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Amts- und Anzcigeblatt für den Kreis Gießen.

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Bekanntmachung.

SamStag den 17. November 1888, Nachmittags 1 Uhr, wirb zu Grünverg im Saale des Herrn Gastwirth Hoffmann (zum Hirsch) eine Generalversammlung deS landwirthschaftirchen Bezirksvereins Gissten abgehalten werden.

Von dem landwirthschaftlichen Bezirksverein ist zum Zwecke Der Verloosung eine Geisenheimer Obstdörre im Werthe von 30 «X angekauft worden. Es werden in der Versammlung 150 Loose an Jedermann, der Loose wünscht, zu dem Preise von 20 H pro Loos abgegeben werden.

Alle Mitglieder des Vereins und Freunde der Landwirthfchaft werden zu dieser Versammlung hierdurch freundlichst eingeladen.

Gießen, den 8. November 1888. Der Director des landwirthschaftlichen Bezirksvereins.

Jost, Regierungsrath.

Tagesordnung:

1) Referat des Herrn Professor Dr. Pflug über Schutz gegen Verluste durch perlsüchtiges Schlachtvieh.

2) Beralhung über den mit einer Hagelversicherungsgesellfchast abzuschlteßenden Vertrag. Referent: Herr Amtmann Nebel.

3) Bezug von Saatkartoffeln ober Saatfrucht aus fremden Gegenden durch den Verein.

4) Beschlußfassung über die Abhaltung von Faselmärkten im Kreise Gießen mit Ankörung verkäuflicher Thiere

5) Verloosung einer Geisenheimer Obstdörre.

Politische Rundschau.

Gießen, 8. November.

Mit der zweitenWahlschlacht", den Abgeordnetenwahlen vom 6 November, hat der diesmalige Wahlfeldzug in Preußen feinen endgültigen Abschluß erfahren und zur Stunde fehlen zu dem ziffermäßigen Gesammtbilde der Wahlergebnisse nur noch wenige Meldungen. Bis Mittwoch waren von den vollzogenen 433 Wahlen 325 be­kannt und zwar wurden als gewählt gemeldet 120 Deutschconservative, 67 Frel- conservattve, 85 Nationalliberale, 33 Freisinnige, 98 Centrumsabgeordnete, 11 Polen, 2 Welfen, 2 Dänen und 7 fracttonslose Abgeordnete. Da im früheren Abgcordneten- hause die Deutschconservatioen 132, die Freiconseroativen 62, die Nationalliberalen 72, die Freisinnigen 40, daS Centrum 98, die Polen 15 Mitglieder zählten, während ^Ab­geordnete, unter ihnen die Vertreter des Welfenthums und der dänischen Protestpartei, zu keiner Partei, resv. Fractionen gehörten, so ergiebt sich hieraus, daß die hun be­endigten Nruwahlen keine wesentlichen Veränderungen in der Zusammensetzung der preußischen Volksvertretung zur Folge gehabt haben, ein Resultat, welches sich allerdings schon nach den Ergebnissen der Urwahlen voraussagen ließ. Es will daher auch in Hinblick auf die Mehrheitsoerhältnisse im Abgcordnetenhause wenig besagen, daß die freisinnige Partei etwa ein Fünftel ihrer Mandate verloren hat und daß auch die Conservativen einige Mandate abgeben mußten, während die Nationalliberalen ihren parlamentarischen Besitzstand um 14 oder 15 Mandate vermehrt sehen, denn nach wie vor ist eine Mehrheit zunächst durch eine Verbindung der beiden conservativen Frac­tionen mit den Nationalliberalen möglich. Anderseits ist jedoch, ebenfalls wie früher, auch die Möglichkeit einer consiroativ-clericalen Mehrheit gegeben, zu welcher die Mit­wirkung der Freiconseroativen gar nicht nothwendig wäre und es dürfte durchaus von den parlamentarischen Wechselfällen abhängen, welche von beiden Mehrheiten sich im neuen Abzeordnetenhause verwirklichen wird.

Gleichzeitig mit den Ergebnissen der preußischen Wahlen werden jetzt auch diejenigen der jüngst vollzogenen Landesarrsschirtz-Wahlerr in Elsatz-Lothringen bekannt. Von den ausgeschiedenen 24 Mitgliedern dieser Körperschaft wurden 17 ohne erheblichen Kampf wiedergewählt. Im Stadtkreise Colmar trat der Protestler Peyerinhoff zurück, worauf der Elsässer Fleurent, der versöhnlichen Richtung angehörig, gewählt wurde, ebenso verzichtete im Landkreise Hagenau der Protestler Kleinklaus auf die Candidatur und wurde alsdann Reinbold (versöhnlich) gewählt; auch der Landkreis Altkirch wählte in der Person Sanners einen der versöhnlichen Richtung angehörenden einheimischen Abgeordneten. Endlich wurde im Landkreise Metz ein gemäßigter Protest- candidat. in der Stadt Metz aber sogar ein Altdeutscher, Eisenbahndirector Cotta, in den Landesausschutz gewählt. Im Großen und Ganzen bekunden demnach die Landes­ausschußwahlen einen erfreulichen Fortschritt des Deulschthums in den Reichslanden und eine weitere Annäherung desselben an die gemäßigteren einheimischen Elemente.

Zu der geplanten deutsch-englischen Action in Ostafrika liegen jetzt, zu­nächst von englischer Seite, einige nähere Meldungen vor, welche bestätigen, daß sich jene auf ein gemeinschaftliches Vorgehen Englands und Deutschlands zur See beschränken wird. Wie nämlich derStandard" erfährt, würde das Unternehmen in Herstellung einer wirksamen Blokade gegen den Sklavenhandel bestehen. Deutsche Schiffe würden die Küste der deutschen Schutzgebiete, britische Schiffe die Küsten der vom Sultan von Zanzibar unter englische Obhut gestellten Gebiete übernehmen. Frankreich sei gewillt, die Anstrengungen Deutschlands und Englands zu unterstützen und zwar durch Be­seitigung des Mißbrauches, welcher mit der französischen Flagge an Bord der Sklaven­schiffe getrieben werde. Die Unterhandlungen zwischen London und Berlin in Betreff Zanzibars seien dem Abschlüsse nahe. Diese Meldungen des genannten Londoner Blattes finden ihre Bestätigung durch Erklärungen, welche der Premier Lord Salisbury im englischen Oberhause über das deutsch-englische Blokude-Unternehmen und die An­erkennung der Blokade seitens Frankreichs abgegeben hat. In letzterer Beziehung meinte Salisbury, diese Anerkennung berechtige England, jedes Schiff in den ost­afrikanischen Gewässern, welcher Flagge es auch sei, zu untersuchen; Frankreich werde dort ein Schiff stattoniren und mit England und Deutschland Zusammenwirken. Ob sich nun an diese gemeinsame Operationen zur See noch gesonderte Operationen Deutschlands und Englands zu Lande anreihen werden, steht noch dahin; wahrscheinlich wird sich aber die deutsche Regierung doch zu solchen, entschließen müssen, denn allein von der See aus können die, deutfch-ostafrikanischen Schutzgebiete, soweit sie sich in der Gewalt der Aufständischen befinden, den letzteren doch schwerlich wieder entrissen werden.

Deutschland.

Darmstadt, 7. November. Seine Königliche Hoheit der Großherzog empfingen heute u. A. denSecondlieutenant Wolter vom 2.Großh.Inf.-Regiment (Großherzog) Nr. 116, und den Professor Dr. Himstedt aus Gießen.

Darmstadt, 7. November. (Seine Königl. Hoheit der Grotzherzog haben Aller- gnadigst geruht:

Am 1. ds. Mts. dem mit der commissarischen Verwaltung des Wasserbauamts Worms beauftragten Kreisbaumeister Moritz Reinhardt für die Dauer dieses Com- mtssoriums den TitelWasserbau-Inspektor" zu verleihen.

Berlin, 7. November. Der Vicepräsident des preußischen Staatsministeriums, Staatssecretair des Neichsamts des Innern, von Bötticher, ist gestern Nachmittag zum Rerchskanzler Fürsten Bismarck nach Friedrichsruh gereist. Man dürfte nicht fehlgehen, wenn man annimmt, daß es sich dabei um Fragen handelt, welche die Er- r'^ffnung des deutschen Reichstages Muffen, sowie um die Herbeiführung der Ent­scheidung über die an den letzteren einzubringenden. Vorlagen. Der Rückk.chr des Herrn v. Bötticher nach Berlin wird für he'tte Abend entgegengesehen.

Sagt. rd.

London, 6. November. (Ausführlichere Meldung.) Im Oberhause erklärte Lord Sattsvury: In Folge der Ereignisse an der afrikanischen Küste, welche unter deutschem Einflüsse flehe, fei die deutsche Regierung zu dem Schlüsse gekommen, daß wirksamere Maßregeln zur Verhinderung des Sklavenhandels nöthig seien. Es herrsche fehr stark die Anflcht, daß dtc jüngsten (Kalamitäten einer Aktion der Sklavenhändler zuzuschreiben seien; es sei allerdings wahr, wie Lord Harrowby bemerkt habe, daß Deutschland mit keinem speciellen Akt der Feindseligkeit gegen den Sklavenhandel beschäftigt sei, es fei aber wahr, daß Deutsche mit etwas beschäftigt waren, was den Sklavenhandel tobtet, nämlich mit der Errichtung von Colonien an der Küste. Diese Operationen seien von den arabischen Sklave^länt,lcrn mit großer Besoigniß angeseben worden. Lord Salisbury theilte in bedeutendem Grade die Ansicht, daß die Ruhe­störungen den Sklavenhändlern zuzuschreiben seien, die zusammen mit den Handlungen, deren man mit Recht oder Unrecht die deutsche Gesellschaft bezichtige, die Ursache des jüngsten schrecklichen Unheils gewesen feien. Als Deutschlund beschlossen habe, Maß­regeln gegen die Waffeneinfuhr und Sklaoenausfuhr zu treffen, fragte es an, ob wir bereit seien, dffselbe Verfahren einzuschlagen. Wir waren der Ansicht, daß das, was von uns verlangt wurde, praktisch und das sei, was gegenwärtig zu thun sei. Aus diesen Gründen allein sei es weise, Deutschlands Cooperation für rein maritime Maß­regeln zu acceptiren. Es bestehe keine Absicht, irgend welche militärische Action unter Mitwirkung Deutschlands zu unternehmen, weil wir die uns theure Unabhängigkeit des Sultans von Zanzibar aufrechterhalten wollen. Aber es gab einen andern Grund, bet für uns entscheidend schien. Wir machten Deutschland darauf aufmerksam, daß Frankreichs Weigerung, uns das Recht zur Durchsuchung französischer Schiffe zu gewähren, eine große Schwierigkeit in unserem Kampfe gegen den Sklavenhandel bilde. Demschland und England stellte dies Frankreich vor, dessen Regierung, obwohl sie abgeneigt war, von der traditionellen Politik sich zu entfernen, doch erklärte, sie betrachte die beabsichtigte Blokade als eine solche, welche das Recht, Schiffe unter jeder Flagge ju visitiren, einräume. Wir erhalten daher zum ersten Male ein Recht von unschätz­barem Werthe, nämlich das, alle Schiffe zu durchsuchen. Wahrscheinlich sendet Frank­reich auch ein Schiff, um sich unseren Flottenoperattonen anzuschließen. Es wäre ein schwacher Grund, der unsere Aufrichtigkeit verdächtigen würde, wenn wir uns weigerten, in wirksamster Weise unsere traditionelle Politik auszuführen, weil man uns mit den Deutschen ober bereu Hanblungen verwechseln kann. Den Sklaoenhänblern sei nicht durch Liebe und Zugeständnisse beizukommen, sondern durch Furcht. Durch die Unter­drückung des Sklavenhandels sei eine weitere Bürgschaft für das Leben eines pben Missionärs in Afrika geschaffen.

Telegraphische Depeschen.

»IIP# ttUet. «oercspondc«, - Buresu.

Berlin, 7. November. DerBörsenzeitung" zufolge ist zwischen Deutschland und England nunmehr in Betreff des Vorgehens in Ost-Afrika eine Einigung erzielt worden. Deutsche und englische Schiffe weiden eine Blokade vornehmen, um alle aus- laufenben Schiffe auf Sklaven zu untersuchen. Die Untersuchung wird sich in Folge englischer Forderung nicht auch auf Waffen erstrecken. Deutsche Schiffe werden die Küste der deutschen Schutzgebiete, Britische Schiffe die Küsten der von dem Sultan von Zan­zibar unter englische Obhut gestellten Provinzen übernehmen. Expeditionen ins Innere werden nicht unternommen. Deutschland wird später die Zollftationen übernehmen. Der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellfchaft wird unter solchen Umständen kaum etwas Anderes übrig bleiben, als zu liqutbiren.Wie es unter den obwaltenden Verhält­nissen um die geplante Emin Pascha-Expedition bestellt sein wird, entzieht sich zunächst vollständig der Beurtheilung. Das nun nicht mehr zu vertuschende Fiasco der Deutsch- Ostafrikanischen Gesellschaft wird unserer colonialfeindlichen Presse einen zwar will­kommenen Stoff zu abfälligen Bemerkungen geben, daß aber Deutschland auf das deutsche Schutzgebiet in Ostafrika gänzlich verzichten sollte, ist absolut ausgeschlossen."