Amts- und Anzeigcblatt für den Kreis Gießen.
a®
■ ■
Bnreau r Schul st raße 7.
Erscheint täglich mit Ausnahme des MontagS
Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Dringerlohm Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
Deutschland.
Berlin, 1. December. Die Direction der Neu-Guinea-Gesellschaft bezeichnet die über Die Compagnie umlaufenden Mittheilungen als unrichtig und entstellt, und erklärt, die Compagnie verfüge über ausreichende Mittel, um alle Verbindlichkeiten zu erfüllen und habe ihr Schutzgebiet dem Reiche nicht angeboten. Die Behauptung, daß der Landeshauptmann Krätke im nächsten Frühjahre ebenfalls wieder zurücktreten wolle, sei nur insoweit richtig, als der Urlaub des Landeshauptmanns Krätke im nächsten Juni ablaufe, und als über das Verbleiben desselben, womit er sich im Principe einverstanden erklärt, noch die Verhandlungen schweben.
— Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht eine Verfüaung des Ministers der Land- wirthfchaft an sammtliche Generallandschaftsdtrecttonen und Oberpräsidenten, in welchem er behufs Wahrung der landwtrthschaftlichen Interessen zur eingehenden Prüfung des Entwurfs des neuen bürgerlichen Gesetzbuches, des Einführungsgesetzes zu demselben und der Grundbuchordnung, sowie zur Mtttheilung von etwaigen Wünschen und Anträgen auffordert.
Stettin/ 1. December. Heute Mittag 12 Uhr ging der Stapellauf des neuerbauten Schnelldampfers der Hamburg-Amerikanischen Packetfahct-Actten-Gesellschaft, für die Linie Hamburg-Newyork bestimmt, in Anwesenheit der Spitzen der Behörden, der chinesischen Gesandtschaft, sowie zahlreichen Publikums auf der Werft „Vulkan" glücklich von Statten. Die Taufe vollzog in der üblichen Weise Fräulein Hernissen auf den Namen Ihrer Majestät der Kaiserin „Victoria Augusta".
— Bei dem anläßlich des heutigen Stapellaufs des neuen Schnelldampfers „Victoria Augusta" folgenden Festessen verkündigte der Viceprasident der Hamburg- Amerikanischen Packetfahrt-Actien-Gefellschaft, Tietgens, daß Senator Carl Schurz die Vertretung der Gesellschaft in Nordamerika übernommen habe. Diese Nachricht wurde von der Versammlung mit Jubel begrüßt.
Bremen, 1. December. Die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger meldet aus Hcilrernest: Am 30. November Abends von dem auf Marienwiese, Halbinsel Heia, gestrandeten englischen Dampfer „Glencotl", Capitän Philipp, zwölf Personen durch den Raketenapparat der Station Heisternest gerettet. Sturm aus Nord- Nord-Ost.
Hesterreich.
Wien, 1. December. Abgeordnetenhaus. * Präsident Smolka gedachte in der heutigen Sitzung des morgen stattfindenden 40jährigen Regierungs-Jubiläums des Kaisers. Unter Hinweis auf den Wunsch des Kaisers, daß dieser Tag nur durch Akte der Wohlthätigkeit begangen werden solle, hielt er es trotzdem für angezeigt, daß gerade die freigewählte Volksvertretung der hohen Bedeutung des Tages Ausdruck gebe. Bewegten Herzens gedachte der Präsident des 3. December 1848, wo er selbst an der Spitze des ersten österreichischen Reichstags dem Kaiser Glückwünsche zu seiner Thronbesteigung darbrachte. Smolka schilderte die segensreiche Regierungszeit des Kaisers, das innige Verhältniß unwandelbarer Liebe zwischen dem Kaiser und seinen Völkern. Mit Stolz und Freude" — schloß Smolka — „kann der Kaiser auf seine vierzigjährige Regierung zurückdlicken an der Spitze eines Reiches, das achtunggebietender dasteht als je als Bundesgenosse gesucht, als starker treuer Verbündeter geschätzt, und getragen von der unbegrenzten Liebe seiner Völker." — Das Haus brachte hierauf ein dreimaliges begeistertes Hoch aus.
Herrenhaus. Präsident Graf Ferd. Trautmannsdorff hielt gleichfalls anläßlich des Jahrestages der Thronbesteigung des Kaisers eine patriotische Ansprache, worin er sagte, dem Kaiser lei die Liebe seiner Untertanen und der Dank seiner Völker für aUe§ Gute, bas sie seiner weisen Führung verdanken, im vollsten Maße zu Theil geworden. \
IrauLreich.
Paris, 1. December. Das Comitä der Patriotenliga hat beschlossen, morgen öffentliche Kundgebungen am Grabe der bei Champigny gefallenen Soldaten zu veranstalten.
Telegraphisch« Depeschen.
«Kar- «^rrespondenz - Burr an.
Varis, 2. December. Eine Erklärung des boulangistischen Comitä's besagt, dasselbe werde sich von der Kundgebung zu Ehren Baudin's fern halten. Das verehrungswürdige Andenken des letzteren verpflichte leden Burger, allen Provokationen der Negierung, welche gerade diesen Tag ausgesucht habe und Parrs „decembrifiren W°Ue' PariS^ 2^ December, Nachm. 1 Uhr 55 Mim Viele Neugierige hatten sich seit Vormittag um das Denkmal Baudins am Eingang des Friedhofes Montmartre grupprrt. Abordnungen der Vereinigung der Linken der Kammer, der republikanischen Vereinigung, sowie der republikanischen Linken des Senats, welche an dem Zuge des Mumcipalrathes nicht theilnehmen wollten, waren im Laufe des Vormittags emgettoffen, um Kranze an dem Denkmae niederzulegen. Um 1 Uhr setzte sich der Zug des Mumclpalrathes oom Hotel de Ville nach dem Kirchhof Montmartre in Bewegung. Seit Mittag ist behuss Aufrechterhaltung der Ordnung der Wagenverkehr in welche der.Zug passirt,
polizeilich untersagt. Eine ungeheure Menschenmenge ^trchzieht die^ Straßen, dochis die Ruhe bisher in keiner Weise gestört worden. — Boulanger ist heute Vormittag
^ati«,bÄember, Nachm. 3 Uhr. Der Zug des Municipalrath-s brauchte eine Stunde um den Boulevard Sebastopol zu passiren und zieht gegenwärtig am Nordbahnbose vorüber. Einige Rufe: „Es lebe die Republik!" untermischt mit Puffen, wurden vernommen, als die Gruppe der Deputirten und der Municipalräthe bei der Rue Rivott vorüberzog. Eine Person wurde auf dem Boulevard Magenta verhaftet.
Paris. 2 December, Nachm. 4 Uhr 20 Min. Der Zug war bedeutend weniger stark, ms man angenommen hatte, und wird auf ungefähr 10,000 Personen geschätzt, von denen etwa die Hälfte aus der Provinz gekommen waren. Um 3 Uhr langte der Kua vor dem Denkmal Baudins an. Der Präsident des Municipalrathes, Darlot, Mett eine Rede in welcher er erklärte, die Theilnehmer an dem Zuge hätten die un- ?r chrockene Verthetigung des republikanischen Rechtes verherrlichen wollen; sie hatten alle geächteten Opfer des Staatsstreiches feiern wollen. Der Redner wachte sodann eine Anwieluna auf den Boulangismus, welchen er heftig angriff unb hob hervor, die D^mokratte stähle"sich ^an dem Beispiel des ruhmvollen Tobten. Er komme an das Grab Baudins, nicht nur um ihm Ehrfurcht zu bezeugen, sondern auch UM^B s aeaen den Cäsarismus zu sammeln, welcher die Stirn zu erheben wage. Der Redner schloß: Gestärkt und gekräftigt durch die edlen Erinnerungen, wollen wir uns
trauensvoll einigen in dem Rufe: Es lebe die Republik! — Um 3^2 Uhr begann der Vorbeimarsch vor dem Denkmal Baudins. Die Feier verlief ohne Zwischenfall.
Paris, 2. December, Nachm. 5 Uhr 20 Min. Die Kundgebung verlief obne Zwischenfall; der Vorbeimarsch am Denkmal Baudins war um 4'/» Uhr beendet. Die Theilnehmer kehrten in die Stadt zurück, welche bald ihr gewöhnliches ruhiges Aussehen wieder annahm.
Petersburg, 2. December. Anläßlich des Regierungs-Jubiläums des Kaisers Franz Joies bringt das, ,Journal de St. Petersbourg" einen Artikel, in welchem hervorgehoben wird, daß die hervorragenden Eigenschaften dieses Monarchen von allen Höfen voll gewürdigt werden und daß trotz Der Verschiedenheiten in den politiichen Gesichtspunkten, welche Regierungen und Nationen von einander trennen können, Jedermann den loyalen Bemühungen des Monarchen, seinen Völkern die Wohlthaten des Friedens inmitten einer bewegten Zeit zu sichern, volle Gerechtigkeit widerfahren lassen werde.
Darmstadt, 3. December. Der Großherzog hat sich mit den Prinzen Heinrich und Wilhelm nach Philippsruhe begeben, um der Trauerfeier für den verunglückten Landgrafen von Hessen beizuwohnen.
Lokales.
Gießen, 3. December. Samstag den 8. December, Vormittags 9 Uhr beginnend, findet eine öffentliche Sitzung des Provinzialausschusses der Provinz Oberhesfen statt, in welcher folgende Gegenstände zur Verhandlung kommen:
1. Recurs des Jacob Häuser in Gießen wegen verweigerter Concession zum BranntweinauSschank.
2. Enteignung von Gelände in.^der Gemarkung Laubach für die Nebenbahn Hungen—Laubach.
3. Klage des Ortsarmenverbandes Gießen gegen den Landarmenverband Alsfeld wegen Unterstützung der Katharine Ortwein aus Grebenau.
4. Klage des Ortsarmenverbandes Wohnfeld gegen den Ortsarmenverband Nieder-Gemünden wegen Unterstützung und Uebernahme der Familie des Heinrich Mobr.
5. Klage des Ortsarmenverbandes Bönstadt gegen den Ortsarmenverband Altenstadt wegen Regreßansprüchen hinsichtlich der Familie Dröll.
6. Recurs der israelitischen Religionsgemeinde Gießen wegen des Voranschlags dieser Gemeinde pro 1888/89.
Gießen, 3. December. sSarasate-ConccrtJ Wer gestern Nachmittag beim Verlassen des Concertsaales die Mienen der Zuhörer gemustert hat, der ist nicht im Zweifel, daß Herr Pablo de Sara säte es verstanden hat, sein Publikum in den Zustand zu versetzen, den man landläufig als den Des Entzücktseins bezeichnet; wenigstens steht Referent nicht an, von sich dieses Bekenntniß abzulegen.
Das M e n d e l s s o h n'sche Concert ist unter den zahlreichen Violinconcerten das gesangreichste und für das Instrument dankbarste. Man hört es oft und jeder Künstler hat es auf seinem Programm. Aber es ist kein Zufall, daß Meister Joachim es nicht mit Vorliebe spielt und nicht so gut zu Gehör bringt, wie z. B. seine Schülerin Frl. Marie Soldat. Mendelssohn's Concert ist für weibliche Naturen geschrieben, womit nicht im Widerspruch steht, daß besonders der erste Satz kräftige Accente erfordert. Man könnte geneigt sein, gerade Herrn Sarasate für den berufenen Interpreten dieses Gesangsstücks par excellence zu halten. Dem ist nicht so; selbst sein größter Bewunderer wird nicht behaupten können, daß er in den Geist der Composition ein- gedrungen sei. Unseres Erachtens hängt das damit zusammen, daß Sarasate kein Deutscher ist. Man sagt wohl: Musik ist international. Der Satz ist nicht richtig, ober boch nur in solcher Allgemeinheit gültig, baß er werthlos wirb. Ein Deutscher kann keine spanische Romanze und keine Habanera spielen, aber einem Spanier wird bafür ber Geist beutscher Musikstücke nie aufgchm unb er thut barum gut, sie beutschen Künstlern zu überlassen.
Diesen Einbruck gewannen wir von dem Vortrag des Concertes durch Herrn Sarasate. Er spielte es, um es kurz zu sagen, unmotivirt. Das gilt von allen drei Sätzen, ganz besonders vom ersten. Derselbe ist ein sehr durchsichtig aufaebauteS, keineswegs aber leicht fundamentirtes Kunstwerk. Sarasate schwelgte in Wohllaut, aber er blieb durchaus auf der Oberfläche. Ueber die Triolenpassagen huschte er mit bewunderungswürdiger Leichtigkeit, die überhaupt allen Leggiero-Partien zu Gute kam, hinweg. Aber wo sind die Motive für die meist übertriebene Geschwindigkeit, mit Der diese Passagen vorgetragen wurden, für das abrupte stringendo, für das unendliche ritardando ? In der Composition liegen sie sicher nicht. Und warum fehlte jeder Accent? con forga hat Mendelssohn an dem Mittelpunkt des Satzes vorgeschrieben, wo der Ton sich siegreich tn ble höchsten Höhen schwingt. Hier fehlte jubeln!)eftraft und mächtige Breite des Tons. Das gleiche gilt von den Octaoengängen im Miltes satze des etwas weichlichen, aber so wunderbar einschmeichelnden Andantes. Ueber das Tempo des letzten Satzes läßt sich streiten; wir glauben aber, daß deutsche Künstler in der Weise, wie Sarasate es auch hier that, die Bravour nicht in den Vordergrund stellen würden. In erster Linie hat der Componist das Wort, in zweiter erst der ausübende Künstler. Auch die C h o p i n' s ch e N o c t u r n e hatte unter der Willkürlichkeit zu leiden, mit der sie vorgetragen wurde.
Wie sehr Sarasate selbst, freilich nicht ganz in unserem Sinne, die Wahrheit des Gesagten zu schätzen weiß, zeigt der Umstand, daß sich in den übrigen Stucken des Programms Componist und Künstler in einer Person vereinigt zeigten. Freilich fft es Contredande, die Sarasate in Gestalt dieser Faust-Phantasie in den Concert- saal geschmuggelt hat. Aber er hat sie für sich geschrieben. Er verlangt ja nicht, datz sie ein Anderer spielen ober wir sie von einem Anderen hören sollen. Sarasate spielt und wir lauschen. Hier offenbart sich seine Individualität dem entzückten Hörer. Wie hinreißend wirkte der berühmte Walzer bei dieser Wiedergabe; man bemerkte deutlich, daß das Publikum nur m»t Mühe den Jubel zurückhielt. Und diese Romanze! Meinte man nicht unter den südlichen Himmel versetzt zu sein und den Liebhaber zu belauschen, wie er der Geliebten süße Töne zum geöffneten Fenster hinaus singt? Der Preis aber gebührt dem Vortrag der beiden letzten Stücke, der geradezu bnuckenD war. Man versteht, daß seine Landsleute fast närrisch sind, wenn ihnen der KunNler zum Feste auf freiem Platz seine Weisen singt. Hält es doch uns kaum aus dem schmalen Stuhl im heißen Concertsaal! Man glaubt sich in ein Feenland versetzt; jedenfalls kann dort nicht bestrickender musicirt werden. Da ist's auch unnothig, den Eindruck zu analysiren. Das Flageolett, die perlenden Läufe, die Weichheit des Tones, das coquette Pizzicato der linken Hand, die Unfehlbarkeit der Intonation, die Grazie der Bogenführung: auch anderen Geigern steht Aehnliches zur Verfügung. Aber Die wundervolle Vereinigung aller Eigenschaften, welche den Meister des melodischen Spieles kennzeichnet, man wird sie nicht so leicht wiederfinden.


