Nr. 18© Samstag den 4. August 1888.
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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Amtlicher Jheil.
Bekanntmachung.
Bei der am 2. d. M. vorgenommenen Wahl ist Herr Nathan Rosenthal zum Mitglied des Vorstandes der israel. Religionsgemeinde dahier gewählt worden.
Es wird dies mit dem Ansüge'n öffentlich bekannt gemacht, daß während 3 Tagen, nämlich den 6, 7. und 8. d. M., das Wahlprotokoll mit allen Anlagen auf deni Bureau des 1. Vorstehers, Herrn Meier Homberger, offengelegt sein wird und daß während dieser Frist die Stimmberechtigten, sowie der Gewählte von dem Wahlprotokoll und deffen Anlagen Einsicht nehmen und auch Einwendungen gegen die Wahl oder gegen den Gewählten, bezw- auch Ablehnung der Wahl, bei Vermeidung des Ausschluffes bei Großherzoglichem Kreisamt Gießen vorbringen können.
Gießen, den 3. August 1888. Der Wahl-Commiffär:
Haustaedt, Regierungs-Accessist. _______________________
Politische Rundschau.
Gießen, 3. August.
Die Hoffnungen, mit denen die Völker Europas auf die PeterSbrriHer Kaiser- begegnung blicken, haben unmittelbar nach der Rückkehr Kaiser Wilhelms Mf deutschen Boden eine besondere Kräftigung durch den Besuch des Monarchen b$n Fürsten Bismarck in Friedrichsruhe erfahren. Am Dienstag gegen Mitternacht sprach der Kaiser auf dem lauenburgischen Landsitze seines Kanzlers vor und weilte der erlauchte »Gast daselbst bis zur Mittagsstunde des folgenden Tages, und wird von langen mnb eingehenden Verhandlungen berichtet, die der Kaiser während des größten Theiles sseines Friedrichsruher Aufenthaltes mit dem Reichskanzler gepflogen. Den natürlichen Untergrund derselben haben zweifellos die Ergebnisse der Petersburger Kaiserzusammenkunft gebildet und wenn nun hierüber zwischen Kaiser Wilhelm und seinem erprobten ersten Oiathgeber verhandelt worden ist, so darf die Welt hierin eine friedekündende Besiegelung der Petersburger Besprechungen erblicken. Sicherlich kann man die Conferenz won Friedrichsruh als beytfBorläufer der angekündtgten diplomatischen Campagne Letkachten, welche die ErwMhtngen der Völker von einer gesicherten Fortdauer des Friedens, deren Grundlage die nun beendigte Kaiserreise bildet, im weiteren Verlaufe dieses Jahres hoffentlich krönen wird.
Auf die glänzende Centenarseier König Ludwig- I. in München hat die Katastrophe beim Festzuge einen dunkeln Schatten geworfen. Während officiell gemeldet wird, daß durch den Durchbruch einiger der beim Festzuge am Dienstag werwendeten Elephanten nur eine Person getödtet und acht Personen verletzt worden leien, stellt sich nach privaten Berichten das Unglück leider als von größerem Umfange heraus. Hiernach sind bis jetzt fünf Tobte zu constatiren, die Zahl der schwerer Verletzten soll sich auf dreißig und mehr belaufen und noch weit größer scheint die Zahl derjenigen zu sein, welche bei der Katastrophe geringere Verletzungen erhielten. Die gerichtliche Untersuchung über den die bayerische Hauptstadt noch immer in Aufregung haltenden Zwischenfall ist in vollem Gange begriffen.
Der Kronprinz Victor Emanuel von Italien traf, von der Schweiz kommend, «am Mittwoch in München ein, von wo der Prinz Ende der Woche nach Dresden weiter zu reisen beabsichtigt.
Nachdem in Oesterreich die Dienstentlassung des Feldzeugmeisters v. Kuhn bislang hauptsächlich die Kosten der Tagcsdiscussion getragen, stehen in deren Mittelpunkte seit ein paar Tagen RückiriUsgerüchte bezüglich des Herrn v. Gautsch, des österreichischen Unterrichtsministers. Ob dieselben einen Untergrund haben, läßt sich noch nicht mit Sicherheit beurteilen, jedenfalls treten sie aber mit großer Bestimmtheit auf. Daß Herr v. Gautsch weder ein Mann nach den Herzen der Czechen und Polen, noch der Clericalen ist, das ist ja allgemein bekannt und so erscheint das Gerücht, es werde von beiden Seiten ein neuer Sturmlauf gegen die Stellung des Ministers vorbereitet, nicht gerade unglaublich.
Die aufständische Bewegung, welche vor einiger Zeit auf der Insel Java ausgebrochen war, kann jetzt als endgültig niedergeschlagen betrachtet werden. Eine im Haag eingegangene amtliche Nachricht aus Batavia besagt, daß die Häupter der Empörung mit Hilfe der Bevölkerung gefangen genommen worden seien; einige von ihnen, welche Widerftand geleistet, hätten hierbei ihren Tod gefunden.
Der Ausstand der Pariser Erdarbeiter, welcher nachgerade den Character einer social-revolutionären Erneute anzunehmen drohte, scheint seinen Höhepunkt jetzt überschritten zu haben. Seit Mittwoch hat ein Theil der am Strike betheiligt gewesenen Erdarbeiter die Arbeit wieder ausgenommen und auch die befürchtete Ausdehnung des Strikes auf andere Zweige des Bauwesens in Paris ist, abgesehen von vereinzelten Anläufen, nicht eingetreten. Immerhin ist die Situation in der französischen Hauptstadt noch eine derartige, daß die Regierung die angeordneten militärischen und polizeilichen Vorsichtsmaßregeln noch nicht rückgängig machen kann.
Die Franzosen wollen eine zweite Probemobiltsirung in Scene setzen, diesmal aber an ihren Ostgrenzen. Außer der 11. Division — Hauptquartier Nancy — sollen das 146. und das 156. Linienregiment in Soul, die Jäger in Luneville und. Saint Nicolas und zwei Husarenregimenter mobil gemacht werden; nun, die deutsche Regierung wird auf ihrer Hut sein 1
In Paris sand am Mittwoch eine Versammlung der Actionäre der Panama- Can al-G es ells chaft statt. Herr v. Lesseps hielt einen Vortrag über den Stand der Canal-Arbeiten und erklärte er, der Verwaltungsrath habe die Verpflichtung übernommen, den Canal im Jahre 1890 für die Schiffahrt zu eröffnen.
Die Geschichte der italienisch-französischen Verstimmungen ist durch die Crispi'schen Noten über die Massauah-Angelegenheit wieder um ein Capitel vermehrt worden. Die Entschlossenheit, mit welcher der italienische Ministerpräsident gegen das übelwollende Benehmen Frankreichs in der Massauahfrage aufgetreten ist, findet in ganz Italien den ungeteilten Beifall aller Parteien, während man sich anderseits in Frankreich hierdurch sehr verletzt fühlt. Es heißt denn auch, daß das Pariser Cabinet bereits eine scharfe Note gegen Italien anläßlich der jüngsten Kundgebungen Crispi's
an die Mächte gerichtet habe und soll die französische Antwort in diesen Tagen veröffentlicht werden.
In Rußland ist die 900jährige Gedenkfeier zur Erinnerung an die Einführung des Christenthums in Rußland in verhältnißmäßig bescheidenem Rahmen verlaufen. Dor allem ist es aber nicht gelungen, der Feier einen großen politischen Anstrich zu geben, wie von gewisser Seite verflicht worden war und selbst die größten panflavistischen Schreier werden nicht zu behaupten wagen, daß man in Kiew ein allgemeines slavi- sches Verbrüderungsfest begangen habe.
Das englische Unterhaus bot in dieser Woche wieder einmal das Schauspiel der Debatten-Hinausziehung durch die gladstonianische und irische Opposition dar. Schon seit vorigem Sonnabend bebattirte das Haus über den grundlegenden Paragraphen 1 der Bill, betr. die Parnell'sche Untersuchungscommission, ohne hiermit bis Mittwoch Abend zu Stande gekommen zu sein, da die Opposition den Debattenschluß durch Stellung immer neuer Amendements immer wieder htnauszuziehen wußte. Der Schatz- fecretair Goschen erklärte daher in der Mittwochssitzung, falls bis Freitag Nachts 1 Uhr kein abschließendes Resultat erzielt sei, sollten die einzelnen Paragraphen der Bill alsdann ohne Debatte zur Abstimmung gebracht werden.
Telegraphische Depeschen.
Wolff'S telegr. Korrespondenz. Bureau.
Berlin, 2. August. Der Kaiser wurde gestern bei seiner Ankunft im Marmor- palais von der Kaiserin Friedrich und deren Tochter begrüßt. Er wohnte heute Vormittag den Truppenübungen auf dem Bornstedter Felde bei, nahm später in dem Marmorpalais Vorträge entgegen und arbeitete mit dem Chef des Militärkabinets.
— Der „Post" zufolge ist der Fürst Radolin zum Obersttruchseß ernannt worden.
Berlin, 2. August. Minister Graf Herbert Bismarck ist aus Friedrichsruh heute hier eingetroffen.
Berlin, 2. August. In der heutigen socialdemokrattschen Wahlversammlung wurde Liebknecht als Candidat für den 6. Reichstagswahlkreis aufgestellt. Die Versammlung wurde schließlich polizeilich aufgelöst.
Aachen, 2. August. Die englische Post von gestern ftüh ist wegen Sturmes im Canal ausgeblieben.
BreSlau, 2. August. Nach einem Telegramm der „Volkszeitung" aus Schwien- tochlowitz ist der Gascanal der Hochofenanlage „Falvahütte" explodirt; ein Ingenieur und ein Werkmeister sind verbrüht, drei Maurer verschüttet.
München, 2. August. Der Kronprinz von Italien besuchte gestern dm Prinzregenten, welcher demselben einen Gegenbesuch abstattete.
Karlsruhe, 2. August. Der Großherzog schickte seinen Flügeladjutanten, Major Müller, nach Heidelberg, um dem griechischen Kronprinzen zum Geburtstage zu gratuliren und ihm einen großen Kupferstich, Heidelberg darstellend, zu überreichen. — Der Großherzog empfing den Afrtkaretsendm Tappenbeck vor seiner Rückkehr nach Kamerun.
Paris, 2. August. Der Strike der Erdarbeiter dauert fort. Vormittags durchzogen mehrere Trupps Sttikender das Quais, um die Radkarren der Nichtstrikenden und deren Arbeitsgeräte in's Wasser zu werfen,
— Die Syndikatskammer der Kutscher beschloß, daß alle zu ihrem Verbände Gehörenden die Arbeit morgen früh niederlegen.
London, 2. August. Im Unterhaus beantragte Labcmchere anläßlich des heutigen Leitartikels der „Times", der die Parnelliten und Gladstone und Harcourt Morley wegen ihres gestrigen Verhallens heftig an griff, auszusprechen, daß die „Times" die Privilegien des Hauses verletzt habe. Goschen gab solches zu, es sei aber wegen früherer Vorkommnisse rathsam, den Antrag durch Uebergang zur Tagesordnung zu erledigen. Gladstone stimmte bei und ersuchte Labouchere, den Antrag zurückzuziehen, was auch, nachdem Redmond Morlei die „Times" heftig angegriffen hat, geschah. Mit 237 gegen 185 Stimmen wurde der Antrag Goschen's, daß die weiteren Paragraphen, wenn die Einzeldebatte bis 1 Uhr früh unerledigt bleiben würde, der Rest der Parnell - Bill ohne weitere Debatte zur Abstimmung gebracht werden solle, abgelehnt.
London, 2. August. Der fast in ganz England anhaltende Regen hat verheerende Ueberschwemmungen herbeigeführt, welche stellenweise die Ernte gänzlich vernichtet haben. Die östlichen Stadltheilc Londons, die größtenteils von der ärmeren Bevölkerung bewohnt werden, stehen unter Wasser; es herrscht dort großes Elend.
Rom, 2. August. Der Papst wird demnächst eine Encyklika an die Orient- Bischöfe erlassen.
- In Bologna haben die Bäckergesellen die Arbeit eingestellt; in Folge dessen haben die Brodverkäufer einen einzigen Laden für Brodverkauf in der Gallerte der Landwirthe errichtet.
Rom, 2. August. In der Gemeinde Ponza di Arcinazzo (Provinz Rom) pro- vocirten die in den Gemeindewahlen unterlegenen Klerikalen Excesse; sie bewarfen die requtrirten Carabinieri mit Steinen, wobei einige verwundet wurden. Die Carabinieri gebrauchten ihre Waffen und ein Excedent wurde schwer verwundet, achtzehn verhaftet. Die Ordnung ist wieder hergestellt.


