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Nr. 207 Mittwoch den 5 September 1888.

Kichemr Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

i V«r-au- Schulstraße 7. Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags. W

Amtlicher HheiL.

Betreffend: Tilgung der Schaftäude.

Bekanntmachung.

Unter Bezugnahme auf unsere Verfügung vom 29. v. Mts. Anzeiger 203 bringen wir zur öffentlichen Kenntniß, daß der Ausbruch der Räude unter den Schafheerden zu Watzenborn-Steinberg nunmehr festgestellt worden ist. Die bereits verfügte Sperre bleibt unter diesen Umständen selbst­verständlich aufrecht erhalten.

Gießen, den 3. September 1888. Großherzogliches Kreisamt Gießen.

I. V.: Jost.

Politische Rundschau

Gietzen, 4. September.

In voriger Woche hat wiederum eine Sitzung -es preußischen Staats- ' Ministeriums stattgesunden, in welcher dessen neuer Vtcepräsident, Staatsminister won Bötticher, zum ersten Male dm Vorsitz führte. Die Sitzung war von keiner be­sonderen Wichtigkeit, da es sich nur um die Erledigung laufender Angelegenheiten handelte. Erft im Laufe des nächsten Monats, zu welchem Zeitpunkte sich die Mit­glieder des Staatsmtnifteriums wieder vollzählig in Berlin etngefunden haben werden abgesehen vom Fürsten Bismarck dürften die Sitzungen des preußischen Minifter- collegiums durch die gemeinsamen Beratungen über die gesetzgeberischen Vorlagen zunächst für den Landtag erhöhte Bedeutung erlangen.

In erhebendster Weise ist auch diesmal der nationale Gedenktag, der 2. September, an zahlreichen Orten des deutschen Vaterlandes begangen worden. Vtel- . fach konnte hierbei die Beobachtung gemacht werdm, daß die Betheiltgung, namentlich

, der unteren Bevölkerungskreise an der Feier eine stärkere und regere war, als schon

r fielt einer Reihe von Jahren und offenbar wirkte da der Umstand, daß Heuer der

i Sedantag auf einen Sonntag fiel, mit ein. Vielleicht erblickt man hierin an maß­

gebender Stelle einen Wink, die Sedanfeier auch in künfttgm Jahren stets an einem Sonntag abzuhalten, entweder an dem ersten Sonntag vor oder dem ersten Sonntag nach dem 2. September. Denn so berechtigt der Gedanke an und für sich ist, die Erinnerungsfeier an Sedan an diesem welthistorischen Datum zu begehen, so sind doch gerade in der Woche über sehr Viele durch ihren Beruf davon abgehalten, in unver­kürzter Weise am Nationalfeste theilnehmen zu können, so lange letzteres überhaupt nicht officiell zu einem Fest- und Feiertage erklärt wird und dies könnte für das ganze Reich selbstverständlich nur von retchswegen geschehen. Jedenfalls erscheint schon von diesem Standpunkt aus betrachtet, eine einheitliche Reform der Sedanfeier als geboten und hoffentlich wird man in den zunächst hierzu berufenen Kreisen diesen Gedanken

1 enner ernstlichen Erwägung unterziehen.

Die Kaiserin von Rußland ist, begleitet vom Großfürsten-Thronfolger und - der Großfürstin Xenia, in der Nacht vom Samstag zum Sonntag von Gmunden 1 wieder abgereist, um nach Rußland zurückzukehren. Noch am Tage ihrer Abreise hatte die russische Herrscherin den Besuch des Kaisers von Oesterreich empfangen und bereits - «uf der Reise, in Prerau in Mähren, wurde die Czarewna noch vom Erzherzog Karl ( Ludwig und dessen Gemahlin, Erzherzogin Maria Theresia, begrüßt, obwohl das erz­herzogliche Paar kaum erst von den Tauffeierlichkeiten am deutschen Kaiserhofe nach . ißien zurückgekehrt war.

Obwohl Kaiser Franz Josef erst am kommenden 2. Dezember sein 49jähriges Regierungs-Jubiläum feiert, so gtebt letzteres doch schon jetzt zu verschiedenen Festlich­keiten in Oesterreich-Ungarn Anlaß. Zu denselben gehörte auch das am Sonntag staltgesundene Festschießen des Wiener Schützencorps, welches sich zu einem großen t Volksfeste gestaltete; in der Hofburg nahm Kronprinz Rudolf in Vertretung seines kaiserlichen Vaters die Huldigung der Schützen entgegen.

Die R e i s e, welche König Humbert und der italienische Thronfolger gegenwärtig durch die Romagna, welche italienische Provinz bis 1860 den nörd­lichen Theil des Kirchenstaates bildete, unternehmen, gestaltet sich zu einem wahren Triumphzuge. Allenthalben wird den hohen Reisenden ein Empfang seitens der Be­völkerung bereitet, den man den Gipfel des Enthusiasmus nennen kann und aller Orten, wo der König und der Kronprinz Aufenthalt nahmen, wetteiferten die Be­wohner , ihre Treue und Ergebenheit gegen das Haus Savoyen darzuthun. Am Samstag Abend reisten die hohen Herrschaften von Forli, wo sie mehrere Tage ge­weilt, ab, um den Besuch der Romagna zu Ende zu führen.

Das Räuberwesen droht der bulgarischen Regierung nachgerade über den Kopf zu wachsen. Auf die berüchtigte Briganten-Affaire von Bellova, welche sogar die Federn der europäischen Diplomatie in Bewegung setzte, ist bereits eine neue 2Heldenthat" des bulgarischen Brigantenthums gefolgt, indem bet Dubnitza, einer nicht i unbedeutenden Handelsstadt im südwestlichen Bulgarien, neuerdings drei Personen von Räubern überfallen und fortgeschleppt wurden. Die Einzelheiten über dieses neueste Stückchen der bulgarischen Banditen sind zwar noch abzuwarten, es beweist jedoch auch J b schon, daß das Räuberunwesen in Bulgarien immer üppiger sich entfaltet und daß die bisherigen Versuche der Regierung in Sofia, dem Treiben der einheimischen Rinal- dini's energisch entgegenzutreten, nichts weniger als abschreckend auf letztere gewirkt e haben. Daß diese leider nur zu wahrenRäubergeschichten" die Regierung des Coburgers mehr und mehr in Mißcredit im westlichen Europa bringen müssen, braucht wohl kaum erst näher ausgeführt zu werden.___________________

peutschlsno.

Berlin, 2. September. Die Kaiserin.Augusta Victoria wird, wie man der Schl. Ztg." aus Sprottau schreibt, am 15. September mit ihren Söhnen auf Schloß Primkenau elntreffen, um daselbst für einige Zeit Aufenthalt zu nehmen.

Berlin, 3. September. Zur Probe werden augenblicklich von einigen Offizieren , iinb Feldwebeln der preußischen Garde-Infanterie diejenigen Säbelmodelle getragen, welche möglicherweise für das gesammte preußische Jnfanterie-Offiziercorps eingeführt

werden. Eine hiesige Eorrespondenz gibt davon folgende Beschreibung: Der Säbelgriff entspricht genau demjenigen der jetzigen Degen, die Klinge hingegen ist 10 Eentimeter länger wie diejenige der letzteren und befindet sich in einer blanken stählernen Scheide. Diese hat oberhalb zwei gegenüberliegende feste Ringe, welche keinerlei Drehung gestatten. An diese ist je ein Riemenband befestigt, welches sich nach unten schräg von dem unter der Uniform getragenen Leibriemen abzweigt. Beim Waffenrock ist der Säbel so eingehängt, daß sich dessen Ringe einige Eentimeter unterhalb des Rockendes befinden. Heber die Einführung des Schleppsäbels bei dm Infanterie-Offizieren des preußischen Heeres verlautet indeß noch nichts Bestimmtes. Weder ist das Modell genehmigt noch die Art der Befestigung des Säbels an den Tragriemen. Es ist auch bereits der Vorschlag erörtert worden, die Säbelkoppel, wie bei den Unteroffizieren und Gemeinen, Über den Rock zu schnallen. Der Kaiser interessirt sich lebhaft für diese Angelegenheit und hat persönlich schon Trageversuche gemacht.

Telegraphische Depeschen.

Wolff'S lelegr. Correspondenz - Burea«.

Berlin, 3. September. Se. Majestät der Kaiser empfing gestern im Marmor­palais den Botschafter Grafen Solms in einer längeren Audienz, conferirte heute mit dem Unterstaatssecretär Grafen Berchem, arbeitete mit dem Chef des Civilcabinets und erteilte dem deutschen Gesandten !n ^then, Le Haistre, Audienz.

Ihre Majestät die Kaiserin Augusta besuchte heute bas Augusta - Hospital und kehrte dann nach Babelsberg zurück, wo Allerhöchstdieselbe den Grafen Berchem, dm Chef des Civilcabinets v. Lucanus, den Gesandten v. Bülow und den General v. Werder bei sich zum Diner sah.

Der Kronprinz von Griechenland stattete dem Kaiser und der Kaiserin heute Mittag im Marmorpalais einen Besuch ab.

Der Gesandte v. Schlözer ist heute Vormittag nach Dresden abgereist.

Die Fürstin Bismarck ist hier eingetroffen.

Berlin, 3. September. Eine eben ausgegebene besondere Nummer desReichs­anzeigers" enthält die Bekanntmachung, daß heute in Potsdam mit Bewilligung des Kaisers und unter Zustimmung der Kaiserinnen Friedrich und Augusta die Verlobung der Prinzessin Sophie, Schwester des Kaisers, mit dem Kronprinzen von Griechenland erfolgte. Wegen der tiefen Trauer wird von sonst üblichen Feierlichkeiten abgesehm.

Hirfchberg, 3. September. In Folge andauernder Regengüsse beginnen die Gebirgsflüsse wieder zu steigen, die Vorstadt Sand ist theilweise überschwemmt.

Freiburg i. B., 3. September. Bei der Begrüßung der Teilnehmer der 35. Generalversammlung der deutschen Katholiken hielt Windthorst eine Rede, in welcher er die badische Ordensfrage besprach. Ferner sprachen Lingens, Graf Galm und Rackö. Das Programm enthält drei öffentliche und drei geschlossene General­versammlungen, sowie Festlichkeiten.

London, 3. September. Einer Meldung des Bureau Reuter aus Baltimore zufolge wurde gestern eine Reihe Waarenmagazine in dem schönsten Stadtviertel durch Feuersbrunst zerstört; eines davon stürzte während des Brandes ein und wurden dadurch sieben Feuerwehrmänner getödtet. Der Schaden wird auf eine halbe Million Dollars geschätzt.

Malmoe, 3. September. Der König wurde bei seiner Rückkehr enthusiastisch empfangen. Bei dem ihm zu Ehren veranstalteten Dejeuner toastete der Bürgermeister Ahlftroem auf den König, welcher, mit Jubel begrüßt, einen Trinkspruch auf den Deutschen Kaiser ausbrachte. wobei er sich ungefähr folgendermaßen äußerte: In Schweden, wo die Gastfreundschaft von jeher Sitte, könne man die Gefühle schätzen, die ihn bei seiner Heimkehr, nachdem er im Kaiserschlosse in der Hauptstadt Deutsch­lands Gastfreundschaft genossen habe, beseelten. Alle Anwesenden könnten gewiß die Dankbarkeit, der er durch einen Toast auf den Kaiser Wilhelm Ausdruck geben wolle, verstehen. Dadurch, daß der Kaiser dem jüngstgeborenen Prinzen nicht nur seinen (des Königs) Namen, sondern ausschließlich schwedische Namen verliehen habe, habe er nicht nur ihm, sondern auch dem ganzen Lande einen Beweis seiner freundschaftlichen Gesinnung geben wollen. Er sei überzeugt, alle Anwesenden würden den Toast auf den mächtigen Kaiser, der jetzt auch dem Verbände der schwedischen Streit­macht angehöre, in solcher Weise zustimmen, daß es auf der anderen Seite der Ostsee widerhalle.

Lokales.

Gieße«, 6. September. Tagesordnung für die Stadtverordneten-Sitzung am Donnerstag den 6. September 1888, Nachmittags 4 Uhr.

1. Die Abhör der Löber'schen Sttftsrechnung für 1887/88.

2. Vergebung der Kirsch'schen Stiftungszinsen.

3. Gesuch des Johs. Arnold um Ertheilung der Concession zum Wirth- schaftsbetrieb.

4. Gesuch des Wil h. Fritsch um Erlaubniß zum Ausschank von Spirituosen.

5. Die Anstellung von Schutzmännern.

6. Gesuch des Reichsbankagenten C. W. Dietz um Befreiung von Entrichtung der Gewerbsteuer.

7. Den Schleußenwärterdienst.

8. Gesuch des Allgemeinen Vereins für Armen- und Krankenpflege um Ver- willigung eines Zuschusses.

9. Die Wodestraße.

10. Gesuch der Bewohner der Lahn- und Hammstraße um Beleuchtung mit Gas.

11. Gesuch um Aufstellung eines Ventilbrunnens in der Lahnstraße.

12. Decretur von Kostenrechnungen.