Nr. 2S7 Mittwoch den 10. October 1888.
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Vur.au- Schulstraße 7. Erschein, täglich mit Ausnahme des Montags.
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Amtlicher Hßeit.
Betreffend: Ausbruch der Schasräude unter den Schafen zu Lang-Göns.
Bekanntmachung.
Nachdem über die Schafheerde des Schäfers K. Boller zu Lang-Göns wegen Ausbruchs der Räude die Sperre bereits verhängt worden ist, wird über die Heerde des Schäfers K. Großhaus, weil sie mit der erstgenannten Heerde bisher dasselbe Weideland benutzte und deshalb der Ansteckung an Räude verdächtig ist, die Gemarkungssperre gleichfalls hierdurch verfügt, ^stattet ist die Ausführung von Schafen nur zum Zweck dortiger Abfchlachtung. In jedem einzelnen Fall, in welchem dieselbe erfolgen soll, ift unsere Erlaubnis einzuholen. Zuwiderhandlungen unterliegen der gesetzlich Strafe.
Gießen, am 5. October 1888. Großherzogliches Kretsamt Gießen.
v. Gagern.
Deutschland.
][ Darmstadt, 8. October. Wie schon telegraphisch kurz gemeldet, ist Seine Königliche Hoheit der Großherzog gestern Nachmittag 3/J Uhr von seinem Jagdausflug in die Bukowina hierher zurückgekehrt. Höchstderselbe wurde an dem Bahnhofe von dem Erbgroßherzog und den Prinzen Heinrich und Wilhelm begrüßt. Da die im Neuen Palais nothwendigen Reparaturen inzwischen beendigt worden waren, so ist der Großherzog wieder in seinem gewohnten Heim abgestiegen. Auch der Erbgroßherzog und die Prinzessin Victoria wohnen jetzt wieder im Neuen Palais, woselbst auch die Prinzessin Heinrich von Preußen, geborene Prinzessin von Hessen, Dienstag zu Besuch erwartet wird.
Berlin, 8. October. Das Octoberheft der „Deutschen Rundschau" ist heute Abend noch nachträglich confiscirt worden.
Hamburg, 8. October. Der hiesige „General-Anzeiger" theilt mit, daß Ge- Heimrath Geffcken jetzt den Rechtsanwalt Dr. Wolffsahn mit seiner Vertheidtgung beauftragt habe. Dieser habe heute im Untersuchungsgebäude die Akten eingesehen und werde eoent. den Antrag auf Haftentlassung Geffcken's stellen. Nach dem obigen Blatt wird die Untersuchung in Hamburg weitergeführt werden. Das Entmündigungs-Ver- - fahren nehme den gewöhnlichen Gang; über dasselbe entscheide das hiesige Gericht. Falls die Entscheidung Geffcken entmündige, müsse das Reichsgericht dieses Erkenntniß mindestens in Erwägung ziehen.
Hestrrreich.
Wie«, 7. October. Kaiser Wilhelm ist von dem Plane, auf seiner Rückreise nach Rom nochmals Wien zu berühren, um den Prinzen Heinrich von Preußen dem Kaiser Franz Josef vorzustellen, zurückgekommen, da dies nur unter Abkürzung des italienischen Aufenthalts hätte zur Ausführung gebracht werden können.
Mürzsteg, 8. October. Nach zwölfstündigem Regen fällt unaufhörlich dichter Schnee bei sehr niedriger Temperatur. Beide Kaiser fuhren erst um 10 Uhr zur Jagd in Lahngraben, wohin die übrigen fürstlichen Gäste bereits um 8 Uhr sich be- -.geben haben. (F. Z)
Telegraphische Depeschen.
rs-lst'S teuer. Eorresporrder,,. Bure««.
Berlin, 8. October. Die Kaiserin Friedrich ist mit den Prinzessinnen-Töchteru, begleitet vom Kronprinzen von Griechenland, heute Abend 9 Uhr 15 Min. hier wieder eingetroffen
Berlin, 8. October. Heute Nachmittag fand eine längere Sitzung des Staats- miniftertums statt.
— Dem Vernehmen nach begibt sich der Staatsminister v. Bötticher demnächst nach Friedrichsruh.
Stuttgart, 8. October. Der „Staatsanzeiger" meldet: Der König empfing heute den consulttrenden Leibarzt. Seit lange besteht beim König eine erhöhte Neigung zu katarrhalischen entzündlichen Erkrankungen der Athmungsorgane. Diese Prädisposition ist um so mehr zu berücksichtigen, als gleichfalls schon jahrelang Veränderungen innerhalb des Gefäßsystems vorhanden sind, welche im Falle des Hinzutretens neuer Gesundheitsstörungen eine Wiederherstellung erschweren würden. In Erwägung dieser Umstände waren die Aerzte der entschiedenen Ansicht, daß der König noch vor Eintritt der rauhen Jahreszeit den Winteraufenthalt im Süden aufsuchen möchte. Der König reift am 20. d. M. nach der Riviera ab. Die Königin folgt später dahin nach.
Hamburg, 8. October. Der Betuch des Kaisers ist nunmehr bestimmt für den 29. d. M. erroartbar. Der Kaiser wird an diesem Tage, der Einladung des Senats entsprechend, an der Einweihung und Besichtigung der Zollanschlußbauten theil- nehmen, dem daran sich anschließenden Festmahle beiwohnen und Abends nach Berlin zurückkehren.
Karlsruhe, 8. October. Die Ueberftebelung des Großherzogs und der Großherzogin von Mainau nach Baden-Baden erfolgte früher als beabsichtigt war, wegen schwerer Erkrankung der Prinzessin Marie von Baden, Herzogin von Hamilton.
Mürzsteg, 8. October. In der heutigen Treibjagd in dem gemsenreichen Lahn- graben nahmen Oie beiden Kaiser und die Jagdgäste, ausgenommen den König von Sachsen, Theil. Das Jagderpebniß war trotz des anhaltenden Regenwetters sehr günstig; es wurden 5 Hirsche, 3 Thiere und 19 Gemsen zur Strecke geliefert. Kaiser Wilhelm schoß 4 Gemsböcke, Kaiser Franz Josef 1 Gemsbock, Prinz Leopold von Bayern 5 Gemsen. Die Rückkehr von Der Jagd erfolgte gegen 5 Uhr. Morgen findet Treibjagd in Kaltenbach statt.
Paris, 8. October. Der „Temps" hebt in feiner Besprechung der Reife Ear- not's hervor, daß demselben von feiner Seite der Wunsch nach einer Verfassungs- Revision kundgegeben worden sei. Das Land wolle den Frieden und die Stabilität im Interesse der Arbeit, es denke gar nicht an die Verfassungs-Revision. Das Blatt spricht sich deßhalb lebhaft gegen den Floquel'schen Revisions-Entwurf aus.
— Die „Nation" erwähnt ein Gerücht von bevorstehenden Minister - Veränderungen, da über die Revisionsfrage im Eabinet Meinungsverschiedenheiten aufgetaucht seien. Wahrscheinlich werde Floquet zurücktreten und durch Goblet ersetzt werden.
London, 8. October. Dem Bureau Reuter wird aus Simla gemeldet: General Mac Gueen langte mit der dritten Eolonne der Expedition in's Schwarze Gebirge gestern auf dem Hochrücken hinter dem Schwarzen Gebirge an. Er wurde vom Feinde hart bedrängt, 3 Sepoys wurden getöbtet und 2 verwundet. Bei einer Rekognos-
cirung der Abtheilung der Expedition unter starkem Feuer des Feindes wurdm 3 Mann getöbtet.
Athen, 8. October. Der griechische Dampfer „Byzantios" ist bei der Insel Syra gescheitert; die Pasiagiere sind gerettet und die Postsendungen geborgen.
Darmstadt, 9. October. fPrtvatdepesche.j Prinz Alexander von Hessen ist an chronischem Unterleibsleiden erkrankt.
Darmstadt, 9. October. Prinzessin Heinrich von Preußen ist heute Vormittag hier angekommen, von der Großh. Familie und den Spitzen der Behö den begrüßt« Die Stadt ist beflaggt.
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Gießen, 9. October. Ihre Kgl. Hoheit Prinzessin Heinrich von Preußen passirte beute Morgen mittelst dem um 8 Uhr 10 Min. eintreffenden Schnellzuge die hiesige Station. Die Herren Provinzialdirector Frhr. v. ©agern, der Rector der Landesuniversität Prof. Dr. Bostroem, Oberbürgermeister Bramm, Gensdarmerie- Districts-Eommandeur Major Eullmann und Polizeirath Fresenius waren an- wesend; Empfang fand jedoch nicht statt.
Gießen, 9. October. Wie einige Darmstädter Blätter melden, wurde Herr Landgerichtsrath Bonhard an Stelle des verstorbenen Herrn v. Her ff zum Landgerichtsdirector am Darmstädter Landgericht ernannt und Herr Landgerichtsrath Dr. Gilmer von hier in gleicher Eigenschaft nach Darmstadt versetzt, wahrend die Herren Amtsrichter Scriba von Zwingenberg und Linkenheld von Nidda zu Mitgliedern des Landgerichts der Provinz Oberhessen ernannt wurden.
Gießen, 9, October. (Sitzung Großherzogl. Handelskammer vom 17. September 188«.] Gegenwärtig waren die Herren F. E. B. Koch, Heichelheim, Katz, Kling spor und Kraatz.
Die König!. Eisenbahn-Direktion Hannover theilt mit, daß man die Aufhebung der Omnibuszüge Nr. 427 (ab Friedberg 4") und Nr. 428 (ab Gießen G35) wegen Abnahme ihrer Frequenz in's Auge gefaßt habe, weßhalb man die Interessenten darauf aufmerksam macht, mit der Empfehlung, auf Hebung der Frequenz geeignet hin- zuwirken.
Ein Antrag der Firma Nowack u. Schlüter, die Bahnfracht für Kaffee betreffend, bereit Herabsetzung auf den früheren Satz gewünscht wird, soll der Vertreter der Kammer im zuständigen Eisenbahnrathe zur Kenntniß desselben bringen und ihn eoent. in der erforderlichen Weise unterstützen.
W gen der in Anregung gebrachten Fragen, betreffend Besteuerung b Eonsumvereine, soll zunächst bei den hessischen Handelskammern angefragt werden, oo in dieser Angelegenheit schon Schritte gethan seien und ob eventuell auf ein gemeinsames Vorgehen der Kammern gerechnet werden könne.
Die am 19. Juni in Dresden zusammengetretene Vereinigung deutscher Tabak- und Eigarren-Jndustriellen hat folgenden dem Bundesrath vorgelegten Beschluß gefaßt: „Die versammelten Interessenten der Tabak-Industrie erklären es für „erforderlich, daß für Zahlung des Zolles auf Tabak eine Ereditfrift von „mindestens 6 Monaten eingeräumt wird, da der verzollte Tabak nicht als „Handelsartikel, sondern als Fabrikationsmatertal zu betrachten ist und „demgemäß die gleiche Berücksichtigung verdient, welche anderen Jndustrie- „zweigen für ihre Verbrauchsabgabe, als Spiritus, Zucker u. s. w. eins „geräumt ist und wie sie auch für die Besteuerung des inländischen Tabaks „bereits gewährt wird."
Die Handelskammer schließt sich dieser Erklärung an, unter Billigung der weiter ausgeführten Motive des Beschlusses und soll derselbe bei demBundesrathe in gleicher Sinne unterstützt werden.
Im Anschluß an die Mittheilungen des Ausschusses des deutschen Handelstages, betreffend die bei demselben eingegangenen Anträge und Gutachten über eine angeblich erforderliche Abänderung der Eoncursordnung vom 10. Februar 1877 hat sich die Handelskammer ebenfalls mit dieser Materie beschäftigt und wird dieselbe wiederholt Gegenstand der Tagesordnung der Handelskammer bilden.
Der Handelskammer liegen Mittheilungen über einen unreellen Geschäftsbetrieb in Aokobama und über Verfälschung des Olivenöls in Süd-Frankreich vor, was mit dem Anfügen bekannt gegeben wird, daß Anfragen über den Inhalt dieser Mittheilungen zunächst an die Handelskammer zu richten sind.
Gießen, 8. October. „Byron und feine Schule" betitelte sich die gestrige erste der drei Vorlesungen, die Fräulein Dr. Mensch zum Besten des Lehrerinnenheims gehalten hat.
In der Einleitung führte die Rednerin, die beim hiesigen Publikum noch in gutem Andenken steht, aus, daß man mit Unrecht von der „satanischen Schule", wie Lord Byron und seine Nachfolger genannt werden, die Einführung des Weltschmerzes in die Literatur batire; vielmehr sei bieselbe schon auf ben Beginn der Wertherepoche, 37 Jahre vor Erscheinen der ersten Gesänge von „Ehilbe Harolb", zurückzuführen.
Hieran schloß sich, in fesselnber Darstellung, eine Würdigung Byrons, dieses größten Dichtergeistes, den England seit Shakespeare und Milton bervorgebracht. Daß Dieser als Dichter wie als Mensch vielfach mißverstanden und falsch beurteilt worden, belegte Fräulein Mensch durch ein großes Eilat, das Byron's Weltschmerz „als Komödie brandmarkt, durch die sich der Jüngling doppelt interessant machen wollte; alle seine Dichtungen seien unwahr und verlogen, seinen Ruhm verdanke er vornehmlich dem weiblichen Lesepublitum."


