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Nr. 33 Mittwoch bcii 8. Februar 188W

(Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Vrrraanr Lchnlstraße 7.

Erscheint tätlich mit Aufnahme des Montags.

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Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Keutschland.

Berlin, 5. Februar. Gutem Vernehmen nach wird in jedem Corps- bestrk ein Beirath aus Vertretern des Handels- und der Landwirthschaft errichtet, um her Intendantur für Beschaffung der Materialien zur Trupvenverpflegung in Krieg und Frieden zur Seite zu stehen. Die Ernennung erfolgt au? Vor­schlag her Civilbehörderi durch den commandirenden General und fett mit Be­schleunigung durchgeführt werden. (Fr. I )

Der Bericht der Wahlprüfung«' Commission der Reichstag» über die Wahl des Abg. Richter in Hagen ist jetzt erschienen. Die Commisfton hat mit o gef.en 4 St. beschloffen, die Ungültigkeit der Wahl zu beantragen; zwei Mitglie­der enthielten sich der Abstimmung. Herr Richter war mit 11,911 gegen 8478 St., welche für den nationalliberalen Herrn vou Syriern, und 2702, welche für einen Secialdemokraten abgegeben waren, und endlich 13 zersplitterten Stimmen zum Abgeordneten gewählt worden. Er hatte also nur 358 Stimmen über die absolute Mehrheit. Anlaß zur Uggültigkeitr-Erklärung gab das von der Regie­rung zu Zttnsberg erlassene Verbot eine» Arbeiter-Wahlcomitös, worin für einen Thetl der Wähler eine ungesetzliche Beschränkung der Wahlrechte und für eine ganze Partei die Verhinderung der Organisation sür die Wahlagitation enthalten war. SlHcb in srühern ähnlichen Fällen hat der Reichstag sür Ungültigkeit der Wahl enlsryieden. In der Commission stimmten auch die deutschsreisinnigen Mit­glieder für Ungültigkeit.

Berlin, 5 Februar. Von dem Kronprinzen und der Kronprinzessin ist aus die ibnen zum dreißigsten Hochzeitstage gewidmete Adresse Berliner Ein­wohner dem Comi'6 nachstehendes Dankschreiben zugegangen:Wir haben die kostbare ima künstlerisch ausgestattere Adresse, der Einwohnerschaft aus Anlaß der dreißigsten Wiederkehr unseres VermbhlungSlage« mit tiefbewegtem Herzen entgegengenommen, und sprechen Allen, welche sich an derselben behelligten, unseren aufrichtigen Dank für diesen neuen Beweis anbänglrcher Gesinnungen der Hauptstadt aus. Gewohnt, bisher den g-dochten Tag in Berlin zu feiern, gewährt es uns in dießm Jahre, wo wir genöthigt sind, in der Ferne zu weilen, große Freude, ein solches Zeichen theilnehmenden Gedenkens aus der Hsimath zu erhalten, in welcher bei oem Eintritt milderer Jahreszeit zurückzukehren wir zuversichtlich erhoffen."

Eine Verordnung des Staatsministeriums verlängert den Kleinen Be­lagerungs-Zustand für Stettin und Umgegend bis zum 30. September.

Berlin, 6. Februar. Die Budget-Commission bewilligte in der heuti­gen Abcndsitzung auf Grund der Erklärungen des Kriegsministcrs einstimmig hie Anleihe von 278 Millionen nebst dem Nachttags-Etat und bestellte den Abg. v. Huene zum Referenten für das Plenum. (Fr. Ztg.)

Schweden.

Stockholm, 6. Februar. Das neue Cabinet ist ernannt worden. Bildt übernimmt die Leitung, Gouverneur Bergström die Justiz, Palmstjerna den Krieg, Essen die Finanzen, Wennerbcrg den Cultus, Länegsen bisher ohne Porte- feuifle. Die Minister des Auswärtigen, der Marine, des Innern und Staats­rath Lvven verbleiben im Ministerium.

Deutscher Reichstag.

30. Sitzung vorn 6. Februar 1888.

Die Tribünen sind dicht besetzt. Bor dem Eingänge hat sich ein zahlreiches Publikum angesammelt, um die Ankunft des Reichskanzlers zu erwarten. Derselbe tritt bei Beginn der Sitzung in den Saal.

Auf der Tagesordnung: Erste Berathung der Anleiheoorlagr für die Zwecke der Durchführung des neuen Wehrgesetzes.

Reichskanzler Fürst Bismarck: Ich werde durch meine Worte die Mehrheit für die Vorlage nicht vergrößern. Ueber die Lage spreche ich nicht gern, weil ein Wort von Ben schwerwiegendsten Folgen sein kann. Aber bei dem Zustande der Beunruhigung der öffentlichen Meinung erwartet man eine Aufklärung von dem Minister des Auswärtigen. Ich könnte auf meine im vorigen Jahre an dieser Stelle gethauen Aeußerungen verweisen. Wenn sich die Lage seitdem geändert, so geschah das eher zum »fluten als zum Schlimmen. Ein günstiges Symptom sei es, daß Frankreich bei der Präsidentenwahl nicht in die Pandorabüchse griff, sondern den friedlich gesinnten Earnot wählte, während die kriegslustigen Minister aus dem französischen Eabinet ausgeschieden sind. Frankreich ist heute weniger explosiv als im Vorjahre Die Be­fürchtungen haben sich auch mehr an Rußland geknüpft als an Frankreich. Bezüglich der Stellung Rußlands uns gegenüber bin ick» aber heute noch derselben Meinung als im vorigen Jahre. Die Presse ist in Frankreich eine Macht, nicht so in Rußland. Ich bin überzeugt, daß der russische Kaiser nicht die Absicht hat, uns anzugreifen. Ich besitze das Zeugniß des Kaisers von Rußland dafür, das für mich mehr Gewicht hat als die russische Presse. Wenn eine Explosion in Frankreich erfolgt, so ist nicht zu erwarten, daß sich Rußland gegen uns verbünde, dagegen würden wir Frankreich im Falle eines Krieges mit Rußland gegen uns haben. Ueber die russischen Truppen- ansammlungen an der Westgrenze kann ich authentische Motive nicht angeben. Ich nehme an, daß das russische Eabinet im Falle des nächsten europäischen Krieges daS Gewicht her russischen Stimme erhöhen will. ES wird als Freund oder alS Gegner um so rascher zur Hand sein können, je näher sich seine Truppe»» an der Westgrenze befinden. Ich nehme an, daß eine orientalische Krisis erwartet wird. Wir haben in diesem Jahrhundert schon vier europäische Krisen erlebt: 1809, 1828, 1854 und 1877. Dieselben folgten sich in Etappen von etwa 20 Jahren. Warum sollte die nächste früher kommen als 1897 ? Auch die polnischen Aufstande wiederholen sich in bestimmten Perioden. Vielleicht sind die Truppenzusammenziehungen auch darauf zurückzuführen. Ebenso unterliegt die Regierung in Frankreich stetem Wechsel. Wir haben keinen I Grund, in die Zukunft schwärzer zu sehen als bisher. Wahrscheinlich wird die nächste I Kcisis, welche etntritt, die orientalische sein, der gegenüber mir keine direeten Ver- |

pflichtungen haben. Wenn diese Krisis eintritt, werde»» wir die Stellung der zunächst detheiligtcn Mächte abzuwarten haben. Wir sind schon in schlimmeren Lage»» gewesen, so 1840, 1856, 1863. Wir greifen nicht an, auch nicht um einem Angriff zuovrzu- fommen. Man habe im Westen und Osten einen falschen Begriff von der Pflichttreue eines deutschen Ministers, wenn man darauf rechne. Auch 1866 waren wir bemüht, dem Duell nicht den Charakter eines europäischen Coalitivnskrteges zu geben. Seit 1867 herrschte ein Zustand der Beunruhigung, der unerträglich schien.Schlage»» Sie doch lieber los", wurde damals gerathen; aber wir thaten wohl daran, daß wir nicht «»griffen, sondern daß wir die Angegriffenen waren. Wir müssen uns, unabhängig von der augenblicklichen politischen Lage, io stark machen, daß wir jeder Eoalition selbstständig gewachsen sind. Wir haben die Möglichkeit, dies zu erreichen. Was die Kosten anlangt, so erinnere ich nur daran, daß Frankreich seit dem Kriege 3 Milliarden, Deutschland nur IV2 Milliarde für Militärzwecke aufwendete. Wir müssen größere Anstrengungen machen als jede andere Ration, beim wir sind mehr ausgesetzt als irgend eine andere, schon durch unsere Lage inmitten Europas. Die Hechte im europäischen Karpfenteich sorgen schon dafür, daß wir nicht zu Karpfen werden, tote zwingen uns gleichzeitig zum Zusammen­halten. Unsere Cohäsivnssähigkeit wird dadurch so gesteigert, daß wir unangreifbar werden. Die Angriffe wegen unserer Stellung zu Rußland auf dem Berliner Eongreß sind ungerechtfertigt; wir haben auf demselben die russischen Interessen nach Möglich­keit wahrgenommen. Oesterreich durften wir uns nicht entfremden, wenn wir uns nickt vollständig if»Iiren oder vollständig in Abhängigkeit von Rußland fommen wollten. Die Veröffentlichung des deutsch österreichischen Bündnißvertrags ist mit Unrecht als ein Ultimatum aufgefaßt worden. Der Text des Vertrages war dem russischen Cabinet langst bekannt. Wir haben dem russischen Kaiser in loyaler Weise keinen Zweifel darüber gelassen, wie die Dinge liegen. Der Vertrag mit Oesterreich sei der Ausdruck der beiderseitigen dauernde»» Interessen. Die Rothwendigkeit der Existenz Oesterreichs sei eine zwingende im Interesse des europäischen Gleichgewichts. Rack der Verstärkung infolge der neue»» Wehrvorlage sind wir stärker als unsere Nachbarn. Wir verfüge»» über die besten Menschenkräfte, gediente Leute und Familien­väter von 30 Jahren; für diese sind auch die besten Waffen nöthig. Wir werden an jede Grenze eine Million Kämpfer aufstellen und im Innern noch über eine Reserve von IV2 Million verfügen können. Und was uns kein Volk der Welt nachmachen kann, wir haben das Material an Offizieren und Unteroffizieren, das diese ungeheure Armee commanbiren kann. Der deutsche Offizier läßt keinen Solbaten im Feuer im Stich unb umgekehrt läßt fein deutscher Soldat seinen Offizier im Stich. Wenn die Gegner glauben, daß die Furcht eS ist, die uns friedfertig stimmt, so irrt man sich. Wir sind überzeugt, daß wir siegen werden. Aber wir lassen uns das moralische Gewicht nicht entwinden, was uns zur Seite steht, wenn wir angegriffen werden. Bei bei» kleinen Spionengeschichten galt für uns das Wort: Der Klügere giebt nach. Wir haben versucht, das alte vertrauliche Verhältniß mit Rußland wieder herbeizuführen, aber wir rennen Niemand nach. Bulgarien ist fein Object, um einen europäischen Krieg zu entfachen. Wenn Rußland den Wunsch ausspricht, daß wir seine Bestrebungen auf Wiederherstellung seines ihm auf Grund des Berliner Vertrags zustehenden Ein- fluffes in Bulgarien diplomatisch bei der souzeränen Macht, der Pforte, unterstützen, wird dies geschehen. Drohungen aber fruchten nichts; wir Deutschen fürchten Gott, sonst Niemand auf der Welt. Die alte Schaffensfreuoigkeit des deutschen Volkes ist nicht erstorben und wenn uns ein Kamps aufgedrungen werde»» sollte, so werden die Tage der allgemeinen Volkserhebung von 1813 wiederkehren und jeder Wehrmann wild das Gefühl im Herzen tragen: Got: mit uns. (Anhaltende lebhafte Zustimmung von allen Seiten des Hauses.)

Abg. Frhr. v. Franckenstein (Centr.) beantragt Verweisung der Vorlage an die Budgetcommission unter Bezugnahme darauf, daß er vom Centrum beauftragt ist, die en bloo-Annahme der Wehroorlage zu beantragen.

Abg. 0. Hell dorff (cons.) bittet die Commission, die Berathung dieses Gegen­standes zu beschleunigen und vor allem anderen vorzunehmen.

Abg. v. Bennigsen (null.) betont die Rothwendigkeit, daß alle Seiten des Hauses die Regierung in ihren Maßnahmen im Interesse der Friedenserhaltung unterstützen.

Abg. Graf Behr (Rchsp) schließt sich Namens seiner Freunde dem Vor­redner an.

Abg. Rickert (freif.) erklärt, daß die Freisinnigen der Wehroorlage schon in der Commission zugestimmt habe»» und daß sie vor keinem Opfer zurückschrccken, wenn es gilt, die deutsche Schlagfertigkeit für den Fall eines Krieges zu erhöhen.

Die Anleihevorlage wirb an die Budgetcommissioir verwiesen. Es folgt zweite Berathung der Wehrvorlage.

Abg. Frhr. v. Franckenstein (Centr.) beantragt en dloo-Annahme der Vorlage wie sie aus vem Berathungen der Commission hervorgegangen.

Abg. v. Bennigsen (natl.) stimmt dem Anträge zu.

Reichskanzler Fürst Bismarck da»»kt Namens der verbündeter» Regierungen für diese Zustimmung. Sie erblickten darin nicht nur einen Ausdruck des Vertrauens, sondern auch eine Verstärkung der Garantie für die Erreichung der Ziele der Vorlage.

Die Vorlage wird en bloc angenommen.

Nächste Sitzung morgen 1 Uhr. Antrag auf Verlängerung der Legislatur­periode»», Wahlprüsungcn.

Telegraphische Depesche«.

Wolff's llelegr, £*****«

Berlin, 6. Februar. Bei der beute stattgefundenen Sitzung des Reichstags waren anwesend: Die Prinzen Wild«'' unb , Id, der Erbherzog von Oldenburg, der österreichische und spanische Bost . c, bte ' '» von Italien und Dänemark, die ersten Botschaftsräthe und die meisten übrigen Raubten.

Bremen, 6. Februar. Die Rettungsstation Jershoest telegraphirt: Am 5. Februar von Dem hier gestrandeten holländischen SchunerDvlfyn", Cap. Grllk, mit Holz von Riga nach Schiedam bestimmt, sechs Personen durch den Raketenapparat gerettet. Hohe Brandung mit Eisgang.

Bromber-, 6. Februar. Die Strecke Jablonowo-Bischoffswerder wird voraus­sichtlich noch bis morgen gesperrt sein. Die lleberleitung geschieht mittelst Schlitten. Der Verkehr auf der Linie Warschau-Alexandrowo ist eingestellt.

Wien, 6. Februar. Gegenüber der Meldung desPester Lloyd", daß der russische Botschafter v. Loba»»ow 001» Kalnoky Über die beabsichtigte Publikation deS Allia»»zvertrags unterrichtet roorben sei und erklärt hätte, daß das russische Cabinet gegen die Publikation keinerlei officielle Einwendung vorbringe, sagt dasFremden­blatt", diese Nachricht wird in unterrichteten Kreisen sür völlig unwahrscheinlich geholter:,