Nr. 107
Dienstag den 8. Mai
Amts- und Anzeigkblatt für dm Kreis Gießen.
1888.
Bureau r Schul st raße 7.
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.
Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.
Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
Amtlicher Hßeil.
m c t Nr. 20 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 18. v. M., enthält:
<n . . (Nr- 1794.) Gesetz betreffend bte Ausführung der am 9. September 1386 zu Bern abgeschloffenen Uebereinkunst wegen Bildung eines internationalen
Verbände» zum Schutze von Werken der Literatur und Kunst. Vom 4. April 1888. a B
Gießen, den 4. Mai 1888. Großherzogliches Kreisamt Gießen.
____ Dr. Boekmann.
Bekanntmachung.
Betreffend: Eine auf dem hiesigen Jahrmarkt zurückgebliebene fremde Kuh.
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,, ”u,f dem Qm i7- v. Mts. dahier abgehaltenen Mehmarkt ist eine Kuh zurückgeblieben, deren Eigenthümer stch bis jetzt nicht gemeldet hat- Derjenige “n .d'ese Kuh machen zu können glaubt, wird aufgefordert, dieselben binnen 14 Tagen bei der unterzeichneten Behörde vorzubringen widrigenfalls dte Kuh als gefundener Gegenstand behandelt werden wlrd. *
Gießen, 7. Mai 1888. Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
___________ Fresenius.
Politische Ueberfieht.
Gießen, 7. Mai.
Die Besserung im Befinden des Kaisers hält derartig an, daß nunmehr auch die Ausgabe der täglichen Bulletins bis auf Weiteres hat sistirt werden können und steht also nur noch eine zeitweilige Veröffentlichung osficieller Mittheilungen über das Befinden des erlauchten Patienten zu erwarten. Als besonders erfreulich ist die Wahrnehmung zu verzeichnen, daß der Kaiser sich seiner nächsten Umgebung wieder mündlich verständlich machen kann, allerdings klingt die Stimme nur ganz leise, aber die Worte machen sich doch bemerklich, nicht nur durch die bloße Lippenbewegung, sondern auch phonetisch und die Familienangehörigen wie die Aerzte des Kaisers verstehen diese nur gehauchten Aeußerungen des hohen Kranken so gut, daß für die letzteren die immerhin anstrengenden Zettel-Mtttheilungen fast unnöthig geworden sind. Dank dieses relative befriedigenden Standes der Dinge hat es denn auch die Kaiserin in voriger Woche wagen können, sich auf einen Tag von der Seite ihres kranken Gemahles zu entfernen und die längst projectirte Reise nach den Ueberschwemmungsgebteten der Elbe auszuführen. Auch auf dieser Reise, welche theilweise zu Schiff ausgeführt wurde, ist der hohen Frau an allen Orten, welche sie berührte, ein jubelnder, begeisterter Empfang bereitet worden und bewiesen die Kundgebungen der Bevölkerung, daß man auch in den überschwemmten Elbniederungen die Theilnahme des Kaiserhauses an dem Unglück der Heimgesuchten, welche sich in dem Besuche der Kaiserin so thatkräftig aus- sprtcht, wohl zu würdigen versteht. Die Monarchin hat nach der Rückkehr ihrem hohen Gemahl alle Einzelheiten ihrer Fahrt ins überschwemmte Elbgebiet erzählt, wie berichtet wird, und mit herzlicher Freude besonders der ihr übermittelten innigen Wünsche um die Genesung des Kaisers gedacht; der Kaiser soll durch die Erzählung tief gerührt worden sein. — Die Stimmung des Kaisers, die in letzter Zeit erklärlicher Weise recht niedergedrückt war, beginnt sich nunmehr ebenfalls wieder zu heben und es zeigen sich bei dem Monarchen sogar Anflüge seines früheren Humors, lieber die Uebersiedelung des Kaisers nach Schloß Friedl ichskron bei Potsdam kann zur Zeit selbstverständlich noch gar keine Disposition getroffen werden.
Die Bestrebungen zur Gründung eines ^SPirituSrirrges", alias einer Sp iritusbank für Deutschland, sind bekanntlich vor einiger Zeit mit verstärktem Nachdruck wieder ausgenommen worden. Obwohl nun die Anmeldefrist für diejenigen Branntwetr.besitzer, welche dem Unternehmen beitreten wollen, bis zum 10. Mai Mittags ablauft, so läßt sich doch immer noch nicht genau übersehen, ob die Bank jetzt wirklich zu Stande kommen wird, zumal im Osten und Norden Deutschlands, wo doch die Agitation für die Spiritusbank am eifrigsten betrieben wird, eine größere Anzahl von Brennereibcsitzern sich durchaus ablehnend dem Project gegenüber verhält. Jedenfalls scheinen die Aussichten für die endliche Realisirung dieses so lange schwebenden Projectes noch immer keine sonderlich günstigen zu sein.
Die Nachricht von dem Mißgeschick, von welchem die aus Reichsmitteln ausgerüstete Expedition der Herren Kundt und Tappenbeck im Hinterlande von Battanga (Kamerun) durch Ueberfall seitens feindlicher Negerstämme betroffen worden ist, hat in allen Kreisen der Hetmath, in denen man den colonialpolitischen Bestrebungen der Reichsregierung fortdauerndes Interesse entgegenbringt, lebhafte Theilnahme erregt. Es kann daher die Meldung nur mit Genugthuung verzeichnet werden, daß die ersten so überaus ernsten Nachrichten über den Ueberfall der Expedition durch die Bakukos und die denselben vorausgegangenen Kämpfe mit anderen eingeborenen Stämmen sich als bedeutend übertrieben Herausstellen. Allerdings ist die Expedition genöthigt worden, nach Battanga zurückzukehren, aber sie befindet sich keineswegs in einem so erbarmungswürdigen Zustande wie die ersten Schilderungen ver- muthen ließen und ist zudem Herr Kundt bereits mit den Vorbereitungen zu einer neuen Expedition beschäftigt, welche in das Hinterland von Kamerun in der Richtung nach dem Zannaga-Fluß abgehen soll.
Die Bewilligung des Budgets für die Eentralleitung im Unterrichtsministerium seitens des österreichischen Abgeordnetenhauses ist ein parlamentarischer Sieg, den das Ministerium Taaffe, welches sich mit dem Eultusminister v. Gautsch für solidarisch erklärt hatte, einer recht seltsamen Parteicoalition verdankt. Es stimmten nämlich für diesen Posten, von dessen Bewilligung das Cabinet sein Verbleiben im Amte abhängig gemacht hatte, das Gros der Altczechen, die Polen und der deutschösterreichische Elub, während sich die clericale Fraction der Abstimmung enthielt, die beiden andern deutschen Clubs aber, die Jungczechen, einige Altczechen, die Antisemiten und Demokraten dagegen stimmten. Die Stellungnahme der deutsch-österreichischen Opposition für die Regierung, anderseits das offene Frondiren eines Theiles der Czechen und das grollende Beiseitestehen der Clericalen beweisen, auf welchen wechselnden Fundamenten die Stellung des Ministeriums Taaffe beruht und daß dasselbe keineswegs so sicher auf den „eisernen Ring" der slavisch-clericalen Mehrheit rechnen kann.
Jedenfalls verdient aber die Haltung des deutsch-österreichischen Clubs alle Anerkennung verschmähte, die günsttge Gelegenheit zum Sturze des slavenfreundlichen „Versohnungsministeriums" zu benützen — ob aber Graf Taaffe den Deutschliberalen für ihre patriotische Unterstützung großen Dank wissen wird?
Jenseits der Vogesen ist mit dem Boulanger-Spektakel eine wohlthuende Pause eingetreten, vermuthlich fühlen Freunde wie Gegner des französischen Zukunftsdiclators das Bedürfniß, sich nach den lebhaften gegenseitigen Auseinandersetzungen der letzten Wochen einmal Ruhe zu gönnen. Inzwischen haben nun am Sonntag in ganz Frankreich — mit Ausnahme der Hauptstadt — die Gemeinderathswahlen stattgefunden und bei dem vorwiegend politischen Charakter, den diese Wahlen besitzen, werden sie auch gezeigt haben, ob die Boulangerbewegung weitere Fortschritte namentlich in den ländlichen Gemeinden verzeichnen kann. Zugleich wird der Ausgang der Gemeinderathswahlen auch einen gewissen Schluß auf den Charakter der im nächsten Jahre bevorstehenden allgemeinen Neuwahlen zur Deputirtenkammer gestatten. Tenn aus den neuen Munictpalräthen werden die Vorsitzenden und Beisitzer bei den politischen Wahlen genommen und diese offiziellen Persönlichkeiten können wenigstens auf dem Lande, aber auch in den kleineren Städten, den Verlauf der Kammerwahlen in ihren Bezirken ungemein beeinflussen. Auch geben die Delegirten der Gemeinderäthe bei den Senatswahlen der Zahl nach den "Ausschlag und so erhellt auch nach dieser Richtung hin die politische Bedeutung der französischen Gemeinderathswahlen.
In der italienischen Deputirtenkammer ist in voriger Woche nicht nur die Afrika - Frage, sondern auch das Verhältniß Italiens zu Frankreich zur Sprache gekommen. Der Ministerpräsident Crispi nahm hierbei Gelegenheit, der Annahme als ob er früher ein Gegner der Allianz Italiens mit den Centralmächten gewesen sei, entschieden entgegenzutreten und zu betonen. daß das Bündniß Italiens mit Deutschland und Oesterreich, anderseits sein freundschaftliches Verhältniß zu England nur den praktischen Zielen entspreche, welche die italienische Politik verfolge. Dagegen vermied es der Cabinetschef vorsichtig, sich auf eine Präcisirung der italienisch-französischen Beziehungen einzulassen, er versicherte nur, daß seine Regierung niemals einer Angriffspolitik gegen Frankreich zustimmen werde und lediglich die bestimmte Erklärung Italien könne nie zugeben, daß sich das Mittelmeer zu einem rein französischen See entwickele, bekundete eine gewisse Schärfe der ministeriellen Ausführungen gegenüber Frankreich. Am Mittwoch wird übrigens Crispi die letzten zur Afrika-Frage ein- gebrachten Interpellationen, die sich gegen die fernere Besetzung von Mausanah erklären, beantworten.
Der türkische Gesandte in Athen, Ferundi Bey, welcher nach Conftan- tinopel zur Berichterstattung berufen werden sollte, verbleibt infolge erhaltener Gegenordre auf seinem Posten, was darauf hindeutet, daß die sich zwischen der Türkei und Griechenland bemerklich machende Spannung eine vorläufige Abschwächung erfahren hat.
Deutschland.
O c A"ttn, 5 Mai. Seine Majestät der Kaiser war außer Bett und nahm im Laufe des Vormittags den Vortrag des Chefs des Militärkabinets v. Albedyll entgegen. Die Temperatur des hohen Patienten war in den letzten 24 Stunden niedriger als zu irgend welcher Zeit feit dem Eintreten des Fiebers, welches heute vor 3 Wochen begann. Allerhöchstderselbe machte gestern wohlgelungene Gehversuche, welche heute wiederholt werden sollen. Der Appetit ist zufriedenstellend.
—"Se. Majestät der Kaiser fonferirte heute eine Stunde mit dem Reichskanzler Fürsten Bismarck.
k . — Se. Majestät der Kaiser empfing Mittags den Besuch der Kaiserin Augusta und der Prinzessin von Meiningen.
— Se. K. K. Hoheit der Kronprinz, welcher gestern Nachmittag Carl Schurz in Uudienz empfing, nahm Vormittags eine militärische Besichtigung in Spandau vor und empfing nach seiner Rückkehr den Vortrag des Kriegsminifters Bronsart v. Schellendorf.
“T I- K. K. Hoheit die Frau Kronprinzessin eröffnete heute Vormittag um 11 Uhr den unter ihrem Protektorate stehenden Bazar zum Besten der Genossenschaft deutscher Bühnenangeböriger im Kgl. Schauspielhause.
Berlin, 5. Mai. Das Abgeordnetenhaus genehmigte in dritter Berathung die Errichtung eines Amtsgerichts in Tirschtiegel, ebenso nach einer wenig erheblichen Debatte die Novelle zum Reliktengesetz für die Elementarlehrer nach den Beschlüssen der zweiten Lesung. Der Gesetzentwurf, betreffend die Verleihung von Corporationsrechten an Orden und ordensähnliche Kongregationen der katholischen Kirche, wurde in der ersten und zweiten Lesung angenommen. Der Antrag des Abgeordneten Berling auf Annahme des Gesetzentwurfs, betreffend den Schutz der Landwirthschaft gegen Hochwild, wird auf den Antrag des Abgeordneten v. Schorlemer-Alst einer einundzwanzig- gliedrigen Commission überwiesen. Hieraus wurde eine Reihe von Petitionen theils durch Uebergang zur Tagesordnung, theils durch Ueberroeifung an die Regierung


