Ar. 59 Freitag den 9. März 1888.
Gießener Anzeiger
Amts-, md Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Erscheint täglich mit Ausnahme des MontagS.
Dnreaur Schulst raße 7.
Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohk.
Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
Amtlicher Tßeil.
Bekanntmachung.
Er wird hierdurch zur Kenntniß der Interessenten gebracht, daß der Vorstand der Tiefbau-Berus«.Genossenschaft für die Provinz Oberhessen Herrn I. R. Breitenstein zu Schotten zum Vertrauensmann und Beauftragten und
Herrn C. Koch, Bauunternehmer, in Firma C. Koch & Sohn zu Gießen zum Stellvertreter desselben, ernannt hat. ,
Gießen, am 6. März 1688. Großherzogliches Kreisamt Gießen.
I)r. B o e k m a n n.
Betreffend: Den Schutz der in fremde Verpflegung gegebenen Kinder unter 6 Jahren. Gießen, am 29. Februar 1888.
Das Großherzoglichc Kreisamt Gießen
an Großh. Polijeiamt Gießen und die Großh. Bürgermeistereien der Landgemeinden des Kreises.
Fn $ 12 der Instruction vom 14. Mai 1880 zur Ausführung des Gesetzes vom 10. September 1878 „den Schutz der in fremde Pflege gegebenen Kinder unter 6 Jahren betr." wird Ihnen empfohlen, den Gemeinde- oder Armenarzt mit Ueberwachung der einzelnen Pflegekinder zu beauftragen.
Da nach den vorgelegten Ueberstchten eine ärztliche Ueberwachung der Pflegekinder nicht in allen Gemeinden stattgefunden hat, so machen wir diejenigen Bürgermeistereien, welche diese Vorschrift nicht beachtet haben, auf diese Bestimmung der Instruction aufmerksam und erwarten, daß dieselben drese %uq(ld) beauftr>MN wir Sie, von jedem Zugänge eines in fremde Pflege gegebenen Kindes unter 6 Jahren nicht allein den Gemeindearzt, sondern auch das Großberzogliche Kreisgesundheitsamt Gießen unter Angabe der Namen der Pflegeltern und der Wohnung derselben alsbald in Kenntmß zu setzen.
Dr. Boekmann. __________________________
Betreffend: Die Berechnung der Vacanzüberschüsse erledigter Lehrerstellen pro 1887/88. Gießen, am 6. März 1888.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Großherzoglichen Bürgermeistereien und Schulvorstände des Kreises.
Unter Hinweis auf unser Amtsblatt Nr. 1 vom 24. Januar 1878 beauftragen wir Sie, die von Ihnen gemeinschafllich aufzustellenden Berechnungen des Einkommens vacanter Schulstellen für das Etatsjahr 1887/88 längstens bis zum 10. April l. I. in doppelter Ausfertigung an uns emzufenden.
Dr. Boek ir fl n N.
Bek anntmachung.
Kommenden Sonntag den 11. März, Nachmittags 3'/- Uhr, findet eine
Versammlung des landwirthschastlichen Localvereius Grünberg
daselbst im „Englischen Hofe" bei Josef Faubel statt, in welcher Herr Landwirthschastslehrer Leithiger von Alsfeld einen Vortrag über di« Aufzucht. Fütterung und Pfleg« des Rindvieh« halten wird.
Alle Landwirthe und Freunde der Landwirthschaft find zu dieser Versammlung freundlichst eingeladen.
Die Herren Bürgermeister der in Betracht kommenden Orte werden gebeten, dies in geeigneter Weise bekannt machen zu lüsten.
Gießen am 7 März 1888. Der Director des landwrrthschaftlichen BezirksveremS Gießen.
p ' ' Nover.
Politische «eberstcht.
Gieße«, 8. März.
Die seit längerer Zett verbreiteten Nachrichten, denen zufolge unter den unfern Kronprinzen behandelnden Aerzten bedenkliche Meinungsverschieden- heilen herrschen sollen, find soeben durch einen energischen gemeinsamen Protest der betr. Herren dewentirt worden. In demselben heißt es, daß keinerlei Differenz zwischen den Aerzten über die Natur und Beurtheilung der Krankheit als solche obwalte, auch sei von ihnen keineswegs eine gefährliche Wendung des Leidens fignatifirt worden. Weiter wird verfichert, daß fich die einheitliche uno verantwortliche Leitung der Behandlung der Kronprinzen nach wie vor in den Händen Dr. Mackenzie's befinde. Anknüpfend an diese Versicherungen, richten die Herren Dr. Mackenzie, Schrader u. s. w. die Bitte an die gesammte europäische Preffe, sich jeder Dircussion über die Krankheit der erlauchten Patienten und über die Behrmdlungrwets- wie auch über die Instrumente zu enthalten. Alr- dann folgt eine allerdings sehr allgemeine Charakteristik der Leiden» in seinem gegenwärtigen Stande, wonach in den örtlichen Störungen am Kehlkopfe keine wesentliche Veränderung eingetreten ist, während die Operationswunde als gut geheilt und überhaupt dar sonstige Befinden der hohen Kranken, entsprechend den in neuester Zeit au» San Remo wieder eingehenden günstigeren Nachrichten, als relativ recht befriedigend bezeichnet wird. Schließlich erklärt die Kundgebung die Misfion Prof. v. Bergmanns in San Remo als beendigt und kündigt seine Rückkehr nach Berlin an. — Der Eindruck dieser Kundgebung wäre vielleicht noch verstärkt worden, wenn sie schon eher der Oeffenllichkeit übergeben worden wäre, da den in San Remo versammelten Aerzten doch bekannt sein mußte, daß di- Gerüchte über ihre angebliche Uneinigkeit bereits seit Langem im Gange waren. Immerhin wird in den weitesten Kreisen die Befriedigung über die erst jetzt erfolgte Zurückweisung jener Gerüchte eine lebhafte sein und man kann nur herzlich wünschen, daß der hiermit osficiell constatirten Einmüthigkeit der Aerzte bald die sichtlichen Resultat- in der Reconvalercenz unsere» geliebten Kronprinzen entsprechen mögen.
Prinz Wilhelm von Preußen ist von dem Besuche, den er seinem erlauchten Vater in San Remo abgestattet, bereit» am Mittwoch Vormittag
wieder in Berlin eingetroffen. — Im Lause dieser Woche werden die neu» ernannten Räth- de» Prinzen Wllhelm von Preußen ihr wichtiger und ver- antworlungsreiche» Amt antreten. Es find die, bekanntlich Pros. Rudolf Gneist für die staatsrechtlichen und politischen Vorträge, R-gierungrrath v. Branden- stein speciell für den Cabineti- uno Corresponden,dienst und General-Major v. Wittich, bislang Commandeur der 11. Infanterie Brigade, für die Vorträge in militärischen Angelegenheiten.
Die diplomatische Behandlung der bulgarischen Frage hat i-tzt endlich den von Rußland angeregten Schritt nach vorwärt» geihan. Ent- sprechend dem russtschen Anträge, ist seitens der Pforte in Sofia die E - kläruug abgegeben worden, daß die Anwesenheit der Prinzen Ferdinand an der Spitze der bulgarischen Regierung ungesetzlich sei. Wa» nun weiter geschehen wird, ist zunächst die Sache der Bulgaren. Daß fich die Pforte zu dieser Mitiheilung und somit zum Heraurgehen au« ihrer herkömmlichen Zauderpolitik entschloß, muß in erster Linie dem energischen Drucke zugeschrieben werden, den Herr v. Radowitz, der deutsche Botschafter, zur Unterstützung der russtschen Anträge» aus den türkischen Ministerraih ausüdte, natürlich befürwortete auch der sranzöfische Botschafter, Graf de Montebello, die Vorschläge de, „befreundeten" Rußlands. Dagegen haben sich Oesterreich Italien und England an diesem Schritte nicht betheiligt, war g-nuqiam die Uneinigkeit der Mächte in den Versuchen zur Lösung de« bulgarischen Problem» illustriit und dieser Thalsache gegenüber wird fich „der Coburger wegen der Ungesetzlichkeit seine» Aufenthalte« in Bulgarien wohl keine grauen Haan wachsen" lassen! — Die meisten Londoner Morgenbläller vom Mittwoch sprechen jedoch die Anstcht au«, die Jllegalität-erklärung werde den Prinzen von Coburg zur baldigen Abreise au« Bulgarien veranlassen, fte meinen -wer, nach der Abreise de« Prinzen werd- fich die bulgarische Frage nur nodringlicher gestalten, eine Anschauung, die allerding« Manche« für sich hat.
Frankreich erlebt gegenwärtig eine zweite Auflage de» Boulanzer Schwindel». Die „Freunde" de» General«, die bekannflich au« den Reihen der Monarchisten bi» hinein in da» rabicale, ja s°e'°l'lli!^ Lager reichen woll« ihren Liebling auch bei den im Mär, zu vollziehenden Ersatzwahlen zur sranzösijchen Deputirlenkammer al» Candidaten ausstellen, obwohl Boulangev


