Nr. 109
Donnerstag den 10. Mai
icßener
Amts- und Anzeigtblatt für den Kreis Gießen.
1888
Drrr-arr r Schul st raße 7.
Erscheint täglich mit Ausnahme des MontagS.
Amtkicher Hßeik.
DreiS vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlobn.
Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
Bekanntmachung.
v ®s u>ird hierdurch zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß Margarethe Römer von Treis a. d. Lda, nach Heu-miß der Großb Direction der Entbindungsanstalt zu Mainz die Prustrng als Hebamme mit der Note „gut" bestanden hat und als Hebamme verpflichtet worden ist. 9
Gießen, den 8. Mai 1888. Großherzoglicher Kreisamt Gießen.
__ Dr. Boekmann.
Betreffend: Ein aus dem heutigen Viehmarkt stehen gebliebenes Ochsenkalb.
Auf dem heutigen Viehmarkt ist ein Kalb zurückgeblieben, besten Eigenthümer nicht ermittelt ist. Derjenige, welcher Ansprüche an dieses Kalb machen zu können g aubt, rotrb aufgefordert, solche alsbald dahier vorzubringen, widrigenfalls dasselbe veräußert und der Erlös als gefundener Gegenstand behandelt werden wird.
Gießen, 8. Mai 1888. Großherzogliche» Polizeiamt Gießen.
Fresenius. 3997
Politische Ueberficht.
Gießen, 9. Mai.
Das Befinden des Kaisers läßt augenscheinlich wieder mehr zu wünschen übrig, namentlich treten seit Sonntag die E.tterausleerungen aus dem Kehlkopf wieder stärker auf, in Folge dessen der Schlaf des Kaisers Nachts öfters unterbrochen ist und sich der hohe Patient überhaupt matt und angegriffen fühlt. Da sich indessen derartige körperliche Schwächezuftände beim Kaiser im Laufe der letzten Wochen wiederholt gezeigt haben und doch von ihm immer wieder überwunden wurden, so liegt auch jetzt kein Anlaß zu besonderen Befürchtungen vor, nur ist selbstverständlich fortdauernde äußerste Schonung für den hohen Kranken geboten. Dm Montag verbrachte der Kaiser verhältnißmäßig günstig. Die Mattigkeit verschwand im Laufe des Vormittag fast gänzlich, so daß sich der hohe Patient ohne Anstrengung der Arbeit widmm konnte. Abends betrug die Temperatur 38,6 Grad; der Auswurf war etwas verringert. Die Nacht zum Dienstag verlief ziemlich gut und fühlte sich der Kaiser am Dienstag Morgen kräftiger; das Fieber blieb gering.
Die Kaiserin, welche sich auf ihrer Reise in das Ueberschwemmungsgebiet der Elbe eine Erkältung zugezogen hatte, ist von ihrer Unpäßlichkeit wtederhergestellt.
Der signalisirte abermalige kaiserliche Gnadenact, betr. eine Reihe weiterer Rangeserhöhungen, Ordensverleihungen u. s. w., ist nunmehr vollzogen wordm und veröffentlicht der „Reichsanzeiger" denselben. Hiernach sind in den Grafenstand erhoben worden v. Bodelschwingh-Plettenberg und v. Steinberg, in den Fretherrnftand erhoben wurden, der Minister Dr. Lucius, die vier Brüder Stumm und v. Gersdorff-Bauchwitz. Geadelt wurden 33 Personen, darunter Oberpräsident Dr. Achenbach, Prof. Dr. Gneist, Geh. Commerzienrath Mendelssohn-Berlin, Generalarzt Wegner, Amtsrath Dietze- Barby, mehrere Unterstaatssecretäre u. s. w. Geadelt wurde auch der frühere Cultus- minister Dr. Falk, welcher außerdem noch das Großkreuz vom Rothen Adler-Orden erhielt. Den Stern zum Rothen Adlerorden 2. Elasse erhielt Senatspräsident Hocheder, den Rothen Adlerorden 2. Elasse Reichsgerichtsralh Thcwald, den Stern zum Kronenorden 1. Elasse Senatspräsident Bingener, den Kronenorden 2. Elasse Reichsgerichtsrath Boisselier, sämmtlich in Leipzig. Auch die Berliner Künstler Reinhold Begas und Professor A. v. Werner befinden sich unter den Decorirten. Von Ernennungen sind u. A. hervorzubeben die Wallot's, des Baumeisters des Reichtagsgebäudes, zum königlichen Baurath, Dr. v. Rottenburg's zum Rath erster Elasse und v. Poschinger's, '.des Herausgebers des bekannten Buches über Bismarck, zum Geheimen Regierungs-Rath. Die Ltsie der sämmtlichen ausgezeichneten Persönlichkeiten ist selbstverständlich noch weit größer, als hier angedeutet werden konnte.
Das preußische Abgeordnetenhaus befaßte sich am Montag in der Hauptsache mit der ersten Lesung des ihm noch im Endabschnitt seiner Session zugegangenen neuen Gesetzentwurfes, betr. die Verbesserung des Laufes der Oder und der Spree. Die Nothwendigkett einer Regulirung beider Flüsse wurde allseitig anerkannt, doch befürworteten die Eentrumsabgeordneten aus dem Westen in der Debatte die gleichzeitige Berücksichtigung des so lange schwebenden Projectes des Dortmund-Emscanals und plaidirte hierbei speciell Abgeordneter v. Schorlemer-Alst für seinen Antrag, die Adjacenten des Eanals von der Verpflichtung zur unentgeltlichen Hergabe des Grund und Bodens zu befreien. Die Vorlage mit dem genannten Anträge ging schließlich an eine besondere Commission zur Vorberathung. Im Eingänge der Sitzung hatte das Haus den Gesetzentwurf über die Eorporationsrechte für katholische Ordensniederlassungen in dritter Lesung debattelos genehmigt, der Rest der Sitzung wurde durch Erledigung von Petitionen ausgefüllt. Für Dienstag standen nur kleinere Sachen auf der Tagesordnung.
Darmstadt, 7. Mat. Dem „Frkf. I." wird aus Berlin gemeldet: „Entgegen anderweitig verbreiteten Nachrichten bin ich in der Lage, auf das Bestimmteste zu berichten, daß am Hoslager zu Eharlottenburg Disposition dahin getroffen ist, die Hetratd des Prinzen Heinrich mit der Prinzessin Irene von Hessen, falls irgend der gegenwärtig befriedigende Zustand des Kaisers noch andauert, in der allerkürzesten Frist stattfinden zu lassen. Die Hochzeit soll im engsten FamUtenkretse in Eharlottenburg gefeiert werden, ohne daß weitere Einladungen dazu ergehen. Das junge Paar wird sich dem Vernehmen nach von hier auS alsbald nach Fürstenlager Seeheim bet Darmstadt begeben, um dort einige Zeit zu verweilen."
Genaueres hierüber konnten wir, so bemerken die „Neuen Hess. Volksbl.", nicht erfahren, da, wie bereits bemerkt, ein bestimmter Tag bis jetzt noch nicht festgesetzt war und auch unter den obwaltenden Umständen längere Zeit vorher nicht bestimmt werden kann. Nach unseren früheren Informationen war die Hochzeit, wie wir auch s. Z. meldeten, für die zweite Hälfte des Monats Mat geplant und sollte sich das junge Paar zunächst nach Schlesien begeben.
Telegraphische Depeschen.
Wolff S telegr. Eorrefpondenr »Bureau.
O tua 8. Mat." Des Kaisers Befinden ist ziemlich gut. Nachmittags von
3 bis 4 Uhr verweilte Fürst Bismarck beim Kaiser.
, “ Dse „Nordd. Allgem. Ztg." sagt: Der Kaiser gibt selbst an, sich wieder
kräftiger zu suhlen als die letzten Tage, wird aber auf den Rath der Aerzte auch heute noch zu Bett bleiben. Die Morgentemperatur war 37.7.
— Die Kaiserin wohnte heute Nachmittag in Berlin der Feier der Eröffnung der neu errichteten, unter ihrem Protektorate stehenden Fortbtldunasanstalt für Mädchen bei.
derli«, 8 Mai. Der Kaiser nahm im Laufe des Vormittags den Vortrag des Chefs des Militarkabinets o. Albedyll entgegen.
— Der Kronprinz, der gestern Nachmittag den Staatssecretär Graf Herbert Bismarck zum Vortrage empfangen und dann mit dem Regierungsrathe v. Brandenstein gearbeitet hatte, wohnte heute Vormittag den Truppenübungen bei und begab sich von da nach dem Charlottenburger Schlosse, worauf er, nach Berlin zurückgekehrt mit dem Wirkt. Geheimen Rathe v. Wilmowskt arbeitete und mehrere militärische Meldungen entgegennahm.
Berlin, 8. Mai. Das Abgeordnetenhaus erledigte in seiner heutigen Sitzung die Ueberficht der Staats-Einnahmen und -Ausgaben des Etatsjahres 1886—87 entsprechend den Anträgen der Rechnungscommtssion und ebenso auch eine größere Anzahl Petitionen. — Die nächste Sitzung findet am Montag den 14. Mai, 12 Uhr Mittags statt und stehen auf der Tagesordnung die zweite Abstimmung über das Volksschullastengesetz und die zweite Lesung der Odervorlage.
— Die Commission für die Vorlage, betreffend die Verbesserung der Oder und Spree, nahm dieselbe einstimmig an, wie auch ebenso den Antrag des Abgeordneten v. Schorlemer-Alst, betr. die theilweise Befreiung der Anwohner des Rhein-Ems-Canals von der Beitragspflicht zu den Grunderwerbungskosten.
BreSlau, 8. Mai. Die „Bresl. Zeitung" meldet aus Reichenbach: In den benachbarten Webereien von Neugebauer Söhne daselbst und Julius Neugebauer (Langenbielau) stellten gestern die Weber die Arbeit ein. In der erstgenannten Fabrik nahmen von den strikenden Webern etwa 300 die Arbeit wieder auf, nachdem eine Lohnerhöhung zugeftanden war.
Wien, 8. Mai. Wie die „Pol. Corr." aus Sofia meldet, enthob die bulgarische Regierung den Metropoliten Clement in Ttrnowa wegen seines feindseligen Verhaltens gegen den Prinzen Ferdinand seiner Funktionen.
PariS, 8. Mai. Der „Jntransigeant" will wissen, Boulanger sei bei den Gemeinderathswahlen in drei Gemeinden des Departements Lozere gewählt worden. — Dem Vernehmen nach traf die Regierung Vorkehrungen, um etwaige Ruhestörungen bei der Reise Boulanger's nach dem Norddepartement fcrnzuhalten.
London, 8. Mai. Das Oberhaus nahm in zweiter Lesung die Einnahmebudget- Bill an. Im Laufe der Debatte erklärte Salisbury, Frankreich beanstande dm neuen Weinzoll für die Schaumweine des Loirethales. Goschen untersucht, ob sie auszunehmen sind, aber er weiß noch nicht, ob dies möglich ist.
— Wie die „Morning-Post" erfährt, theilte Belgien der Zuckerprämienkonferenz mit, es könne die ihm angesonnene Aenderung seines gegenwärtigen Systems der Zuckerdesteuerung, welches eng mit der Art der belgischen Fabrikation Zusammenhänge, nicht durchführen und müsse dasselbe betbehalten.
— Nach einem Telegramm des „Standard" aus Shanghai ist der Kantonfluß ausgetreten; gegen 300 Personen seien ertrunken.
Bologna, 8. Mai. Die Königin, welche heute der Messe in der Peterskirche beiwohnte, wurde am Kircheneingange von Deputirten des erzbischöflichen Kapitels empfangen, auch Erzbischof Pattaglini wohnte der Messe bei.
Bukarest, 8. Mai. Gestern Abend gegen 10 Uhr gab ein ehemaliger Polizeibeamter, welcher wegen eines Vergehens verurtheilt gewesen, später aber begnadigt worden war, zwei Flintenschüsse auf das königliche Palais ab und zertrümmerte mehrere Fensterscheiben des Bibliothekzimmers. Derselbe wurde alsbald verhaftet. Es heißt, der Verbrecher hätte als Motiv seiner Thal angegeben, daß er keinen Fremden auf dem Throne dulden werde, daß er gehofft habe, von Denjenigen unterstützt zu werden, auf welche bei den agrarischen Unruhen geschossen wurde. Verletzt wurde Niemand.
Berlin, 9. Mai, 11 Uhr 10 Min. fPrivatdepesche.j Das Befinden des Kaisers war Nachts über ein ziemlich gutes, aber nicht so gut wie die Nacht vorher. Gestern Abend war das Fieber gering und hat dasselbe heute Morgen ganz nachgelassen. Die Eiterung ist geringer als gestern, die Körperkräfte haben zugenommen. Der Kaiser durfte mit Erlaubniß der Aerzte heute das Bett einige Zeit mit dem Sopha vertauschen.
« v r K s - 4.
Gießen, 9. Mai. Bei den anläßlich der Thronbesteigung des Kaisers Friedrich erfolgten Ordensverleihungen haben die nachstehend bezeichneten Personen aus dem Großherzogthum Hessen die folgenden Orden erhalten: Den rothen Adlerorden


