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Nr. 185 Freitag den 10. August 1333.
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Bureau r Schulstraß° 7. Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags. Rrch
Amtlicher Hßeit.
Nr. 34 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 6. d. M., enthält:
(Nr. 1819.) Verordnung, betreffend die Ausführung der am 9. September 1886 zu Bern abgeschlossenen Uebereinkunft wegen Bildung eines Internationalen Verbandes zum Schutze von Werken der Literatur und Kunst. Vom 11. Juli 1888.
(Nr. 1820 ) Bekanntmachung, betreffend den Beitritt Luxemburgs zu der am 9. September 1886 zu Bern abgeschlossenen Uebereinkunft wegen Bildung eines internationalen Verbandes zum Schutze von Werken der Literatur und Kunst. Vom 30. Juli 1888.
Gießen, den 8. August 1888. Grobherzogliches Kreisamt Gießen.
I. V.: Jost.
Politische Rundschau.
Gießen, 9. August.
Am Berliner Hofe sieht man für diesen Sonntag dem Besuche eines erlauchten <Nastes, des Königs Dom Luis von Portugal, entgegen. Bereits vor zwei Jahren weilte der portugiesische Herrscher anläßlich einer größeren Reise durch Europa in Berlin; diesmal gedenkt der König Dom Luis einen längeren Aufenthalt in Deutschland zu nehmen, da er in einem deutschen Bade Heilung von einem Winterleiden suchen will. Mit seiner Gemahlin, welche ebenfalls eine Reise nach Osteuropa angetreten hat, beabsichtigt der König später in Gastein zusammen zu treffen, worauf das portugiesische Königspaar nach Turin reisen wird, um der hier am 11. September stattfindenden Vermählung des Herzogs von Aosta, des Bruders des Königs Humbert, mit der Prinzessin Lätitia Bonaparte beizuwohnen.
Obwohl über das Reiseprogramm Kaiser Wilhelm- für den Spätsommer und Herbst noch keine endgültigen Daten bekannt sind, so steht doch jetzt so viel fest, daß sich der erlauchte Monarch im October nach Wien und Rom zum Besuche der dortigen Höfe begiebt. Ebenso gilt nunmehr als bestimmt, daß der Kaiser nach Beendigung der großen Manöver des Gardecorps und des brandenburgischen Armeecorps den Schlußmanövern des Uebungsgeschwaders in der Ostsee beiwohnen und zu diesem Behufe in der zweiten Septemberwoche in Danzig eintreffen wird; gegen Ende des September steht dann ein Besuch des Kaisers in den Retchslanden zu erwarten.
Der italienische Kronprinz, Victor Emanuel, traf am Mittwoch, von München kommend, in Dresden zu einem Besuche seiner erlauchten Verwandten ein. Da indessen das sächsische Königspaar erst am 15. d. M. von seiner scandinavischen Reise in Dresden zurückerwartet wird, so dürften die Majestäten bei ihrer Rückkehr den italienischen Thronfolger nicht mehr begrüßen können.
Die Veränderungen in den höheren Posten der preußisch-deutschen Armee sind anscheinend noch lange nicht abgeschlossen. So hat nach sichern Meldungen der Kaiser das Abschiedsgesuch des commandtrenden Generals des 15. Armeecorps, v. Obernitz, bewilligt und zu dessen Nachfolger den seitherigen Commandeur der 1. Garde- Division, Generallieutenant v. Schlichttng, ernannt. Mit General von Obernitz scheidet einer der verdienstvollsten Generäle, dem u. A. auch die württembergtsche Armee ihre Reorganisation nach preußischem Vorbtlde verdankt, aus dem Heeresdienste. Weiter soll General v. Albedyll, der bisherige Ehef des Militär-Cabinets, zum Führer des 7. Armeecorps ernannt worden sein.
In der französischen Hauptstadt sind die Straßenkravalle anläßlich des Arbeiterstrikes noch immer an der „Tagesordnung" und namentlich finden zwischen den strikenden Friseuren und Kaffeehauskellnern einer- und der Polizei anderseits täglich Zusammenstöße statt. Jedmfalls spielen in der Pariser Strikebewegung die anarchistischen Elemente eine leitende Rolle und unter diesem Einflüsse nehmen die Straßenaufläufe in Paris mehr und mehr einen revolutionairen Character an; nur die französische Regierung, nach ihrer bisherigen schwächlichen Haltung den Strikenden gegenüber zu urtheilen, scheint sich über diesen bedenklichen Eharakter der Strtke- bewegung noch immer im Unklaren zu sein. Größere Ruhestörungen fanden in Paris am Spätabend des Dienstag in den Vierteln Rochechuart und Belleville statt, wobei zwei Kaffeehäuser geplündert und mehrere Tumultuanten und Polizisten verwundet wurden. — In Amiens ist es der Polizei gelungen, die Ordnung aufrecht zu erhalten, trotz mehrfacher Versuche der Strikenden, die Ruhe auf's 9?eue zu stören.
Seit Montag debattirt das englische Unterhaus abermals über die bekannte Parnell-Bill, die nunmehr zur dritten Lesung steht. Auch diesmal haben die Ver- handlungen des Unterhauses einen sehr breitspurigen Anlauf genommen und eine Menge von Amendements gebracht, durch deren Erörterung sich auch die dritte Lesung der Bill in die Länge zu ziehen droht. Schließlich ist der eigentliche Zweck all' Vieser langwierigen Debatten, nämlich die Einsetzung einer richterlichen Commission zur Untersuchung der Anklagen der „Times" gegen Parnell, gar nicht werth, daß das Parlament auf ihn so viel Zeit und Mühe verwendet hat.
Auch von russischer Seite werden jetzt die Meldungen Berliner Blätter von dem weittragenden Frtedenscharakter der Petersburger Kaiserzusammenkunft bestätigt. Das „Journ. de St. Petersb." constatirt in Uebereinstimmung mit obigen Meldungen, daß die Entrevue der beiden Kaiser ein vollständig friedliches Resultat ergeben habe; hoffentlich werden deren Wirkungen nun bald auch aller Welt ersichtlich hervortreten. Ferner weiß die „Köln. Ztg." aus Petersburg zu melden, daß sich der Czar seit dem Besuche Kaiser Wilhelms in weit heiterer Gemüthsstimmung befinde, als zuvor. Dem Vernehmen nach reist der Czar am 6. September zu den großen Manövern in Finnland ab und tritt hierauf die schon längst geplante Reise nach dem Kaukasus an.
Telegraphische Depeschen.
Wollf'S telegr. Eorresponden,. Bureau.
Berlin, 8. August. Seine Majestät der Kaiser, welcher hier übernachtete, machte heute früh eine längere Ausfahrt, nahm dann die regelmäßigen Vorträge entgegen und arbeitete mit dem Chef des Civilkabinets. Mittags kehrte der Kaiser nach Potsdam zurück.
— Gutem Vernehmen nach sind die kommandtrenden Generäle v. Wihendorff und Treskow zur Disposition gestellt worden. General Albedyll ist zum komman- direnden General des 7., General Leszynskt zum kommandtrenden General des 9. Armeekorps, General v Hahnke definitiv zum Chef des Militärkabinets ernannt worden.
Berlin, nugust. Die „Nationalzeitung" vernimmt, Fürst Bismarck habe sich in ungemein befriedigter Weise über das Ergebniß der Petersburger Kaiserzusammenkunft ausgesprochen. Das positive Ergebniß derselben sei die Knüpfung eines Verhältnisses gegenseitigen Vertrauens zwischen den Herrschern beider Reiche, i womit nach menschlichem Ermessen eine Periode der Beruhigung und auf Jahre , gesicherten Friedens sich eröffnet.
Berlin, 8. Aug. Die „Rordd. Allg. Z." bleibt gegenüber einem Artikel deS „Nord" über die Massauahfrage bet ihrer Behauptung, daß die Initiative zur Störung des französisch-italienischen Einvernehmens auf französischer Seite zu suchen sei- Frankreich habe so gut wie keine Handelsinteressen in Massauah, welche die Hinsenduna i eines Consuls nothwendig gemacht hätten; indem es die Griechen Massauahs unter feinen Schutz nahm und dieselben zum Prorest gegen die Besteuerung bewog, habe es sich nur an Italien reiben wollen. Der Vorgang zeige, daß Frankreich am wenigsten von allen Mächten Werth auf die Erhaltung des europäischen Friedens lege und im Gegentheil eifrig bemüht sei, denselben zu stören.
Bonn, 8. Aug. In der heutigen dritten Sitzung des Anthropologenkongresses sprach Prof. Ranke über das Mongolenauge, Dr. Tischler über Gräberfunde in Oberhof, Dr. Neue über cyprische Alterthümer und Dr. Mummenthey über Stein- und Erdvenkmäler.
Karlsruhe, 8. August. Der bekannte Staatsrechtslehrer Geheimerath Hermann Schulze in Heidelberg ist von dem Großherzog in den erblichen Adelstand erhoben worden.
Paris, 8. August. Der gestrige Abend ist ohne größere Kundgebungen verlaufen. Die Straßen der Boulevards waren von zahlreicher Polizei besetzt. — In Amiens versuchten die Strikenden wiederholt die Ruhe zu stören; die Polizei hielt jedoch die Ordnung aufrecht.
— Nach weiteren Meldungen fanden gestern spät Abends auf den Boulevards Rochechouart und Belleville Ruhestörungen statt, wobei zwei Kaffeehäuser geplündert und mehrere Ruhestörer und Polizisten verwundet wurden.
Paris, 8. August. An der Beerdigung des Communistenführers Eudes nahmen außer den strikenden Erdarbeitern auch die Kellner und Friseurgehilfen Theil. Bei dem Zwischenfall am Boulevard Voltaire wurde auf einen Polizeicommissär, als er eine der rothen Fahnen wegnehmen wollte, ein Reoolverschuß abgegeben, der aber fehl ging. Ein anderer Commissär erhielt Stockschläge von den „Leidtragenden". Da die Polizeibeamten nur in ungenügender Stärke erschienen waren, so eilte die vor der Prinz-Eugen-Caserne zusammengewgene Gendarmerie herbei, griff die Menge mit dem Gewehrkolben an und schaffte so der Polizei Luft. Ein weiteres Handgemenge entstand, als der Zug vor der Bürgermeisterei des elften Arrondissements anlangte. Hier wurde wieder ein Reoolverschuß abgegeben und sogar eine Bombe nach dem Polizeiposten geschleudert, die allerdings nicht explodirte. Daraufhin griffen die so lange in der Reserve gehaltenen Stadtgardisten die Menge mit blankem Säbel an und es setzte Verwundungen und Verhaftungen in großer Zahl. Auf dem Friedhöfe ertönte wieder vielfacher Ruf: „(£§ lebe die Commune! Es lebe die Revolution!" Die Polizei widersetzte sich auch hier der Entfaltung von rothen Fahnen. Dagegen wurden am Grabe viele Reden gehalten, ohne daß die Sicherheitswächter einzuschreiten Anlaß fanden. Die Theilnehmer verließen dann den Friedhof ohne ernsteren Zwischenfall. Im Verlaufe der ganzen Demonstration wurden, den hiesigen Blättern zufolge, etwa fünfzig Menschen, darunter mehrere Gendarmen und Stadtgardisten, verwundet; etwa 25 Personen sind verhaftet. Rochefort wurde übrigens nach der Beerdigung Seitens der revolutionären Gruppe ausgepfiffen; man rief: „Nieder mit Rochefort! lieber mit Boulanger!" Die Ordnung scheint jetzt wiederhergestellt.
Paris, 8. Aug. Für die weitere Aufrechterhaltung der Ordnung find sehr entschiedene Maßnahmen getroffen. Die Stadtgarde hat Befehl, von ihrer Waffe Gebrauch zu machen, wenn ihr Leben bedroht wird. Dieselbe wird von Militär unterstützt; letzteres soll die Menge angreifen. Falls es erforderlich ist, wird die Ardeiter- börse geschlossen und militärisch besetzt.
Lyon, 8. August. Eine Versammlung von Glasarbeitern beschloß, am nächsten Samstag eine allgemeine Arbeitseinstellung vorzunehmen, falls die Glas- firmen Mesmer und Jayet sich weigern sollten, die Glühöfen in einer einzigen Fabrik zu concentriren.
London, 8. August. Das Unterhaus erledigte heute die Debatte über den Bericht der Untersuchungs-Commission in Sachen Parnell. Unterstaatssecretär Smith beantragte, die dritte Lesung vorzunehmen. Der Abgeordnete Wilfried Lawson bekämpfte diesen Antrag, indem er seinerseits den Unterantrag stellte, das Unterhaus möge die Ernennung der Commission zur Untersuchung von politischen Bewegungen, wenn dieselbe sich nicht auf bestimmte Anklagen criminellen Charakters gegen namentlich bezeichnete Personen beschränkt, ablehnen. Das Haus aber nahm mit 180 gegen 64 Stimmen die sofortige dritte Lesung an. Die Parnelliten verließen vor der Abstimmung den Saal, nachdem Sixton erklärt hatte: Die Parnelliten stimmten nicht für die Verwerfung, weil das ihnen so gedeutet werden könnte, als wollten sie einer Untersuchung ausweichen; sie stimmten aber auch nicht für die Bill, weil sich darin ihre Zustimmung zu der Vorlage im Ganzen ausdrücken würde.
Belgrad, 8. August. Die Meldung des Pariser „Figaro", daß die französische Post an der serbischen Grenze nicht übernommen werde, ist darauf zurückzuführen, daß der serbisch-türkischen Convention zufolge an der Grenze nur die Uebernahme der türkischen Post erfolgen kann. Die französische Post hätte ordnungsmäßig in Vranja übergeben werden sollen..


