Ausgabe 
7.7.1888 Erstes Blatt
 
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Samstag den 7. Juli

1888.

Nr. 156

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Erscheint täglich mit Ausnahme des MontagS

-Bureaur Schulstraße 7.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Bekanntmachung.

Großherzogliches Kreisamt Gießen. Dr. Boekmann.

verpflichtet worden ist.

Gießen, am 4. Juli 1888.

Es wird hierdurch uir öffentlichen Kenntniß gebracht, daß Elise Schneid müll er von Watzenborn in der von der Großherzoglichen Direction der Entbindungsanstalt vorgenommenen Prüfung zur Ausübung der Praxis als Hebamme für sehr gut befähigt erklärt und von uns als Gemeindehebamme

Bekanntmachung.

Es wird mr öffentlichen Kenntniß gebracht, daß Justine Schmitt von Harbach bei der von der Grobherzoglichen Direction der Entbindungsanstalt Gießen vorqenommenen Prüfung zur Ausübung der Praxis als Hebamme für gut befähigt erklärt und von uns als Gemeindehebamme verpflichtet worden rst.

Gießen, den 4. Juli 1888. Großherzogliches Kreisamt Gießen.

vr. Boekmann. ,

Politische Rundschau

Gießen, 6. Juli.

Die Thatsache, daß Kaiser Wilhelm am 13. Juli zur See über Kiel nach Rußland reisen und dem Czaren Alexander einen Besuch abstatten wird, beherrschte in der letzten Woche die ganze europäische Politik und übte auch auf die innere Lage Deutschlands einen günstigen Einfluß aus, denn was mau auch sonst über den Zweck der Reise berichten mag, so steht doch vor allen Dingen soviel fest, daß die Reise dem Austausch freundschaftlicher Gefühle zwischen dem deutschen und russischen Herrscher­hause gilt, und daß in Hinblick auf den großen Einfluß, den freundschaftliche persön­liche Beziehungen zweier so mächtiger Kaiser auf die Politik ausüben können, mit ziemlicher Sicherheit eine Besserung der deutsch-russischen Beziehungen und eine Auf­heiterung der seit Jahr und Tag umdüsterten Lage Europas erwartet werden kann- Im Anschluß an die bevorstehende Zusammenkunft der Kaiser von Deutschland und Rußland wurde nunmehr auch bekannt, daß der General von Pape, welcher dem Czaren die Thronbesteigung Kaiser Wilhelms anzeigte, und am russischen Hofe außer­ordentlich ehrenvoll empfangen wurde, gleichzeitig der Träger einer besonderen Mission des Kaisers Wilhelm an den Czaren war und auch ein Handschreiben des Czaren an Kaiser Wilhelm nach Berlin zurückgebracht hat. Man geht daher wohl nicht fehl, wenn man annimmt, daß General von Pape die der Kaiferbegegnung vorhergegangenen Unterhandlungen geführt hat, resp. der Träger derselben gewesen ist.

Am Donnerstage fand im königlichen Schlosse zu Berlin unter dem Vorsitze des Kaisers ein Kronrath statt. Es ist wohl wahrscheinlich, daß der Kronrath, an welchem alle Minister theilnahmen, theils der bevorstehenden Reise des Kaisers nach Rußland, theils der geplanten Neubesetzung mehrerer obersten Verwaltungsstellen galt. Auch mit Fragen, betreffend testamentarische Bestimmungen des verewigten Kaisers Friedrich und der officiellen Bekanntgebung seines Krankheitsverlaufes, dürfte sich der Kronrath beschäftigt haben. ______

Der BundeSralh hat mit dem Ende dieser Woche seine regelmäßigen Sitzungen beendigt und sich bis zum Herbst vertagt. Die letzten Berathungsgegenstände, mit denen sich die Ausschüsse des Bundesrathes in angestrengter Arbeit beschäftigten, war der neue Gesetzentwurf, betreffend die Alters- und Jnvalidenversorgung der Arbeiter und die Vorlage über die Einführung eines gemeinsamen deutschen bürgerlichen Ge­setzbuches.

In politischer Hinsicht verlief die jüngste Woche in Oesterreich-Ungarn sehr ruhig. Bemerkenswerth ist aber, daß gegenwärtig die seitens der österreichisch - un­garischen Kriegsverwaltung schon seit längerer Zeit beabsichtigte Verlegung der gali­zischen Regimenter nach ihren Ergänzungsbezirken in der Ausführung begriffen ist, also trotz der scheinbaren Beruhigung der europäischen Lage Oesterreich seine mili­tärischen Vorsichtsmaßregeln consequent durchführt. Außer der 2. Jnfanterie-Truppen- Division (3. und 4. Brigade), welche jetzt aus Niederösterreich nach Galizien marschirt, werden von dieser Dislokation auch zwei im Occupationsgebiete stehende polnische Bataillone, sowie das Lemberger 30. InfanterieregimentBaron Ringelsheim" betroffen, welch' letzteres mit drei Bataillonen bisher die Garnison von Serajevo gebildet hatte. Cs kehren jetzt im Ganzen 20 galizische Bataillone in ihre Heimath zurück, so daß das 1. und 11. Korps in Krakau und Lemberg nun vollständig in Galizien, also dicht an der russischen Grenze, untergebracht werden.

In letzter Woche schien es, als ob das französische Ministerium wieder einmal gestürzt werden würde, denn der Ministerpräsident Floquet hat sich in der Wahl­agitation eine arge Blöße gegeben und bei der Wahl der für die Bewilligung des Budgets maßgebenden Budgetcommission hatten die Opportunisten, die Gegner des Cabinets Floquet, die Mehrheit erhalten. Der Ministerpräsident Floquet stellte aber kühn, anläßlich einer angeblichen Wahlbeeinflussung, die Vertrauensfrage an die De- putirtenkammer, und siehe da, die Herren Republikaner, denen noch immer um die Zukunft recht bange ist, solange Boulanger noch den Mund aufthut, bewilligten dem Cabinet Floquet ein Vertrauensvotum. Nur die Gruppe Ferry von den Opportunisten enthielt sich der Abstimmung, gab also dadurch aber auch zu erkennen, daß sie das Ministerium jetzt nicht gestürzt haben wollte. Dasselbe darf also bis auf Weiteres für befestigt angesehen werden.

Aus Belgrad, der Hauptstadt Serbiens, kommt die Nachricht, daß sich der König Milan unter Zustimmung der obersten Kirchenbehörde (heiligen Synode) von seiner Gemahlin habe scheiden lassen. Die ehelichen Zwistigkeiten zwischen dem serbischen Königspaare bestehen bereits seit Jahren und werden zum großen Theile auf den po­litischen Einfluß, den die Königin, welche eine geborene russische Fürstin ist, neben dem Könige, aber gegen seinen Willen ausübt, zurückgeführt. Die Königin, welche sehr reich und sehr wohlthätig ist, hat aber im Lande sehr viel Anhänger und Ver­ehrer, und es ist sehr wahrscheinlich, daß die beabsichtigte oder schon vollzogene Scheidung Les Königs von seiner Gemahlin in Serbien viel böses Blut machen wird.

Deutschkaud.

Darmstadt, 5. Juli. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben Aller- gnädigst geruht:

Am 30. Juni den Kreisarzt des Kreisgesundheitsamts Groß-Gerau, Medicinal- rath Dr. Georg Münch, auf fein Nachsuchen, unter Anerkennung seiner langjährigen treugeleisteten Dienste und unter Verleihung des Charakters alsGeheimer Medicinal- rath", sowie den Kreisarzt des Kreisgesundheitsamts Heppenheim, Medicinatrath Dr. Carl Scotti, auf fein Nachsuchen, unter Anerkennung seiner langjährigen treu­geleisteten Dienste und unter Verleihung des Charakters alsGeheimer Medicinalrath" mit Wirkung vom 1. August l. I. in den Ruhestand zu versetzen;

an demselben Tage den Arzt bei dem Landeszuchthaus Marienschloß, Dr. Georg Pfannmüller, zum Kreisarzt des Kreisgesundheitsamts Groß-Gerau, denKreiszassistenz- arzt für den Kreis Mainz, Dr. Ludwig Lehr zum Kreisarzt des Kreisgesundheitsamts Heppenheim, sowie den praktischen Arzt Dr. Julius Haberkorn zu Kirchhausen im Ken'greich Württemberg zum Kreis-Assistenzarzt für den Kreis Mainz mit dem Wohnsitz in Mainz sämmtlich mit Wirkung vom 1. August l. I. zu ernennen.

Berlin, 4. Juli. Die Commission für die Ausarbeitung des Entwurfs eines bürgerlichen Gesetzbuchs hat nach einer am Montag abgehaltenen Sitzung ihre Sommer­ferien angetreten und die Berathungen bis Ende August vertagt.

In Straßburg ist demEls. Journ." zufolge das Gerücht verbreitet, Kaffer Wilhelm beabsichtige im October das Reichsland zu besuchen. Nahrung erhält das Gerücht durch die Nachricht, daß an die Bauleitung des Kaiserpalastes in Straß­burg die Weisung gelangt ist, die Arbeiten derartig zu beschleunigen, daß der Palast vom October ab bewohnt werden kann.

Dänemark.

. Kopenhagen. Auch Dänemark will nun ernstlich mit socialpolitischen Reformen vorgehen. Eine Abordnung der Oberleitung und der Vertretung der conservativen Arbeiter- und Wähleroereine der Hauptstadt und Umgegend unter Führung des Dichters Dr. Ploug, Mitgliedes der Ersten Kammer unseres Reichstages, überreichte am 30. Juni dem Ministerpräsidenten Estrup eine Adresse der erwähnten Vereine, in welcher die Regierung aufgefordert wird, dem Reichstage Gesetzesvorlagen zu unterbreiten, welche die Verbesserung der Lage und der Lebensbedingungen der Arbeiter bezwecken. Dazu gehören eine vom Staate geregelte und unterstützte Altersversorgung, des fernern bessere Regelung der Lehrlings- und Dienstbotenverhältnisse, Schutz gegen verfälschte Nahrungs­mittel, Sicherung gegen Unfälle bei Maschinen und Versicherung gegen Unfälle bei der Arbeit überhaupt, Untersuchung und Porbeugung von See-Unfällen, Regelung der Krankenkassen u. s. w. Schließlich wird der Wunsch ausgesprochen, daß sowohl bei der Revision des Zolltarifs wie bei der des Gewerbegesetzes billige Rücksicht auf die Be­dürfnisse der Arbeiter genommen werde. Der Ministerpräsident sprach seine Freude über die Anerkennung der Vertreter der Arbeitervereine aus, daß die Regierung nicht versäumt habe, die die Verbesserung der Lage der Arbeiter bezweckenden Gesetzgebungs­arbeiten zu fördern, und erklärte, daß mehrere der genannten Gesetzentwürfe bereits fertiggestellt seien und dem Reichstage würden unterbreitet werden, während andere^ deren Ausarbeitung mit großen Schwierigkeiten verknüpft gewesen sei und lange Zett erfordert hätte, ihrer Vollendung entgegengingen. Er hoffe, daß der Reichstag diese Vorlagen fördern werde und wünsche, daß die beiden Abtheilungen des Reichstages und die Regierung zu einer Verständigung wegen derselben gelangten. In der That gehörte unsere Regierung zu den ersten Europas, welche sich die Aufgabe stellten, die Lage der Arbeiter zu verbessern, indem sie schon 1875 eine Commission zur Unter­suchung der Arbeiterverhälmisse des Landes niederfetzte, welche im Jahre 1879 Bericht erstattete und mehrere Gesetzentwürfe zu genanntem Zweck ausgearbeitet hatte. Im Jahre 1883 hat die Regierung ferner dem Reichstag eine Vorlage betreffend die Altersversorgung der Arbeiter unterbreitet. Der leidige Streit zwischen der Regierung und dem Folkething hat jedoch das sociale Reformwerk in unserem Lande nicht zur Durchführung gelangen lassen. Daß dies jetzt gelingen möge, wollen auch wir hoffen und wünschen.

Iußland.

Petersburg, 5. Juli. Bezüglich der Theilnahme der Truppen an der am 15./27. Juli stattsindenden 900jährigen Feier der Bekehrung Rußlands zum Cbr ist ent hum hat der Kaiser befohlen, daß alle Truppentheile hinzuzuziehen und an diesem Tage von ihren Beschäftigungen zu befreien seien. Die Theilnahme der Truppen an der Feier wird darin bestehen, daß sie an ihren resp. Einquartierungs­orten auf der einen Seite des Weges Spalier bilden, welchen die Prozession der ört­lichen Geistlichkeit zurückzulegen hat, um die Wasserweihe zu vollziehen. Wenn die Prozession die Truppen passtrt, haben diese in vorgeschriebener Weife zu salutiren; die Musik intonirt die HymneKoly Slawen" und, indem das Kreuz in's Wasser ge-. taucht wird, erfolgen 101 Kanonenschüsse.