Erstes Blatt
Nr. 83
Dienstag den 10 April
1888
Oureaur Schulstraße 7.
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.
Gießen, am 7. April 1888.
Aus den deutschen UeberschwemmungS-ebieten wird allseitig ein Fallen Les Hochwassers gemeldet, so daß die beklagenswerthen Bewohner der heimgesuchten Landestheile wenigstens in etwas wieder aufathmen können. Nur wird sich nachdem stich die Hochfluthen verlaufen, erst das durch sie angerichtete Werk der Verheerung und Zerstörung in seinem ganzen Umfange enthüllen und erst dann wird man von dem uinsägltchen Elend, welches die Überschwemmungen über die betroffenen Gebiete gebracht haben, einen vollen Begriff erhalten. Jedenfalls wird die öffentliche Mildthätig-
keit dem schweren Unglück gegenüber noch lange nicht erlahmen dürfen und obwohl schon jetzt die Sammlungen für die Opfer der Ueberschwemmungm höchst erfreuliche Resultate aufweisen, so ist die Nothlage in den überschwemmten Gebieten Preußens und Mecklenburgs doch eine derartige, daß sie nur durch fortgesetztes Eingreifen der privaten Wohlthättgkett im Verein mit der Staatshtlfe einigermaßen gelindert werden kann.
Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.
Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
Großherzogliches Kreisamt Gießen. Dr. Boekmann.
Politische Rundschau
Gießen, den 9. April 1888.
Das sensationelle Gerücht von einem angeblichen Entlassungsgesuche des Reichskanzlers Fürsten Bismarck, welches plötzlich in den letzten Tagen der vorigen Woche auftauchte, hat begreiflicher Weise wett über Deutschland's Grenzen hinaus großes Aufsehen erregt, aber dabei doch nur wenig Glauben gefunden. Allerdings ging das Gerücht von emem Blatte aus welches in Beziehungen zu den maßgebmden Berliner Kreisen steht (der „Köln. Ztg.), so daß dieser Umstand der Meldung einen gewissen Untergrund verleihen mußte, dennoch stieß dieselbe fast überall auf starke Zweifel und nach den neuesten über die abermalige „Bismarck-Krisis" vorliegenden Nachrichten kann es kaum bezweifelt werden, daß ein Entlassungsgesuch des Kanzlers weder eingereicht worden, noch beabsichtigt gewesen ist. Anderseits muß man sich freilich sagen daß em derartiges Gerücht doch nicht aus dem reinen Nichts entstehen kann, daß seiner Entstehung immerhin gewisse Vorgänge zu Grunde liegen werden und hierüber brinat wiederum die ,,Köln. Ztg." bestimmtere Andeutungen. Darnach hat das ernstliche Prai-ct einer Verehelichung der Prinzessin Victoria, der ältesten Tochter unseres Kaiier- paares, mlt dem Prinzen Alexander von Battenberg, dem entthronten Bulgarensürsten bestanden und di- hohen Eltern der Prinzessin sollen dem Plane nicht abgeneigt.c- wesen sein es wird behauptet, als erster vorbereitender Schritt zu der Verbindung sei die Verleihung des preußischen Fürstcntitels an den Prinzen Alexander gewesen Die .Köln. Ztg." laßt weiter durchbltcken, daß der Heirathsplan schließlich an Gründen der höheren Staatsratson, welche Fürst Bismarck energisch vertreten und wobei die Rück- sicht aus den persönlichen Groll, den der Kaiser von Rußland fortgesetzt gegen den ehemaligen Bulgarensursten empfindet, eine Hauptrolle gespielt habe, gescheitert sei Zum Schluß hebt das rheinische Blatt hervor, daß bei der Stellung einerseits welche Deutschland zur bulgarischen Frage cinnehme, den Wünschen und Hoffnungen anderseits, mit denen die Bulgaren noch immer auf den Battenbergcr blicken, die Vcrbinduna desselben mit einer deutschen Katsertochter sich als unmöglich erweise und daß über Haupt das Verhältntß Deutschland's zu Rußland eine schwerwiegende Veränderung erleiden müßte, wenn der vom Czaren so gehaßte battenbergischc Prinz der Schwieger- sohn des deutschen Kaisers würde. - Dies- Darstellungen und Andeutungen der „Köln. Ztg." harren noch ihrer Bestätigung von competenter Sette, aber sie klingen nicht iunwahrscheinlich und es wäre bet dem weitausschauenden Blick des Fürsten Bismarck nicht verwunderlich, wenn sich da derselbe gegen das ermähnte Heirathsproject erklärt hatte. Man darf überzeugt sein, daß die Zustimmung Kaiser Friedrich's zu demselben ausgeschlossen war in dem Augenblicke, in welchem ihm sein erster Berather die ernste politische Sette des Planes vorführte, so daß also der Reichskanzler- nicht erst nöthig gehabt haben wird, mit seiner Entlassung zu „drohen". Es läßt sich also hiernach einigermaßen beurtheilen, was es mit dem angeblichen „geheimen Confltct" zwischen Kaiser und Kanzler eigentlich auf sich hat; es hieße auch wahrlich gering von dem Patriotismus unseres leitenden Staatsmannes denken, wollte Fürst Bismarck gerade jetzt, nachdem Deutschland soeben erst erschütternde und aufregende Ereignisse erlebt, mährend der Horizont der europäischen Politik zugleich noch immer umdüstert genug ausschaut, sich von der obersten Leitung der Geschäfte zurückzuztehen und Kaiser Friedrich selbst meiß am besten, was ihm und seinem Volke Fürst Bismarck in solchen ernsten Zeiten bedeutet! — Inzwischen bringt die „Köln. Ztg." einen neuerlichen, anscheinend hochofficiösen Artikel, welcher eine Episode aus den letzten Lebenstagen Kaiser Wilhelm's behandelt. Das genannte Blatt läßt sich aus Berlin schreiben, der hochselige Kaiser habe in den letzten Tagen vor seinem Hinscheiden den Rest seiner Lebenskraft darauf verwandt, um die Erfahrungen seiner langen und ruhmreichen Herrscherlaufbahn und seine geheimsten Gedanken als dauerndes Vermächtniß an den Träger der Zukunft der Dynastie zu übermitteln. Mit brechender Stimme habe er noch die Mahnung ausgesprochen, auf Rußland Rücksicht zu nehmen und die Empfindlichkeit des Kaisers von Nußlands zu schonen. Der sterbende Monarch habe damit den staatsmännischen Gedanken ausgesprochen, der ihn sein ganzes Leben begleitete und in den letzten Jahren ein Gemeingut aller politisch geschulten Deutschen geworden. Der Artikel schließt mit dem Ausdrucke des Vertrauens, daß auch in Zukunft selbst unter Opfern an dieser maßvollen zurückhaltenden Politik werde festgehalten werden. — Man hat es hier also mit einem hochpolitischen Vermächtnisse zu thun, welches der jetzige Kronprinz Wilhelm .aus dem Munde seines sterbenden Großvaters entgegengenommen und wobei jedenfalls «uck Fürst Bismarck zugegen gewesen ist. Es erhält alsdann der vermuthete Wtder- ßpruch des Reichskanzlers gegen das battenbergische Heirathsproject eine neue gewichtige Begründung, wie zugleich auch die Unterstützung Rußland's in der bulgarischen Frage Lurch Deutschland, wie sie gerade in den letzten Wochen sich bemerklicher als je machte »unmehr ihre Erklärung erfährt. '
Deutschland. ,
gnadigs^ge*r?htSeine Königliche Hoheit der Großherzog haben Aller- _ 3t?»LampdI dem Amtsgerichtsdiener bei dem Amtsgerichte Gießen, Joseph Dienst-" zu mit der Inschrift: „Für fünfzigjährig- treue
... “m *• April den Generalsecreiär der landwirthschastlich-n Vereine, Landcs- okonomierath v^ Rudolf Weidenhammer, mit Wirkung vom 1. April l. Jz an auf fein Nachsuchen, unter Anerkennung der von ihm geleisteten Dienste, in den Rube^ stand zu versetzen; v
, am 4 April den Generalsecreiär des Vereins nassauischer Land- und Forst- tvirihe, Wilhelm Muller zu Wiesbaden, zum Mitglied- der Oberen landwirthichaft- lich-n Behörde unter Verleihung »es Titels „Oekonomi-rath", mit Wirkung vom 1. Mai l. I. an, zu ernennen.
Darmstadt, 7. April Seine Königliche Hoheit der Großherzog empfingen heute di- Secondtteut-nants der Reserve vom 2. Großh. Infanterie-Regiment (Groß- Herzog) Nr. 116 Ouvrier und Wämser.
Darmstadt, 7. April. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben Aller- ^parbnft JF?3 ben außerordentlichen Professor an der Universität
ctr Hinrich Otto Le h mann zum ordentlichen Professor in der juristischen Fakultät der Landesunioersitat mit Wirkung vom 1. April l. I. an, zu ernennen, und tn der gedachten Eigenschaft zu berufen.
,r ~ Die vierzehnte Sitzung des Eisenbahnbeirathes, welcher in Folge der Neuwahlen von Vertretern der ordnungsgemäß in ihm vertretenen Korporationen zum Theil eine andere Znfammensetzung erfahren hatte, fand heute unter dem Vorsitz Sr. Exzellenz des Präsidenten Großh. Ministeriums der Finanzen Herrn Wirklichen Gehermrath Weber statt. Bel der Berathung des ersten Gegenstandes, der Sommerfahrplane der rm Großherzogthum gelegenen Voll- und Nebenbahnen, wurde zunächst M Fahrplan der Ober hessischen Eisenbahnen eines in der Ersten Kammer der Stande des Großherzogthums bereits geäußerten Wunsches gedacht, der dahin aina durch Spaterlegung des ersten Zuges auf Strecke Gelnhausen - Gießen — ab Geln- vamen 7 Uhr 5 Minuten - die Aufnahme der mit dem ersten Personenzug der Linie Bebra-Hanau aus den oberen Kinzigthalonen kommenden Passagiere zu ermöa- Uchen. Erne Berücksichtigung dieses Wunsches konnte jedoch seitens der Verwaltung der Oberhessischen Bahnen nicht in Aussicht gestellt werden, da, abgesehen von anderen Gründen, das durch eine solche Verschiebung bedingte spätere Eintreffen dieses Huas in Gießen den Jnteressin des weitaus größeren Theils des denselben frequentirenden Publikums entgegenlaufe. Dagegen war die Verwaltung in der Lage, dem weiter zum Ausdruck gelangten Destderium, den ersten Zug derselben Linie - ab Gießen bisher 8 Uhr 3 Minuten Vormittags - versuchsweise eine bis zwei Stunden früher abzu- * ~ Welcher Verlegung nunmehr nach Einschaltung eines neuen Zugs der Maim Weser-Bahn die Interessen der Stadt Friedberg nicht mehr, wie bisher entgegen- ^unden, wahrend man andererseits durch dieselbe dem bereits mehrfach geäußerten Bedurfmste der Stadt Gießen, der Relchspostoerwaltung und endlich dem eigenen Jnterefte ber Bahnleitung wegen des günstigeren Anschlusses der Sekundärbahn
^c-7'^dern gerecht werde - ihre Zustimmung entgegen zu bringen. In der D.^eussion des von der Großh. Handelskammer Bingen gestellten Llntrags, „dahin zu uurken, daß alle leeren, zuruckgehenden Emballagen ohne Ausnahme bei sämmtlichen deutschen Eisenbahnen dem „Frankaturzwang" unterworfen werden", traten mehrere Delegtrte aus den Handels- und Landwirthschaftskreisen lebhaft für die diesem Antrag unterliegende -endenz ein, während seitens anderer Vertreter und den Eisenbahn- verwaltungsbeamten dem besonders hervorgekehrten Interesse der Versender das gleichberechtigte der Empfänger entaegengestellt wurde. Die sehr animirte Besprechung endete schließlich durch Annahme des Antrags mit 8 gegen 5 Stimmen. Ein besonderes ^nterefie nahm der Antrag der Großh. Handelskammer Mainz auf Ein- fuhrung s. g. Fahrpreis - Ermäßigung - Abschnitte" für sich in Anspruch. Nach den des die beantragende Körperschaft vertretenen Herrn Geh. Commerzien- raths St. E. Michel verfolgt der Vorschlag die Tendenz, die bisher fast ausschließlich dem zum „Vergnügen" reisenden Publikum in der Gestalt der Retourbillets, der einfachen und der combinirbaren Rundreisebilleis gewährte Fahrpreisermäßigung auch den eigentlichen ^Geschäfts"-Reisenden zuzugestehen. Zu diesem Zwecke sollen auf einen gewissen Werthbetrag lautende Couponbücher unter Einräumung eines bestimmten Rabatts und auf Grund vorzuschreibender Controllen ausgegeben werden, deren Abschnrtte der betreffende Inhaber alsdann zu ihrem Nennwerthe bei Lösung
pon etnfacben Fahrbilletien jeder Classe nach Stationen unter deutscher Verwaltung i.!.* 9'un0 Zu geben berechtigt ist. Das des Näheren erläuterte Prinzip dieser Einrichtung fand im Schoße des Eisenbahnbeiraths allgemeinen Anklang und wurde der betreffende Gegenstand der Großh. Regierung zur Prüfung und mit dem Ersuchen um Einholung der Gutachten von den diesseitigen Eisenbahnverwaltungen überwiesen.
Berlin, 7. April. Se. Majestät der Kaiser empfing Vormittags den Minister D* Avouier und arbeitete alsdann längere Zeit mit dem Chef des MilitärkabinetS, v. Albedyll.
Nr. 17 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 4. d. M., enthält -
V»; V-TQ.y betreffend dis Löschung nicht mehr bestehender Firmen und Procuren im Handelsregister. Vom 30 Marr 1888.
(9lr" 17900 Verordnung, betreffend tue Uebertragung landesherrlicher Befugniffe auf den Statthalter in Elsaß. Lothringen. Vom 15 Marr 1888
rSnr r . , . s . .. O9ir-..j,8..be® Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 6. d. M., enthält: 1
Vom 1 April 1888 ® 6' betreffinb b,e Zurückbeförderung der Hinterbliebenen im Auslande angestellter Reichsbeamten und Personen des Soldatenstandes.


