Nr. 104 Freitag den 4. Mai 1888.
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen. ■*-
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Betreffend: Außerordentliche Generalversammlung des landwirthschastlichen Vereins von Oberheffen.
Bekanntmachung.
Zu einer auß«rord«»tUch-» @enetal*etfammlmtg beehre ich mich die Mitglieder des landwirthschastlichen Vereins von Oberhessen auf Moatag d«a 1. Mai d. I., vormittag» 10 Uhr, in die Restauration Gühlholz (srüher Leib), Wallchorstraße in Gießen, hiermit ergebenst einzuladen.
Gegenstände der Tagesordnung werden sein:
1) Berathung der neuen Statuten.
2) Wahl des Prästdenten und Vicepräfidenten.
Friedelhausen, am 22. April 1888.
Der Präsident des landwirthschastlichen Vereins von Oberheffen.
Adalbert Freiherr Nordeck zur Rabenau.
Gießen, am 25. April 1888.
Der Director des landwirthschastlichen Bezirksvereins Gießen
a» di« Herr«» Bürg«rm«ister de» Kreise».
_ , . 34 ersuche Sie, vorstehende Bekanntmachung mit dem Anfügen zur Kenntniß der Jntereffenten zu bringen, daß in Anbetracht der Wichtigkeit der Sache den Vereinsmitgliedern dringend empfohlen werde, recht zahlreich zu erscheinen.
Nover.
Politische Ueberficht.
Gießen, 3. Mai.
Im Befinden de- Kaiser- hatte sich seit Sonntag Abend wieder eine geringe Steigerung des Fiebers und hiermit verbunden eine Abschwächung des Appetits bemerklich gemacht. Indessen scheint glücklicher Weise kein Anlaß zu erneuten ernstlichen Besorgnissen vorhanden zu sein, da das Bulletin vom Mittwoch Vormittag besagt, daß der Kaiser die Nacht gut verbrachte und sich am Mittwoch Morgen wohler fühlte, auch das Fieber war zu diesem Zeitpunkte nur gering. In Folge dessen hat die Kaiserin ihre auf Donnerstag angesetzt gewesene Reise in das Ueberschwcmmungsgebiet der Elbe angetreten.
Das Ausscheiden Professor von Bergmann's aus dem um den Kaiser versammelten ärztlichen Collegium und seine Ersetzung durch den Wirk!. Geh. Rath Bardeleben erfährt noch immer neue Auslegungen. Es ist indessen müßig auf dieselben näher einzugehen, da der allgemeine Grund dieses Vorganges auf der Hand liegt: Es ist das gespannte Verhältniß zwischen Herrn von Bergmann und Dr. Mackenzie, das fast von dem Zeitpunkte an datirt, zu welchem ersterer zur Behandlung des Kaisers hinzugezogen wurde und die unerquickliche Preßpolemik zwischen den Anhängern beider medicinischen Autoritäten hat nur zur Vergrößerung dieser bedauerlichen Spannung beigetragen. Wie die „Kreuzzeitung" mttzutheilen weiß, hatte schließlich Professor von Bergmann in einem an Mackenzie gerichteten Schreiben den persönlichen Verkehr mit dem englischen Arzte als unmöglich bezeichnet und unter diesen Umständen erscheint der Schritt Bergmann's allerdings begreiflich.
Verschiedene der Gerüchte, welche über die Unterredung der Königin von England mit dem Fürsten Bismarck im Umlaufe sind, erfahren jetzt ein Dementi. So bezeichnet jetzt die „Nordd. Allg. Ztg." in einem hochofficiösen Entrefilet die Nachricht, es sei in der Unterredung u. A. die Regelung der braunschweigischen Thronfolge erörtert worden, als aus der Luft gegriffen, mit dem Bemerken, es sei in der Audienz diese Frage nicht einmal gestreift worden. Ferner ist die Londoner „Reuter'sche Agentur" von maßgebendster Seite ermächtigt, das Gerücht, es sei zwischen der Königin Victoria und dem Reichskanzler auch die battenbergische Angelegenheit zur Sprache gekommen, als grundlos zu bezeichnen. Es muß also einstweilen dahingestellt bleiben, welche politische Punkte denn sonst in dieser denkwürdigen Besprechung zur Erörterung gelangt sein könnten, denn daß in ihr von Politik überhaupt nicht die Rede gewesen sein sollte, ist doch kaum anzunehmen. Es schließt dies aber nicht aus, daß die Zusammenkunft in ihrem überwiegenden Theile den Verhältnissen gegolten haben mag, welche dem mütterlichen Herzen der englischen Monarchin nahe liegen, wie z. B. die Ordnung der Vermögensverhältnisse der drei königlichen Prinzessinnen, ihrer Töchter. Die königliche Frau wird hierin wie in ähnlichen Fragen den Reichskanzler gewiß zu größtem Entgegenkommen bereit gesunden haben.
Der so anerkennende Erlaß, welcher dem preußischen Minister für öffentliche Arbeiten und Eisenbahnwesen, v. Maybach, auf dessen an den Kaiser gerichteten Bericht über die Entwickelung und Verwaltungsergebnisse seines Ressorts seitens des Monarchen zugegangen ist, bedeutet einen eclatanten allerhöchsten Vertrauensbeweis für den Minister. Es wird in dem Erlasse namentlich warme Anerkennung für die Eisenbahnpolitik Herrn v. Maybach's ausgesprochen, die alle Hoffnungen übertroffen haben, welche von derselben für die Verkehrsverhältnifse, die Förderung der Volkswohl- fahrt, die Landesoertheidigung und die Staatsfinanzen gehegt wurden, und sich in jeder Beziehung als segensreich erwiesen habe.
Das preußische Abgeordnetenhaus erledigte am Dienstag zunächst die Eisenbahn-Vorlage in dritter Lesung und wurden in 8 1 die sämnülichen Positionen für Herstellung neuer Eisenbahnlinien, Beschaffung von Betriebsmitteln u. s. w. unverändert genehmigt. In 8 2 stellte das Haus die in der Specialberathung gestrichene Regierungsforderung von 1300 000 Mk. für Umbau, resp. Erweiterung des Bahnhofes in Spandau wieder ein, der Rest des Gesetzes wurde fast debattenlos erledigt und alsdann die Vorlage im Ganzen angenommen. Bei der nun folgenden Specialberathung der Kreis- und Provinzialordnung für Schleswig-Holstein führte die Frage der Bestellung commissarischer Amtsvorfteher, welche schon in der Commission lebhafte Controoersen veranlaßt hatte, wiederum zu einer fehr antmirten und fast die ganze übrige Sitzung ausfüllenden Debatte. Vor dem Herrenhaus war der bezügliche Paragraph der Regierungsvorlage dahin abgeändert worden, daß für den Fall, daß die höchste Verwaltungsbehörde, der Provinzialrath, die vom Kreistage getroffene Wahl
des Vorstehers eines Amtsbezirkes nicht billigen sollte, der Minister des Innern das Ernennungsrecht auszuüben habe. Von der Commission des Abgeordnetenhauses war dieser Herrenhausbeschluß gestrichen worden und hatte sie dafür die Bestimmung angenommen, daß der Oberpräsident in bestimmten Fällen den Amtsvorsteher nach Anhörung des Kreisausschusses zu bestellen hat, während in der Dienstagssitzung von conservativer Seite durch Abgeordneten Allhaus die Wiederherstellung des Herrenhausbeschlusses beantragt wurde. Nach langen Verhandlungen wurde denn auch der Antrag Althaus in namentlicher Abstimmung mit 180 gegen 104 Stimmen angenommen. Am Mittwoch fand der Rest der Vorlage im Allgemeinen nach den Commtssionsvor- schlägen Erledigung.
-.In-der irischen Frage ist mit dem Tadel, welchen der Papst über die Schreckensmethode der Natronalliga ausgesprochen hat, eine neue Wendung eingetreten. Die Stellungnahme des Oberhauptes der katholischen Kirche gegen die abscheulichen Ausschreitungen der irischen Revolutionäre wird 'gewiß in den Londoner Regierungskreisen nur mit Genugthuung begrüßt werden, immerhin bleibt bei dem eigenartigen störischen Charakter der Iren ,'noch abzuwarten, inwieweit das Vorgehen des Papstes auf sie Eindruck machen wird, namentlich, wenn man berücksichtigt, daß gerade der niedere katholische Clcrus auf Irland eifrig Partei für die Bestrebungen Parnell's und seiner Anhänger nimmt. Es kann indessen nicht bezweifelt werden, daß eine gehörige Geltendmachung der päpstlichen Autorität zum mindesten dem Unfuge des Boycottings steuern wird.
Darmstadt, 2. Mai. Ernannt wurden: Am 22. April — mit Wirkung vom 1. April 1888 — die Gerichtsschreiber-Aspiranten Albert Ludwig Fritz zu Alzey, Johann Georg Gölz zu Lorsch, Franz Gombert zu Zwingenberg, Johannes Groh- rock zu Lorsch, Karl Heutzenröder zu Herbstein, August Kiefer zu Darmstadt, Ludwig Ko hl hey er zu Grünberg, Heinrich Lein zu Offenbach, Albrecht Lohnes zu Offenbach, Johann Heinrich Maus zu Bingen, Leonhard Pfeiffer zu Groß- Umstadt, Heinrich Schmeckenbecher zu Darmstadt, Johann Georg Franz Schnell- bächer zu Reinheim, Joseph Streuber zu Michelstadt, Karl Veith zu Gießen, Heinrich Zimmermann zu Mainz — zu Hilfsgerichtsschreibern bet den Amtsgerichten der neben den einzelnen Namen angegebenen Orte.
Darmstadt, 2. Mai. sMilttärdtenstnachrichten.j Lambert, Garnison- Verwaltungs-Jnspektor in Gießen, nach Bonn, Müller, Kasernen-Jnspektor in Ludwigslust, nach Gießen — versetzt.
Telegraphische Depeschen.
Wolfi'S telegr. Correfpondenz-Brrrearr.
Berlin, 2. Mai. Die „Nordd. Allg. Ztg." schreibt: Se. Majestät der Kaiser verlieh dem Oberbürgermeister Dr. v. Forckenbeck in Anerkennung der Thättgkeit zur Unterstützung der Ueberschwemmten den Stern zum Rothen Adlerorden zweiter Classe Allerhöchstderselbe befahl weitere Vorschläge wegen der Auszeichnung Derer zu machen' die sich um die Ueberschwemmten besondere Verdienste erworben haben.
— Der „National-Zeitung" zufolge befände sich unter den zu nobilitirenden Personen Professor Gneist, welchem die Freiherrnwürde ertheilt werden soll.
Berlin, 2. Mai. Der Kaiser hörte Vormittags den Vortrag Wllmowski's und empfing später Besuche der Kaiserin Augusta und des kronprinzlichen Paares. — Der Kronprinz arbeitete gestern mit Wtlmowski und Albedyll, empfing den Herzog von Ratibor und wohnte heute dem Truppenexerciren auf dem Tempelhofer Felde bet. Mittags begab er sich zur Besichtigung des Gardehusarenregiments nach Potsdam und nimmt dort an dem Diner des Officiercorps des 1. Garderegiments Thetl.
— Wie die „Nordd. Allgem. Ztg." meldet, wird angesichts der günstigen Gestaltung im Befinden des Kaisers die Kaiserin die Reise nach dem überschwemmten Elbegebiete morgen früh antreten. — Dasselbe Blatt bestätigt die Verwundung Kund's und Tappenbeck's bet der Expedition in das Hinterland von Batanga; die Verletzungen seien indeß schon Mitte März in der Besserung begriffen gewesen und gäben zu keinen Besorgnissen Anlaß. Von Kund seien bereits eingehende Berichte über den Verlaus und die Ergebnisse der Expedition eingetroffen.
Berlin, 2. Mai. Der Kaiser hatte heute einen recht guten Tag; er brachte einen großen Theil des Tages außerhalb des Bettes zu und lag den Regierungsgeschäften ob. Der Appetit und die Stimmung sind gut. Ein Wechsel des Aufenthalts ist vorerst nicht in Aussicht genommen.
— Die Kaiserin reift morgen früh 71/» Uhr vom Bahnhöfe Charlottenburg nach den Ueberschwemmungsgebieten an der Elbe ab. Die Rückkehr ist auf Abends 10Vz Uhr festgesetzt.


