Nr. 1S5 Freitag den 6. Juli 1883.
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für drn Kreis Gießen.
Amtlicher Hßeik.
Nr. 30 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 30. Juni,, enthält: (Nr. 1812.) Verordnung, betreffend eine Abänderung der Klasseneintheilung der Orte. Vom 29. Juni 1888. Gießen, am 4. Juli 1888. Großherzogliches Kreisamt Gießen. .
Dr. Boekmann.
Politische Rundschau
Gießen, 5. Juli.
Wie wir erfahren, sind jetzt die definitiven Bestimmungen über die Reise unseres Kaisers nach Petersburg getroffen. Danach wird sich Kaiser Wilhelm am 13. Juli in Kiel einschiffen und begleitet von einem Geschwader unter Befehl des "Prinzen Heinrich die Fahrt nach Kronstadt, dem Seehafen vor Petersburg, antreten und von dort per Bahn nach Petersburg fahren. Die Begegnung der beiden Monarchen wird auf russischem Boden stattfinden. Aus Petersburg wird gemeldet, daß Vorbereitungen dort getroffen werden, um dem deutschen Kaiser ein großes militärisches Schauspiel bieten zu können.
Der Reichskanzler Fürst Bismarck dürfte, wie schon erwähnt, in den nächsten Tagen Berlin verlassen und sich zu längerem Aufenthalt nach Friedrtchsruh begeben. Der Ehef der Reichskanzlei, Dr. v. Rottenburg, wird den Fürsten Bismarck begleiten und wohl einige Zett in Friedrichsruh verbleiben.
Die Ausschüsse des Bundesraths halten jetzt täglich Sitzung ab, um das noch ziemlich umfangreiche Pensum zu erledigen, welches das Plenum vor Eintritt der Sommelpause aufzuarbeiten hat. Außer den Ausführungsbestimmungen zum Zuckersteuergesetz und den damit zusammenhängenden Entwürfen über Erleichterungen, welche einzelnen Gewerben gewährt werden sollen, die Zucker für ihre zum Export bestimmten Fabrikate verwenden, unterliegen hauptsächlich der Berathung der Ausschüsse noch die den Zollanschluß von Hamburg und Bremen betreffenden Regulative zu den Zoll- und Steuergesetzen. Die letzteren haben auch für das Binnenland insofern größeres Interesse, als darin mehrfach Abänderungen der bisherigen Bestimmungen über Privat- lager und Theilungslager in Aussicht genommen sind.
Das sächsische Königspaar reiste am Donnerstag über Berlin nach Eopenhagen zur Weltausstellung und trifft am 6. Juli daselbst ein, an welchem Tage die Eröffnung der deutschen Abtheilung in der Ausstellung erfolgt.
Wie man nunmehr aus allen europäischen Hauptstädten erfährt, war der Cmpfang der Abgesandten Kaiser Wilhelms, welche dessen Thronbesteigung den auswärtigen Regierungen anzeigten, ein außerordentlich sympathischer. Zu Ehren der Abgesandten fanden an den auswärtigen Höfen gewöhnlich Festlichkeiten statt. D)ie Abgesandten des Kaisers sind inzwischen alle nach Berlin zurückgekehrt und haben ihrem erlauchten Herrn Bericht über die Ausführung ihrer Mission abgestattet.
Aus Wien wird gemeldet, daß der daselbst eingetroffene bulgarische Major Popoff nicht der verurtheilt gewesene Major Popoff, sondern ein anderer sei. Der Major reifte nach Deutschland weiter, doch bezweifelt man, daß er eine politische Mission habe.
Die gesammte russische Presse widmet dem bevorstehenden Besuche des deutschen Kaisers am Monarchenhofe in Petersburg sympathische Artikel und erblickt als noth- wendige Folge dieser Zusammenkunft der Kaiser Wilhelm und Alexander eine freundschaftliche Wiederannäherung Deutschlands und Rußlands. Einige russische Blätter gehen sogar sehr weit in ihren Hoffnungen. Sie erwarten von der Kaiserzusammenkunft eine endliche glückliche Lösung der bulgarischen Frage. Aus diesen letzteren Herzensergüssen sieht man jedenfalls, wo Rußland der Schuh drückt. Kaiser Wilhelm, der im Orient kein deutsches Interesse zu vertreten hat und fest an dem Bündnisse mit Oesterreich hält, kann bezüglich der bulgarischen Frage jedenfalls zwischen Rußland und Oesterreich nur vermitteln. Man thut daher gut, in Bezug auf die Lösung der außerordentlich verwickelten bulgarischen Frage keine allzugroßen Erwartungen an die Reise Kaiser Wilhelms nach Petersburg zu knüpfen.
Die Niederlage, welche das französische Ministerium bei der Bildung der für die Genehmigung des Budgets gewöhnlich maßgebenden Budgetcommission erlitten hat, indem in dieser Eommission die Opportunisten die Mehrheit erhielten, ist am letzten Dienstag durch ein Vertrauensvotum, welches dem Minister Floquet in der Deputirtenkammer zugebilligt wurde, einigermaßen wieder ausgeglichen worden. Flourenz hatte dem Ministerium unerlaubte Wahlbeeinflussungen durch den Bürgermeister von Carcassonne vorgeworfen, Floquet wies diese Behauptung aber als unbegründet zurück, und erklärte, die Negierung kenne keine andere Unterstützung als. die echt republikanische, und wenn die Kammer sich dahin aussprechen werde, daß die Regierung nicht ihre Pflicht gethan, so werde das Eabinet sofort zurücktreten. Daraufhin gab die Kammer dem Ministerium mit 326 gegen 172 Stimmen ein Vertrauensvotum. Da Rouvier, der Präsident der Budgetcommissron, erklärt hat, die Eommission würde sich nur von sachlichen Gründen und nicht von politischen bei ihren Abstimmungen leiten lassen, so ist es wahrscheinlich, daß das Ministerium Floquet die Erisis auch noch weiter überstehen wird.
Darmstadt, 4. Juli. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben mittelst Allerhöchster Entschließung vom 4. Juli I. Js. Allergnädigst geruht, den Major und Distrtcts-Eommandeur Wilhelm Justus Freiherr v. Follenius zum Kammerher.n zu ernennen.
Berlin, 3. Juli. Der Antrag Bayerns an den Bundesrath über die Zulassung fremder Scheidemünzen geht dahin, daß die Scheidemünzen der Frankenwährung innerhalb des Gebiets der Stadt Lindau und die Scheidemünzen der österreichischen Währung innerhalb der Zollgrenzbezirke der königlichen Hnuptzollämter Lindau, Pfronten, Rosenheim, Retchenhall, Simbach, Passau, Fürth, Waldmünchen, Waldsassen und Hof auch ferner in Zahlung gegeben und genommen werden dürfen.
Telegraphische Depeschen.
Wolft'S telegr. Eorrespondenz. Bureau.
Berlin, 4. Juli. Dem Vernehmen nach findet morgen Vormittag unter dem Vorsitz des Kaisers tm hiesigen Schlosse ein Kronrath statt.
Berlin, 4. Juli. Seine Majestät der Kaiser empfing gestern Nachmittag den Hosmarfcball v. Reischach und den Minister des Königlichen Hauses, v. Wedell, und machte Abends eine Spazierfahrt. Heute Vormittag besichtigte Allerhöchftderselbe, von einer glänzenden Suite umgeben, das Garde-Husaren-Regtment auf dem Bornstedter Felde.
Leipzig, 4. Juli. Proceß Dietz. Die Verhandlung wurde heute unter Ausschluß der Oeffentlichkeit fortgesetzt. Die Zeugen sind nunmehr sämmtlich entlassen; npr die Sachverständigen von dem großen Generalstabe sind noch anwesend. Sie wohnen der heutigen Sitzung bei, in welcher die verrathenen Schriftstücke verlesen werden.
— Die ganze heutige Verhandlung fand unter Ausschluß der Oeffentlichkeit statt. Die Beweisaufnahme wurde beendet und beginnen morgen die Plaidoyers der Reichsstaatsanwaltschait und der Verthetdigung; es ist noch kein Beschluß darüber gefaßt, ob solche in öffentlicher Sitzung ftattfinden werden.
Paris, 4. Juli. Rach der definitiven Feststellung wurde das gestrige Vertrauensvotum für das Eabinet nicht mit 325 gegen 172, sondern mit 270 gegen 158 Stimmen angenommen. Die Minorität setzte sich aus der Rechten und 3 Bou- langisten zusammen, während die Anhänger Ferry's der Abstimmung sich enthielten. Die Morgenblätter betrachten die Situation des Eabinets als befestigt, wenigstens bis zum Zusammentritt der Kammern tm October. Einige Blätter halten den gestrigen Tag für einen Selbstmord der Opportunisten und meinen, der zukünftige Kampf werde allein zwischen den Radikalen und Conservativen ftattfinden. Boulanger will Sonntag einem Banket in Rennes beiwohnen und eine Rebe halten.
Rom, 4. Juli. Betreffs der Beschwerden Frankreichs und Griechenlands wegen der in Massauah seitens Italiens eingeführten Besteuerung meldet die „Agencia Stefani", daß die genannten Steuern die Italiener ebenso wie Ausländer treffen. Der griechische Gesandte, welcher auf Grund des Art. 2 des italienisch-griechischen Handelsvertrags reklamirte, mußte anerkennen, daß Italien im Rechte sei, in Folge dessen mußte auch Frankreich, welches das Interesse der griechischen Bevölkerung reklamirte, seine Verwendung einftellen.
Neapel, 4. Juli. Ein englisches Geschwader ist heute früh hier eingetroffen.
Mailand, 4. Juli. Die königliche Familie ist heute in Monza eingetroffen.
Petersburg, 4. Juli. Das Katserpaar ist gestern nach dem finnischen Archipel abgereift.
Lokales.
Gießen^ 5. Juli. Das 5. Abonnements-Eoncert wird nach Einsicht des Programms seinen interessanten Vorgängern an Reichhaltigkeit nicht nur ebenbürttg zur Seite stehen, sondern diese, wie ersichtlich, noch bedeutend übertreffen. Schon dadurch, daß Militär- und Streichmusik nach einander zu Gehör gebracht werden, dürfte sich das musikalische Interesse steigern. Für Militärmusik werden außer der Ouvertüre zur „Schönen Galathea" eine Novität aus der neuesten Strauß'schen Operette „Simplicius", sowie die „Schmetterlingsjaad" von K6ler-B6la geboten werden. Das Programm für Streichmusik enthält die selten gehörte Ouvertüre zu der Oper „Horatius, Cocles und Adrien" von M6hul, sowie „Athalia" von Mendelssohn. Reigen seel'ger Geister und Furientanz aus Gluck's „Orpheus", Concert für die Flöte, Fantasie aus Neßlers „Trompeter von Säkkingen" rc- zieren ferner das Programm, worauf wir bei der gewöhnten vorzüglichen Execution unserer Militärcapelle Musikfreunde besonders aufmerksam machen wollen.
Gießen, 5. Juli. Wie uns soeben von zuverlässiger Seite mitgetheilt wird, hat der Hiesige Schützenverein in der gestern Morgen ftattgehabten Vorbesprechung des Mtttelrhein. Schützentags seine Anmeldung als Festort für das nächste Jahr zu Gunsten des Schützenoereins Wiesbaden zurückgezogen. Interne gewichtige Gründe sollen den Ausschlag hierfür gegeben haben.
Gießen, 5. Juli. Wie bekannt sein dürfte, hatte am 18. October v. I. ein Reisender, der im Hötel Einhorn dahier logirte, den Kaufmann St ein meyer um die Summe von 350 JL geprellt und war dann flüchtig geworden. Trotz sorgfältigster Recherchen konnte der Schwindler nicht dingfest gemacht werden, bis ihn endlich die Nemesis erreichte und er im Frühjahr d. I. in der Person des Georg Paul Herbert aus Meerane, Königreich Sachsen, zuletzt Reisender zu Köln, entdeckt und verhaftet wurde. Die eingeleitete Untersuchung ergab, daß er sich ähnliche wie in Gießen begangene Schwindeleien vor und nach dieser That in verschiedenen Städten in bedeutenden Beträgen zu Schulden hatte kommen lassen und ist Herbert durch Urthetl der Strafkammer Königl. Landgerichts zu Bonn am 26. Mai d. I. wegen Betrugs sin 18 Fällen, des Betrugsversucks in einem Falle, sowie des einfachen Diebstahls in einem Falle in eine Gesammt-Gefängnißstrafe von 8 Jahren und zum Verluste der bürgerlichen Ehrenrechte auf die Dauer von 5 Jahren verurtheilt worden.
— Gestern Abend wurde ein Metzgergeselle, welcher seinem hiesigen Meister mehrfach Kundengelder unterschlagen, vor seiner Abreise in der Herberge verhaftet.
• Vermischtes.
Butzbach. Das neue Zellengefängniß kommt hierher, auf den von der Stadt unentgeltlich abgetretenen Platz westlich der Stadt, am Kleeberger Wege.
△ Mainz, 4. Juli. Laut einem hier eingetroffenen Privattelegramm hat das Reichsgericht in seiner heutigen Sitzung die Revision des Reichsmilitärfiskus gegen das Urtheil des Oberlandesgerichts zu Darmstadt in der sattsam bekannten Sache des Invaliden Burkard kostenfällig abgewiesen. Burkard hat sonach seine Klage endlich gewonnen und der Reichsfiskus ist verpflichtet, demselben lebenslänglich die ihm von dem Oberlandesgericht in Darmstadt für die ihm durch die Mißhandlung eines Unter- osficiers zugefügte Verletzungen zugesprochene Entschädigung zu zahlen.


