Die Amtsgerichte haben die Ortsgerichte vor Beginn der amtsgerichtlichen Revision entweder durch ein Circular oder bei Anberaumung des Revisionstermins auf die vorstehend erwähnte Verpflichtung hinzuweisen, dabei auf die Mängel, weiche vorzugsweise vurch die ortsgerichtliche Revision zu beseitigen sind (mangelnde Beglaubigungen und fehlende Unterschriften, fehlende oder wesentlich mangelhafte Einträge von Hypotheken oder Löschungen im Register manael- hafte Abschrift der amtsgerichtlichen Verfügungen, wie Auslassungen von Worten, unrichtige Angabe,des Datums der gerichtlichen Verfügungen, und unterlassene Unterstreichung derselben, sowie nicht instructionsgemäß vollzogene Löschungen) ausdrücklich aufmerksam zu machen und zu bemerken, daß die schuldvoll unterlassene Berichtigung derartiger Mängel angemessener Ahndung (mit Verweis und selbst mit Geldstrafe) unterliege.
Indem wir diese Vorschriften, welche nicht genügend befolgt zu werden scheinen, in Erinnerung bringen, bestimmen wir zugleich um ihre bessere Befolgung zu sichern, daß die Ortsgerichte über die jedesmalige, Vornahme der ihnen obliegenden jährlichen Revision rin Protokoll aufiunebmeit haben, aus welchem ersichtlich sein muß, daß, wann und in Gegenwart welcher QrtSgerichtSmitglieder, sowie bezüglich weicher Einträge die Revision vorgenommen wurde.
Gießen, am 2. Januar 1888. Grobherzogliches Amtsgericht Gießen.
Stammler.
Politische Ueberficht
Gießen, 4. Januar.
Das neue Jahr hat gerade in seinem Beginne einen schier überraschenden Wechsel in der politischen Scenerie hervorgerufen und während noch unm ttelbar vor dem Jahreswechsel eine besmgnißerregende Nachricht die andere jagte, erklingen jetzt mit einem Male von allen Seiten Friedenstöne. Der eigentliche Anstoß zu dieser Wendung zum Besseren ist von der Veröffentlichung her gefälschten Aktenstücke, die dem Reichskanzler noch gegen Jahresschluß aus Befehl des Czaren übersandt worden sinv, im „Reichs-Anz." ausgegangen und allseitig erblickt man in diesem Vorgänge em markantes Zeichen für die wiederhergestellte Verständigung zwischen Drmschland und Rußland. Dre „Nordd. Allg. Ztg." meint, in der Veröffentlichung der g fälschten Documente documentire sich ohne Frage das bei Weitem bedeutsamste zeilge- schich l'.che Ere'gniß, es werde damit für die loyalen Gesinnungen des Czaren em beredter Beweis geliefert und einer zuversichtlicheren Auffassung dcr Ge- sammtlage die Bahn geebnet. Auch in her Wiener und Petersburger Presse fpiegelr sich diese hoffnungsvolle Auffassung wider, ja, sogar die Petersburger „Neue Zeit", welches Blutt gerade während her letzten Zeit in panslavistischen Hetzereien gegen Deutschland Erkleckliches geleistet hat, spracht von einer roieber* hergestellten Verständigung. Zu den beruhigenden StlMwur,gHberichten, welche das neue Jahr gebracht hat, gchört ferner oie Erklärung des osficiösen Wiener „FremdenbtatteS", daß in letzter Zeit anscheinend keine Truppen-DtSlocattonen nach der russischen Westgrenze mehr stattgefunden hätten und daß es sich nur noch um Truppen-Verschiebungen innerhalb der Gre.izprooinzen handeln dürfte. Weiter wird von höchst freundschaftlichen und beruhigenden Versicherungen be- richtet, die zwischen dem Botschafter Rußlands in Wien, dem Fürsten Lobanoff, un» dem Grafen Kalnoky, ausgetauscht wurdm und wenn man endlich den friedenszuversichtlichen Neujahrsansprachen des Präsidenten Carnot und des Ministerpräsidenten Tisza gedenkt, so ergiebt sich aus all' dm ein Bild der Gesammllage, wie man es noch vor wenigen Tagen nicht zu hoffen gewagt hat. Ohne sich einem zu weitgehenden Optimismus zu ergeben, varj deshalb wohl die Erwartung ausgesprochen werden, daß der begonnene Klärmrgsproc-ß im Interesse her Friedenserhaltung seinen ungestörten Fortgang nehmen werde.
Der NeujahrSempiang bei unferm Kaiser ist ohne besondere Kundgebungen des erlauchten Monarchen verlausen, was durchaus nicht überraschen kann, da Kauer Wilhelm feine Neujahrsansprachen nicht mit politischen Äußerungen zu durchweben pfLgt. Nur sagte Der hohe Herr, als er die Glückwünsche der Generalität enigegengenommen hatte, zu den Generälen mit erhobener Stimme: „Ich bemerke Ihnen, meine Herren, daß Ihre Haupt-Aufmerksamkeit in diesem Jahre die Kaijermanövcr, welche das Dritte Corps und das Garde-Corps ab» halten, in Anspruch nehmen werden." Der Kaiser wiederholte diese Worte dem Sinne nach noch zweimal und machten sie aus oie Versammelten den Eindruck, als wolle der Monarch hiermit ernstliche Eoentualttäten abweisen. Im Uebrigen befand sich der Kaiser während des ganzen Neujahrrempfanges bei trffl-cher Laune und bestem Wohlbtsinoen.
Der Dieloerbreileten Anschauung, der deutsche Botschafter in Petersburg, General v. Schweinitz, habe bei seiner Rückkehr nach Der russischen Hauptstadt dem Czaren ein Handschreiben Kaiser Wilhelms überbracht, tritt die „Nordd. Allz. Ztg." mit dem Bemerken entgegen, daß dies nicht der Fall gewesen sei. Hieran anknüpsend, bezeichnet das osficiöse Blatt die Zeitungs Betrachtungen über den Umstand, daß Herr v. Schweinitz seit seiner Rückkehr vom Kaiser Alexander noch nicht zur Audienz nach Gatschina befohlen worden sei, als durchaus müßige. Es gehöre nicht zu den diplomatischen Gepflogenheiten, daß ein Botschafter un- mittelbar nach seiner Rückkehr um die Ehre einer Audienz nachsuche, wenn nicht besondere Umstände hierzu nöihigten und solche hätten bei Herrn v. Schweinitz eben nicht vorgelegen.
Seit dem Bekanutwerden der gegen die Reichspolitik angezettelten panslavistisch - orleanistischen Jntrigue weht in den Berliner leitenden Kreisen gegen den „Coburger" ein bemerkenswerth kühler Wind. Es kann gar keinem Zweifel mehr unterliegen, daß der Name des Fürsten Ferdinand in den gefälschten Aktenstücken — die bekanntlich in Briefen an die Gräfin von Flandern, die Gemahlin des belgischen Thronfolgers, und in einer Note des Prinzen Reuß an ten Fürsten Ferdinand, sowie in einem Aktenstück ohne Unterschrift bestehen — gemißbraucht worden ist und somit den bulgarischen Herrscher keine Schuld trifft. Aber man betrachtet jetzt in Berlin den Coburger als eines der einer Verständigung zwischen den. Mächten entgegenstehenden Hindernisse, sonst wäre die Animosität des „Reichsanzeigers" gegen den Fürsten Ferdinand kaum zu erklären. t
Die Einberufung der österreichischen Reservisten zu einer siebentägigen Uebung mit dem Mannlicher Repetirgewehr wird von Wiener Meldungen als jedes auffälligen Charakters entbehrend bezeichnet. Dieselben heben hervor, daß die Einberufung selbstverständlich gewesen sei, um auch die Reserve-Mannschaften mit dem neuen Gewehr vertraut zu machen und hierzu sei die Winterszeit die passendste, in Folge des Ruhens der ländlichen Arbeiten. Auch spricht die nur kurze Dauer der Uebung, nach deren Beendigung die sofortige Wiederentlassung der eingezogenen Reservisten erfolgt, dafür, daß die Maßregel keinerlei politischen Hintergrund besitzt.
Die „goldene Messe", welche Papst Leo XIII. anläßlich seines 50jährigen Priesterjubiläums am Neujahrstage in der Peterskirche gelesen hat, gestaltete sich zu einer großartigen Kundgebung für den Papst-Jubilar. Die ganze Handlung ging mit dem Glanz und Pomp vor sich, die bei solchen feierlichen Gelegenheiten vom Vatikan entfaltet wird; gegen 50,000 Personen ollen der Feier in der Peterskirche beigewohnt haben und war der Eintritt
nur gegen Karten gestattet. Beim Einzuge wie beim Austritt des Papstes erklangen brausende Hochrufe auf den „Papstkönig", auf das „befreite Rom" und ähnliche politisch-demonstrative Rufe.
In Nord-Amerika beginnt bereits jetzt die Bewegung zu der im kommenden Herbst stattfindenden Präsidenten-Neuwahl. Die Demokraten wollen an dem brsherigen Präsidenten Cleveland festhalten, während die Republikaner Mr. Blam als ihren Präsidentschafts-Candidaten aufzustellen gedenken; es haben bereits zahlreiche republikanische Kundgebungen für die Candidatur Blaine s stattgefunden.
Meld
TelegrapNjche Depeschm.
Wolff'S telege.
i Arankreich.
Pav, 1. Januar. Die Neujahr».Betrachtungen der hiesigen Blätter zeichnen sickdurch eine auffallende Farblosigkeit aus. Es hat ganz Den An- schein, als j man sicb absichtlich nicht an Das verflossene Jahr erinnern wolle, dem kommen aber ohne jede freudige Zuversicht entgegcnsähe. In der Thal sind ja dieüswärtigen Verhältnisse nicht drzu angethan, die Frieoenssreunde zu beruhig anderseits aber finden auch die Chauvinisten und Deutschenfresser m ihnen ie Befriedigung, denn wenn sie auch die Möglichkeit eines Krieges in der Fej erblicken, fo ist es doch nicht her Krieg nach ihrem Herzen, d. h. der Kriegst dem das „vereinsamte" Deutschland dem Bunde zweie- ^mächtigen" Staaten ^genstehen sollte. So begnügt man sich, die Ereignisse Des Tages in mehr tr minder vernünftiger Weise zu besprechen. Bei einer gewissen Klasse vofilättern spielt die Hauptrolle jene Geschichte von dem in der Schwei; verhastetgdeutschen Polizei-Agenten Haupt, um die man eine romantische Legende pen möchte. Einigen Leuten ist die Sache sehr in den Kops gestiegen, z. B. desmmer phantastischer werdenden Rochefort, der mit unerschütterlichem Ernste d, Wunsch aurspricht, die Schweiz solle bei der Gerichtsverhandlung gegen Hpt die Anklage auch aus den Fürsten Bismarck erstrecken und diesen, sei es a nur in Abweserchett, wegen nihilistischer Umtriebe und versuchten Kaisermtee verurtheilen. Dasselbe, meint er, könnten auch die russischen Gerichte d» wenn es wieder zu einem Nihilistenprocesse kommen sollte. Uebri« genfl ei t Rochefort selbst nicht mehr den Anspruch, daß seine Artckel ernst gen omni werden sollen.
Deutschland.
. f 2;,j3a”UQr- Der „Reichs-Anz." schreibt: Der neu erschienene gothafiche genealogische Hoskalender für das Jahr 1888 nennt unter der Rubrik Bulgarien als Ches dieses Vasallenstaates: „Fürst Ferdinand I , köntoliche Hoheit." Auch bei Aufzählung der M tglieder des Hauses Sachsen-Coburg und Golda miro dem Prinzen Ferdinand das Prädicat „königliche Hoheit" beigelegt. Diese Bezeilhnungen sind unrichtig. Der Prinz Ferdinand von Sachsen-Coburg ist nach den für die Wahl eines Fürsten von Bulgarien maßgebenden Bestimmungen des Berlik.r Vertrages (Artikel 3) nicht als Fürst dieses Landes anzusehen, da |?ine Lahl weder von der Pforte noch roa den Mächten anerkannt worden ist, uno das Prädicat königliche Hoheit kommt ihm weder als Prinz von Coburg zu, noch würde er darauf Anspruch haben, wenn er wirklich Fürst von Bulgarien rohe. Der Berliner Vertrag legt dem Fürsten von Bulgarien ein derartiges Prädicat nicht bei und auch nach der bulgarischen Verfassuna (Artikel 6) hal her Fürst jenes Landes nur den Anspruch uus den Titel „Swetlostj? Aeses aus dem Russischen in'* Bulgarische übernommene Wort bedeutet in beid« Sprachen „Durchlaucht." Diese Ungenaurgkeittn des Gothaer Hoskalender«, wtcher sich sonst im Allgemeinen durch Zuoerlassrgkeit und Sorgfalt in derRed-klion auszeichnet, kö.mlen auffällig erscheinen, erklärten sich aber aus dem llmstatd, daß das Unternehmen fein offictelles ist und daß die Redaction daher sür ihre Angaben über Familtenverhältntffe im Wesentlichen auf eigene Miche.lrigen der Jntereffenlen angewiesen ist.
— Der bosmarschall der Kronprinzen Gras Radolincky hat vom Kaiser den Titel rxcMnz erhallen.
— Sie „Nordd. Allg. Ztg." widmet der Thatsache der Ueberreichuna eines Enlvuri zum bürgerlichen Gesetzbuch an den Reichskanzler eine Besprechung, rnwelcher gesagt ist, daß der vorläufige Abschluß de« Werke« in eine rech! ben;te Zeit (alle und auch von moralischer Bedeutung sei; er zeige dcß da« deutle Volk über der durch die Verhältntffe aufgezwungenen unentwegten Ausmesamkeit aus die Stärke und Gediegenheit seiner die äußere Sicherheit gewährlesenden Heere«.Einrichtungen die Arbeiten und Bestrebungen der Frieden« drslb durchaus nicht vernachlässigt, sondern mit dem Ernste und der Emschloffenhs einer zielbewußten Nation die Grunrlagen eines staatlichen Lebens unersdlich zu festigen strebt und seine Hauptaufgabe in der Verbreitung der Cultur hibet. Wie wir hören, wird übrigens der Entwurf in der nächsten Zeioublicirt werden, um da« Urtheil sachverständiger Krerse herbei- zusühren. I
'UN, 3. Januar. Seine Maiestat dcr Kaiser nahm Vormittags militärisch« - - v- s°wi- d-c Vorträge des Kriegsministers und Albcdyll's entgegen Er empfing pmittags den gestern von San Remo zuräckgekehrten Major Rabe und machte um 2j cm-^pa»ierfahrt, die Kaiserin eine solche um 1 Uhr. Nachmittags fanb em Dt bei den Maiestaten statt, wozu der Divisions-Commandeur Prinz Reutz, Gras stberg Fürst salm-Dyck, Prinz Windischgrätz, der badische Oberstlammcrherr *eUleT‘ ?^"thall, Hosmarschall Nadolinskt, Slügeladjutant Sccke»s, General Heudurk und die Commandeure der Leibregtmenter geladen waren. Launs bie empfing gestern Nachmittag den Botschaster


