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6.5.1888 Erstes Blatt
 
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£,r. Erstes Blatt. Sonntag den 6. Mai

Giehcner Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

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Amtlicher HHeiL

. ,^^und«n:1 Maßstab, 1 Wagenring, 1 Peitsche, 1 seidenes Halstuch, 1 Noti,buch, 1 Zahnstocher, 1 Gartenthüre, 1 Taschenmesser, 1 Fächer

1 Slchel, mehrere Schlussel und Hundeblechmarken. Zugelaufen: 1 Dächselhund, 1 Spitzhund. Zugeflogen: 1 Kanarienvogel.

Gießen, am 5. Mai 1888. Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

Fresenius.

Politische Ueberfkcht.

Gießen, 5. Mai.

Auch die Bewohner der von der Ueberschwemmungskatastrophe betroffenen Elb- niederungen sind nunmehr durch den Besuch der Kaiserin erfreut worden. Die hohe Frau, welche wiederum von der Prinzessin Victoria begleitet war, traf am Donnerstag Vormittag in der zehnten Stunde in Wittenberge ein, woselbst die Be­völkerung der Monarchin und ihrer erlauchten Tochter einen eben so glänzenden wie herzlichen Empfang bereitete. Die Kaiserin sprach bei dem officiellen Empfange auf dem Bahnhofe ihre Genugthuung über die Opferwilltgkeit der Behörden und der Ein- -wohnerschaft Wittenberge's aus und trat nach einer Fahrt durch die festlich geschmückte Stadt die Weiterreise nach den Ueberschwemmungsgebieten der Priegnitz-Niederung auf dem RegierungsdampferHermes" an. In der dritten Nachmittagsstunde traf die Kaiserin nach stürmischer Fahrt in Hitzacker ein und vertauschte hier das Dampfschiff wiederum mit dem Bahnwagen; um V<4 Uhr erfolgte die Ankunft in Lüneburg. Die ihr hier bereitete Aufnahme war eine überaus begeisterte; in den Straßen hatten sich Korporationen, Vereine und Schulen aufgestellt. Gegen 6 Uhr Abends erfolgte die Wiederabreise der Kaiserin von Lüneburg und kehrte die hohe Frau über Büchen und Lauenburg nach Charlottenburg zurück, woselbst die Ankunft am Donnerstag Abend ;1/*11 Uhr erfolgte.

Der Kaiser blieb am Donnerstag bis Abends außerhalb des Bettes, theils auf dem Sopha, theils im Lehnsessel ruhend^'und nahm er in letzterem gegen 8 Uhr auch das Abendbrot ein. Am Freitag Morgen war der Kaiser fieberfrei und befand er sich zeitweise außerhalb des Bettes. Da die Kräfte jetzt allmählich zunehmen und das Gesammtbefinden des hohen Patienten überhaupt zur Zeit zu keinen unmittelbaren Besorgnissen mehr Anlaß giebt, so werden bis auf Weiteres auch keine täglichen Bulletins mehr ausgegeben. In Folge der anhaltenden Besserung im Befinden des Kaisers dürfte Sir Morell Mackenzie nunmehr seine längst geplante Reise nach London behufs Erledigung dringender persönlicher Angelegenheiten zur Ausführung bringen.

Die Nachricht, es habe dem Prinzen Heinrich von Battenberg der Schwarze Adlerorden verliehen werden sollen, es sei dies aber in Folge des Einspruches des Fürsten Bismarck unterblieben, wird wieder dementirt. Ebenso ist die Meldung, Professor Gneist würde demnächst in den Freiherrnsland erhoben werden, unbegründet.

Im ReichSlande gehen die Behörden neuerdings wieder schärfer gegen die Vereine vor, welche deutsch-feindliche Tendenzen verfolgen, diese Ziele aber hinter irgend einem Deckmantel verbergen. So wurde vor kurzem die medicinische Gesellschaft in Straßburg societd de mSdecine durch Verfügung des Bezirkspräsidiums des Unterelsasses aufgelöst und nunmehr sind von der gleichen Maßregel auch die medicinischen Vereine des Oberelsasses, soweit sich dieselben mit der allgemeinen ,80cietd de nuSdecine decken, aufgelöst worden.

In Belgien macht sich wiederum eine Strikebewegung in den Kohlendistricten des Westens gellend. In Quarcgnon haben gegen 500 Grubenarbeiter wegen ver­weigerter Lohnerhöhung die Arbeit eingestellt und wird dies nur als Vorspiel zu einem .größeren Strike betrachtet.

Die .heilige Karawane", welche alljährlich zur Frühlingszeit von Constan- tinopel nach Mekka zieht, wurde am 26. v^M. vom Sultan entlassen. Unter großen Feierlichkeiten und im Beisein der höchsten Staatswürdcnträger werden dem Karawanen­führer die für das Grab des Propheten bestimmten Geschenke des Sultans übergeben und, geborgen in kostbaren Truhen und Tüchern, den Rücken der beidenheiligen Kameele" und von fünfzehn Maulthieren anvertraut; die Karawane dürfte nicht vor August in Mekka anlangen. Die Kosten der Ausrüstung der Karawane und der Reise belaufen sich auf etwa eine Million türkische Pfund und es soll dem türkischen .Finanzminister schwer genug geworden sein, diese Summe aufzutreiben.

Darmstadt, 5. Mai. Seine Königliche Hoheit der Großherzog, Seine Königliche Hoheit der Erbgroßherzog, sowie Ihre Großherzoglichen Hoheiten die Prinzessinnen Irene und Alix hatten sich gestern Mittag zum Besuch der Höchsten Herrschaften nach Schloß Heiligenberg begeben, nahmen an der dortigen Tafel Theil und kehrten im Laufe des späteren Nachmittags hierher zurück.

Berlin, 4. Diät. Der Verlauf der letzten Tage läßt bei aller Vorsicht, die in der Beurtheilung detz Gesundbettszustandes des Kaisers geboten ist, doch die Hoffnung gerechtfertigt erscheinen, daß die jetzt eingetretene Besserung einige Zeit anhalten wird. Dafür spricht auch die Thatsache, daß die Aerzte von der Ausgabe regelmäßiger täg­licher Bulletins jetzt glauben absehen zu können. Das ursprüngliche Grundleiden hat in den letzten Wochen nur geringe Fortschritte gemacht und es bestätigt sich vollkommen, daß die bedenkliche Erkrankung, von welcher der Kaiser vor nunmehr drei Wochen befallen wurde, nur indtrect mit dem Grundleiden zusammenhängt und hauptsächlich von einer Entzündung im Wundkanal herrührt, die nunmehr zurückgegangen ist. Die Lungen sind, wie die Aerzte auch neuerdings wieder constatirt haben, von dem Krank- heitsproceß nicht ergriffen. Der Kaiser war den Tag über fast ganz fieberfrei. Er hat das Bett früher verlassen als sonst und den größeren Theil des Tages theils im Lehn­stuhle, theils auf dem Sopha zugebracht. Eine Hebung der Kräfte ist nunmehr deut­lich bemerkbar. Der Kaiser kann wieder gehen, wenn er sich auch vorläufig noch große Schonung auferlegen muß. Die Stimmung des Leidenden ist in Folge dieser günstigeren Erscheinungen auch wieder eine bessere und die Aerzte berichten rührende Züge von der Ergebenheit und der Dankbarkeit des Kaisers für alle Beweise der An­hänglichkeit und Verehrung. Die Blumenspenden, die ihm unausgesetzt in ungewöhn­licher Fülle und Pracht zugehen, machen ihm andauernd aufrichtige Freude. Sein Zimmer gleicht einer Blumenhalle. Seiner Umgebung macht sich der Kaiser mehr als früher auch mündlich verständlich, die Familienangehörigen, die Aerzte und die Diener­schaft verstehen das, was der Kaiser in einer Art Flüsterton spricht. (F. Z.)

Telegraphische Depeschen.

Wolff'S telegr. Lorrespondenr- Bureau»

Berlin, 4. Mat. Der Kaiser hat recht viel geschlafen, jedoch war die Nacht häufig durch Husten unterbrochen. Das Fieber ist sehr gering und Morgens ver­schwunden. Die Erholung schreitet langsam fort. Man hofft, der Kräftezustand werde sich täglich heben. Der Kaiser ist heute auf einem Rollstuhl in's große Empfangs­zimmer gefahren, wo er das Kronprinzenpaar empfing.

Der Kronprinz empfing gestern Nachmittag Gneist zum Vorträge, welcher darauf zur Tafel gezogen wurde.

Berlin, 4. Mai. DieNordd. Allgem. Ztg." schreibt über das Befinden deS Kaisers: Der zuweilen auftretende etwas stärkere Hustenreiz wird meist durch ver­mehrte Absonderung bervorgerufen, welche in den letzten Tagen zuvor eher etwas abgenommen hatte und lediglich aus der Wunde, nicht aus den Lungen herrührt. In letzteren ist bisher eine Erkrankung nicht nachweisbar. Der Appetit steht zwar noch unter dem Einfluß mangelnder Bewegung, ist aber befriedigend.

Dem Vernehmen nach wird die Kaiserin einer der nächsten Sitzungen deS Hilfscomits's für die Ueberschwemmten beiwohnen.

Wie verlautet ist dem Oberhofmeister Graf Seckendorf das Prädikat Excellenr verliehen worden.

Carl Schurz wird heute bei dem Reichskanzler speisen; unter den anderen Geladenen befinden sich auch Graf Stolberg - Wernigerode und Graf Dönhof- Fliedrichstein.

Berlin, 4. Mai. Das Herrenhaus nahm den Gesetzentwurf, betreffend die Verfassung der Verwaltungsgerichte und betreffend das Verwaltungsftreitverfahren, unverändert an und genehmigte die Sekundärbahnvorlage gleichfalls unverändert. In der morgen um 12 Uhr stattfindendcn Sitzung kommt die Vorlage über die Provinzial­ordnung die Provinz Schleswig-Holstein zur Berathung.

Das Militär-Wochenblatt veröffentlicht die Ernennung des Herzogs v. Con- naught zum Chef des 3. (Ziethen) Husaren Regiments.

Berlin, 4. Mai. Das Abgeordnetenhaus nahm nach einer längeren aber un­erhebliche Debatte den Gesetzentwurf, betreffend die Kreis- und Provinztalordnung für die Provinz Schleswig-Holstein nach den Beschlüssen der zweiten Lesung in der dritten Berathung an. Der Gesetzentwurf, betreffend die Errichtung eines Amtsgerichts in Tirschtiegel wurde in der ersten und zweiten Lesung genehmigt. Ueber den Antrag des Abgeordneten Scheden auf Annahme des Gesetzentwurfes, betreffend das Verbot der Verwendung von Surrogaten bei der Bierberettung wird zur Tagesordnung über­gegangen und die Resolution angenommen, die Staatsregierung aufzufordern, int Bundesrathe dahin zu wirken, daß die baldige reichsgesetzliche Regelung der Herstellung und des Vertriebes von Bier herbeigeführt werde. Der Staatsminister von Bötticher hatte für die Annahme der Resolution gesprochen und die baldige Regelung der Frage in Aussicht gestellt. Hierauf wurde eine Anzahl Petitionen der Regierung zur Er­wägung überwiesen. Morgen um 11 Uhr findet die nächste Sitzung statt, in welcher über den heute eingegangenen Gesetzentwurf, betreffend die Verleihuna von Korporations­rechten an die Niederlassung geistlicher Orden berathen werden wird.

Der Gesetzentwurf, betreffend die Verbesserung der Oder und Spree ist dem Abgeordnetenbause zugegangen und fordert 21,500,000 v*L für die Oderstrecke von Breslarr bis Kosel, 3,200,000 für den Lauf der Spree innerhalb der Stadt Berlin und bis zur Einmündung in die Havel und 1,600,000 JL für die Regulierung der unteren Oder durch sechs einzelne aufgeführte Anlagen. Die Ausführung der Verbesserung der Oderstrecke von Breslau bis Kosel soll aber erst beginnen, wenn der erforderliche gesammte Grund und Boden unentgeltlich und als Eigenthum der Regierung über­wiesen oder der dafür nothwendige Kostenbetrag sichergestellt ist. Die Ausführung der oben genannten einzelnen Anlagen erfolgt erst, wenn die Ausführung der anschließenden Deichanlogen gesichert ist.

Dresden, 4. Mai. In der Fabrik für Sicherheitszündhölzer Brückner u. Zinke in Cölln bei Meißen hat heute Nachmittag in dem Arbeitsraum eine Pulverexplofion stattgefunden. Zwei Arbeiterinnen sind tobt, mehrere verwundet.

Kopenhagen, 4. Mai. Die Eröffnung der hiesigen Ausstellung ist nunmehr endgilttg auf den 18. dss. Mts. festgesetzt. Die Berichterstatter auswärtiger Blätter, welche der Eröffnungsfeier beiwohnen wollen, haben sich bis zum 16. dss. Mts. zu legitimiren.

Belgrad, 4. Mai. Der frühere Minister - Präsident General Gruic ist pen- sionirt worden.

Die Meldung der Blätter, die Regierung beabsichtige durch Einführung der Preßcensur eine Einschränkung der Preßfreiheit, ist unbegründet. Die Regierung plant keinerlei Beschränkung der bestehenden Preßfreiheit, wird aber jede Preßüberschreitung gesetzlich strengstens ahnden.

Lokales.

Gießen, 5. Mai. Gestern fand in Frankfurt a. M. eine Vorstandssitzung des Verbandes Südwestdeutscher Branntweininteressenten statt, worin beschlossen wurde, in Anbetracht der fortwährenden Beunruhigung der Spirituosen-Branche, hervorgerufen durch das immer wieder auftauchende Bestreben zur Gründung eines sogenannten Spiritusringes eine Versammlung auf Mittwoch den 9. ds. nach Frankfurt einzu- berufen. Sämmtliche Mitglieder des Verbandes sollen hierzu eingeladen und zur Beschlußfassung oorgeschlagen werden, daß von den Brauern und Händlern (die Namen werden den Mitgliedern zur Zeit bekannt gegeben), welche fernerhin die Ring- projecte unterstützen, beziehungsweise beitreten, seitens der Verbandsmitglieder, es sind dieses über hundert, wozu auch fast alle hiesigen Firmen gehören, nichts mehr gekauft resp. abgenommen werden soll. Außerdem soll ähnlich wie in Nordhausen eine Ein­kaufs-Commission , welche sich mit Brennern und Spritfabrikanten, die der geplanten Spiritusbank nicht beitreten, sofort in Verbindung zu setzen hat, gebildet werden.

Wir können unfern Lesern heute mittheilen, daß die Aufführungen be£ Luther festspiels von H. Herrig, denen man mit allgemeinem Interesse entgegensieht^ in den ersten Tagen des Juni in der Stadtkirche dahier beginnen werden. Nach allen.