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Nr. 288

Samstag den 8. December

1888.

WMWW Anzeiger

Amts- und Anzeigeblntt für den Kreis Gießen.

V-r-a«: Schulstr ° ß - 7. ' Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags. W To^be^^n tot^äbrii4 2 marf"to

Amtlicher Iheit.

Betreffend: Anonyme Anzeigen.

Es laufen in neuerer Zeit vielfach anonyme Anzeigen bei uns ein. Wir bemerken deßhalb, daß wir solche regelmäßig unberücksichtigt lassen. Gießen, am 1. December 1888. Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

Politische Rundschau

Gießen, 7. December.

Kaiser Wilhelm hat erfreulicher Weise seine Ausfahrten wieder aufnehmm können und ist demnach der Erkältungszustand des hohen Herrn als vollständig beseitigt zu betrachten. Auch die angeblich aus der Umgebung des Monarchen stammenden privaten Nachrichten, wonach der Kaiser in den letzten Wochen auch von seinem alten Ohrenleiden heimgesucht worden sei, werden jetzt von competenter Sette als durchaus unzutreffend bezeichnet.

Die vom Reichskanzler eingeführten berühmten parlamentarischen Abende sind durch seinen Sohn, den Staalssecretär Grafen Herbert BiSmarck, wieder aus­genommen worden. Am Montag Abend fand bet demselben die erste derartige gesell­schaftliche Vereinigung statt, zu welcher zahlreiche Reichstagsabgeordnete, Bundesraths- mitglteder und Beamte der Reichsämter, wie der preußischen Ministerien erschienen waren.

Herr Premierlieutenant Witzmann hat dem Fürsten BiSmarL in Friedrichsruhe dieser Tage Vortrag über die ostafrtkanischen Angelegenheiten gehalten und der Reichskanzler konnte sich hierzu schwerlich eine berufenere Persönlichkeit aus­suchen, als den berühmten Afrika-Reisenden. Da Herr Wißmann demnächst versuchen will, mit einer ersten deutschen Expedition zu Emin Pascha vorzudringen, so dürste sein Besuch in Friedrichsruhe in erster Linie mit dem deutschen Emtn-Pascha-Unter- nehmen zusammenhängen. Bei dem Interesse, welches letzterem auch in den Kreisen der Reichsregierung entgegengetragen wird, kann man jedenfalls annehmen, daß Fürst Bismarck Herrn Wißmann die wohlwollende Unterstützung des Reiches bei seiner Ex­pedition, soweit jene einem solchen privaten Unternehmen gegenüber angezeigt ist, zuge- fichert hat.

Kaiser WUhelm hat an den Kaiser von ^Oesterreich anläßlich dessen Regierungsjubiläums ein überaus warmes Glückwunsch-Schreiben gerichtet, in welchem der erlauchte Briefschreiber seinen Gefühlen persönlicher Freundschaft gegen den Kaiser Franz Josef den innigsten Ausdruck gibt und mit besonderer Wärme des unerschütter­lichen Bundes ihrer Reiche gedenkt. Diese Kundgebung des deutschen Kaisers ist wohl das beste Dementi all' der Gerüchte über die angeblichen Verstimmungen zwischen Berlin und Wien, welche sich in dem nun glücklich beendigten deutsch-österreichischen Zeitungskriege ausdrücken sollten. Uebrtgens sind dem Kaiser Franz Josef von Seiten des Königs Humbert von Italien und vieler anderer Monarchen zu seinem Ehrentage die herzlichsten Glückwünsche zugegangen.

In Gerbte« haben am 5. December die anderweitigen Neuwahlen zur Skupschtina ihren Anfang genommen, von deren Ausgange die nächste Zukunft des Serbenlandes abhängt. lieber die Wahlresultate liegen bis jetzt nur höchst lückenhafte Meldungen vor.

Das griechische Ministerium Trikupis hat seitens der Deputirtenkammer ein glänzendes Vertrauensvotum erhalten. Dasselbe knüpfte an die mehrtägigen Kammer- verhundlungen über die Finanzpolitik der Regierung an, die am Dienstag zum Abschluß gelangten und ein mit 85 gegen 54 Stimmen genehmigtes Vertrauensvotum für das Ministerium zur Folge hatten.

Die Frage der Dertheidigung Suakin'S gegen die Sudanesen ist im eng­lischen Unterhause am Dienstag wiederum des Langen und Bretten erörtert worden. Hauptsächlich drehte sich die Debatte um den Antrag Lord Ehurchtll's, das Haus zu vertagen und hierdurch gegen die Unzulänglichkeit der von der englischen Regierung in Egypten ergriffenen militärischen Maßnahmen zu protesttren. Der Antrag Ehurchtll's knüpfte an Erklärungen des Kriegsministers Lord Stanhope an, wonach die egyptischen Militärbehörden und ihre dortigen englischen Berather die Stärke der zur Dertheidigung Suakin's abgesandten englischen Truppen als vollkommen genügend erklärt hätten, im Gegensatz zu der Auffassung Londoner militärischer Autoritäten. Auch stützte sich der Kriegsminister darauf, daß General Grenfell, der englische Oberbefehlshaber in Suakin, auf telegraphische Anfrage erwidert habe, er fühle sich mit der gegenwärtigen Streit­macht des Erfolges sicher. Der Antrag Ehurchtll's ward schließlich abgelehnt und ver­sicherte dann der Krtegsmtnifter nochmals, daß die Militärbehörden in Egypten die nach Suakin abgegangenen Verstärkungen für vollkommen genügend hielten. Da dieselben nur 700 Mann betragen, so scheinen die offenbaren Besorgnisse der Londoner militärischen Kreise um das Schicksal Suakin's allerdings nicht unbegründet.

In Nordamerika trat in dieser Woche der Eongreß zu seiner letzten Session unter der Präsidentschaft Eleveland's zusammen. Im Vordergründe der Verhandlungen werden die durch die Botschaft Eleveland's angeregten finanziellen und Tariffragen stehen, zu welchen Debatten der Bericht des Schatzsecretärs Farschild eine recht günstige Grundlage liefert. Denn nicht weniger als ein Ueberschuß von 96,444,000 Dollars war am 29. September des laufenden Jahres im Staatssäckel der Union vorhanden, so daß die für europäische Ftnauzoerhältnisse märchenhaft klingende Meinung des Schatzsecretärs, es würde noch vor dem Jahre 1900 die gcsammte Staatsschuld der Union, mit allen Zinsen sich auf 1393 Millionen Dollars belaufend, amorttsirt sein, zutreffen könnte. O, glückliches Land der Aankee's!

peutschlaud.

Darmstadt, 6. December. Die Stelle eines Eultur - Ingenieurs mit einem Gehalt bis zu 3300 jährlich ist demnächst, vorerst jedoch nur provisorisch, zu besetzen. Anmeidungen find bis zum 15. Januar 1889 bei Großh. Ministerium des Innern

(und der Justiz einzureichen. Der Erneuerung bereits eingereichter Bewerbungen bedar es nicht. Bewerber, die ihre Studien an einer technischen Hochschule absolvirt haben werden vorzugsweise berücksichtigt werden.

Darmstadt, 6. December. Das Amtsblatt des Großh. Minffteriums des Innern und der Justiz, Section für Justizverwaltung, Nr. 31, enthält Ausschreiben d. d. Darmstadt, 29. November, betreffend das Gesetz vom 11. Juni 1887 über die Unterbringung jugendlicher Uebelthäter und verwahrloster Kinder; hier die Anweisung der bei der amtsgerichtlichen Sachuntersuchung erwachsenden Zeugen­gebühren.

Bertt«, 6. December. Der Meldung eines hiesigen Blattes aus Zanzibar zu­folge hat die deutsche KreuzerfregatteCarola" bereits eine mit Sklaven vollgepfropfte arabische Dhau abgefangen.

DerKreuzzeitung" zufolge dürfte man sich für das kommende Frühjahr auf ausgedehnte Massenstreiks gefaßt machen. (F. I.)

Krankreich.

Paris, 6. December. In der Kammer spielte sich heute eine stürmische Scene ab. Floquet hatte mit Bezug auf die gestrige Kammerverhandlung dem Abgeordneten Laroge bemerkt, die Minister würden persönlich nicht gegen ein wider sie gerichtetes Tadelsvotum stimmen. Hierauf rief Basly, Laroge's Verhalten sei Wasser auf die Mühle der Boulangiften. Auf einen Zwischenruf Susint's rief Basly:Sie sind ein Schafskopf!" Susint und Basly wurden handgemein, die Rechte klatschte Beifall. (F. I.)"

Deutscher Reichstag.

9. Plenarsitzung. Donnerstag, den 6. December 1888, 12 Uhr.

und Tribünen sind gut besetzt. Am Bundesrathstische: v. Bo etlicher» Bosse, Lohmann, v. Wodtke.

Eingegangen ist der Handelsvertrag mit der Schweiz und ein Gesetzentwurf betr. die Vorarbeiten zu einem National-Denkmal für Kaiser Wilhelm I.

Das Haus tritt in die Tagesordnung ein: Erste Berathung der Alters- und In valid en-Versicherung.

Staatssecretär Dr. v. Boetticher: Die große Mehrheit des Hauses hat sich auf dm Boden der Socialpolitik gesteUr und eine Reihe von Einwendungen gegen die Vorlage werden hier kaum wiederholt werden, nachdem sie in der Presse bereits ihre Erledigung gefunden. Die Regierung ist für die in der Presse staltgefundene Kritik dankbar. Nur vor einer Art der Kritik ist zu warnen, nämlich der nach dem Grund­sätze geübten: Ich kenne die Absichten der Regierung nicht, aber ich mißbillige sie. Bedenklich ist es auch, Einzelheiten aus dem Zusammenhänge herauszugretfen und abgesondert zu zergliedern. Man hat, was Einzelheiten anbelangt, gewünscht, zunächst die neue Einrichtung auf einen engeren Kreis von Personen, etwa auf die der Unfall­versicherung unterstehenden, zu beschränken. Diesem Wunsche widersprechen Gründe der Billigkeit. Wir werden etwa 13*/z Millionen Arbeiter haben, die dem neuen Gesetz untergeben. Man hat gesagt, es könne sich die Vorlage auf die Invalidität be­schränken; allein die Altersversorgung wird einen sehr Heilfamen Einfluß üben, denn alt zu werden hoffen Alle. Man hat die Rente zu niedrig befunden, sie ein Bulter- brod genannt. Aber bedenken wir die Belastung der Industrie! Besser mit einer geringeren Last eine leistungsfähige Industrie, als mit zu hohen Renten deren Ruin und damit Enttäuschung der Arbeiter. Bei Einsetzung der Ortsklassen schloß sich der Entwurf der bereits bestehenden Einrichtung der Kranken-Versicherung an. Nun wird gewünscht, diese Ortsklassen durch Lohnklassen zu ersetzen. Die Regierung wird gewiß für jede Verbesserung dankbar fein, (Bravo!) aber ich glaube, diese Lohnklassen werden große Schwierigkeiten haben. Die Lohne ändern sich, sie werden zum Theil in Naturalim gezahlt, wie sollen die Schwankungen berücksichtigt werden? Wie soll sich namentlich das Markenwesen gestalten? Eine Lohnstatistlk extstirt nicht. Trotzalledem Halle ich die Lohnklassen für diskutabel. Nun wünscht man Herabfetzung der Altersgrenze. Aber wenn L>ie diese auf 68 Jahre normiren, so müssen Sic um 13pCt., bei60Jahrm sogar um 38pCt. die jetzigen Beiträge erhöhen. Hier ist also Vorsicht geboten. Redner polernisirt dann mit einer gewissen Presse, welche die Absichten der Regierung so dar- stcllt, als ob diese nur eine Verbesserung der Armenpflege bezweckt. Dieses agitatorische Verfahren werde widerlegt durch die vom Kanzler bei Berathung der Unfallversicherung gemachten Darlegungen über die Ziele der Socialgesetzgebung. Was die mehrfach gewünschte Acndcrung des Prämtendeckungs-Verfahrens und dessen Ersetzung durch ein Umlage-Verfahren betrifft, so muß man bedenken, daß letzteres die Arbeiter und die Industrie für die Zukunft, für den Fall eines unglücklichen Krieges, bei Seuchen u. dgl. zu schwer belastet. Auch unter normalen Verhältnissen wird der Arbeiter durch das Umlageverfahren geschädigt, weil höchst ungleich belastet. Die im Deckungsverfahren gesammelten Kapitalien wird man in der Weise wieder nutzbar machen, daß sie den Kreisen wieder zufließen, denen sie entzogen sind. Ein solcher Modus wird sich ja wohl finden lassen. Zu große Capitalienansammlungen sind nicht zu furchten; sie werden etwa 21/* Milliarde betragen. Während Sparkassen und Stiftungen 5 Milliarden solcher Kapitalien besitzen, ohne daß Schwierigkeiten bestehen. Die preußische Regierung würde es gern gesehen haben, wenn die Berufsgenossenschaften Trager der Versicherung geworden wären; sie könnte sich aber den gegen solche Einrichtung sprechenden Gründen nicht verschließen und deshalb war der Bundesrathsbeschluß bezüglich der Träger der Versicherung ein einheitlicher; auch ein Anschluß an die Träger der Krankenversicherung empfahl sich nicht, da letztere äußerst veränderlich sind. Die Idee einer obersten Reichsanslalt stieß, so sympathisch sie auch sein mag, doch auf große Schwierigkeiten. Der vorgeschlagene Anschluß an die kommunal-Verwaltungen scheint der beste und billigste. Die namentlich von socialiftischer Seite erhobenen Be­denken gegen Marken und Quittungsbuch sind wohl übertrieben und beruhen wohl nur auf politischer Tendenz. ES sind alle Bestimmungen zum Schutze der Arbeiter getroffen gegen Mißbrauch der Quittungsbücher, die für den Nachweis der Zahlung unentbehrlich sind, weil man sonst eine Prämie setzen würde auf Faulheit und Vagabondage. Auch hier möge man, wenn man könne, Verbesserungsvorschläge machen. Eine absolut end-