2SS Freitag den 5. October 1888.
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigtblatt für den Kreis Gießen.
jvnreanr Schulftraße 7.
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.
Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.
Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 M
Amtlicher HHeit.
Betreffend: Den Schutz der Vogel. Gießen, au
Das Großherzoglichc Krcisamt Gießen
a» di- (Srotzherzoglicher, BÄrgrrm-ist-r-i-n des Kreises.
Soweit Sie unserer Verfügung nom 22. August 1888 - Gießener Anzeiger Nr. 198 - noch nicht nachgekommen sind,
4. October 1888.
erinnern wir Sie an deren
alsbaldige Erledigung.
v. Gagern.
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- Betreffend: Die Einrichtung der Fortbildungsschulen. am 3. October
Die Großherzogliche Kreis-Schul-Commission Gießen
an di- Schulvorstände des Kreises.
Wir erinnern diejenigen Schulvorstände de« Kreises, welche unserer Verfügung - Gießener Anzeiger Nr. 206 - noch nicht nachgekommen sind, an baldigste Erledigung derselben. D lagern.
Politische Rundschau
Gießen, 5. October.
Mit dem wahrhaft begeisterten Empfang, den München, die Metropole Sü^ deutschlands dem Kaiser bereitete, hat die Triumphfahrt des Reichsoberh^uptes du^ die süddeutschen Gaue ihren würdigen und erhebenden Abschluß gefunden. Die bayerische Hauptstadt hat schon wiederholt glänzendes Zeugmß von ihrer echt nationalen, echt deutschen Gesinnung abgelegt und diese bekundete München auch diesmal wieder durch die von patriotischer Begeisterung getragene Ausnahme, welche es dem zum ersten Male in Münchens Mauern weilenden neuen deutschen Kaiser zu Theil werden ließ. Wo auch der erlauchte Monarch sich während seines leider ^nur urz bemessenen Au - entbaltes in der Jsarstadt zeigte, immer wieder begrüßten ihn die stürmischen Jubelruse Hehntausender aus allen Bevölkerungskreisen und in diesen spontanen Huldigungen kam die kaiser- und reichstreue Gesinnung des ganzen Bayernvolkes -um glanzenden Ausdrucke Mit dem Prinz-Regenten Luitpold und dm übrigen Mitgliedern der bayrischen Königsfamilie verkehrte der Kaiser während seines Besuches m München in denkbar herzlichster Weise und es bekundete dieser Verkehr, daß auch unter Wi^elm II- die so freundschaftlichen Beziehungen zwischen den Höfen von Berlin und München unvermindert fortbestehen werden. Seinen Dank für den gesammten ihm in München bereiteten Empfang hat Kaiser Wilhelm in seiner Erwiderung auf den Toast, welchen der Prinz-Regent bei dem Galadiner vom Dienstag auf den kaiserlichen Gast aus- brackte in bedeutungsvollen Worten ntedergelegt. . „ or
Die socialdemokrattsche Partei Deutschlands hat durch das in Breslau er= folgte Ableben des Reichstagsabgeordneten Kräcker emes ihrer hervorragenderen Mitalieder verloren. Julius Kräcker, geboren am 26. Juni 1839 in Breslau, erlernte * tt ret unb trat bann als R-datt-ur in das V-rlagsg-fchäst von W Knhn-rt in Breslau ein, das sich namentlich auch mit dem Verlag- und V-rtrr-be ocialist, cher Sckrii en b-fchäftigt-. 1867 trat Kräcker durch Dorträge im iocialdemokratischeu Sinue ^Arb-it-r°erein-n u. s. w. zvrn ersten Male mehr in di- Oeffentlich-it und 1868 uollroa er seinen förmlichen Uebertritt zur socialdemokratischen Partei, für welche er alsdann^ agitatorsich sehr eifrig wirkte. 1881 wurde er für Breslau-West in d-n Reichs- tag gewählt, welchen Wahlkreis er bis zu seinem Tode vertreten hat. Kräcker gehörte im Allgemeinen mehr der gemäßigten Richtung innerhalb der socialdemokratrschen Partei an, deren Ziele und Zwecke er indessen stets mit Entschiedenheit und Gewandtheit D Der nun zur Thalsache gewordene Besuch des Kaisers Wilhelm in Wien bat -in- vielerörtert- Verfügung der Wiener Polizei gezeitigt. Es ist nämlich den Wienern polizeilich verboten worden, während des Befuches Kaiser Wilhelms in Wien sibwar,-roth-goldene Fahnen auszuhängen, während der Schmuck der Häuser mit dm ftatben des neuen deutschen Reiches, schwarz-wettz-rolh ausdrücklich gestattet worden ist Bislang waren in Oesterreich auch di- letzteren osficiell verpönt, wenigstens mußten schon wiederholt bei verfchiedenen Feierlichkeiten verwendete deutsch- Reichsfahnen auf noli.eilichm Befehl entfernt werden. Wenn nunmehr die Entfaltung der fchwarz-weiß- rot en Naggm beim Einzug- d-s d-utfchen Kaif-rs in Wim ausdrücklich gestattet morden ist so darf man wohl annehmm, daß von nun an in Oesterreich die Fahnen d-s verbündeten d-utfchm Reiches überall ungehindert flattern dürfen. Was dagegen die Feindschaft der öst-rreichifchm Polizei g-gm di- alten R-rchsfarbm fchwarz-roth- gold anbelangt, so -rklärt sie sich daraus daß man 'n dm Wi-n-r R-gi-rungs r-sim hinter dm Demonstrationen mit den schwarz-roth-goldmm Fahnen allerM „reichs. feindliche" Gelüste, namentlich der fogenannten D-utfchnationa m, Wüter . Der Statt Halter von Ni-derösterret» hat sich übrigens tm ni-d-r°st°rr-ichifch-n Landtage anläßlich einer Interpellation der Antisemiten ebenfalls über drefe Fahnenfrage ausgelaffm. Er meinte, di-Anbringung von fchwarz-roth-gold-nm Fahnen mtfpräche nicht den bestehenden Verhältnissen, man könnte dieselben unter Umstanden als ein unrealisirbar-s Ideal" oder als ein solches Ideal anschm, dessen Anstrebung als staatsgesahrlich be- zeichnet^werde^mus^^^ ^oses und WUH.lM werden in Begleitung d-s Königs non Sachsen am Freitag Stachnüttag zu den Hos>agdm tn der Steiermark abreifen.
Deutschland.
Darmstadt, 2. October. Gutem Vernehmen nach stehen wieder eine Reihe von Personalveränderungen im Verwaltungsfache bevor. Legationsrath Dr. Breid ert in Darmstadt wird als Kreisrath nach Erbach, Regierungsrath v. Zangen in Mainz als Kreisrath nach Oppenheim, Amtmann v. Grancy als Regierungsrath an die Provinzialdirection in Mainz kömmen. Ueber den Nachfolger an die Stelle des Leaationsraths Dr. Breidert verlautet noch nichts Zuverlässiges. — Im Justizfache wird Landgerichtsrath v. Grolmann auf sein Nachsuchen in den Ruhestand treten.
Berlin, 2. October. Ein Wort von programmatischer Bedeutung war es, welches Kaiser Wilhelm in seiner Erwiderung auf die Begrüßungsansprache des Bürgermeisters der bayerischen Hauptstadt München äußerte, als er die Hoffnung kundgab, er werde die Kraft besitzen, im Geiste seines hochseligen Großvaters die Geschrcke des Reiches zu lenken. Was die deutsche Nation in Kaiser Wilhelm I. besessen, deß legt die Liebe und Verehrung, welche dem entschlafenen Helden von Millionen und Aber- millionen treuer Herzen über Tod und Grab hinaus geweiht bleibt, ein rührendes Qeuantfc ab. Dem zielbewußten thatkräftigen Monarchen, dem Schöpfer der nationalen Wehrkraft, dem Wiederherfteller der alten Grenze gegen den westlichen Erbfeind, dem Bahnbrecher der socialen Reform, dem Schirmherrn des Völkerfriedens, gilt der Eultus der Pietät, der das Gemeingut aller Patrioten bildet, und wenn ein Gedanke uns den Verlust Kaiser Wtlhelm's I. minder unerträglich erscheinen ließ, so war es der, daß sein Geist auch ferner in der von ihm hinterlassenen Schöpfung lebendig bleiben werde, zum Seile für Fürst und Volk. Kaiser Wilhelm II. hat niemals ein Hehl aus seinem festen Entschlüsse gemacht, die Gesinnungen und Grundsätze seines Großvaters auch für seine eigene Regierung zur Richtschnur zu nehmen. In der Hauptstadt des zweitgrößten deutschen Staates hat er diese seine Willensmeinung von Neuem in klaren Worten verkündet; er wird also, was an ihm liegt, nach außen wie nach innen diejenige Politik weiter bethätigen, die das Deutsche Reich unter seinem ersten Herrscher von Erfolg zu Erfolg geführt. Der leitende Grundgedanke dieser Politik ist bekannt und hat sich in einer langen Reihe von Jahren, unter schwierigen Situationen bestens bewährt: er besteht in der sorgsamen Erhaltung, Pflege und Förderung der mit so schweren Opfern errungenen nationalen Güter; in der möglichst nachhaltigen Con- centrirung aller lebendigen Kräfte unseres Volksthums auf die Arbeiten und Bestrebungen des Fliedens. Die höchste Anspannung unserer militärischen Leistungsfähigkeit steht mit dieser Tendenz nicht in Widerspruch, bildet vielmehr die nothwendige Voraussetzung und Bürgschaft ihrer ungestörten Innehaltung. Denn nicht der Friede um jeden Preis, sondern nur der Friede in Ehren ist es, mit welchem ein deutscher Kaiser aus Hohenzollernftamm sich und sein Volk zu identificiren vermag. Und diesen Frieden in Ehren, entquillend der Fülle eigener Macht wie dem Freundschaftsbündnis mit den gleichgesinnten Herrschern ebenbürtiger Staaten, von Neuem zu besiegeln, hat Kaiser Wilhelm, wie vor Monaten den nordischen Meereszug, letzt die Fahrt gen Süden angetreten, auf bereu letzter Etappe Innerhalb ber R-ichsgren,-n L unchen er bie Hoffnung auSfprad), baß ihm bie Kraft befchiebcn fein werbe bi- Geschicke b-s Reiches im Geiste seines hochfeitgen Großvaters zu lenken. Daß biefe Hoffnung sich in weitesten Umfang-, in fchonst-r Gestalt erfüllen möge, ist ber innige, aufrichtige Wunfch All- D-utfchlanbs, welcher fettens ber Nation bem lugenbfrifchen Herrfcher auf feiner Reise nach Wien und Rom das Geleite gibt. _
Berlin, 3. October Der bereits telegraphisch erwähnte Trinkspruch, durch welchen der Kaiser auf die Begrüßungsworte des Pr'nz-R-genten von Bayern -rwib-rte, lautet nach bem „Reichs- unb Staats-Anzeiger" t „Als durch b-s Himmels unerforsch- lichen Rathschluß Ich nach bem Tob- Meines geliebten Großvaters unb Vaters auf ben Kaiserthron berufen würbe, legte sich schwere Sorge auf Mein Herz Angesichts der großen Verantwortung Meines neuen Amtes. Diese ©orje wandelte sich rudeß bei ernster Pflichtersüllung halb in Genugthuung an Meinem Beruf. Ew. Konigl Hohe t waren es, ber in hochherzigster Weife die altbewährte Freundschaft, welch- Sic mit Meinem verewigten Großvater verband, auf Mich übertrugen. Wie damals im Jahre 1870 das bayerische Königshaus den ersten Schritt zum Neuerstehen unseres geeinten Vaterlandes that, so haben Ew. Kgl- Hoheit das Beispiel für Deutschlands Fürsten gegeben und haben als Erster Mir Ihren Rath und Ihre Freundschaft in kräftigem Handschlag dargeboten. Mit dem innigsten Dank für diese wahre Freundesthat verbinde Ich den Dank, der aus vollem Herzen kommt, unter dem überwältigenden Eindruck des großartigen Empfanges Ihres Hauses und Ihres Volkes. Ich ergreife gern diese Gelegenheit, um Ew. Königlichen Hoheit Meine Gefühle wärmster und herzlichster Freundschaft auszu- drücken und zu versprechen, daß Ich in hohenzollernscher Treue mit dem Hause Wittelsbach und dem braven Bayernrolke in engstem Bunde zusammenstehen werde, in guten wie in bösen Tagen. Denn es erheischen die hohen Aufgaben unseres großen


