Nr. 129 Mittwoch den 6. Juni 1888,
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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Amtlicher Hßeil.
Nr. 25 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 2. d. M., enchält:
(Nr. 1805.} Verordnung wegen Ergänzung der Verordnung vom 16. August 1876, betreffend die Cautionen der bei der Militär- und der Marine- werwaltung angestellten Beamten. Vom 26. Mai 1888.
(Nr. 1806.) Meistbegünstigungsvertrag zwischen dem Deutschen Reich und dem Freistaate Paraguay. Vom 21. Juli 1887.
Gießen, am 5. Juni 1888. Großherzogliches Kreisamt Gießen.
Politische Ueberficht.
Gießen, 5. Juni.
Zum zweiten Male seit dem Regierungsantritte Kaiser und König Friedrichs ist eine innerpolitische KrifiS zu verzeichnen. Zwar bezieht sich dieselbe im Gegensatz zu der seinerzeit das ganze Reich aufregenden Kanzlerkrisis nur auf rein preußische Angelegenheiten — es handelt sich jetzt bekanntlich um die Frage der Verlängerung der Legislaturperioden für Preußen — immerhin verdient die jetzige Krisis auch das Interesse des übrigen Deutschlands. Denn es läßt sich durchaus noch nicht voraussagen, welchen fernem Verlauf diese Frage nehmen wird und die Möglichkeit ist sogar nicht ausgeschlossen, daß sie in eine abermalige „Bismarckkrisis" auslänft, obschon .vorläufig die Gestalten des Justizministers Dr. Friedberg und des Ministers des Innern, Puttkamer, mehr im Vordergründe der schwebenden Angelegenheit stehen. Bislang läßt sich durchaus noch nicht übersehen, was an all' den Gerüchten, welche über die Verzögerung der allerhöchsten Sanctton des Gesetzes umlaufen, betr. die Verlängerung der preußischen Legislaturperioden, Wahres ist und dies gilt auch von der in der „Kreuzzeitung" aufgetauchten Version, wonach der Monarch zwar das Gesetz vollzogen, aber die Veröffentlichung dieses Actes untersagt haben solle. Peinlich ist aber jedenfalls dieser unsichere Zustand mit seiner drohenden partiellen ober auch allgemeinen Ministerkrisis im Hintergründe und Klarheit wäre da entschieden zu wünschen, gleichviel, wie auch die Sache auslaufen sollte. Die „Köln. Ztg." faßt ihre Anschauungen über die gegenwärtige Krisis in Preußen in folgenden bemerkenswerthen Sätzen zusammen: „. . . . Nehmen wir aber einmal für einen Augenblick an, die Veröffentlichung geschähe nicht:"was wäre die Folge? Unseres Erachtens unbedingt der Rücktritt des Gesammlministeriums. Das gesammte Ministerium hat mit der Mehrheit der gesetzgebenden Kammern sich von der Nützlichkeit dieses Gesetzes überzeugt, und wenn Seine Majestät anderer Meinung in dieser schwerwiegenden Frage ist, als die Mehrzahl des Parlaments und das gesammte Ministerium, so wird es für die Klärung unserer Verhältnisse geboten sein, daß Seine Majestät es einmal mit anderen Rathgebern versuche und die Meinung des Landes über diese neuen Männer durch neue Wahlen erforsche. So wenig wir das sogenannte parlamentarische Regiment für ersprießlich halten, so entschieden sind wir anderseits der Meinung, daß zwischen Krone und Ministeriunr in den wichtigen Fragen Uebereinstlmmung herrschen muß, weil sonst das Land an beiden irre werden könnte, daß sonach Minister nicht weiter dienen können, die in Grundtragen unseres staatlichen Lebens anderer Auffassung sind als ihr königlicher Herr". Hoffentlich nimmt aber die Affaire einen weniger tragischen Ausgang, als hier von dem rheinischen Blatte angedeutet wird.
Graf Rantzau, der zum preußischen Gesandten in München ernannte Schwiegersohn des Reichskanzlers, begiebt sich in den nächsten Tagen auf feinen neuen Posten. Am Sonntag Mittag empfing der Kaiser den Grafen Rantzau in längerer Audienz.
Heber die am Freitag im Wahlkreise Ostste»Nberg vollzogene Reichstagsersatzwahl liegen wegen der großen Ausdehnung des Wahlkrerses, der iveit überwiegend ländliche Bezirke umfaßt, noch keine abschließenden Nachrichten vor. Doch kann die Wahl des conservativen Candidaten, des Landrathes Bohtz, als gesichert betrachtet werden, da die ländlichen Bezirke, airs denen die Wahlresultate noch ausstehen Herrn Bohtz jedenfalls den Sieg durch ihre Stimmen sichern.
Der ungarisch-französische Zwischenfall darf mit den Erklärungen, die der ungarische Eabtnetschef anläßlich der Interpellationen der Opposition in der Sams- tagssitzung des ungarischen Abgeordnetenhauses abgegeben hat, officiell als erledigt angesehen werden. Nochmals versicherte Herr Tisza in aller Form, es habe ihn in seiner bekannten Rede nicht im Entferntesten der Gedanke an eine Beleidigung der französischen Nation beherrscht, mit welcher Ungarn in Frieden zu leben wünsche und mit dieser Erklärung kann der Reigen der diplomatischen und parlamentarischen Auseinanderfetzungen, welche die Aeußerungen Tisza's über die Pariser Weltausstellung in Paris, Wien und Pest heroorgerufen, als abgeschlossen betrachtet werden. Ob der Zwischenfall seine Spuren in den ferneren Beziehungen zwischen Oesterreich-Ungarn und Frankreich zurücklassen wird, ist allerdings eine andere Seite der Affaire und die Bemühungen der Czechen und der magyarischen Franzosensreunde, jetzt gerade erst recht für eine Beschickung der Pariser Ausstellung durch die czechischen und ungarischen Industriellen zu wirken, müssen da der ernsten Beachtung, resp. Ueberwachung der österreichisch- ungarischen Regierung empfohlen werden.
Der türkisch-griechische Conflict wegen der verdächtigen Haltung des griechischen Eonsuls in Monasttr, Panourias, gilt als vollständig beigelegt. Herr Panourtas ist bei seiner Rückkehr von Athen nach Monasttr von den türkischen Behörden seines.Consulalssitzes mit den üblichen Ehrenbezeugungen empfangen worden, er ist also als rehabilitirt in den Augen der Türkei zu betrachten. Bekanntlich sollte Panourias seine Hand in gewissen antitürkischen Umtrieben in Macedonien gehabt haben, er wies diese Beschuldigung entschieden ab und reiste nach Athen ab, um sich persönlich vor Herrn Tricupts zu rechtfertigen. Der griechische Ministerpräsident wies seinen Untergebenen denn auch an, den Posten in Monasttr wieder zu beziehen und mit dieser vollzogenen Thatsache ist der Zwischenfall beseitigt.
Deutschland.
Hoflager Seeheim, 3. Juni. Seine Königliche Hoheit der Großherzog empfingen heute den kommandtrenden General des 11. Armeekorps, General der Eavallerie Frhrn. v. Schlotheim.
Darmstadt, 3. Juni. Der Senatsprästdent bei dem Großh. Hess. Ober-Landesgericht, Eckstein, ist vom Kaiser zum Präsidenten der Dtsctpltnarkammer in Darmstadt ernannt worden.
Berlin, 2.3uni. Der Kaiser hat mittels nachstehenden Erlasses das Protektorat über den Gustav-Adolf-Verein übernommen:
. m '/.Jä) bin seit Jahren mit hohem Interesse der regen Thätigkeit gefolgt, welche der Gustav-Adolf Verein in der Fürsorge für die bedrängten Glaubensgenossen der evangelkschen Kirche unausgesetzt entfaltet, und freue Mich des reichen Segens, welchen diese Gott wohlgefällige Arbeit in dem christlichen religiösen Leben der deutschen Nation gewirkt hat. Wenn der Gustav-Adolf-Verein auch ferner, wie Ich es wünsche seine Aufgabe darin erkennt, die Ausbreitung des Evangeliums auf dem Grunde des Wortes Gottes zu fördern, als ein einigendes Band, rote es des in Gott ruhenden Königs Friedrich Wilhelm IV. Majestät hoffend aussprach, die verschiedenen Richtungen der deutsch-evangelischen Kirche zu umschließen, wenn der Verein nicht nachläßt, durch Werke der Liebe und Barmherzigkeit christlichen Sinn zu heben und in der kirchlichen Gleich- gkltigkeit Wandel zu schaffen, so wild solchen ernsten Bestrebungen Gottes Segen nicht fehlen. In dieser Ueberzeugung betrachte Ich die Theilnahme, welche Meine Vorgänger in der Krone Preußens dem Gustav-Adolf-Verein von Anbeginn an zugewendet haben als ein heiliges Vermächtniß, und nehme daher auf die hier beifolgende Eingabe des Vorsta 'des des Brandenburgischen Haupt - Vereins der evangelischen Gustav-Adolf- Slrftmig vom 14. v. M., gleich Meinen Vorfahren, das Protektorat über den Verein innerhalb der preußischen Monarchie hiermit an. Ich beauftrage Sie, den Vorstand hiervon in Kenntniß zu setzen."
Berlin, 4. Juni. Entgegengesetzt allen anderen umlaufenden Gerüchten über das Schicksal des Gesetzes, betreffend die Verlängerung der Legislaturperiode, scheint es jetzt feststehend, daß die Publikation in den allernächsten Tagen beoorsteht. — Die geplante Studentenaufführung des Lutherfestspiels ist stark in Frage gestellt. In sehr hohen Kreisen hat sich eine Strömung gegen das Unternehmen geltend gemacht und der Kronprinz hat das ihm angebotene Protektorat abgelehnt. — Ein internationaler Preßcongreß wird von der „Association litt^raire et artistiqne“ zu Parts für das Jahr 1889 zur Zeit der Weltausstellung in Paris einbeiufen. Die Betheiligung an demselben steht jedem Delegirten eines Blattes irgend eines Landes zu. — Moritz Frankl, der berühmte kleine Rechenkünstler, der in Deutschland öffentlich auftrat und Aller Staunen durch das schnelle Lösen der schwersten arithmetischen und mathematischen Aufgaben erregte, wird jetzt wegen Diebstahls polizeilich verfolgt; tempora mutantur.
Schweiz.
en - , Bern. Der Schweizer Bundesrath beabsichtigt allen Ernstes, die Arbeiten wr Befestigung des St. Gotthard in allernächster Zeit in Angriff nehmen zu lassen Es sollen zu diesem Behufe von der Bundesversammlung die nöthigen Eredite verlangt und mit der Befestigung der an der Nordseite des St. Gotthard gelegenen Position von Andermatt begonnen werden. Diese Fortisikation wird aber nicht nur den lleberaana u^r dm St. Gotthard selbst, sondern auch die Passagen über die Jutta nach dem Wallis und über die Oberalp nach dem Thale des Vorder-Rheins sperren. Aus dem Umstande, daß das Schweizer Militär-Departement mit der Befestigung des Nord- abhanges des St. Gotthard beginnt, könnte man den Schluß ziehen, daß er hauvt- sachlich die Requirirung von Truppen aus Süddeutschland nach Ober-Italien und umgekehrt zu verhindern beabsichtigt. Die Wahl von Andermatt zum Mittelpunkte des zu errichtenden Befestigungs - Systems läßt jedoch vermuthen, daß die neuen Forti- mattonen nicht nur gegen das Verschieben von deutschen Truppen nach Süden und von italienischen Truppen nach Norden gerichtet sind, sondern daß die Schweiz sich auch eventuell gegen das Vordringen einer französischen Armee durch das Walliser Thal und eines österreichischen Heeres durch das Vorder-Rheinthal gegen den St. Gotthard \ rn II ptt tiitil
Telegraphische Depeschen.
Wolff'S telegr. Correspondenz-Bureau.
Potsdam, 4. Juni. Der Kaiser fühlte Vormittags etwas Kopfschmerz, der Nachmittags wdeß ziemlich geschwunden war, so daß er um 6 Uhr mit der Kaiserin Mackenzie und den Flügeladjutanten eine Avsmhrt bis vor Bornstedt machte. Daraus verweilte der Kaiser noch einige Zeit im Park.
m rt?er,6tt, 4. Juni. Die „Nordd. Allgem. Ztg." reproducirt einen Artikel des ! □ J? ,.nin ' welcher die Politik des Fürsten Gortfchakow und Jgnatjew's zur Rett des Berliner Congresses auf das Schärfste kritisirte und bemerkt dazu: Die ,/Nordd. ^llg. Ztg ' habe früher anläßlich der Tatitschtschew'schen Artikel hervorgehoben, daß Rußland keinen Grund habe, Deutschland über seine Haltung während des Berliner Congresses anzuklagen, daß vielmehr Gortschakow und Jgnatiew für das Ergebniß des- selben verantwortlich seien; der „Grashdanin" gebe weiter in der richtigen Erkenntniß der Thatsachen und bezeichnet den Vertrag von San Stefano als die Ursache der für Rußland unbequemen Verhältnisse auf der Balkanhalbinfel. Die „Nordd. Allg. $ta." schließt: Es ist das erste Mal, daß in der russischen Publicistik ein so unbefangenes auf ThaUachen gegründetes Unheil über die durch Gortschakow sanktioni.te Thätiakeir Jgnattew's laut wird.
r . c Frankfurt a. d. O., 4. Juni. Nach den bis jetzt vorliegenden Resultaten bei der m den Kreisen Ost- und West-Sternberg vorgenommenen Reichstaasersatzwabt erhielt der Landrath Bohtz (konservativ) 5218 und Witt (deutschfreis.) 2707 Stimmen Ein kleiner Wahlkreis steht noch aus. * *


