Ausgabe 
8.11.1888 Erstes Blatt
 
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Nr. 262 Zweites Blatt. Donnerstag den 8. November L888.

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

»ur«a«r Schulstratze 7. Erscheint täglich mit Ausnahme des Montag«. Kreis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringcrlohn.

0 Durch die Poft bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

l t Gießen, den 5. November 1888.

Betreffend: Dre Aufnahme der taubstummen Kinder in die Taubstummen-Anstalten des Landes.

Die Großherzogliche Kreis-Schul-Commifsion Gießen

an die Schulvorstände des Kreises.

Diejenigen von Ihnen, welche mit Erledigung unserer Auflage vom 4. October 1888 (Gießener Anzeiger Nr. 235) im Rückstände find, werden an "baldige Vorlage erinnert.

v. Gagern._________________

Nr. 38 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 3. d. M., enthält:

(Nr. 1825.) Verordnung über die Inkraftsetzung des Gesetzes, betreffend die Unfall- und Krankenversicherung der in land- und forstwirthschasllichen Betrieben beschäftigten Personen, vom 5. Mai 1886. Vom 27. October 1888.

(Nr. 1826.) Freundschafts-, Handels-, Schifffahrt-- und Consularvertrag zwischen Seiner Majestät dem Deutschen Kaiser, König von Preußen u. s. rov int Namen des Deutschen Reichs und der Republik Guatemala. Vom 20. September 1887.

(Nr. 1827.) Freundschaft--, Handels-, Schifffahrt-- und Confularvertrag zwischen Seiner Majestät dem Deutschen Kaiser, König von Preußen u. s. w., im Namen des Deutschen Reichs und der Republik Honduras. Vom 12. December 1887.

Gießen, am 6. November 1888. Großherzogliches Kreisamt Gießen.

_________________________________________ v. Gagern.

Lehrer-Corrfereuz

des Conferenz-Bezirks Gießen: Mittwoch den 14. November, Vormittags 10 Uhr, in Gießen. Lieder: 4. 185. 6.

Gießen, den 8. November 1888. Büchner, Schulrath.

Vermischtes.

Nach der Uebersicht der ortsanwesenden Bevölkerung des Großherzogthums Hessen am 1. Decemder 1885 (letzte Volkszählung) betrug die Zahl der Einwohner §56,611, davon 473,740 männliche und 482,871 weibliche. Unter den Einwohnern befanden sich 555 Personen (282 Männer, 273 Frauen), welche im vorigen Jahrhundert geboren sind. Die älteste Person, eine Frau, stammt aus dem Jahre 1788, aus dem Jahre 1789 war Niemand mehr vorhanden. 5 Personen stammen aus dem Jahre 1790, 7 aus dem Jahre 1791, 11 aus 1792, 10 aus 1793, 30 aus 1794, 44 aus 1795, 58 aus 1796, 108 aus 1797, 109 aus 1798, 172 aus 1799. Aus dem Jahre 1885 aber waren 24003 Kinder, 12101 Knaben, 11902 Mädchen vorhanden. Von den noch aus dem vorigen Jahrhundert stammenden Personen wohnten 150 in der Provinz Starkenburg, 202 in Oberhessen und 203 in Rheinhessen. Demnach bietet die Pro- »inz Oberhessen relativ dre meisten Chancen, alt zu werden, denn es hat die geringste Einwohnerzahl, nämlich 263,044, während Rheinhessen 291,189 und Starkenburg 402,378 Einwohner zählt.

Von Tanz- und Musikhalten an öffentlichen Orten innerhalb des Großherzogthums Hessen, insbesondere auf Kirchweihen, Jahrmärkten und Hochzeiten werden mittelst des Ausfertigungsstempels für jeden Tag 12 JL, von anderen öffent­lichen Tänzen zu Darmstadt, Mainz, Gießen, Offenbach, Worms und Bingen, sowie in denjenigen Ortschaften, welche weniger als eine Stunde von diesen Städten entfernt find, ebenfalls 12 JL für jeden Tag, in anderen Orten von 2500 Einwohnern und mehr 8 JL 60 in anderen Orten von 50 bis weniger als 2500 Einwohner 6 -JL.

90 H, an Orten von weniger als 50 Einwohnern 5 JL 20 H, von öffentlichen Tänzen auf einen Nachmittag 5 JC 20 erhoben. Es wurden demnach im Jahre 188687 auf Kirchweihen vertanzt JL 43531 und zwar in Starkenburg 20,100, in Ober- hessen JL 10356, in Rheinhessen «4t 13075. Von anderen öffentlichen Tänzen wurden Steuern bezahlt in Darmstadt 2484, in Offenbach JL 780, in Gießen JL 1152 (genau so viel wie im Jahre vorher), in Mainz JL 1560, in Bingen jH*. 444, in Worms JL 1368, zusammen in diesen 6 Städten JL 7788. In den übrigen Orten von 2500 und mehr Einwohnern wurden an Tanzstempel bezahlt insgesammt 6613 JL 40 H, in den Orten von 50 bis 2500 Einwohnern JL 17781.30 und für Nach­mittagstänze (ä JL 5.20) JL 2731.80. In Summa Summarum trug d im Etats- jahre 188687 das Tanzbeinschwtngen dem Staatssäckel des Großherzogthums JL 78,444.50 ein.

Im Großberzogthum Hessen wurden im Jahre 1887 7177 Ehen geschlossen, davon 3073 in der Provinz Starkenburg, 1836 in Oberhessen und 2268 in Rheinhessen. Die meisten Ehen wurden geschlossen im December, nämlich 749, die wenigsten im März, nämlich 386. Die Zahl der Geborenen betrug im ganzen Großherzogthum 31386 (16 239 männliche, 15147 weibliche); es entfallen davon auf die Provinz Starkenburg 13 743 (7201 männliche, 6542 weibliche), Oberhessen 7762 (3929 männ­liche, 3833 weibliche), Rheinhessen 9881 (5109 männliche, 4772 weibliche). Die meisten Geburten entfallen auf den Monat März mit 2868, die wenigsten auf den November mit 2430. Unehelich geborene Kinder kamen vor: 2259 (1180 männliche, 1079 weib­liche), davon in den Provinzen Starkenburg 1033 (542 männliche, 491 weibliche), Oberhessen 590 (316 männliche, 274 weibliche), Rheinhessen 636 (322 männliche, 314 weibliche.) Die Zahl der Todtgeborenen (ehelich und unehelich) betrug 1182 (657 männliche, 525 weibliche). Die meisten Todtgeborenen weist der Monat Januar mit 123 auf, die wenigsten der Monat August mit 84. Gestorben sind | 22 076 Personen (einschließlich der Todtgeborenen) und zwar 11407 männliche und \ 10 669 weibliche Personen, davon in den Provinzen Starkenberg 9191 (4772 männliche, > 4419 weibliche), Oberhessen 5913 (2974 männliche, 2939 weibliche), Rheinhessen 6972 (3661 männliche, 3311 weibliche). Die meisten Todesfälle kommen vor im Monat März mit 2137, die wenigsten im August mit 1641. Die Zahl der Lebendgeborenen mit 30 204 überstieg die Zahl der Gestorbenen mit 22 076 demnach um 8128.

Mainz, 6. November. In dem Proceß gegen den Gerichtsvollzieher Engel von Bingen wurde heute von der Strafkammer des hiesigen Landgerichts das Urtheil publidrt. Engel wurde für schuldig befunden, in 38 Fällen ihm nicht zustehende Ge­bühren erhoben, ferner in 8 Fällen des Versuchs desselben Vergehens und schließlich in zwei Fällen des Betrugs sich schuldig gemacht zu haben. Die erkannte Strafe lautet auf anderthalb Monate Gefängniß, 406 Jt Geldbuße und 8/< der Kosten des Prozesses.

Ein unangenehmes Dorkommniß begegnete verflossene Nacht Amtsrichter v»r. Hohfeld von hier. Derselbe geleitete, aus einer Gesellschaft von dem Rechtsanwalt

vr. Mayer kommend, eine junge Dame nach Hause. Unterwegs wurde die Dame von einem Soldaten (einem Gefreiien) gröblichst insultirt, welche Insulten Dr. Hohfeld energisch zurückwies. Der Soldat zog hierauf sein Seitengewehr und versetzte Dr. Hohfeld mehrere Hiebe, wovon der eine eine erhebliche Verletzung an dem einen Auge des An­gegriffenen zurückließ. Dr. Hohfeld entrang hierauf dem Soldaten das Seitengewehr, während inzwischen auf die Hilferufe der Dame einige Personen herbeieilten und zur Verhaftung des Angreifers einen Sergeanten herbetriefen. Die Wunde des Dr. Hohfeld stellte sich als so schlimm heraus, daß er mehrere hinzugekommene Bürger ersuchen mußte, die Dame nach ihrer Wohnung zu geleiten, indeß ein Herr sich des Ver­letzten annahm.

= Frankfurt, 6. November. Der Winter hat bei uns seinen Einzug gehalten. Vergangene Nacht sank das Thermometer bis auf nahezu 5° unter Null. Inner- und außerhalb der Stadt hat es ganz ordentlich gefroren. Am Tage war das Wetter freilich ganz hübsch und hell, aber der Oftwind pfiff einem so frostig um die Ohren, daß man sehr bald daran erinnert wurde, daß wir nur noch 7 Wochen bis Weihnachten haben. Nächste Nacht wird es noch kälter fein.

Franksurt wird nun auch mit Hanau telephonisch verbunden werden, nachdem sich an letzterem Platze eine genügende Betheiligung gefunden hat. Die Gebühr wird für 5 Minuten 1 JL betragen.

Der gestern im Ostbahnhof dahier verunglückte Weichenwärter Grimm war über 20 Jahre im Eisenbahndienst thätig. Er hinterläßt Frau und 5 Kinder. Der Bedauernswerthe wurde durch die Maschine entsetzlich zugerichtet; ein Arm war ihm ausgerissen, die Beine gebrochen und die Brust eingedrückt.

Welchen Zuspruchs sich die Volks-, Kaffee- und Speifehalle in der Predigerstraße erfreut, mögen folgende Ziffern darthun; es wurden in der verflossenen Woche confumirt: 10 Ctr. Ochsenfleisch, 15 Malter Kartoffeln, 500 Laib Brod, 4500 trockene und 2000 belegte Brödchen, 8000 Tassen Kaffee, 800 Tassen Chocolade, 600 Tassen Bouillon, 400 Tassen Thee und 2000 Liter Milch.

Nächsten Sonntag halten die Commandanten der Großh. hessischen Feuerwehren imStorch" dahier unter dem Vorsitz des Branddirectors Justus aus Darmstadt eine Persammlung ab.

Ein Fuhrknecht aus Seligenstadt fiel heute früh auf der Offenbacher Landstraße von seinem mit Holz beladenen Wagen herab. Er gerieth mit beiden Beinen und dem rechten Arm unter die Räder und trug so schwere Verletzungen davon, daß er in die Klinik gebracht werden mußte.

Die Civilltste der europäischen Großstaaten betragt nach Schanz's Finanz-Archiv, Jahrgang 1885, in Frankreich (Gehalt- und Repräsenlationskosten des Präsidenten der Republik) 1200 000 JL, in Spanien 9 800 000 JL, in Italien 15 200 000 jlt, in England 18 385 000 Jt, in Oesterreich 23 250 000 JL, in Rußland 35 816 000 JL, in Deutschland (also für sämmlliche deutsche Fürsten zusammen) 42 320 300 JL Nach der Beoölkerungszahl dieser Großstaaten kommt ein Beitrag für die Civillifte auf den Kopf der Bevölkerung in Frankreich 0,05 JL, in Spanien 0,57 jtu, in Italien 0,50 JL, in England 0,49 JL, in Oesterreich 0,56 JL, in Rußland 0,41 JL, in Deutschland 0,90 JL Frankreich hatte 1885 38 200000 Einwohner, Spanien 16 900 000, Italien 29 700 000, England 37 000 000, Oesterreich 42 000 000, Rußland 87 500000, Deutschland 47100 000.

Die ersten Münzen mit dem Bilde Kaiser Wilhelms II., Zwei­markstücke, bat, derVoss. Ztg." zufolge, Hamburg zum Andenken an den Zollanschluß geprägt. Dieselben enthalten auf der Rückseite eine bezügliche Inschrift mit dem Datum des 28. October 1888. Gleichzeitig wurden Münzen mit Dem Bilde Kaiser Friedrichs ausgegeben. Die Umschrift lautet:Seinen Fritz wird Deutschland nie vergessen", die Inschrift:Lerne leiden, ohne zu klagen."

Berlin, 4. November. (Mit seiner eigenen Schwiegermutter durchgebrannt.) Dieses gewagte Kunststückchen brachte vor einigen Tagen ein hiesiger junger Ingenieur fertig. Seit ungefähr sechs Monaten war er mit der hübschen siebzehnjährigen Tochter einer gut fitiulrten Wittwe verlobt und am Dienstag sollte das junge Paar vor den Standesbeamten treten. Aber :Behüt' Dich Gott, es wär' so schön gewesen, behüt' Dich Gott, es hat nicht sollen sein". Am Montag Abend wandte sich der zärtliche Bräutigam mit der dringenden Bitte an seine Verlobte, den letzten Abend nicht vorüber­gehen zu lassen, ohne noch einen äußersten Versuch zu machen, seine Eltern, die von der Verbindung absolut nichts wissen wollten, zu versöhnen. Gern machte sich die liebende Braut auf den Weg, und ihrem Flehen und Bitten war es denn auch wirklich gelungen, die Zürnenden zu versöhnen. Freudig bewegt trat sie den Heimweg an, um ihrem Verlobten die frohe Botschaft zu überbringen. Ach! Die Aermste ahnte nicht,