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Nr. 210 Samstag den 8. September 1888.

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Aints- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

~ - 7LT\ c p w TZI Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.

Bureau r Schulstraße 7. Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pst

Amtlicher Hheiü

Betreffend: Dekanats -Missionsfest. Lang.Göns, am 6. September 1888.

Das Großherzogliche evangelische Dekanat Gießen

an sämmtliche Geistliche des Dekanats.

Sonntag den 2 3. September fall dar Dekanats-MisfionSfest in Steinbach gehalten werden. Anfang des Gottesdienstes Nachmittag» 2 Uhr. Grobherzoglicher Oberconsistorium hat den Geistlichen, welche daran thellnehmen wollen, gestattet, den Nachmittagsgotterdrenst in chren Gemeinden ausrufetzen. Sie wollen das Fest Sonntag vorher anzeigen und die Gemeinden dazu einladen.

vr. Strack. _____________________________________________

Politische Rundschau

Gießen, 7. September.

Kaiser Wilhelm wir! zur Zeit wieder vorwiegend durch militärische Obliegenheiten in Anspruch genommen und waren es in dieser Woche nament­lich die Truppen-Manöver bei Jüterbogk und die Besichtigungen beim dritten Armee­corps, denen sich der Monarch widmete; letzteres hat an diesem Samstag seine Parade vor dem Kaiser auf dem Tempelhofer Felde bei Berlin. In kommender Woche gehen die Corpsmanöver der Garde und des dritten Armeecorps vor sich, vor denen sich der Kaiser jedoch und zwar in der Zeit vom 10. zum 12. Septembernach Wilhelmshaven begiebt, um den dortigen Flottenübungen betzuwohnen. Zu den Kaiser-Manövern werden auch mehrere auswärtige Fürstlichkeiten erscheinen, von denen der Erzherzog Albrecht von Oesterreich und der Großfürst Nicolaus von Rußland im Laufe des nächsten Mittwoch am Berliner Hofe erwartet werden. Ueber die großen Herbst­reisen unsers Kaisers lauten die Angaben noch immer einigermaßen wider­spruchsvoll, namentlich was den Zeitpunkt des Antrittes derselben anbelangt. Nach einer neuerlichen Meldung derKöln. Ztg." würde der Kaiser sich zunächst nach Mainau begeben, um hier am 30. September an der Feier des Geburtstages der Kaiserin Augusta thetlzunehmen und alsdann den württembergischen Majestäten in Friedrichs­hafen einen Besuch abstatten. Von Friedrichshafen aus reift der Monarch derselben Quelle zufolge nach München, um die bayrische Königsfamilie zu besuchen und dann weiter nach Wien; von der österreichischen Hauptstadt aus begleitet unser Kaiser den österreichischen Herrscher zu mehrtägigen Gemsjagden nach der Steiermark und begiebt sich von letzterem Lande aus nach Italien; zum 22. October, dem Geburtstage der Kaiserin Augusta Victoria, gedenkt der Kaiser wieder in Berlin zu sein. Inwieweit die Meldungen über dieses kaiserliche Reiseprogramm zutreffend sind, wird indessen immer noch abzuwarten sein.

Das Wochenthema für das Gebiet der inneren Politik bildeten mehr oder weniger die Gerüchte über beabsichtigte einschneidende Veränderungen in den Reichs- inftitutionen Ob diese Gerüchte, welche äußerlich an die Ernennung des Herrn von Bennigsen zum Oberpräsidenten der Provinz Hannover anknüpften, einen that- sächltchen Hintergrund besitzen, oder ob man es hier mit völlig unbegründeten Nach­richten zu thun hat, läßt sich noch nicht entscheiden, zumal sich die der Regierung nahestehenden Blätter sehr zurückhaltend über die Sache äußern. Im Speciellen bezogen sich die Gerüchte auf die angeblich geplante Abtrennung des Auswärtigen Amtes vom Reichskanzleramte und auf die signalisirte Errichtung eines Landes- vertheidigungsamtes für Heer und Marine zusammen, woran sich dann die Errichtung noch weiterer selbstständigerReichsministerien" reihen sollte. Daß eine derartige Umwandlung der gegenwärtigen Retchsinstitutionen den Bedürfnissen einer kommenden Zeit im Allgemeinen wohl entsprechen würde, dürfte kaum zu läugnen sein, immerhin wird erst abzuwarten sein, ob die betreffenden jetzt aufgetauchten Gerüchte wirklich nicht ganz ohne Untergrund sind.

Drei religiöse Versammlungen wenn man ihnen dies Beiwort geben will tagten in dieser Woche an verschiedenen Orten Deutschlands. In Freiburg im Breisgau hielten die deutschen Katholiken ihre diesjährige General-Versammlung ab, in Halle a. S. tagte die heurige Hauptversammlung des Gustav-Adolf-Vereins und in Heidelberg hatten sich die Altkatholiken zu ihrem diesjährigen Congreß ver­einigt. Von diesen Versammlungen beanspruchte der Freiburger Katholikentag das Hauptinteresse, da dessen Verhandlungen auch hochpolitischen Fragen gewidmet waren, wie die Resolution betreffs Der Wiederherstellung der weltlichen Papstherrschaft beweist, und gestaltete sich der Katholikentag in dieser Beziehung zu einem scharfen Nachklange der Fuldaer Bischofsconferenzen.

Die heftigen Regengüsse, welche in den letzten Tagen über Schlesien niedergingen und hier in vielen. Gegenden eine zweite Ueberschwemmung binnen kaum Monatsfrist bewirkten, haben in einem großen Theile Oesterreich-Ungarns ihre Fortsetzung ge­funden. Hierdurch sind besonders in Ober-Oesterreich große Ueberschwemmungen ver­ursacht'worden, welche mannigfache und schwere Verheerungen anrichteten. Auch im südwestlichen Böhmen sind weite Strecken unter Hochwasser gesetzt worden, so daß auch die in der Gegend von Ptsik stattgefundenen Kaiser-Manöver vorzeitig beendigt werden mußten. In Preßburg hat das Hochwasser der Donau gleichfalls verschiedenes Unheil angestiftet.

Die italienische KönigSreise durch die Romagna ist beendigt und sandte König Humbert noch vor Antritt der Rückreise nach Monza eine hochbemerkenswerthe Depesche an den Ministerpräsidenten Crispi. In derselben zollt der König der un­begrenzten Loyalität der Bevölkerung der genannten Provinz alle Anerkennung und kommt dann auf verschiedene Mißstände zu sprechen, mit denen man in der Romagna zu kämpfen habe. Der König bemerkt weiter, daß ihm zur Abstellung derselben von Gemeinderälhen wie Vereinen Bittschriften zugegangen seien, welche er an Crispi sende, damit er sie mit seinen Collegen durchberathe; der König appellirt schließlich an die Energie, Einsicht und Vaterlandsliebe Crispi's. Crispi antwortete sofort tele­graphisch und erkärte, daß die Minister schon seit einiger Zeit die in Italien aufge­tauchten ökonomischen Fragen studirten und daß sie sich erlauben würden, dem Könige alsbald zweckentsprechende Maßregeln zur Lösung dieser Fragen vorzuschlagen.

Telegraphische Aepeschen.

Wolfs'» telegr. Eorrespondeuz. Burear».

Berlin, 6. September. Die Abreise Sr. Majestät des Kaisers nach der Pro­vinz Posen erfolgt heute Abend um 10 Uhr 28 Mtn. von Potsdam nach Charlotten- burg, von dort mittelst Schnellzuges nach Dombrowka bei Posen. Morgen Nachmittag kehrt Seine Majestät der Kaiser mittelst Sonderzuges zurück.

Ihre Majestät die Kaiserin Augusta ist heute Vormittag um 11 Uhr nach Weimar abgereist.

DerKreuzzeitung" zufolge begibt sich der Kaiser mit den fürstlichen Gästen, den Militärbevollmächtigten und den anderen fremden Officieren am 13. d. M. nach Müncheberg zu den Corpsmanöoern zwischen dem Gardecorps und dem dritten Armee­corps und gedenkt daselbst bis zum 19. d. M. zu verbleiben. Dem Vernehmen nach wird auch der König von Sachsen zu den Manövern eintreffen.

Berlin, 6. September. DerReichsanzeiger" veröffentlicht die Ernennung des Geheimen Oberregierungsraths v. Bitter zum Präsidenten der Regierung in Oppeln, des Polizeipräsidenten Dr. v. Arnim in Magdeburg jum Präsidenten der Regierung in Stralsund, sowie die Versetzung des Regierungspräsidenten Grafen v. Baudissin von Oppeln nach Magdeburg und die des Regierungspräsidenten o. Pommer-Esche von Stralsund nach Trier.

Berlin, 6. September. Wie dieKreuzzeitung" meldet, wird der preußische Staatsrath im kommenden Jahre nicht einberufen. Dem Reichstage dürften bei seinem nächsten Zusammentritt u. A. zugehen: Der Entwurf des Alters- und Jnva- lidenversicherungsgesetzes und eine Novelle zum Krankenkassengesetz.

Das Kaisermanöoer erhält eine ganz besondere Bedeutung durch die Theil- nahme des Eisenbahn-Regiments, welches am letzten Tage, Mittwoch den 19., einer großartigen Prüfung auf seine Leistungsfähigkeit unterzogen werden wird. Nach Be­endigung des Manövers sollen nämlich noch am gleichen Tage sämmtliche Fußtruppen, das sind 57 Bataillone, mit der Eisenbahn in die Heimat befördert werden; die Ein­schiffung und die Beförderung derselben wird durch das genannte Regiment aus­geführt.

Ueber ein weiteres Verlobungsprojekt an unserem Hofe ist einem Ober­schlesischen Blatte aus angeblich gut unterrichteter Quelle ein Telegramm aus Berlin zugegangen, welches besagt,daß Prinz Friedrich Leopold von Preußen, ein Sohn des Feldmarschalls Prinzen Friedrich Karl, um die Hand der Prinzessin Margarethe, der jüngsten Schwester des Kaisers, sich bewerbe. Kaiserin Friedrich soll die Werbung begünstigen." In der Umgebung von Schloß Friedrichskron ist von diesem Hetraths- plan schon seit längerer Zeit gerüchtweise die Rede, von andererunterrichteter" Sette wird dagegen der Großfürst Thronfolger von Rußland als der zukünftige Bräutigam der Prinzeß Margarethe genannt.

Halle, 6. September. Die Generalversammlung des Gustav-Adolf-Vereins überwies die diesjährige sogenannte große Liebesgabe von 17,572 der Gemeinde Schwetz in Westfalen, sowie den Gemeinden Nedlo in Galizien und Straubing in Bayern je 5400 JL.

Freiburg, 6. September. In der heutigen letzten Versammlung des Katholiken­tages besprach Windthorst in anderthalbstündiger Rede alle in früheren Vorträaen behandelten Fragen. Er verweilte besonders bei der Forderung der Souveränetät des Papstes und dem Protest gegen den italienischen Strafgesetzentwurf, worüber die Re­solutionen per Acclamatton angenommen wurden. Weitere Resolutionen betreffen das Ordenswesen, die confessionellen Schulen und den Sklavenhandel.

Petersburg, 6. September. Der Kaiser und die Kaiserin, welche sich zunächst zu den Truppenmanövern in den Militärbezirken von Charkow und Odessa begeben,

Aeutschkand.

Darmstadt, 6. September. Der am 2. dieses Monats zu Auerbach verstorbene Geheimerath Dr. Becker, der Vorstand des Kabtnets Sr. Kgl. Hoheit des Großherzogs, wurde gestern Nachmittag auf dem hiesigen Friedhof zur Erde bestattet. Mit den Leidtragenden, unter welchen sich Se. Excellenz der Staatsminifter Finger und die Mitglieder der Ministerien befanden, war im Auftrage Sr. Königlichen Hoheit des Großherzogs, sowie des Erbgroßherzogs und der Prinzessinnen-Töchter Seine Excellenz der Hofmarschall und Generallieutenant von Westerweller erschienen. Se. Königliche Hoheit der Großherzog hatten aus Schottland, der Erbgroßherzog aus Rheinhessen, die Prinzessin Heinrich aus Kiel und die Prinzessin Viktoria, Prinzessin Ludwig von Battenberg, aus Jugenheim telegraphirt und Blumenspenden am Sarg niederlegen lassen. Ihre Großh. Hoheiten die Prinzen Heinrich und Alexander waren durch ihre persönlichen Adjutanten vertreten.

Berlin, 5. September. sNeuforderungen für den Marine-Etat.j Der nächst­jährige Reichsmilitäretat soll keinerlei Mehrforderungen enrhalten. Dagegen darf als sicher angenommen werden, daß der Etat der Marine Neuforderungen, namentlich auch für Schiffsbauten, enthalten wird, wie solche bereits in der vorjährigen Denkschrift angekündigt und auch noch auf Anordnung des Generals v. Caprivi in den in Por- bereitung begriffenen Etatsentwurf eingestellt worben sind. Diese bereits früher ange- "üudigten Mehrforderungen für Schiffsbauten beziehen sich indeß nicht auf neue Schlacht- und Panzerschiffe, sondern es wird, derVoss. Ztg." zufolge, im Anschluß an den Nord-Ostsee-Canal der Bau einer ganzen Flotte von 10 Panzer-Kanonenbooten, von denen jedes 3Va Millionen v4L kostet, in Angriff genommen, der noch für eine Reihe von Jahren die Etats und alle Kräfte der Marine vollauf in Anspruch nehmen wird.