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Samstag den 7. April
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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis
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Politische Rundschau
Gießen, den 6. April 1888.
Kaiser Friedrich erfreut sich fortgesetzt eines verhältnißmaßig recht befriedigenden Befindens und ist namentlich heroorzuheben, daß der Auswurf fast gar nicht mehr gefärbt erscheint. Auch die mit dem Osterfeste wieder eingetretene ungünstige Witterung hat auf den Gesundheitszustand des hohen Herrn bislang nicht nachtheilig eingewirkt und nur die einstweilige Wiedereinstellung der kaum erst begonnenen Ausfahrten des hohen Herrn zur Folge gehabt. Im Uebrigen kann auch aus der bevorstehenden Abreife Str Morell Mackenzte's nach London, woselbst derselbe am 11. April seine silberene Hochzeit zu feiern gedenkt, der beruhigende Schluß gezogen werden, daß bedrohliche Erscheinungen im Zustande des Kaisers augenblicklich nicht zu befürchten sind. Zur Vertretung Dr. Mackenzie's während dessen Abwesenheit von Berlin ist Dr. Norris Wolfenden, welcher schon bet dem Aufenthalte des Kaisers in Norwood als Stellvertreter Mackenzte's fungirte, in Berlin eingetroffen.
Mehrere Kundgebungen Kaiser Friedrichs nahmen in den letzten Tagen wiederum die öffentliche Aufmerksamkeit in Anspruch. Zunächst galt dies von der Amnestie, welche der Monarch als König »von Preußen noch unmittelbar vor dem Osterfeste erlassen hat und die somit denjenigen Personen, die von Ihr umfaßt werden, in Wahrheit zu einem Ostergeschenk geworden ist. Wenn der Erlaß gewisse Vergehen, besonders aber Hoch- und Landesverrath ausschlteßt, so erscheint dies nur gerechtfertigt, denn die Gnade des Herrschers würde unter den obwaltenden Verhältnissen nur ganz unwürdigen Anarchisten oder Verräthern an vaterländischen Interessen zu Gute kommen. Ausgeschlossen sind auch die speciell socialdemokratischen Deltcte und Vergehen, was aber natürlich verhindert, daß der allgemeine Strafnachlaß für Preßvergehen u. s. w. auch zahlreichen Socialdemokraten zu Gute kommt.
Wenngleich das Osterfest an größeren Ereignissen von eigentlich politischer Bedeutung auf innerem Gebiete nichts gebracht hat, so ist es doch nach einer speciellen Richtung hin nicht ohne eine Ueberraschung verlaufen. Dieselbe liegt in der Verleihung des Rothen Adlerordens I. Classe an Herrn v. Bennigsen, dem anerkannten Chef der nationalltberalen Partei. Diese hohe Ordensauszeichnung wird sonst nur hochgestellten Beamten, Diplomaten und ähnlichen Persönlichkeiten zu Theil und da Herr v. Bennigsen als Landesdirector von Hannover kein Staats-, sondern ein Selbstverwaltungsamt bekleidet, so wird man kaum irren, wenn man annimmt, daß seine Decorirung mit der ersten Classe des Rothen Adlerordens seiner politischen Persönlichkeit und seiner hervorragenden parlamentarischen Stellung gilt. Inwieweit die Herrn v. Bennigsen zu Theil gewordene Auszeichnung eine besondere politische Bedeutung beansprucht, wird sich des Näheren vielleicht schon aus den Ereignissen der nächsten Zeit von selbst ergeben.
In erfreulichster Weise hat sich das allgemeine Mitgefühl des deutschen Volkes den durch die Ueberschwemmungen vor Allem der Elbe, Weichsel und Oder, dann auch der Netze, Warlhe, Brahe u. s. w. so schwer heimgesuchten Landsleuten zugewandt und schon bislang sind die Gaben für die Ueberschwemmten an den Centralsammelstellen reichlich eingelaufen. Aber das Elend in den überschwemmten Gegenden ist unbeschreiblich groß und darum ist dringend zu wünschen, daß der Wohlthätigkeitssinn aller Kreise der Nation auch fernerhin sich rege bethätige, zumal sich das Ueber- schwemmungsgebiet leider noch immer erweitert. So ist im Memeldelta nun ebenfalls eine bedeutende Ueberschwemmung eingetreten, ferner sind im Danziger Werder die Binnengewässer ausgebrochen und auch im Netzegebiet 'erfolgten neue Dammbrüche, wobei leider auch acht Personen umkamen. — Für die durch die Überschwemmungen in Deutschland Betroffenen hat König Humbert in hochherziger Weise 40,000 Frcs. gespendet und seine echt königliche Gabe mit Worten der Sympathie begleitet, die ein neues inniges Band um Deutschland und Italien schlingen.
In der auswärtigen Politik concentirt sich das Interesse gegenwärtig zumeist auf die Vorgänge in Frankreich. Allerdings ist das Ministerium Floquet, nachdem es sich an Stelle des wieder ausgeschiedenen opportunistischen Mtntstercandidaten Ricard und Loubet durch den Eintritt der Herren Ferouillat und Deluns-Montard im radicalen Sinne noch weiter verstärkt hat, offictell constituirt und da sich auch die beiden Häuser des Parlaments bis zum 19. April vertagt haben, so wird wohl in Frankreich für die nächste Zeit der Aufregung des Ministerwechsels wieder eine gewisse Ruhe folgen, aber daß die Krisis durch die Neubildung des Ministeriums Floquet nur vertagt, aber nicht beschworen ist, geht aus der ganzen Situation hervor. Schon jetzt kündigen die Opportunisten dem radicalen Ministerium des Herrn Floquet offene Fehde an und daß zunächst das jetzige radicale Regime zu einem Kampfe zwischen den Be- kennern des gemäßigten Republikanismus und den Anhängern Elemenceau's, des Hauptes der französischen Radicalen, führen wird, geht 'auch aus dem seltsamen Verlauf der Präsidentenneuwahl in der Deputirtenkammer hervor. Die Opportunisten candidirten Herrn Brisson als Nachfolger Floquet's auf dem Präsidentenstuhle, die Radicalen beanspruchten diese Ehre für ihren Herrn .und Meister Clemenceau, aber trotz dreier Wahlgänge konnte die Kammer zwischen beiden Eandtdaten keine Entscheidung treffen, vielmehr wurde schließlich der außerhalb Frankreich's schwerlich bekannte Deputirte Meline auf den Präsidentenposten berufen, eine Verlegenheitswahl, welche deutlich die zerfahrenen Parteiverhältnisse in der französischen Volksvertretung illustrftt. Meline appellirte bei Uebernahme des Präsidentenpostens ebenfalls an die Einigkeit der Republikaner, wie dies schon vorher das Ministerium Floquet in der sein „Programm" enthaltenden Erklärung gethan hatte, aber dieser Appell ist an die republikanischen Gruppen Frankreichs schon zu oft vergeblich ergangen, als daß man diesmal an seine Wirkung glauben sollte. — Der Kriegsminister Freycinet wird wahr- -scheinlich den General Warnet zum Chef des Generalstabes ernennen und da Freycinet kein eigentlicher Militär ist, so dürfte Warnet als die „Seele" des Freycinet'schen Kriegsministertums zu betrachten sein.
Köln, 5. April. Der „Köln. Zeitung" wird anscheinend officiös aus Berlin gemeldet: Man spricht in ernster Weise von der Möglichkeit eines baldigen Rücktritts es Reichskanzlers und bringt dieselbe in Verbindung mit dem Plane einer ehelichen Verbindung des Prinzen Alexander von Battenberg und der Prinzessin Victoria :
von Preußen; man will zuverlässig wissen, der Prinz komme demnächst zur Bewerbung nach Berlin; die Königin von England komme auf der Rückreise ebenfalls um als Freiwerberin für den Schwager ihrer Lieblingstochter aufzutreten.
Telegraphische Depeschen.
Wolffs telegr. Correspondenz-Bureau.
Berlin, 5. April, Nachdem der Kaiser Vormittags eine kurze Promenade gemacht hatte, empfing er Vorträge des Kriegsministers und des Chefs des Milttai- cabinets und Nachmittags den Reichskanzler.
— Heute Mittag fand im königlichen Palais im Beisein der Kaiserin Augusta der Großherzogin von Baden, der Kronprinzessin von Schweden und der Kronvrinresstn Wilhelm eine Sitzung des Vaterländischen Frauenoereins statt. 6 ’
— Die „Nordd. Allgem. Ztg." meldet, daß Dr. Wolffenden aus London lediglich zu persönlichen Zwecken hlerherreise und daß derselbe an der Behandluna des Kaisers nicht theilnehmen werde.
Berlin, 5. April. Das Wiener Telegramm der „Köln. Ztg." von einem angeblichen Entlassungsgesuch des Reichskanzlers verstimmte die Börse. Der Nachricht fehlt indeß jede Bestätigung. v
— Die „Nordd. Allgem. Ztg." meldet: Der Sultan hat in der Absicht einen neuen Beweis des Wohlwollens und der Sympathie für das deutsche Volk zu'geben die Einsetzung einer unter seinem Patronate stehenden besonderen Commission ange-' ordnet, welche die Aufgabe hat, Geldsammlungen, zur Unterstützung der Opfer der Ueberschwemmung in Deutschland zu veranstalten.
Landsberg a. d. W., 5. April. Der Minister des Innern, v. Putlkamer ist heute Nachmittag mittelst Dampfer von Sonnenburg hier eingetroffen. Gegen 15 Quadratmeilen des Warthe- und Netzebrucheü bet einer Einwohnerzahl von 25 000 ist unter Wasser. Seit gestern arbeitet die Feuerwehr, um den bet Cettritz sinkenden Damm der Warthe zu halten. Bet scharfem Westwind ist die Arbeit sehr erschwert Das Wasser der Warthe fällt langsam.
Altona, 5. April. Die königliche Etsenbahn-Direction macht bekannt: Die directe Expedition über den großen Belt ist jetzt in vollem Umfange wieder auf- genommen. Die Route Fredertkshaoen-Gothenburg ist ebenfalls wieder eröffnet, wegen Treibeises aber noch nicht ganz regelmäßig. Directe Expedition von Personen! Reisegepäck und Gütern kann. daher über diese Route wieder stattfinden, jedoch sind Passagiere auf die nicht ganz regelmäßige Beförderung besonders aufmerksam zu machen.
Paris, 5. Avril. Alle Blätter constatiren einmüthig, daß die gestrigen Abstimmungen in der Kammer und im Senate ein Zeugniß des Mißtrauens gegen das Cabinet Floquet ablegten. Die „Justice", das Organ Elemenceau's, sagt dagegen, das Cabinet stehe vor einer Koalition, könne aber den ersten Ansturm erwarten: bie aefammte republikanische Partei stehe an seiner Seite.
— Eine Versammlung der Opportunisten im Departement du Nord beschloß der Candidatur Boulanger's diejenige des Advokaten Foucard entgegenzustellen. r
Paris, 5. April. Auf Wunsch Goblet's wird der bisherige Director der Ab- theilung für politische Angelegenheiten, Francis Charmes, im Amte verbleiben. — Ein Rundschreiben Freycinets an die Corpscommandanten bezeichnet cs als seine feste Absicht, in der Armee den unbedingten Respekt vor der Disciplin in allen Graden aufrecht zu erhalten.
— Heute fand ein von etwa 500 Anarchisten besuchtes, gegen die Stellenoermittelungsbureaus gerichtetes Meeting statt, nach dessen Beendigung die Theilnehmer die Veranstaltung einer Kundgebung in der Nähe der Centralhallen versuchten. Sie wurden jedoch von der Polizei ohne Widerstand zerstreut.
Liverpool, 5. April. Der Gemeinderath beschloß einstimmig, sein tiefes Bedauern über den Tod Kaiser Wilhelm's, sowie seine aufrichtige Sympathie für die kaiserliche Familie und die deutsche Nation dem deutschen Botschafter in London übermitteln zu lassen.
Florenz, 5. April. Das italienische Königspaar besuchte heute Vormittag in Begleitung Crffpi's die Königin von England, welche Nachmittags den Besuch erwiderte. Nach ihrer Rückkehr empfingen der König und die Königin das brasilianische Kaiservaar und den König von Württemberg.
Petersburg, 5. April. Der Aufgang der Newa hat bei Schlüsselburg begonnen. Der Dünafluß ist bei Riga aufgegangen.
UniverfitätS-Chronik.
Wien, 5. April. In Graz hat sich der Professor der Botanik an der Universität, Hubert Leitgeb, erschossen.
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Gießen, 6. April. Nach den dem Voranschläge der Stadt Gießen beigefügten Erläuterungen betrug die Zahl der Wohngebäube am Ende des Jahres 1887 1319, gegen das vorhergegangene Jahr mehr 24. — Im Jahre 1840 waren 797 Wohngebäude vorhanden, 1850: 810, 1860: 816, 1870: 871, 1880: 1177. — An Steuerpflichtigen waren im Jahre 1887/88 vorhanden: 6454. Für das Jahr 1888/89 sind folgende Steuerkapitalien festgesetzt worden: Grundsteuerkapital 321317.9 JL, Einkommensteuerkapital 561115.1 JL, Gewerbsteuerkapitalien 212 984.0 Jt, Kapttalrentensteuer- kapitalien 110 627.0 in Summa 1206 043.9 JL — An Umlagen wurden im Jahre 1887/88 erhoben 300154 JL, 1840: 9211 fl., 1850: 10 265 fl., 1860: 10 449 fl., 1870: 24 000 fl., 1880/81: 213 399 JL — Die Einwohnerzahl Gießens betrug im Jahre 1840: 7209 Seelen, 1850: 8696, 1860: 8992, 1870: 13 980, 1880: 17 003; die letzte im Jahre 1885 stattgehabte Volkszählung ergab eine Einwohnerzahl von 19001 Seelen, so daß jetzt dieselbe von 20 000 erheblich überschritten sein dürfte.
o Gießen, 6. April. sLokal-Zug Friedberg-Lollar.j Die Bewohner Gießens und Umgegend werden hierdurch auf den seit dem 1. April versuchsweise bis zum 1. Juni eingelegten Lokalzug aufmerksam gemacht. Derselbe geht Morgens kurz vor 5 Uhr in Friedberg ab und trifft Morgens gegen3W Uhr in Lollar ein, geht 7 Uhr 30 Min. wieder nach Gießen zurück. Mittags 1 Uhr 40 Min. fährt dieser Zug wieder nach Lollar und um 2 Uhr 20 Min. nach Gießen zurück.
Gerade der um 1 Uhr 40 Min. von Gießen nach Lollar gehende Zug hilft einem in Gießen längst gefühlten Bedürfnisse, den schönen Staufenberg per Bahn früher als seither besuchen zu können, ab, und beabsichtigt Einsender dieses, aus diese Fahrgelegenheit aufmerksam zu machen in der Absicht, daß der Zug Mittags recht oft benutzt werde, damit derselbe auch auf die Dauer erhalten bleibe, wa3 nur dann der Fall ist, wenn derselbe recht fleißig benutzt wird.


