliberalcn verschiedeneHospitanten" auftauchen werden und so wird erst Las amtliche Fracttonsoerzeichntß des Abgeordnetenhauses die endgültige Berichtigung lbrtngen. Jedenfalls wird aber auch die neue preußische Volksvertretung wiederum das Doppelgesicht einer conservatio-nationalliberalen und einer conservativ - clertcalen Mehrheit aufweisen und ist also in den grundlegenden Parteiverhältnissen des Abgeordneten­hauses durch die Neuwahlen nichts geändert worden. Für die Freisinnigen haben sie Freilich doch recht empfindliche Verluste gebracht, denn diese Partei sieht die Zahl ihrer Vertreter im Abgcordnetenhause von 40 auf 29 heraogemindert, sie hat also fast ein Viertel ihrer Mandate eingebüßt, darunter diejenigen für eine Anzahl großer Städte, rote Altona, Frankfurt a. M., Breslau (3), Königsberg und Halle a. d. S., sie wird also noch weniger als bisher ihr Gewicht in der Volksvertretung des größten deutschen Bundesstaates geltend zu machen vermögen.

Das neugewählte preußische Abgeordnetenhaus wird indessen verfassungsmäßig erst kommenden Januar einberufen werden und somit wendet sich das Interesse vorerst nur dem Reichstage zu, der in übernächster Woche zu seiner Winterfession zusammtritt, Dbwohl die amtliche Bekanntgabe des Tages seines Zusammentrittes noch immer nicht erfolgt ist. Auch diesmal harren des Reichstages wichtige Aufgaben und werden an chrer Spitze die Vorlagen über die Alters- und Invalidenversicherung der Arbeiter, über die Reorganisation unserer Marine und über die Reform des Genossenschafts­wesens stehen, während die Erörterung über den Entwuf des allgemeinen bürgerlichen Gesetzbuches vermuthlich erst einer späteren Reichstagssession vorbehalten bleiben wird. Dagegen wird die bevorstehende Session unzweifelhaft wieder lebhafte Verhandlungen über die Colonialpolittk Deutschlands bringen, zu denen in erster Linie die Vorgänge in Ostafrtka die Basis abgebcn werden und steht von diesen Verhandlungen zu er­warten, daß sie bestimmte Aufschlüsse über das fernere Einschreiten der Retchsregierung rin Ostafrika bringen.

DerReichsanzeiger" meldet, daß der Kaiser den Staatssecretair im Reichs- . -schahamle, Freiherr» von Maltzahn-Gültz, mit der Stellvertretung des Reichs­kanzlers in Finanzangelegenheiten beauftragt hat.

In Oesterreich hat die Berufung des Czechenfreundes Grafen Schönborn in Las Ministerium Taaffe jetzt einen hocherfreulichen Vorgang gezestigt, die Vereinigung Les deutsch-österreichischen und des deutschen Clubs des Abgeordnetenhauses zu einer «einzigen Fraction derVereinigten deutschen Linken". Bekanntlich spaltete sich die Leutschltberale Opposition des österreichischen Abgeordnetenhauses infolge tiefgehender Meinungsverschiedenheiten seinerzeit in drei Richtungen: in die Clubs der deutsch- Lfterretchischen, der deutschen und der antisemitisch angehauchten deutschnationalen Frac- itton, und diese beklagenswerthe Spaltung geschah selbstverständlich zu Ungunsten des : Einflusses und des Ansehens der deutschen Opposition. Was aber alle Maßnahmen Les Ministeriums Taaffe nicht herbetzuführen vermochten, das hat jetzt die Berufung Les Grafen Friedrich Schönborn, dieses czechisch-feudalen Heißspornes, in die Negierung Lewirkt, die Verschmelzung wenigstens zweier Gruppen der Oppositionen, während die , Hührer der Deutschnationalen die Erklärung abgegeben Haven, sie würden in ent- ^scheidenden Fragen mit den übrigen Liberalen zusammengehen, so daß die deutsch- ! liberale Partei des österreichischen Abgeordnetenhauses ihre parlamentarische Stellung -wesentlich verstärkt sieht. Die Vereinigung des deutsch-österreichischen und des deutschen Clubs ist auf nachstehender Grundlage erfolgt: Wahrung der Staatseinheit, Schutz des Deutschthums und der berechtigten Stellung der Deutschen in Oesterreich, sowie : Erhaltung un Entwickelung freiheitlicher Verfassungsgrundsätze.

Die Angelegenheit der französischen BerfassungSrevifion entwickelt sich in ziemlich schleppender Weise. Von der berühmten Revisionscommission der Deputirten- -kammer wurde am Mittwoch der Beschluß, mit 6 gegen 4 Stimmen, gefaßt, daß die Revision der Verfassung von einer eigens für diesen Zweck zusammenberufenen con- stituirenden Versammlung vorgenommen werden soll. Bis zum glücklichen Zusammen­tritte dieser Versammlung wird aber wohl noch mancher Tropfen die Seine hinunter- flteßen______________________________

Lokales.

Gießen, 10. November. ^Sitzung Großherzogl. Handelskammer Gießen vom 22. October 1888.] Gegenwärtig waren die Herren Commercienrath Silbereisen, F. C. B. Koch, Gail, Heichelheim, Klingspor, Kraatz und Schirmer.

Herr F. C. B. Koch reterirte eingehend über den Gegenstand der Tagesordnung, betr. die Einführung von Kilometerbillets, und faßte die Kammer danach, entsprechend dem Anträge des Referenten, folgende Resolution:

1) Es ist zu erstreben, daß die Personentaxe unter Beseitigung des Frei­gepäcks eine wesentliche Reduction erfahre, sei es durch Schaffung von Kilometerbillets oder Zonenbillets, welche gleich jenen den Reisenden eine freiere Bewegung gestatten.

2) Bezüglich der Geväcktaxe ist auf eine einheitliche Reform und Reduktion der Taxe auf billigste Sätze hinzuwirkeu, sowohl im Interesse des Fahr­gastes wie auch im Interesse der Bahnverwaltung selbst, durch die da­durch ermöglichte bessere Ausnutzung des Fahrparks bei der vermiedenen Versperrung des Raumes durch Gepäck für das reisende Publikum.

Bei der Frage der wiederholt schon angeregten Abänderung des Markenfchutz- gesetzes wird zur Vorbereitung eines Referats und Stellung von Anträgen tn einer der nächsten Sitzungen der Handelskammer eine Commission, bestehend aus den Herren Gail, Klingspor und Sckirmer, erwählt.

Auf die nächste Tagesordnung soll die Wahl der vorzuschlagenden Handelsrichter für die neu beginnende Wahlperiode gesetzt werden.

Der Handelskammer geht eine Mittheilung über das Verbot der Einfuhr salicylhaltiger Biere nach den Philippinen zu, über dessen näheren Inhalt auf Wunsch den Interessenten Auskunft erthellt werden wird.

Von Großh. Ministerium des Innern und der Justiz wird die Kammer benach­richtigt, daß die von der Konigl. italienischen General-Zolldtrection unter dem 29. Feb­ruar d. I. erlassene Verfügung, wonach Poststücke (colis postaux) auch ohne Ursprungs­zeugnisse lediglich auf Grund der von dem Absender ausgestellten Declaration zu den Vertragszöllen abgefertigt werden, hinsichtlich der aus Deutschland stammenden Maaren eine Aendcrung nicht erfahren hat, vielmehr nach wie vor in Kraft steht.

Herr Commercienrath Silbe reisen übernimmt auf's Neue die in letzter Zeit von Herrn Koch versehenen Geschäfte des Präsidenten der Kammer, seinen Dank für die Stellvertretung aussprechend.

Gießen, 9.November.George Sand und ihre Stellung in der Welt- litteratur" war das Thema, das Frl. Dr. Mensch ihrem letzten Vortrage zu Gunsten eines Lehrerinnenheims zu Grunde gelegt. In der Einleitung führte Rednerin den Gedanken aus, daß keines Landes politische Zustände im Zeitraum eines Menschen­lebens einen so kaleidoskopartigen Anblick gewähren, als die Frankreichs während der Jahre 18041876, der Lebensjahre George Sands. Ihre Jugend fiel in die Zeit höchster Blüthe des Landes unter Napoleon L, die Restauration, das Revoluttonsjahr, das zweite Kaiscrthum und dessen Sturz, alles das sah sie und fühlte lebhaft mit ihrem Vaterland.

Aurora Dupin wurde am 5. Juli 1804 zu Paris geboren, Väterlicherseits eine Urenkelin des Marschalls Moritz von Sachsen aus königlichem Blute also, wie sie selbst gelegentlich halb scherzhaft heroorhob, während ihre Mutter den niederen Volksschichten entstammte. Nach dem frühen Tode ihres Vaters, der Offizier gewesen, nahm ihre Großmutter Duptn auf ihrem Gute Nohaut im Serri, eine eifrige An­hängerin Voltaires, ihre Erziehung in die Hand. Von 18171820 wurde sie den

Telegraphische Depeschen.

«volN'S teuer. «Korrespondenz. «urea«.

Berlin, 8. November. Sicherem Vernehmen nach ist für die Eröffnung drS Reichstags der 22. November in Aussicht genommen.

DenBerl. Poltt. Nachr." zufolge sind die Meldungen einer bevorstehenden Liquidation der beutsch-ostafrikanischen Gesellschaft falsch, im Gegentheil erblicke man maßgebenden Ortes in der Thatsacbe, daß Deutschland und England gemeinsam das Araberthum bekämpfen werden, einen Grund mehr dafür, den deutschen Besitz fest­zuhalten. Das deutsch-englische Abkommen dürfte demselben Blatte zufolge dem­nächst veröffentlicht werden.

DreS-en, 8. November. Der König empfing heute den bisherigen öster­reichischen Gesandten Herbert-Rathkeal, welcher sein Abberuf ungsfchreiben übergab, und darauf Graf Chotek als den neuernannten Gesandten, welcher sein Beglaubigungs­schreiben überreichte. Beide Gesandten hatten auch bei der Königin Audienz.

Hamburg, 8. November. Carl Schurz reift am nächsten Sonntag mit der Hammonia" nach Newyork ab.

Bern, 8. November. Nach der officiellen Ausstellung der muthmaßlichen Bundes*' ausgabe für das nächste Jahrzehnt werden außer den für die militärische Sicherung des- Gotthard beschlossenen 2'/z Millionen weitere 3.Millionen für die Lavdesbefestigung tn Aussicht genommen.

DariS, 8. November. Es heißt, der Chef der öffentlichen Sicherheit hätte in der verflossenen Nacht etwa 20 Verhaftungen anläßlich der jüngsten Explosionen, die im Marktballen-Viertel stattfanden. vornehmen lassen. Unter den Verhafteten befinden sich drei Mitglieder des ComitS's der Kellner. Der Polizeipräfekt erließ einen Befehl, wonach alle diejenigen Bürger verhaftet werden, die in der letzten öffentlichen Ver­sammlung durch Reden zu Mord und Plünderung aufreizten.

London, 8. November. DerSt. James Gazette" zufolge erhielt das Panzer­schiffAgamemnon", welches dem Mittelmeergeschwader angehört, Befehl, nach Zanzibar abzugehen.

Sevilla, 8. November. Die feindlichen Kundgebungen gegen Canovas del Castillo, den Führer der spanischen Conseroativen, haben sich heute wiederholt. Eine starke Menschenmenge bewegte sich unter Pfeifen und dem Rufe:Nieder mit Canovas, dem Verräther!" in den Straßen. Canovas verläßt morgen die Stadt.

Rewyork, 8. November. Die Majorität der Republikaner im Repräsentanten­hause dürfte eine geringe sein.

Newyork, 8. November. Stunmehr steht fest, daß Harrison auch in Carlifornien und Indiana gesiegt hat.

man hat den Zaren schon einigemal allein in seinem Zimmer in Thränen gefunden. Für die Htntecdliebenen ist in sehr reichlicher Weise Fürforge getroffen worden. That- soche ist, daß der Zar darauf bestanden hat, schnell zu fahren, und den abrathendm Verkehrsminister Possjet bet einer Gelegenheit sogar recht hart angelassen hat. Ein starkes silbernes Cigarren-Etui, welches der Zar in der rechten Hosentasche trug, ist fast ganz platt gedrückt; die Quetschung ist sehr schmerzhaft. (K. Ztg.)

Deutschland.

Darmstadt, 8. November. Das Großherzogliche Regierungsblatt Nr. 33 enthält:

Bekanntmachung Großherzoglichen Ministeriums der Finanzen, die Errichtung von Uebergangsstelle» betreffend

Nutzland.

PeterSbnr-, 8. November. Der Zar ist durch den Eisenbahnunfall doch mehr erschüttert worden, als man seiner Natur nach annehmen mußte; fortwährend beschäfti­gen ihn die vielen Opfer nnd der Schmerz der Hinterbliebenen; es ist schwer, ihn auf andere Gedanken zu bringen, sowie er sich an seinen Arbeitstisch setzt, fehlt ihm sein steter Begleiter: der große Hund, der sonst immer zu seinen Füßen log und der Beim Unfall umkam. Dieser Umstand ruft ihm wieder alles in die Erinnerung zurück;