1888
Erstes Blatt
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.
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Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.
Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
ye des Kaisers zurückzukehren.
Dem am Ostersonnabend veröffentlichten Gnadenerlasse König Friedrich's von Preußen ist nunmehr die Ausführungs-Verfügung des preußischen Justizministers nachgefolgt, welche die Einzelheiten des Erlasses näher erläutert. Derselbe bezieht sich bekanntlich nur auf die von den preußischen Civilgerichten verurtheilten Personen, während sich der Amnestieerlaß über etwaige Begnadigungen auch von Personen, welche durch die Militärgerichte verurthetlt worden sind, nicht weiter äußert; möglicherweise sind in dieser Beziehung besondere Anordnungen ergangen. Auch ob em specieller Gnadenerlaß des Kaisers für Elsaß-Lolhringen beabsichtigt ist, steht noch
' dahin.
Aus den deutschen UeberschwemmrrngSgebieterr lauten die "Nachrichten noch * immer recht trübe und wenn auch vereinzelte besser klingende Meldungen einlaufen, nie z. B. die Nachricht vom raschen Fallen der Warthe, so stehen derselben anderseits le-ider wieder neue Hisbsposten entgegen. Wir wollen dieselben hier nochmals kurz ; niedergeben. In der Tilsiter Niederung sand am Dienstag bei Budwesten eikr Dammbruch statt und wurden 200 Mann Militär von Tilsit nach der Durchbruchsstelle beordert. Ferner haben Netze und Warthe mehrere Deichbrüche verursacht, wodurch ‘ namentlich die Stadt Drießen und ihre Umgebung stark in Mitleidenschaft gezogen Wurden. In der Danziger Gegend trat der Sorgefluß aus seinen Ufern und über- fchwemmte ganze Stadttheile von Christburg; bet Wernersburg, oberhalb Marienburg, hobt der Nogatdamm zu versinken, was eine neue, schwere Gefahr für Marienburg herbeiführen würde. Das Ueberschwemmungsgebiet in Westpreußen umfaßt zur Zeit c«. 12 Ouadratmeilen, da noch viele Dörfer durch den Rückstau des Wasfers über- : schwemmt sind und schwankt die Höhe des Wassers in diesem Gebiet zwischen drei und . zwölf Fuß. Am Dienstag überschwemmte das Hochwasser zum Theil auch die : Schichau'sche Schiffswerft in Elbing, in Folge dessen das genannte Etablissement 2 200 Arbeiter entlassen mußte. — Dies sind indessen nur einzelne Züge aus dem ; Lüstern Gefammtbilde, welche^die überschwemmten Gegenden in Westpreußen, Branden- " barg Hannover, Posen, Pommern und auch Schlesien darbieten und immer dringender werden die Bitten um Hülfe, die Zahl der aller Subsistenzmittel Beraubten schwillt tiereits in die Hunderttausende an. Es kann nicht schnell und umfassend genug ge- ; hoffen werden und von Neuem ergeht daher an die Bewohner Deutschlands, denen es = erspart geblieben ist, die Festtage im Kampfe um ihr Leben und ihre Habe verbringen 5 za müssen, die dringende Mahnung, nach Kräften ihren durch die Wasserffuthen schwer ; heimgesuchten Landsleuten betzustehen; die Wege, auf denen dies geschehen kann, sind
Nr. 14 des Reichs-Gesetzblattes, ausgegeben den 29. v. M., enthält:
[1786.1 Verordnung, betreffend das Bergwesen und die Gewinnung von Gold uno Edelsteinen im südwestasrikamschen Schutzgebiet. Vom 25. Marz 1688.
Nr. 15 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 29. v. M., enthält: ,
[Nr. 1787.] Verordnung über die Inkraftsetzung des Gesetzes, betreffend die Unfall- und Krankenversicherung der in land- und forstwlrthschaftlrchen Betrieben beschäftigten Personen, vom 5. Mai 1886 für das Gebiet mehrerer Bundesstaaten. Vom 28. März 1888.
Nr. 16 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 31. v. M., enthält:
[Nr. 1788.] Gesetz über die Auslegung des Artikels II des Gesetzes vom 30. August 1871, betreffend die Einführung des Strafgesetzbuchs für das Deutsche Reich in Elsaß-Lothringen. Vom 29. März 1888.
Gießen, am 4. Avril 1888. Grobherzogliches Krersamt Gießen.
Dr. Boekmann. ______ ______
ja hinlänglich bekannt. . r m ,,
Der langjährige preußische Gesandte in München, Gras Werthern, ist von seinem Posten abberufen worden und überreichte der Gesandte am Dienstag dem Prinzregenten Luitpold sein Abberufungsschreiben. Der Prinzregent zeichnete den fcheidenden Vertreter der preußischen Regierung durch Verleihung des Sterns zum Groß-Comthurkreuze des Ordens der bayerischen Krone tn besonderer Weise aus; über den Nachfolger des Grafen Werthern verlautet noch nichts Näheres.
Der wichtigste Vorgang, welcher sich während der Osterfeiertage in der auswärtigen Politik abgespielt hat, wird durch die Neubildung des französischen Ministeriums unter dem Vorsitze des bisherigen Kammerpräsidenten Floquet repräsentnt. Es kann indessen schwerlich als ein günstiges Anzeichen für das neue Ministerium betrachtet werden, daß sich innerhalb desselben schon wieder Veränderungen notwendig gemacht haben, indem der Justizminister Ricard und der Arbeitsminffter Loubet ihre Portefeuilles zurückgaben, da sie, entgegengesetzt der Meinung ihrer anderen Miniftercollegen, sich entschieden gegen die Verfassungsrevision erklärten. Ricard und Loubet sind Opportunisten; sie wurden durch zwei Radrcale, Ferouillat und Deluns- Montard, ersetzt und hiermit charakterisirt sich das neue ftanzösische Cabinet als ein überwiegend radtcales, denn nur die Minister .des Auswärtigen, Goblet, des Ackerbaues, Viette, sowie der Kriegsminister Freycinet sind Opportunisten, also gemäßigte Republikaner, während die übrigen Cabinetsmitglieder sowie der Cabinetschef Floquet Selber mehr oder weniger entschieden sich zur radicalen Richtung bekennen. In Paris «bezeichnet man daher das Cabinet Floquet als das „große radicale Ministerium"; ob dasselbe aber unter seiner radicalen Flagge sich besser mit der französischen Deputirten- ammer stellen wird, als seine letzten Vorgänger, das steht auf einem anderen Blatte. Vorläufig hat das „grand minietbre radical“ in der Dienstagssitzung der Kammer mit
SO Erstes Blatt. Freitag den 6. April
Gießener
einer ziemlich nichtssagenden Erklärung debütirt. Dieselbe appellirt an alle Republikaner, will ernsthaft verbreitete Reformen und ersucht die Kammer, die Frage wegen der Zweckmäßigkeit einer Versassungsrevision der Regierung zu überlassen. Die Regierung — schließt die ministerielle Erklärung — sei der Aufrechterhaltung des Friedens aufrichtig zugethan. Die Erklärung wurde von den Radicalen natürlich mit Beifall begrüßt, von den gemäßigt-republikanischen Gruppen und der Rechten dagegen mit Schweigen ausgenommen und dieses Schweigen bedeutet ebenfalls nichts Gutes für das „große Ministerium" der Radicalen.
Die Freude der Italiener, den lästigen Conflict mit Abysfinien infolge der Friedensäußerungen des Negus Johannes endlich vom Halse zu bekommen, erweist sich als verftüht. Gedrängt durch die abyssinische Kriegspartei, an deren Spitze der Oberfeldherr des abyssinischen Herrschers, Ras Alula, steht, hat der Negus seine kaum erst eingeleiteten Friedensunterhandlungen mit den Italienern wieder abgebrochen und sieht das italienische Expeditionscorps aufs Neue einem endlichen Angriffe der Abyssinier entgegen, falls dieselben ^nicht den .Rückmarsch in das Innere Abyssiniens antreten. Inzwischen scheint nun das letztere geschehen zu sein, denn die letzten Meldungen aus Massauah besagen, daß \ der Negus den Rückzug bestimmt angeordnet habe und Ras Alula mit einem Theile des abyssinischen Heeres nach Ghiada abgezogen sei. Italienische Berichte schätzen die Gesammtstreitmacht der Abyssinier auf 70,000 bis 80,000 Mann.
Rumänien hat binnen wenigen Tagen zwei Ministerkrisen erlebt. Wahrend aber die erste mit der fast unveränderten Wiedereinsetzung des Ministeriums Br'atianu endigte, hat der Ausgang der zweiten Krisis ganz neue Männer in Bukarest an die Regierung gebracht. Das neue rumänische Cabinet besteht aus Rosetti, Präsidium und Inneres, Carp Auswärtiges, .Ghermaniz Finanzen, Prinz Stirbey öffentliche Arbeiten, Alexander Marzhilomanu Justiz, General Barsszi Krieg, Majoresco Unterricht und provisorisch Handel. Die Namen der neuen Minister sind außerhalb Rumäniens grotzentheils noch ganz unbekannt und es bleibt daher abzuwarten, nach welcher Seite das Ministerium Rosetti seinen politischen Charakter entwickeln wird, namentlich was die auswärtige Politik Rumäniens anbelangt. Mit einiger Besorgniß muß es aber schon erfüllen, daß die wegen der bekannten tumultuösen Vorgänge in Bukarest verhafteten Oppositions-Deputirten Fleva, Philippesco und Castaforo zur selben Zeit, da sich das Cabinet Rosetti bildete, freigelassen wurden. Man kann hierin ein Zugeständniß des neuen rumänischen Ministeriums an die Partei der Bukarester Russenfreunde erblicken und vielleicht ist dies schon eine Andeutung über die künftige Politik des Cabinets Rosetti.
Darmstadt, 4. April. Seine Königliche Hoheit der Großherzog empfingen heute den Geyeimen Oberschulrath Professor Dr. Schiller aus Gießen.
Darmstadt, 4. April. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben Aller- gnädigst geruht:
am 31. März d. I. den Steuercommissär des Steuercommissariats Homberg Karl Klingelhöffer in gleicher Diensteigenschaft mit Wirkung vom 1. April d. I. an in das Steuercommissariat Ober-Ingelheim zu versetzen;
den Rendanten bei dem Salzsteueramte Wimpfen Georg Rößler zum Steuercommissär des Steuercommissariats Homberg mit Wirkung vom 1. April d. I. an — den Steuercontroleur Adolf Schmitt zu Darmstadt zum Steuercommissär des Steuercommissariats Schotten —
den Steuerassessor Karl Krebs aus Eberstadt zum Steuercommissariatsassistenten bei dem Steuercommissariat Darmstadt mit Wirkung vom 1. April d. I. an —
den Steueraufseher Andreas Müller zu Mainz zum Pfandmeister bei der Obereinnehmerei Mainz — zu ernennen.
Darmstadt, 4. April.' Das Großherzogliche Regierungsblatt Nr. 10, aus- gegeben den 31. März, enthält das Finanzgesetz für die Finanzperiode 1888/91.
Berlin, 4. April. Der Reichskanzler hat beim Bundesrathe den Antrag gestellt, derselbe wolle beschließen, daß für Rechnung des Reichs von den silbernen Zwanzigpfennigstücken ein Betrag von 5 Millionen Mark einzuziehen und je zur Hälfte tn Fünf- und Zweimarkstücke umzuprägen sei. An silbernen Zwanzigpfenntgftücken waren bis zum Jahre 1877 35,7 Millionen ausgeprägt. Mit Rücksicht auf die Unbeliebtheit dieser Münzsorte im Verkehr wurden davon im Laufe der Jahre 8 Millionen wieder eingezogen und in andere mehr gangbare Münzsorten umgeprägt, fo daß bis Ende Februar 1888 der Umlauf an Silbermünzen zu zwanzig Pfennig sich auf 27,7 Millionen verringert hatte. Dessenungeachtet hat der Rückfluß der bezeichneten Münzen zu den öffentlichen Kassen eine Abminderung nicht erfahren. Der Bestand der Reichsbank an silbernen Zwanzigpfennigstücken belief sich Ende März 1883 auf 9104 000 JL und betrug Anfang März 1888 die Summe von 9 540 000 JL In Uebereinftimmung hiermit steht die fortdauernd starke Umwechselung von Zwanzigpfennigstücken gegen Reichsgoldmünzen bei den Einwechselungsstellen. Wie aus diesen Umständen erhellt, besteht die Abneigung gegen die silbernen Zwanzigpfennigstücke wegen ihrer Kleinheit und Unhandlichkeit in dem Maße fort, daß auch die noch vorhandenen Beträge nicht vom Verkehr ausgenommen werden. Eine weitere Reduction des Umlaufs dieser Münzsorte, wie ihn der oben erwähnte Antrag des Reichskanzlers bezweckt, erscheint daher angezeigt und wird der Beanstandung um so weniger begegnen, als inzwischen dem vorhandenen Bedürsniß nach Münzen im Werthe von 20 Pfennig durch die auf Grund des Gesetzes vom 1. April 1886 und in Ausführung des Bundesraths-
Politische Rundschau.
Gießen, den 5. April 1888.
Das Kaiserpaar begab sich am ersten Dfterfeiertag per Wagen wiederum zu • tnem mehrstündigen Aufenhalte nach Berlin, von dem Publikum abermals jubelnd « :grüßt. Den zweiten Osterfeiertag verbrachten die Majestäten in stiller Zurückgezogen- r.l r — In Folge der eingetretenen ungünstigen Witterung ist in den Ausfahrten A $ Friedrich's, die in der Charwoche ihren Anfang nahmen, einstweilen wieder eine ! eingetreten und promenirl der Kaiser dafür täglich mehrmals tn der Orangerie * Charlottenburger Schlosses. Dem Vernehmen nach wird Sir Morell Mackenzie c Tage in Privatangelegenheiten nach London reifen, um jedoch alsbald in die


