liege im Interesse des gesammten Handels, das sich in diesem Falle mit dem Interesse der Landwirthschaft decke. Was der Handel wünsche, sei, daß die Waare wieder ihrem alten natürlichen Absatzgebiete zugeführt werde. Außer dem Handel, der Rhederei und der Landwtrthschaft bringe die Aufhebung des Identitätsnachweises einer Anzahl von Industrien wesentliche Erleichterungen, so der Preßhefefabrikatton. Die übertragbaren Etnfuhrscheine würden sehr gesucht sein und deshalb immer ziemlich pari stehen. Die aus der Eventualität eines niedrigen Courscs der Etnfuhrscheine hergeleitcten Befürchtungen seien somit hinfällig.
Abg. v. Pfetten (Centr.) bekämpft die Aufhebung des Identitätsnachweises sowohl nach den Vorschlägen der Commission als nach dem des Abg. v. Wedell, da durch diese Maßregel Süd- und Westdeutschland schwer geschädigt würden.
Abg. Dr. Brömel (freis.) befürwortet die Aufhebung des Identitätsnachweises. Der Vorredner habe sich den Interessen Norddeutschlands gegenüber auf den Standpunkt absoluter „Wurstigkeit" gestellt. Er meine, man solle doch abwarten. Das heiße nichts weiter, als: man solle abwarten, bis das Kind in den Brunnen gefallen sei. Redner will sich nicht in den Streit der Agrarier mischen, aber er verlange offenkundigen Uebelsränden gegenüber Abhülfe. Hier liege ein solcher Mißstand vor; werde jetzt die Abhülfe nicht gewährt, so werde das Verlangen danach immer dringender und dringender werden, bis es endlich auf dem Wege der Gesetzgebung verwirklicht worden sei.
Abg. Singer (Soc.) erklärt sich Namens seiner Freunde gegen die Anträge auf Aufhebung des Identitätsnachweises und wird einer mottvirten Tagesordnung zustimmen.
Abg. v. Puttkamer-Plauth (conf.): Die Vertreter des Ostens hätten ihre Specialwünsche im Interesse des Ganzen gern zurückgestellt, aber sie dürften nun auch erwarten, daß man ihren gerechten Beschwerden Abhülfe schaffe. Geschehe das nicht, so könne das leicht einen Umschwung in der politischen Stimmung im Gefolge haben; die Unzufriedenheit werde dann immer mehr wachsen.
Abg. Richter-Hagen (freis.) erklärt sich gegen alle vorliegenden Anträge, auch gegen die mottoirte Tagesordnung. Die Wähler, auch im Osten, ständen der Frage sehr kühl gegenüber, wie die Wahl in Greiffenderg Kammin beweise, v. Köller habe sich für, Kohli gegen den Wegfall des Identitätsnachweises erklärt, trotzdem sei der Erstere durchgefallen.
Abg. Robbe (Rchsp.) erklärt es als eine nationale Ehrenpflicht, angesichts der Nothlage der Landwirthschaft im Osten für die Aufhebung des Identitätsnachweises zu stimmen. Er beantragt für den Fall der Ablehnung der Aufhebung des Identitätsnachweises folgende Resolution: „die Regierung zu ersuchen, 1) in nächster Session einen Gesetzentwurf vorzulegen, durch welchen unter Aufhebung der Ziffer 3 des 8 7 des Zolltartfgesetzes Fürsorge getroffen wird, daß die Exporlsähtgkeit der Mühlen, der Malz-, Preßhefe und Kakesfabriken ohne Begünstigung der Verwendung ausländischen Getreides gesichert werde; 2) ein anderweites den thatsächlichen Ausbeuteoerhältniffen mehr entsprechendes Rendement für Mehl und Roggen eintreten zu lassen.
Abg. Frhr. v. Huene (Centr.) wendet sich gegen die Aufhebung des Identitätsnachweises, wodurch der Landwirthschaft im Osten auch keineswegs der gewünschte Vortheil erwachsen werde.
Abg. Gebhard beantragt für den Fall der Annahme der Resolution Robbe hinter den Worten: „der Mühlen" einzufchieden: „der Oelmühlen, der Bäckereien" und hinter „Kakesfabriken" einzufchieden: „bez. die Möglichkeit der Versorgung von Schiffen in deutschen Häfen mit Mühlenfabrikaten und Backwaaren".
Abg. Rickert erinnert daran, daß Richter früher selbst die Aushebung des Identitätsnachweises gefordert habe. Mit dieser Aufhebung werde das herrschende Zollsystem nicht befestigt, sondern im Gegentheil erschüttert.
DtevondenAbgg. v. Benn igsen, vr. Miquel, Graf v. Behr, v. Kar do r ff, Graf zu Stolberg-Wernigerode und Wichmann eingebrachte motivirte Tagesordnung lautet:
In Erwägung, daß der Antrag Ampach und Genossen durch die Neuheit und Schwierigkeit des Gegenstandes erheblichen Zweifeln Raum läßt über die Wirkungen, welche seine Annahme und Durchführung für die Land- wirthfchafl und den Handel, insbesondere auch in den einzelnen Thetlen Deutschlands haben würde; in fernerer Erwägung, daß für dre erforderliche sorgfältige Prüfung des Antrags im Ganzen und Einzelnen, namentlich aber für die nach verschiedenen Richtungen noch wünschenswerthen Erhebungen die Zett während der gegenwärtigen Session mangelt; sowie in der Erwartttng und mit dem Wunsche, daß die verbündeten Regierungen den in dem Anträge angeregten wichtigen Fragen ihre volle Aufmerksamkeit zuwenden und das Ergebniß der über dieselben anzustellenden Erhebungen dem Reichstage in der nächsten Session mittheilen werden, geht der Reichstag über den Antrag Ampach und Genossen zur Tagesordnung über.
Diese motivirte Tagesordnung wird mit 178 gegen 101 Stimmen angenommen. Die übrigen Anträge werden zurückgezogen.
Der Präsident thetlt den Eingang eines Nachtragsetats der internationalen Literarconventton und eines elsässischen Gesetzes mit.
Morgen 12 Uhr: Rechnungssachen, kleine Vorlagen, Colonialjustizgesetz, Wahlprüfungen.
Telegraphische Depesche«-
Wolff'S telegr. EöMespsKdenr-BUreark
Berlin, 5. März. Der Kaiser ist leicht erkältet. Im ersten Theil der Nacht war der Schlaf mehrfach unterbrochen. Der Kaiser schlief in Folge dessen länger und steht erst Mittags auf.
— Der „Retchsanzeiger" veröffentlicht folgendes Bulletin über das Befinden des Kaisers: Se. Majestät der Kaiser sind von einer leichten Erkältung befallen und werden voraussichtlich genöthtgt sein, mehrere Tage das Bett zu hüten.
Sa« Remo, 5. März, Vorm. 10 Uhr 35 Mtn. Der Kronprinz verbrachte die Nacht ziemlich gut. Husten und Auswurf ist etwas geringer. — Prinz Wilhelm ist heute früh 9 Uhr abgereist.
Altona, 5. März. Betrieb auf Strecke Kyritz-Meyenburg des diesseitigen Eisenbahn-Direktions-Bezirks in Folge großer Schneeverwehungen voraussichtlich auf mehrere Tage unmöglich.
Chemnitz, 5. März. Auf der Strecke Chemnitz-Borna-Leipzig fehlen seit gestern Abend alle Züge von und nach Leipzig.
Bromberg, 5. März. Der durch den orkanartigen Schneesturm am Samstag unterbrochene Verkehr auf den Hauptlinren der Eisenbahndirection Bromberg ist mit Ausnahme der Strecke Stolp-Danzig, welche voraussichtlich heute frei wird, wieder hergestellt.
Basel, 5. März. In Beantwortung des gestrigen Artikels der „Nordd. Allg. Ztg." bezüglich des von ihr abgedruckten deutschfeindlichen Fastnachtsgedichts verwahren sich die „Baseler Nachr." dagegen, daß das Machwerk als eine Bekundung der in der Schweiz gegenüber Deutschland herrschenden Gesinnung betrachtet wird. Jenes Gedicht wäre der Baseler Presse erst durch den Lörracher „Oberländer Boten" bekannt geworden und selbst die Baseler Polizei hätte es erst auf diesem Wege kennen gelernt. Dies beweise genügend, daß es nur in wenigen Exemplaren verbreitet worden, da Baseler Bürger fast die ganze Auflage verbrannt hätten. So lange keine Klage eingereichl sei, könne die Staatsgewalt gegen den Drucker nicht einschreiten, ebensowenig könne Der Bundesrath eine Untersuchung einleiten, so lange von auswärts kein Kläger aufgetreten sei. Was die freundnachbarltchen Beziehungen der Schweiz zu Deutschland betreffe, beruhten dieselben in Verhältnissen zu ernster und entscheidender Natur, als daß sie durch frivole Mittel irgend welcher Art gestört werden könnten.
Newyork, 5. März. Gestern fand hier ein Meeting von Maschinisten aller in Newyork mündenden Eisenbahnen statt. Es wurde beschlossen, die Strikenden der Ehicago-Burlington-Quincy-Etsenbahn zu unterstützen, auch wenn der Eisenbahnverkehr im ganzen Lande darunter leiden sollte.
, Berlin, 6. März. sPrivatdepesche des „Gießener Anzeigers".j Se. Majestät der Kaiser aß gestern mit gutem Appetit. Die Aerzte wünschen, daß er sich noch im Bett hält. Ter Schlaf war in letzter Nacht zwar mehrmals unterbrochen der Zustand jedoch durchaus unbedenklich; für heute sind Vorträge angefetzt.
I Lokale-.
Gieße«, 6. März. Tagesordnung für die Sladtverordneten-Sitzung am Donnerstag den 8. März 1888, Nachmittags 4 Uhr.
1. Dre Anschaffung und Unterhaltung des Faseloiehs.
2. Die Straßenreinigung.
3. Voranschlag des Wasserwerks pro 1888/89.
4. Die Löber'sche Stiftung betr.
5. Gesuch des Kaufmanns Emil Pistor um Erlaubniß zur Ueberbrückung des Stadlbachs.
6. Gesuch desselben bett, die Herstellung der Fundamentmauer an seinem Magazin.
7. Gesuch der Jacob Noll Wwe. um Bauerlaubniß.
8. Gesuch des Schützenoereins Gießen um Bauerlaubniß.
9. Anlegung einer Abfahrt nach der Grünbergersttaße.
10. Gesuch des Sattlermeisters Franz Senner um Wasserabgabe aus der Quellwasserleitung.
11. Ausbau der Steinstraße.
12. Die Errichtung eines Spaliers in der Wolkengasse.
13. Herstellungsarbeilen in der höheren Mädchenschule.
14. Trennung der Vorschulklassen für die höhere und erweiterte Mädchenschule.
%.* Gießen, 6. März. Das 5. Concert des Concertoereins findet am Sonntag den 11. dss. Mts. im Clubsaale statt und bringt außer dem Trio vom Frankfurter Raff-Conseroatorium, bestehend aus den Herren Schwarz (Piano), Brun (Violine) und Nöbe (Cello), noch Herrn Adolf Müller, welcher als Sänger sich bei und des besten Rufes erfreut. Programm wird in nächster Nummer veröffentlicht werden.
— Bei der gestrigen Abiturienten-Prüfung des Realgymnasiums haben sämmt- liche 13 Abiturienten das Zeugniß der Reife erhalten.
Gießen, 6. März. Auf mehrfache Eingaben von Interessenten geht einstweilen der provlsorifch eingelegte Omnibuszug Morgens V28 Uhr ah Lollar und Mittags 3/»2 Uhr ab Gießen nach Lollar weiter. Letztere Verbindung ist für die Bewohner unserer Stadt, namentlich zur Sommerzeit, von großem Vortheil. Es darf nun nicht verhehlt werden, daß für die Folge diese Züge wieder ausfallen werden, falls dre Frequenz derselben sich nicht hebt. Wir möchten deshalb unsere Leser darauf aufmerksam machen, bei gutem Wetter diese Fahrgelegenheit öfters zu benutzen, damit die angenehme Verbindung mit Lollar, Staufenberg rc. nicht wieder in Wegfall kommt. Bei dem momentan herrschenden Grönlandswetter bleibt man am besten in den vier Wänden.
Verwischte
Darmstadt, 4. März. sPostpersonalnachrichten.j Versetzt ist der Postsecretär Scheer von Darmstadt nach Wefserling behufs Uebernahme der Vorsteher stelle bet dem Postamte daselbst, der Ober-Telegraphenassistent Rödem er von Mainz nach Darmstadt, die Postverwalter Körbel von Groß-Sletnheim nach Pfeddersheim, Fischer von Waldmtchelbach nach Grotz-Sieinheim, — Gestorben ist der Postkassirer a. D. Ho ff mann in Ltch.
Handel und Verkehr.
Gießen, 6. März. Auf dem heuttgen Markt kostete: Butter per Pfund y* 0 85—0.95, Hühnereier pr. St. 5—6 Gänseeier St. 10—90 Käse vr. St. 4—7 Ä, Käsematte 3—0 Erbsen pr. Liter 17 Linsen 30 H, Tauben per Paar 90 bis 100 Hühner per Stück Jü 0.85—1.00, Hahnen pr. Stück JL 0.90—1.50, Enten per Stück JL 1.80—2 20, Gänse per Pfund 00—00 H, Ochsenfleisch per Pfund 58 bis 60 H, Kuh- und Rindfleisch 45—50 Schweinefleisch 54—60 H, Hammelfleisch 40 bis 60 H, Kalbfleisch 40—46 4, Kartoffeln per 100 Kilo JL 5.00—5.50, Milch per Liter 12—18 H, Weißkraut Stück 0—00 Zwiebeln per Centner 12.00—18.00.
Frankfurt, 5. März. Der heutige Viehmarkt war gut befahren. Ange- ttieben waren 367 Ochsen, ca. 19 Bullen, ca. 388 Kühe und Rinder, ca. 271 Kälber. Die Preise stellten sich: Ochsen 1. Qual. JL 58—60, 2. Qual. JL 52—54, Kühe und Rinder 1. Qual. </* 50—54, 2. Qual. 42—46 per 100 Pfund Schlachtgewicht, Kälber 1. Qual. 48—50 H, 2. Qual. 48—50 H per 1 Pfund Schlachtgewicht.
Frankfurt, 5. März. (Getteide-Preife.) Weizen eff.hiesiger u. Wetterauer JL 17,75—18,00, fremder X 18,25—18,50, Roggen eff. hief. 13,75—14,00, fremder ** 00,00—,00,00 Gerste effectiv hiesige und Wetterauer JL 15,50—17,00, fremde X 00,00—00,00, Hafer eff. hief. JL 14,00—14,50, fremder JL 00,00—00,00.
Kemmerich’s
Fleisch-Pepton, unentbehrliches Nährmittel für Magenkranke, Schwache u.Genesende.VonAerzten verordnet.
GO
CO
Repertoir der vereinigten Stadtthcater zu Frankfurt a. M.
Opernhaus.
Mittwoch den 7. März geschloffen.
Donnerstag den 8. März: Zum ersten Male wiederholt: Gioconda. Große Preise. Anfang 6V2 Uhr.
Freitag den 9. März: Vorstellung bei ermäßigten Preisen. Donna Diana. Außer Abonnement. Anfang 6V2 Uhr.
Samstag den 10. März: Gioconda. Große Preise. Anfang 6V2 Uhr.
Sonntag den 11. März, Nachmittags 31/2 Uhr: Fatinitza. Außer Abonnement. Ermäßigte Preise. Abends 7 Uhr: Amelia, oder: Der Maskenball. Gewöhnliche Preise.
Montag den 12. März geschlossen.
Dienstag den 13. März: Gioconda. Große Preise. Anfang 6V2 Uhr.
G<ha«sptelha«s.
Mittwoch den 7. März: Andrea. Große Preise. Anfang 6V2 Uhr.
Donnerstag den 8. März: Alt - Fankf urt. Außer Abonnement. Kleine Preise. Anfang 6V2 Uhr.
Freitag den 9. März: Abschieds-Vorstellung des Herrn Philipp. Gaspar onne. (Erminto: Herr Philipp.) Große Preise. Anfang 6V3 Uhr.
Samstag den 10. März: Zum ersten Male: Ratcltff. Tragödie in 2 Akten von Heinrich H«.lne. Hieraus: Zum ersten Male: Frühling im Winter. Lustspiel in 1 Akt von L. Fulda. Zum Schluß: Der zerbrochene Krug. Große Preise. Anfang 6V2 Uhr.
Sonntag den 11. März: Andrea. Große Preise. Anfang 61/« Uhr.
Wöchentliche Ueberficht der Todesfälle in der Statt Gießen.
9. Woche. Vom 26. Februar bis 3. März 1888.
Einwohnerzahl: 19 001 (incl. 1600 Mann Militär). Sterblichkeitsziffer: 30,1 o/qo.
Kinder
Es starben an: Zusammen: Erwachsene: im vom
1. Lebensjahr: 2.—15. Jahr:
Eiterbrust 11 — —
Lungenschwindsucht 1 1 — —
Entzündung der Bronchien 1 1 — —
Lungenerweiterung 1 (1) 1 (1) — —
Lebensschwäche 1 (1) — 1 (1) —
Diphtherie 2 (1) — — 2 (1)
Gehirnentzündung 1 — — 1
Miliartuberkulose 1 (1) — — 1 (1)
Tuberkulose des Bauchfells 1 (1) — — 1 (1)
Atrophie 1 — — 1
Summa: 11 4 1 6
Anm. Die in Klammern gesetzten Ziffern geben an, wie viele der Todesfälle in der betreffenden Krankheit auf von Auswärts nach Gießen gebrachte Kranke kommen.


