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Donnerstag den 5. Juli

1888.

Nr.

Hiehener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblaü für den Kreis Gießen.

$8ttfcrtut Schulstraße 7.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlobn.

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Politische Rundschau

Gießen, 4. Juli.

Wie die täglichen Nachrichten aus Potsdam, der zeitweiligen Sommerresidenz des Kaiser- berichten, widmet sich der junge Monarch ganz mit dem Eifer und der Pflichttreue seiner ruhmreichen Vorfahren den Regierungsgeschäften. Sogar an den Sonntagen nimmt Kaiser Wilhelm Vorträge entgegen und gewährt Audienzen, weil dies die Fülle der Herrscherpflichten nothwendig macht. Der Besuch des Ezaren durch Kaiser Wilhelm steht für die Mitte dieses Monats fest, doch werden alle Einzelheiten der Kaiserreise aus begreiflichen Gründen streng gebeim gehalten. Den Kaiser dürften auf der Reise nach Rußland nur zwei Generaladjutanten und die übliche Anzahl Hofbeamten und vielleicht auch der Staatssecretatr des auswärtigen Amtes, Graf Herbert Bismarck, begleiten.

Der Reichskanzler Fürst BiSmarck, dessen Gesundheit durch die Aufregungen der letzten Monate sehr angegriffen ist, wird sich zunächst auf einen Tag nach Schönhausen begeben, von dort nochmals zu einer Eonferenz mit dem Kaiser nach Berlin zurück- kehren, und alsdann nach Friedrichsruhe zu mehrmonatlichem Aufenthalt übersiedeln.

Der Bundesrath wird nach sehr angestrengter Arbeit zu Ende dieser Woche in die Ferien gehen. Die Ausschüsse des Bundesraths, welche mit der Vorberathung, betreffend die Alters- und Invalidenversicherung der Arbeiter betraut sind, haben ihre Arbeiten soweit beendet, daß am Dienstag die Schlußsitzung staltfinden konnte, in aoelcher die endgültige Fassung des Gesetzentwurfs in Paragraphen festgestellt wurde. Wie bereits bekannt geworden, haben die Ausschüsse wesentliche Aenderungen des ur­sprünglich in seinen Grundzügen bekannt gewordenen Entwurfes vorgenommen, ins­besondere ist die berufsgenossenschaftliche Organisation für die Alters- und Invaliden­versicherung nicht aufrecht erhalten, sondern die territoriale Abgrenzung für die einzeln zu errichtenden Versicherungsanstalten angenommen worden. Es ist kaum zu zweifeln, daß in Preußen die Organisatron für die Alters- und Invalidenversicherung sich an die Kommunaloerbände angliedern ließe, somit vielleicht für je eine Provinz, mitunter auch vielleicht für zwei eine Versicherungsanstalt zu errichten wäre. Für die größeren Bundesstaaten, wie Bayern, Sachsen, Württemberg, Baden, dürfte eine Versicherungs­anstalt und für die kleineren Staaten immer für einige zusammen eine Versicherungs­anstalt errichtet werden. Was die Altersrente für die Arbeiter anbetrifft, so soll dieselbe nach einer Carenzzeit von o Jahren mit 120 Mark beginnen und bis zu 250 Mark steigen.

General von Caprivi hat die nachgesuchte Entlassung als Ehef der Ad­miralität erhallen. Der Rücktritt des Generals von seinem bisherigen Poften hängt mit einer Neuorganisation in der Verwaltung und Leitung der Marine zusammen, welche nach Beendigung des Uebergangsstadtums nunmehr nur von Seemännern ver­waltet und befehligt werden wird. Die höchste Eommandostelle wird wahrscheinlich Prinz Heinrich erhalten und Ehef der Marine-Verwaltung dürfte Vice-Admiral Graf Monts oder Vice-Admiral Knorr werden.

Als Minister deS Innern in Preußen ist in überraschender Weise der bisherige Unterstaatssecretair Herrfurth in demfelben Ministerium ernannt worden. Die Besetzung dieses hohen Postens durch Herrn Herrfurth darf aber immerhin als eine recht glückliche Lösung der mit der Besetzung dieser Ministerstellung verbundenen Schwierigkeiten bezeichnet werden, denn Herr Herrfurth ist kein ausgesprochener Parlei- mann, wohl aber ein sehr tüchtiger Verwaltungsbeamter; der neue Minister dürfte also, weder von der Parteien Gunst noch Haß beeinflußt, sein hohes Amt unparteiisch ver­walten können. Minister Herrfurth ift im Jahre 1830 geboren, er begann seine Beamtenlaufbahn in Westfalen, kam 1870 als vortragender Rath in das Ministerium des Innern und wurde 1880 Unterstaatssecretair.

Das französische Ministerium hat bei der Bildung der Budgetcommission eine schwere Niederlage erlitten, indem die Opportunisten und nicht die Radikalen die Stimmenmehrheit erhielten. Von den 33 Mitgliedern der Commission sind überhaupt nur drei Anhänger des Finanzministers Peytral, so daß dieser vollständig von der Gnade der Opportunisten abhängt. Rouvier, der zum Präsidenten der Budgetcommifsion erwählt wurde, bekämpfte auch bereits den Budgetentwurf des Finanzministers in allen Punkten. Es ist indessen möglich, daß die Opportunisten es nicht schon jetzt, sondern erst im Herbst darauf ankommen lassen, das Ministerium Floquet zu stürzen.

Die Darstellungen des Generals Lord Wolseley im englichen Oberhause, daß die VertheidigungSmittel Englands gegenüber einer drohenden feindlichen Invasion zu schwach seien und daß man befürchten müsse, daß eines Morgens hundert Tausend Franzosen in England landen könnten, haben die englische Regierung wie die Par­lamentsmitglieder ziemlich unsanft aus ihrer Vertrauensseligkeit in Bezug auf die englische Kriegsflotte aufgeschreckt. Die Forderung der Regierung, das Heer um elf tausend Mann zu erhöhen, dürfte daher vom Parlament bewilligt werden.

Deutschland.

Darmstadt, 3. Juli. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben Aller - gnädigst geruht:

Am 9. Juni dem Gerichtsschreiber Hermann Gustav Burger in Groß-Gerau das Ritterkreuz zweiter Klasse des Verdienstordens Philipps des Großmüthigen zu verleihen.

Berlin, 2. Juli. Die von den conservatioen Fraktionen des deutschen Reichs­tags, des preußischen Herrenhauses und des preußischen Abgeordnetenhauses an den Staatsminister a. D. v. Putt kam er gerichtete Adresse hat folgenden Wortlaut: Wir geben dem gemeinsamen Empfinden der Vertreter der conservatioen Partei im Reichstage und preußischen Landtage Ausdruck, wenn wir Ew. Excellenz aussprechen, daß es uns stets eine Freude war, Sie als Mitglied der conservatioen Partei an dem Platze zu wissen, von dem wir Sie jetzt mit tiefer Betrübniß scheiden sehen. Es ist uns ein Bedürfntß, im Auftrage der Fractionen Ew. Excellenz, dem tapferen Lämpfer gegen die Feinde der Grundlagen der Monarchie und des christlichen Staates, dem umsichtigen und beredten Verfechter conseroativer Principien und dem treuen Freunde der conservatioen Sache unseren tiefgefühlten Dank auszusprechen."

Telegraphische Depeschen.

Wolst'S telcgr. Eorrespondenz, Bureau.

Berlin, 3. Juli. Seine Majestät der Kaiser conferirte gestern Vormittag l3/* Stunden mit dem Staatsminister Grafen Herbert von Bismarck und machte am Nachmittag einen Spazierritt. Heute Vormittag nahm Allerhöchstderselbe militärische Meldungen entgegen und erthetlte Audienzen.

Berlin, 3. Juli. Wie es heißt, wird die Reise des Kaisers nach Petersburg in der Mitte des Monats zur See und zwar von Kiel aus erfolgen. Es verlautet, daß einige Kriegsschiffe den Kaiser begleiten.

Leipzig, 3. Juli. (Prozeß gegen Dietz und Genossen wegen Landesverrath.) Heute fand die Zeugenvernehmung Eabannes statt, welche beinahe drei Stunden in Anspruch nahm. Eabannes beschuldigt Appell aufs Bestimmteste, ihm nach feiner (Ca- bannes) Eonferenz mit Oberst Vincent in Paris genau dasselbe gesagt zu haben, was ihm Vincent über Dietz mitgetheilt habe, nämlich, daß die Frau Dietz dem Nachrtchten- bureau die Dienste ihres Ehemannes angeboten habe, und daß dieses Anerbieten an­genommen worden sei, Dietz solle aber keine Ortginalschriftstücke, sondern Abschriften schicken. Vincent habe ihm, Eabannes, aufgetragen, nachdem er ibn noch gefragt habe, ob er den Appell kenne, Dietz zu inftruiren. Nach der Ankunft Eabannes in Straß­burg habe Appell ihn bestellt uud ihm 1000 Frcs. für Dietz übergeben, später habe er weitere Sendungen von demselben erhalten, sowie die Weisung, die Schriftstücke dem Apotheker Girard in Schirmeck zuzusenden. Appell habe nicht nur Dietz, sondern auch ihn selbst für seine Thätigkeit bezahlt. Appell habe zweifellos einen regelmäßigen Ver­kehr mit Vincent unterhalten, auch habe er Brieftauben mit französischem (Selbe ge­züchtet. Nach Aussage Eabannes hat die Angeklagte Dietz sämmtliche Gelder in Em­pfang genommen und bei der Zahlung der ersten 1000 Frcs. ausgerufen:Ach, endlich kommt etwas, wir haben lange darauf gewartet!" Der Präsident macht dem Zeugen den Vorhalt, ob er auch die Wahrheit gesagt habe und ob er nicht etwa einem schweren Verbrechen noch ein weiteres hinzufüge, indem er unschuldige Personen mit hineinziehe. Darauf behauptete Eabannes wiederholt Appell's Betheiligung in der von ihm geschil­derten Weise, wogegen Appell die Aussagen Eabannes für unwahr bezeichnet. Die Frau des Eabannes. welche als Zeugin vernommen werden sollte, ist nach einer heule ein­gegangenen Mittheilung der Straßburger Polizei spurlos verschwunden.

(Prozeß gegen Dietz und Genossen wegen Landesverrath.) Eine unbeeidete Aussage von Frau Eabannes wird verlesen, wonach Eabannes mit Appell unter einer Decke gesteckt, dessen Sachen vermittelt und Gelder ausgezahlt habe. Nach Verhaftung i-h.re§ Mannes habe Appell sie mit Geld unterstützt. Landrichter Munzinger bestätigt d.c Richtigkeit dieser Aussage, welche er hatte protokolliren lassen. Bürgermeister Ba- nikalis von Werthein, ein Schulfreund Appells, tritt als Entlastungszeuge auf; er habe viel mit Appell verkehrt und niemals bemerkt, daß sich derselbe bei Kundgebungen auf deutschfeindlicher Seite befand, sonst würde er jeden Verkehr mit ihm sofort abgebrochen haben. Appell habe in dm Reichslanden und in Baden viele Freunde gehabt, sei ein leidenschaftlicher Jäger, ein guter Charakter und ein vermögender Mann. Apotheker Klein, sowie der frühere Abg. Baron Zorn v. Bulach, gleichfalls Entlastungszeugen für Appell, versichern übereinstimmend den guten ehrlichen Charakter des Angeklagten, welcher überdies ihres Wissens nicht an Bewegungen gegen die Reichsregierung betheiligt ge­wesen sei, selbst nicht während der Wahlbewegung. Der Präsident verkündete, daß die Verlesung der an Frankreich verrathenen Schriftstücke in geheimer Sitzung erfolgen wird.

Paris, 3. Juli. Flourens theilte heute Vormittag Floquet mit. daß er beab­sichtige, heute die Regierung wegen der Wahlfälschungen in Carcassonne, über welche im Senat am 29. Juni berathen wurde, zu interpelliren.

EinerHaoas"-Meldung aus Massauah zufolge beschwerten sich die dortigen Franzosen über die den Ausländern von den italienischen Behörden auferlegten Steuern als den Kapitulationen zuwiderlaufend. In Folge dessen sind Verhandlungen zwischm der französischen und der italienischen Regierung im Gange.

Bordeaux, 3. Juli. Im Theatre des Bouffes Bordelais brach heute Morgm Feuer aus. Es wurden keine Menschen verletzt. Der Schaden wird auf eine Million geschätzt.

London, 3. Juli. Nach einerReuter"-Meldung aus Durban fand dort gestern ein Angriff gegen die aus Polizeitruppen und eingeborenen Hilfsmannschaften bestehende englische Garnison durch eine Schaar Insurgenten unter Führung eines Häuptlings statt. Die Insurgenten wurden nach sechsstündigem Kampfe zurückgeschlagen. Die Verluste beiderseits sind nicht unbeträchtlich. Die Engländer sollen unter Anderen einen Officier und zwei höhere der eingeborenen Führer verloren haben.

Bukarest, 3. Juli. Gestern hat der Generalmajor Graf v. Schlieffen I. dem Könige in Sinaja die Thronbesteigung Kaiser Wilhelms notificirt. Auf die Ansprache des Generals gab der König seinem tiefen Mitgefühl über den Tod Kaiser Friedrichs Ausdruck und sprach zugleich seine wärmsten Wünsche für Kaiser Wilhelm II. aus.

Konstantinopel, 3. Juli. Fürst Radolin, welcher gestern früh zur Notificirung der Thronbesteigung Kaiser Wilhelms hier eingetroffen ist, wurde mit großen Ehren empfangen und ist im PalaisAn den süßen Wassern Asiens" abgestiegen.

Lokales.

Gießen, 3. Juli. sDelegirtentag des Landeslehrervereins und General-Ver­sammlung der Ludwig-Alice-Stiftung.) Die in Nr. 151 d. Bl. bereits angekündigten beiden größeren Lehrerversammlungen nahmen hinsichtlich der Erledigung von Vereins- angelegenheiten einerseits, sowie andererseits bezüglich ihres gemüthlichen Theils einen durchaus befriedigenden Verlauf. Wir theilen hier nur mit, was uns von allgemeinerem Interesse erscheint.

Der Landeslehrerverein, der fast alle staatlich bestellten Lehrer des Großherzog- thums umfaßt, zählt z. Z. über 2200 Mitglieder. Nur ein verschwindend geringer Theil hessischer Lehrer steht ihm noch fern, dürfte aber sich wohl in absehbarer Zeit bewogen fühlen, Sonderinteressen den allgemeinen Standesinteressen unterzuordnen.

Denn daß der Landeslehrerverein die Interessen seiner Mitglieder fördert und fördern muß, liegt ganz in seiner Tendenz. So ist er denn recht eigentlich der Re­präsentant der hessische^Volksschule, der Vorkämpfer auf dem Gebiete des Fortschritts und Aufschwungs des Schulwesens in Hessen, ein Organ, das Regierung und Lehrer verknüpft und in steter Fühlung erhält und endlich ein achtungswerthes Glied in der Kette der allgemeinen deutschen Lehreroereinigung. Die zahlreich beschickte Versammlung faßte für ein gedeihliches Fortbestehen des Vereins einschneidende Beschlüsse.

Für das materielle Interesse der hessischen Lehrer sorgte jedoch in höherem Grade der zweite Tag der Verhandlungen, welche der Ludwig-Alice-Stiftung galten. Hier vollzog sich ein längst gehegter Lieblingswunsch der meisten Lehrer Hessens, nämlich die Vereinigung der Ludwig-Alice-Stiftung und des Lehrerwaifensttfts. Es soll durch eine sofort gewählte Commission vermöge einer Statutenrevision eine Verschmelzung beider Kassen erfolgen, so jedoch, daß der Ludwig-Alice-Stiftung, als älteren und kräftigeren^.