Ausgabe 
5.4.1888 Erstes Blatt
 
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M. 79 Erstes Blatt. Donnerstag den 5. April 18LL.

Meßmer Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Bureaur SchuIstraßc 7. Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags. bker$oft6be}*gEnlielte^äfriii2

Amtlicher Hßeil.

Bekanntmachung.

Es wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß vom 1. April 1888 an auf die Dauer von zwei Jahren der 1. Kaminfegerbezirk dem Kamin­feger Aranr Nebl dahier und der 2. Kaminsegerbezirk dem Kaminfeger Karl Zwesch dahier zugewiesen ist.

Der 1. Bezirk besteht:

a) aus dem Theile der Stadt Gießen, welcher, von Frankfurt aus gerechnet, rechts der Straße von Frankfurt nach Marburg gelegen ist, em- schließlich der Gemarkung Schiffenberg. p y ,, , , n. , o ,

b) aus den Orten: Albach, Allendorf a. d. Lahn, Burkhardsfelden, Garbenterch, Großen-Linden, Hausen, Heuchelheim, Klein-Lmden, Lang«Gons, Leihgestern, Oppenrod, Steinbach und Watzenborn-Steinberg.

Der 2 Bezirk umfaßt:

a) den links der Frankfurt-Marburger Straße gelegenen Theil der Stadt Gießen, sowie

b) die Orte: Alten-Buseck, Annerod, Bersrod, Beuern, Daubringen mit Heibertshausen, Großen-Buseck, Lollar, Mainzlar, Rersktrchen, Roogen, Rutters­hausen mit Kirchberg, Staufenberg mit Friedelhausen, Trohe, Wieseck und Winnerod.

Gießen', 31. März 1888. Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

Fresenius.____

Politische Rundschau

Gießen, den 4. April 1888.

Die festtägliche Pause hat das innerpolittsche Leben auf ein Minimum herabge- 'drückt und nur der Gnadenerlaß Kaiser Friedrichs, der sich als ein so erfreu- ltches Ostergeschenk für das deutsche Volk darstellt, gewährte da den Blättern einen willkommenen Anlaß zu Betrachtungen. Der Amnestieerlaß erweist sich als sehr um­fangreich, denn er begnadigt alle wegen Majestätsbeletdigungen, Preßoergehen, Wider­standes gegen die Staatsgewalt, Verbrechen und Vergehen bezüglich der Ausübung der -staatsbürgerlichen Recyl-. Verletzung der öffentlichen Ordnung, Beamtenbeleidigung amb strafbarer Handlungen gegenüber dem Versammlungs- und Veretnigungsrccht von Len ^preußischen Eivilgerichten verurtheilten Personen. Nur Personen, welche wegen Landes- und Hochverrathes Strafen verbüßen, nimmt der Gnaden-Erlaß aus, wenn .auch nicht ausdrücklich und für diese Ausnahme dürfte der Umstand maßgebend gewesen lein, daß die Amnestie eben nur eine vom König von Preußen, nicht aber vom deutschen Kaiser erlassene ist. Mithin kann sie sich nicht auf die vom Reichsgericht als erste Instanz wegen Hoch- und Landesverrathes verurtheilten Personen beziehen, wozu aber noch kommt, daß es auch dem allgemeinen Rechtsgefühl widersprochen haben würde, wären Individuen, welche mit dem Auslande zum Nachtheil des deutschen Reiches conspirirt oder Dynamit-A^-utate versucht haben, mit unter die Wohlthaten des Er­lasses einbezogen worde". Doch auch so ist der Gnadenact des neuen Herrschers ein umfassender, er giebt zahlreichen Gefangenen die Freiheit zurück und klang er darum harmonisch in die Osterfreude hinein.

Dem Reichskanzler Fürsten BiSmarS sind auch zu seinem 73. Geburtstage -überaus zahlreiche und herzliche Zeichen der Theilnahme aus Nah' und Fern' zuge- gangen, während an vielen Orten des Reiches besondere Feierlichkeiten anläßlich des Geburtsfestes des Kanzlers veranstaltet wurden. Besonders erhebend gestaltete sich die in Köln am Sonntag Abend zu Ehren des Fürsten stattgefundene Feier im Gürzenich- Saale. Eine große Anzahl von Bürgern fand sich hierzu ein und hielt Regierungs­präsident v. Sydow die erste Rede, worauf Oberstaatsanwalt Hamm in längerer Rede die Verdienste des Reichskanzlers, des Ehrenbürgers Köln's, feierte. Die Versammlung sandte schließlich ein Beglückwünschungstelegramm an Fürst Bismarck ab; mit Ab- singung derWacht am Rhein" endete die Feier. (Siehe zweites Blatt).

In die Ruhe der Osterfeiertage klangen aus dem Donaukaiserstaate sensatio- melle Gerüchte von großen Verschiebungen österreichischer Truppen nach der galizischen Grenze hinein. Ihnen zu Folge sollen bis zum 15. April nicht weniger als drei neue vollständige Divisionen aus dem Innern des Reiches nach Galizien mittels Extrazügen abgehen, um die dortige Truppenmacht wenigstens annährend auf die Stärke der gegen- übersteh'enden russischen Truppen zu bringen. Weiter verlautet von Errichtung großer Lazarethe in Krakau und anderen Plätzen, sowie von Personalveränderungen in den Höchsten Commandostellen der in Galizien stehenden Truppen, ohne daß sich doch vor­erst controlltren ließe, inwieweit diese beunruhigenden Gerüchte begründet sind. Die­selben werden von den Wiener Offictösen anscheinend gar nicht beachtet, was freilich nicht ausfchließt, daß hierbei die Officiöscn nur ganz bestimmten Weisungen von oben herab folgen. Hoffentlich kommen baldigst Aufklärungen über diese sich so kriegerisch anlassenden Gerüchten, welche mit der sich seit Kurzem markirendcn relativ günstigeren Wendung in der allgemeinen Lage durchaus nicht übereinstimmen.

Der dänische Reichstag ist am Ostersonntag auf Befehl des Königs geschloffen worden, da sich die beiden Kammern über das vorgelegte Budget nicht zu einigen ver­mochten und muß sich demnach die dänische Regierung auf's Neue mit einem proviso­rischen Budget behelfen. Es ist nur verwunderlich, daß die Regierungsmaschinerie in dem kleinen Dänemark unter solchen anormalen Verhältnissen noch immer leidlich weiter- functiontrt, aber lange können derartige Zustände schwerlich noch andauern.

In Frankreich ist die sich an den Rücktritt des Ministeriums Tirard knüpfende Eabinetscrisis durch die Bildung des neuen Ministeriums Floguet bereits wieder beseitigt, ohne daß sich freilich die allgemein zerfahrene Lage jenseits der Vogesen hier­mit wesentlich gebessert hätte. Das neue Ministerium ist folgendermaßen zusammen­gesetzt, wobei nachträgliche Aenderungen allerdings nicht ausgeschlossen sind: Floquet: Präsidium und Inneres, Goblet: Aeußeres, Freycinet: Krieg, Krantz: Marine, Ricard: Justiz, Peytral: Finanzen, Lockroy: Unterricht, Loubet: öffentliche Arbeiten, Vielte: Ackerbau, Legrand: Handel. Das Merkwürdigste an der Zusammensetzung des neuen Eabinets ist offenbar, daß Goblet das Portefeuille des Auswärtigen und Freycinet dasjenige des Kriegsministers übernommen haben, denn Goblet wie Freycinet müssen erst noch ihre Qualtfication gerade zu diesen Aemtern beweisen. Abgesehen von dieser - speciellen Ueberraschung, so stellt sich das neue französische Eabinet als ein aus opportu­

nistischen und radicalen Elementen zusammengesetztes dar und insofern entspricht es den republikanischen Parteiverhältnissen in der französischen Volksvertretung. Eine andere Frage ist es aber, ob sich das Ministerium Floquet gegenüber den nachgerade unberechenbar gewordenen Strömungen in der Deputirtenkammer wie auch dem immer drohender austretenden Boulangismus gegenüber lange wird halten können und da stehen denn die Aussichten für das Ministerium nicht sonderlich günstig und es ist be­zeichnend, daß sich schon jetzt die gemäßigt-republikanischen Pariser Blätter nicht be­sonders hoffnungsvoll über die Zukunft des Ministeriums Floquet äußern. Zunächst wird sich aber dasselbe mit der von der Rechten und den Ultraradicalen aufgeworfenen Frage der Verfafsungsrevision zu befassen haben und standen in der Dienstagssitzung der Deputirtenkammer mehrere bezügliche Anträge auf der Tagesordnung. Vielleicht dürsten schon die Verhandlungen über diese Anträge einiges Licht darüber verbreitet haben, welche Stimmung das neue Ministerium in der Kammer begegne und ob in der Tbat die Auflösung der letzteren das einzige Mittel ist, zu^ einem Auswege aus den ch. itischen.Zuständen zu gelangen, in welchen sich die stanzösische Revublik bereits jetzt in gewisser Beziehung befindet.

Darmstadt, 1. April. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben Aller- gnädigft geruht:

am 8. März dem Schullehrer an der Gemeindeschule zu Eschollbrücken im Kreise Darmstadt, Jakob Kuhlmann, das allgemeine Ehrenzeichen mit der Inschrift:Für langjährige treue Dienste" und , ,,

am 22. März dem Oberlehrer an der Volksschule zu Mainz, Johann Winkler, das Ritterkreuz zweiter Klasse des Verdienst - Ordens Philipps des Großmüthigen zu verleihen.

Darmstadt, 1. April. Seine Königliche Hoheit der Großherzog empfingen gestern den Oberstlteulenant Rogge, Eommandeur des 2. Großh. Jnf.-Regtmmts (Großherzog) Nr. 116.

Kadettenvertheilung 1888. Kadett v. Dewall H. dem 2. Großh. Hess. Jnf.- Regtment (Großherzog) Nr. 116 als charakterisirter Portepee-Fähnrich zugethetlt.

][ Darmstadt, 2. April. Sicherem Vernehmen nach steht demnächst eine Ver­änderung in der Etnthetlung des Großherzogthums in Gensdarmerte - Districte bevor. Bekanntlich bildete bisher jede der drei Provinzen je einen Dtstrict, welcher von einem Gensdarmerieofficier, der seinen Sitz in der Prooinzialhauptstadt hatte, commandirt wurde. Das Eorpscommando befand sich in Darmstadt. Letzteres soll auch künftig noch hier verbleiben, dagegen soll das hiesige Distrtclscommando, welches durch den Rücktritt des Oberstlteutenants Barthel erledigt ist, nicht mehr besetzt, vielmehr die Districte Starkenburg und Rheinhessen in einen verschmolzen werden. Mainz bleibt Sitz des Districts-Commandos. Wie wir weiter hören, wird auch der Gensdarmerte- Eorps-Commandeur Oberst Rüti demnächst seine Pensionirung einretchen. Alsdann würde Major Beck, bisher Dtstricts-Eommandeur in Mainz, das Corps-Eommando in Darmstadt, Major Freiherr v. Follenius, bisher Dtstricts-Eommandeur in Gießen, den Dtstrict Starkenburg-Rheinhessen mtf dem Sitz in Mainz erhalten und für den District Oberhessen ein neuer Eommandeur ernannt werden. DieN. Hess. Volksbl." melden hierüber: Hauptmann Kull mann vom 2. Infanterie-Regiment ist, wie bestimmt verlautet, als Major und Dtstricts-Eommandeur der Großh. Gensdarmerie für die Provinz Oberhessen ausersehen, zu welchem Zwecke derselbe gegenwärtig von seinem Regimente beurlaubt ist, um sich in dem neuen Dienste einzuüben.

Berlin, 31. März. DerReichs-Anzeiger" schreibt:

Ich will, daß sofort die Frage erörtert werde, wie durch einen Umbau des gegenwärtigen Domes in Berlin ein würdiges, der bedeutend angewachsenen Zahl seiner Gemeindeglieder entsprechendes Gotteshaus, welches der Haupt- und Residenzstadt zur Zierde gereicht, geschaffen werden kann. Sie haben hiernach das Weitere zu veranlassen.

Eharlottenburg, den 29. März 1888.

Friedrich.

An den Minister der geistlichen rc. Angelegenheiten. K

Berlin, 31. März. Der Kaiser nahm heute Vormittag die Vortrage des Kriegsmintsters und des Chefs vom Militärcabinet entgegen. Mittags wachten die Majestäten eine Spazierfahrt durch Eharlottenburg und den Thiergarten. Nachmittags empfing der Kaiser den von Rom zurückgekehrten General Hohenlohe-Ingelfingen, welcher ein eigenhändiges Schreiben des Königs Humbert überbrachte. Spater conferirte der Kaiser mit dem Reichskanzler und nahm den Vortrag des Justizministers entgegen. Der Kronprinz besuchte gestern Vormittag den Reichskanzler und empfing den Oberpräsidenten Achenbach. c t Ä ,r «. _

DieNordd. Allg. Ztg." berichtet über das Befinden des Kaisers, daß bte Spaziergänge und Ausfahrten dem Kaiser sehr gut bekommen seien. Sein Aussehen sei wieder frischer, auch seine Stimmung habe sich gehoben. Die letzte Nacht war gut. Der Kräftezustand ist befriedigend. t t

Danzig, 31. März. Fast überall in der Provinz sind die Hochwasserschaden enorm. Die Eisenbahnstrecken Danzig-Dirschau und Marteuburg-Mlawka sind wegen