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Nr. 234

Samstag den 6. October

1888

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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Bureaur Schulstraße 7.

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Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pss

Amtlicher Hßeit.

Klagen und sonstige Erklärungen und Anträge sind bei unserer Gerichtsschreiberei an allen Wochentagen Vormittags zwischen 10 und 12 Uhr vor­zubringen. Wer einen Amtsrichter sprechen will, ohne vorgeladen zu sein, hat sich Mittwochs Vormittags einzusinden.

Gießen, am 2. October 1888. Großherzogliches Amtsgericht.

Langsdorfs.

Politische Rundschau.

Gießen, 6. October.

Noch kommen immer Nachklänge zur der Kaiserwoche in Süddeutschland und namentlich zu dem begeisterten Empfange Kaiser Wilhelms in Bayerns Hauptstadt und schon hat die Südenfahrt des erlauchten Monarchen mit seinem Besuche in Wien neue glänzende Bilder entrollt. Die schöne Katserstadt an der Donau hatte sich zur Begrüßung des deutschen Herrschers prächtig geschmückt und dem äußer­lichen Festgewand der österreichischen Hauptstadt entsprach nur der warme Empfang, den ihre Bevölkerung dem hohen Gaste bei seiner am Mittwoch Vormittag erfolgten Ankunft bereitete. Bei derselben wurde Kaiser Wilhelm auf dem Westbahnhofe von Kaiser Franz Josef, sämmtlichen Erzherzögen, den obersten Würdenträgern, der Gene­ralität und den Mitgliedern der deutschen Botschaft begrüßt. Ergreifend war die erste Begegnung zwischen den beiden Kaisern; mit sichtlicher Bewegung sanken sie sich in die Arme und küßten sie sich wiederholt und dann schüttelten sie einander immer wieder die Hände, wobei besonders der österreichische Monarch seine tiefe Ergriffenheit nur schwer verbergen konnte.

An bemerkenswerthenpolitischen Kundgebungen von der deutschen Kaiserreise waren bis jetzt die beiden Auslassungen Kaiser Wilhelms hervorzuheben, in deren einer der jugendliche Monarch dem Bürgermeister v. Wtdenmayer gegenüber versicherte, die Geschicke des Reiches im Geiste seines hochseligen Großvaters weiterlenken zu wollen, in deren anderen aber der kaiserliche Enkel Wilhelms I. dem greisen Prinz-Regenten Luitpold unerschütterliche Bundesfreundschaft gelobte. Auch aus Wien dürfte nunmehr der Telegraph inzwischen von Kundgebungen, gewechselt zwischen dem österreichischen Monarchen und seinem kaiserlichen Gaste an festlicher Tafel, berichtet haben, die un­zweifelhaft den festen Wetterbestand des deutsch-österreichischen Freundschaftsbundes ver­kündigt haben werden.

Gegenüber der in ihrem Fortschreiten immer mächtiger das Tagesinleresse bean­spruchenden Kaiserreise können diesmal die Wochenbegebenheiten zunächst auf dem Gebiete der inneren Politik nur eine flüchtige Skizzirung erfahren. Doch giebt es in dieser Beziehung auch nicht sonderlich viel zu vermelden und namentlich liegt über die weitere Entwickelung der Sensationsaffaire des kronprinzlichen Tagebuches noch nichts Neues vor. Speciell verlautet über die Ergebnisse der bisherigen Untersuchung gegen Professor Geffcken noch durchaus nichts Authentisches, während es freilich an den manntchfachsten Gerüchten nicht fehlt, bestimmt wird nur versichert, daß die bei Professor Geffcken in Hamburg vorgenommene Haussuchung keinerlei Ergebniß gehabt habe.

Aus Frankreich hat die abgelaufen Woche die merkwürdige Meldung von dem beabsichtigten Erlasse eines Fremdengesetzes gebracht, nach welchem alle Aus­länder, die sich in Frankreich niederzulassen wünschen, künftig einer ganzen Reihe von Eontrollmatzregeln unterliegen sollen. Bezeichnender Weise erfährt dieser Gesetzentwurf in Frankreich selbst Widerspruch und erklärt z. B. derTemps" die Durchführung desselben für unmöglich, während der Entwurf im Auslande, wie in Belgien, bereits den ernstlichen Gedanken an Repressalien heroorgerufen hat. Vermuthlich wird das Ministerium Floquet, wie auch die Liberte andeutet, auf denFremdenukas" wieder verzichten.

Die Schweiz ist in ihren westlichen Cantons, hauptsächlich aber im Canton Genf, von Ueberschwemmungen heimgesucht worden, welche vielfache Verheerungen an­richteten. Neueren Meldungen zufolge hat man jedoch auch in Theilen der östlichen Schweiz, wie im Canton St. Gallen, durch Hochfluthen, in erster Linie des Rheins, zu leiden.

In der radiealen Partei Dänemarks scheint ein ernster Conflict zwischen denUnversöhnlichen" und den einer Verständigung mit dem Ministerium Estrup geneigten Elementen entstanden zu sein. Hierauf deutet die Entfernung des ultra; radicalen Vicepräsidenten des Folkethings, Redacteurs Hörup, aus dem gemeinschaftlichen Vorstande der Linken, durch Ballotage hin; Hörup wurde durch den gemäßigteren Ab­geordneten Bauer ersetzt, welcher auch der Verständigung zwischen Regierung und Fol- kething das Wort reden soll.

Von der KaukasuSreise deS russischen Kaiserpaares liegt die Meldung von der erfolgten Weiterfahrt der hohen Reisenden von der Stadt Wladikawkas nach Jekaterinodor vor. Letztere Stadt liegt an den westlichen Ausläufern des Kaukasus und am Kubanflusse, ist der Sitz des Atamans oder Oberhauptes der Tschernomorttchen Kosaken und zählt gegen 23,000 Einwohner. In Wladikawkas empfingen die Maje­stäten auch die Huldigungen der Abgesandten der kaukasischen Volksstämme.

Nach Berichten, die in Rom eingegangen sind, unternahmen die Assoarttns im Innern AbyffiNienS große Raubzüge. Alle bei Saganeitt gefangen genommenen italienischen Baschi-Bozuks sind dis auf einige Mann wieder nach Massauah zurück­gekehrt. Die Meldung von den Raubzügen der Assoarttns, desjenigen abyssinischen Stammes, durch dessen Verrätherei die Italiener ihr Niederlage bet Saganeitt erlitten, deutet darauf hin, daß in Abyssinien allmählig anarchische Zustände eingetreten sind; inwiefern hiervon die italienische Stellung in Massauah berührt wird, läßt sich noch nicht beurtheilen.

Der erfolgreiche Feldzug der Engländer gegen die Tibetaner hat zunächst die Besetzung der Hauptstadt von Sikkim, Tümlooug, durch die Engländer und die Unterwerfung der Rajahs dieses Landes unter England zur Folge gehabt. Der chine­sische Resident in Lhassa wird demnächst in Gnantong erwartet, um die Frtedens- bedinzungeu zwischen England und Tibet zu vereinbaren.

Deutschland.

Berlin, 3. October. Nach dem neuesten Terminkalender für die Verwaltungs­beamten beträgt die Zahl der Landrathsstellen in Preußen 484.

Die über das ganze Deutsche Reich sich erstreckende Zucker-Berufsgenossen­schaft hat am 19. September ihr Verwaltungsbureau von Berlin nach Magdeburg verlegt. Der Sitz der Zucker-Berufsgenossenschaften bleibt nach wie vor Berlin.

Berlin. In den Schilderungen betreffend den Aufenthalt Kaiser Wilhelms in der Mainau ist seitens einiger Zeitungen erwähnt worden, daß Herzog Adolf von Nassau bet Sr. Majestät in österreichischer Generalsuntform zum Besuch erschienen sei, während der Herzog thatsächltch die Uniform seines 5. preußischen Ulanenregiments angelegt hatte^ Bei den im Laufe der Zeit hervorgetretenen Wandlungen, welche auch auf das Verhältniß des ehemals nassauischen Landesherrn zum Berliner Hofe ihre bekannte versöhnende Wirkung geübt haben, darf man in der Anlegung der preußischen Uniform seitens des Herzogs Adolf wohl mehr als einen Akt bloßer Courtoisie erblicken, und Daraus abnehmen, daß der Herzog, indem er den Kaiser in preußischer Uniform begrüßte, solchermaßen hat darthun wollen, daß auch der letzte Rest von Verbitterung, der aus dem Jahre 1866 in seiner Brust etwa zurückgeblieben, nun endgültig über­wunden worden. Das nationale Bewußtsein des deutschen Volkes schöpft aus dieser Deutung um so größere Befriedigung, als es dem durchaus correcten Verhalten des Herzogs von Nassau seit den Ereignissen von 1866 stets bereitwillig Anerkennung gezollt hat.

In der während der letzten Tage zu Frankfurt a. M. stattgehabten Ver­sammlung des Vereins für Socialpolitik ist auch die Frage der Beschränkung des Wuchers auf dem Lande zur Besprechung gekommen. Im Allgemeinen erklärte man sich dort mit einer zu diesem Zwecke vorzunehmenden Erweiterung der Wuchergesetz­gebung nicht einverstanden, versprach sich vielmehr nur von präventiven Maßregeln Erfolg. Im Einklang hiermit wird jetzt von maßgebender Seite betont, daß in der That die Gründe gegen einen wetteren Ausbau der strafgesetzlichen Bestimmungen so schwerwiegend zu sein scheinen, daß man von einem solchen Vorgehen nur abrathen könnte. Der Wucher weiß, so wird in derNordd. Allg. Ztg." ausgeführt, stets Wege zu finden, auf denen er der strafrechtlichen Ahndung zu entgehen vermag und es ist sicher zu erwarten, daß, wenn neue Paragraphen bestimmte Formen des Wuchers unter Strafe stellen, dieser damit doch nicht aus der Welt geschafft werden wird. Die Gesetz- gebungsmaschtnerie würde nicht in der Lage sein, den verschlungenen Pfaden jenes verderblichen und verwerflichen Gebührens mit der nöthigen Schnelligkeit zu folgen. Außerdem spricht noch ein gewichtiges Moment gegen die Bekämpfung des Wuchers durch erweiterte Bestimmungen: die Rücksicht auf den legitimen Verkehr, der einer nicht unerheblichen Gefahr der Störung ausgesetzt sein würde, wenn immerhin dehnbare Vorschriften Handel und Wandel in bestimmte Formen bringen und den reellen Ver­dienst, ber oft den gesetzlichen Zinsfuß überschreiten kann, eventuell als Wucher kenn­zeichnen würden. Es ist auch darauf hingewiesen worden, daß ein solches Gesetz fast mit Nothwendigkeil eine wenig erfreuliche Fluth von Denunciationen im Gefolge haben würde Es muß also die Heilung dieses socialen Uebels auf anderem Wege gesucht werden.

Unter der UeberschriftChauvin und das Tagebuch Kaiser Friedrichs" wird denMünch. N. Nachr." aus Paris geschrieben:

n Mit dem Zank auf Kaiser Friedrichs Grab geben wir Deutsche dem Auslande ein jämmerliches Schauspiel. Wer etwa daran zweifelt, daß die Veröffentlichung des kronprinzlichen Tagebuches ein böser Streich war, mag sich die Sache von draußen, namentlich von Paris aus ansehen, wo die deutschen Vorgänge sich eigenartig in den Franzosenseelen widerspiegeln und wo in diesem schwarzen Spiegel jeder Fehler im Bilde unserer nationalen Einheit kraß hervortrttt. Die Franzosen haben mit Kaiser Friedrich sympathisirt, ja fast für ihn geschwärmt, doch galt diese Empfindung nicht blos dem edlen, verehrungs- und ltebenswerthen Friedensfürsten, sondern auch dem Widersacher des Reichskanzlers; denn in Bismarck sieht man hier den Riesen, der, wie der Atlas die Welt, das Deutsche Reich auf seinen Schultern trägt. Was ihn lahmen, kränken oder gar zur Seite schieben könnte, ist stets des begeisterten Mitgefühls von französischer Seite sicher. In Deutschland denken manche Leute ebenso, nur geniren sie sich etwas mehr, es zu gestehen.

Die hiesigen Blätter druckten mit fetten Lettern vor Allem den Streit zwischen Kronprinz und Kanzler nebst denjenigen Stellen, welche die Rolle des Letzteren zu ver­mindern geeignet schienen. Es herrscht hier ja der Glaube oder Aberglaube, daß mit Bismarcks Verschwinden das Deutsche Reich aus den Fugen gehen werde; und in unserer nationalen Einheit erblicken die Franzosen doch die Hauptursache ihres Unglücks, deren Beseitigung immer der Zielpunkt ihres Strebens bleibt.

Mit höhnischem Beifall lasen sie daher auch dieEnthüllungen" über die Ent­stehung des Kaiserthums und besonders die Erörterungen über den Zwang, den der Kronprinz nöthtgenfalls gegen Bayern und Württemberg zu gebrauchen vorschlug. Daß das deutsche Volk sich aus innerem Drang geeinigt hat, daß unsere Einheitsidee sich schon in zahllosen Entwürfen und Ansätzen ausgesprochen hatte, bevor sie ihre Ver­wirklichung unter Kaiser Wilhelm fand, wissen die Franzosen nicht; sie wollen cs auch nicht wissen. Das Deutsche Reich betrachten sie als ein durch brutale Thatsachen ge­schaffenes Gebilde, das durch Zufall und Gewalt entstanden, durch Zufall und Gewalt auch wieder zusammenbrechen müsse. Dies ist die einzige Anschauung der deutschen Verhältnisse, die ihren nationalen Hoffnungen schmeichelt; an ihr klammern sie sich fest und für sie suchen sie rastlos Beweise, um die traditionelle Politik ihrer Kaiser und Könige wieder aufzunehmen und die alte Aufwiegelung Süddeutschlands gegen Nord- deutschland von Neuem zu beginnen.

Daß dasTagebuch" in der Form, wie es von derRundschau" veröffentlicht worden ist, unseren westlichen Nachbarn neues Material zur Verhetzung oder auch nur neuen Grund zu Illusionen liefert, ist eine seiner bedenklichsten Seiten, welche, wie man wohl beachten möge, gerade zum Dichten und Trachten des Kaisers Friedrich im schroffsten Widerspruche steht. Wenn jemals eine Versöhnung Frankreichs mit Deutsch­land, wie sie der edle Kronprinz schon während des Krieges träumte, wenn jemals auch nui eine nachbarliche Verträglichkeit zwischen beiden Staaten eintreten soll, so kann dies nur geschehen, indem die Franzosen vom festen, unerschütterlichen Bestände der deutschen Einheit überzeugt werden und sich mit ihr als mit einer unwiderruflichen