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SLr. 6 Samstag den 7. Januar 1888.

Keßmer Anzeiger

Amts- unb Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

ÜSureaur Schulstraße 7.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlobn. Durch die Poft bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf,

Amtlicher Theis.

Betreffend: Die Statistik der Bewegung der Bevölkerung. Gießen, am 6. Januar 1888.

Das Großherzoglichc Kreisamt Gießen

an GroßherzoglicheS Polizeiawt Gießen und die Großherzoglichen Bürgermeistereien deS Kreises.

Wir sehen der alsbaldigen Einsendung der Register über die in 1887 vorgekommenen Zu- und Wegzüge entgegen.

____________________Dr. Boekmann.__

Bekanntmachung.

Das Betreten des Eises der Lahn ist verboten. Zuwiderhandlungen unterliegen nach Art. 297 des Polizei-Strafgesetzes einer Bestrafung von 1 JL bis 8 65

Gießen, am 6. Januar 1888. GroßherzoglicheS Polizeiamt Gießen.

Fresenius.

Politische Uebersicht

Gießen, 6. Januar.

Kaiser Wilhelm erfreut sich fortgesetzt des besten Wohlbefindens und find die Anstrengungen beim Neujahrsempfange von keinerlei nachteiligen Folgen für den greisen Monarchen begleitet gewesen. Auch über den Gesundheitszustand der Kaiserin lauten die Nachrichten durchweg befriedigend. Was die Nach­richten aus San Remo betreffs des Befindens des Kronprinzen anbelangen, fo war ihnen zufolge letzthin eine katarrhalische Affection beim Kronprinzen ein* getreten, die ihn am Ausgehen hinderte. Dieselbe ist jedoch inzwischen wieder vollständig beseitigt worden, so daß der hohe Herr, begleitet von der Frau Kron- prinzesfin, am Mittwoch Nachmittag eine einstündige Ausfahrt nach Taggia unternehmen konnte; das Gesammtbefinden des Kronprinzen läßt nach wie vor nichts zu wünschen übrig.

Die erste Woche des neuen Jahres hat sich verheißungsvoll genug für die Hoffnungen und Wünsche der europäischen Friedensfreunde argelaflen. Die schweren Nebel, welche noch gegen Ende des alten Jahres drohend den poli­tischen Horizont einhüllten, sie beginnen, wenn auch nur langsam, zu weichen und dis jetzt wenigstens deuten alle Anzeichen daraus hin, daß die eingetretene günstigere Constellation andauern werde. Ein merkwürdiges Zusammentreffen war er, daß saft gleichzeitig mit den im Allgemeinen zuversichtlich klingenden Neujahrsansprachen die bekannten gesälschten Aktenstücke imReichs-Anz." ver­öffentlicht wurden, welcher Vorgang ja sofort allseitig eine Friedensdeutung erfuhr. Wieviel bei dem Entschluffe des Kaisers Alexander III., die betreffen­den Documente dem deutschen Kanzler zu übersenden, die eigene Initiative des Czaren mitgewirkt hat und wieviel hierbei der Thätigkeit des deutschen Bot­schafters in Petersburg, General v. Schweinitz, zugeschrieben werden muß, mag dahingestellt bleiben. Jedenfalls legt die Veröffentlichung der gefälschten Docu­mente einerseits von dem geraden und offenen Charakter des russischen Herrschers, andererseits von seiner persönlichen friedlichen Gesinnung vollgültiges Zeugniß ab uno letztere wird auch durch verschiedene Aeußerungen des Czaren in das beste Licht gesetzt. So soll er dem russischen Militär-Attache in Wien, Oberst Zujeff als sich dieser vom Czaren verabschiedete, gegenüber erklärt haben, daß er nie kriegerische Absichten hatte, noch jetzt habe; außerdem hat Oberst Zujeff bei seiner Rückkehr nach Wien noch die specielle Mission gehabt, dem Kaiser Franz Joses die freundschaftlichsten Grüße des Czaren zu überbringen und dem österreichlschen Herrscher äußerst friedliche Ausklärungen zu geben. So nimmt sich denn das Bild der allgemeinen Lage, wie es sich im neuen Jahre darstellt, in feinen Grundzügen ziemlich günstig aus. Daß aber noch immer liefe Schatten auf den internationalen Beziehungen lagern, kann anderseits auch nicht geleugnet werden und ob diese Schatten unter dem Einflufle der im Gange befindlichen diplomatischen Verständigung schließlich weichen werden, läßt fich jetzt durchaus noch nicht mit Sicherheit beurteilen.

Mit der Jahreswende scheint auch auf innerpolitischem Gebiete der Neuigkeitsquell wieder etwas stärker fließen zu wollen. Zunächst ist eine königliche Verordnung zu verzeichnen, welche den preußischen Landtag aus den 14. Januar einberuft und wird derselbe also noch unmittelbar vor dem Wiederbeginn der Reichstags-Verhandlungen seine Thätigkeit aufnehmen. Ferner hat aerade die Jahreswende die mit (Genugtuung erfüllende Kunde gebracht, daß das große Werk der Herstellung eines für das ganze deutsche Reich be­stimmten bürgerlichen Gesetzbuches, durch welches der noch heute In Deutschland vorhandenen tiefgehenden Zersplitterung der Rechtsoerhältniffe ein Ziel gesetzt werden soll, in seinen äußeren Umriffen fertig ist. Seitens der hierzu eingesetzt gewesenen besonderen Commisston, aus den berühmtesten Juristen unseres Vaterlandes bestehend, wurde nach jahrelanger Arbeit jetzt der erste Entwurf des bürgerlichen Gesetzbuches vollendet und dem Reichskanzler vorge­legt. Von letzterem wird er an den Bundesrath gehen, zugleich aber auch in feinen Grundzügen veröffentlicht werden, damit Die hierbei zunächst beteiligten Kreise ihre Urteile über das Werk abgeben können; wahrscheinlich wird dann das bürgerliche Gesetzbuch noch im Lause der nächsten Reichütagssesston die par­lamentarische Sanction erlangen. Auch einen Socialistenproceß hat da» neue Jahr bereit» gebracht, der vor dem Landgerichte zu Posen gegen polnische

Handwerker und auch Studirende wegen Geheimbündelei u. s. w. spielt; da die Angeklagten die Punkte Der Anklageschrift im Wesentlichen zugegeben haben sollen, so wird das Procchoersahren bedeutend abgekürzt werden können.

j In Frankreich beginnt sich nach längerer Ruhepause das politische Leben wieder mehr zu regen. Am 10. Januar soll die Deputirtenkammer wieder zusammentreten, aber allgemein glaubt man, es werde die Kammer- a uflösung und die Ausschreibung von Neuwahlen erfolgen, da die inneren Zu­stande trotz der Wahl Carnots zum Staatsoberhaupt und der Neubildung des Ministeriums unter Tirard unhaltbar geworden sind. Bereits fängt es auch in dem neuen Ministerium an, zukriseln"; der Marineminister de Mahp hat demissionirt, weil er sich keinen, ihm nicht genehmen Unterstaatssecretär für die Colonien aufdrängen laffen wolle, an seiner Stelle wird Contre-Admiral Gervais das Marine-Portefeuille übernehmen. Dagegen soll das Gerücht, auch der Kriegsminister Logerot gedenke seine Entlaffung zu nehmen, unbe­gründet sein.

Die Jubiläumsfeierlichkeiten in Rom haben mit dieser Woche ihren Abschluß erreicht und man kann wohl sagen, daß sie den Charakter eines großartigen und schönen Festes trugen, welches sich unter Teilnahme der ganzen katholischen Christenheit, ja, der gebildeten Welt überhaupt, vollzog. Dennoch ist die päpstliche Jubelfeier nicht ohne vereinzelte Mißklänge vorüber- gegangen und einen solchen Mißklang hat noch der letzte Theil des Jubiläums­festes mit der Ansprache des Papstes an die Vertreter der italienischen Diöcesen gezeitigt. Die ganze Kundgebung charakterisirte sich als ein leidenschaftlicher Erguß Leo's XIII. gegen Italien, dem die heftigsten Vorwürfe ob seiner Haltung gegen den Vatikan gemacht werden. Die Ansprache schloß mit der Versicherung, das Papstthum werde trotz aller Anfechtungen doch triumphiren. Es heißt, die italienische Regierung sei zur Confiscirung der päpstlichen Blätter entschlossen gewesen, falls dieselben den Wortlaut der Ansprache gebracht hätten; eine Verbefferung der Beziehungen zwischen dem Vatikan und der italienischen Regierung bedeutet der Vorfall offenbar nicht und erklärt denn auch dieTri­buna", das Organ Crispi's, die Politik der Regierung gegen den Vatikan werde durchaus dieselbe bleiben wie bisher.

Darmstadt, 5. Jan. Seine Königliche Hoheit der Großherzog, Se. Königl. Hoheit der Erbgroßherzog, Ihre Großh. Hoheit die Prinzessin Irene, J.J. Gr.Gr. H H. die Prinzen Heinrich und Alexander, Se. Hoheit der Fürst Alexander, Prinz von Battenberg, und Se Durchl. der Prinz Franz Joseph von Battenberg beehrten den The dansant, welchen Se. Excellenz Generallieutenant v. Westerweller gestern Abend in derVereinigten Gesellschaft" veranstaltet hatte, mit ihrem Besuch.

Berlin, 4. Januar. DieRhein.-Wests. Ztg." schreibt: Ein Wort des Reichskanzlers clrcullrt in Berliner Militärkreisen, von dem die weitere Oeffentlichkeit doch Kenntniß erhalten sollte. Es datirt um etwa 10 Tage zurück. Fürst Bismarck wurde wegen der schwankenden Haltung Frankreichs interpellirt, deffen man nie sicher fein könne; vornehmlich auf die militärischen Anstrengungen Frankreichs wurde hingewiesen.Für ihn existire der maßgebende militärische Gesichtspunkt nicht", sagte darauf der Kanzler,daß Deutschland Frankreich überlegen ist. Der einzige Gesichtspunkt, aus dem die Sache anzusehen, sei die Thatsache: Wenn Deutschland es mit einem ungerechten Angriff, von welcher Seite immer her zu thun hat, ist es im Stande, da» Doppelte und Dreifache dessen zu leisten, was ihm durch Militärgesetzs auferlegt werden kann." Die beste Friedensgarantie, setzte Bismarck mit einem gewissen Sarkasmus hinzu, sehe er in dem Pulver, das für die Lebeigewehre bestimmt ist: das v.rliert nämlich nach kurzer Lagerung seine Explosivkraft.

Telegraphische Depesche«.

Wolff'S telegr, Torvesvon-en-'Bnrea«.

Berlin, 5. Januar. In der heutigen Sitzung der Stadtverordneten gelangte das Antwortschreiben des Kaisers aus Vie NeujahrS-Adresse der Stadtverordneten zur Verlesung, worin eS heißt: Tief gerührt habe den Kaiser besonders die innige TheU- nahme an der schweren Erkrankung des Kronprinzen. Der Allmächtige, dessen Rath-