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4.3.1888 Erstes Blatt
 
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geben. Heute sind dort die wildesten Alarmgerüchte über den Zustand des hohen Kranken aufgetaucht; sie würden wahrscheinlich Glauben finden, wenn nicht die letzte noch bekannt gewordene Erklärung der Aerzte, sowie die Meldung, daß die Frau Kronprinzessin heute einen weiteren Ausflug unternommen hat, im vollen Widerspruch dazu stände. Weiterhin wird in San Remo behauptet, daß der Kaiser heute oder morgen in strengstem Jncognito dort eintreffen werde. Man könnte an eine Verwechslung mit dem Prinzen Wilhelm denken, der schon die Reise dorthin angetreten hat; aber das Gerücht hält ebenso hartnäckig wie irrthümlich an dem Kaiser fest. Der areise Vater würde gewiß das Schmerzenslager des geliebten Sohnes aufsuchen, wenn die Aerzte, deren Wort auch für eine kaiserliche Majestät maßgebend sein muß, ihm die beschwerliche und lange Fahrt in dieser strengen Winters­zeit gestatten. Es hat sich in San Remo heute sogar die Annahme festgesetzt, daß im Falle eines schmerzlichen Ereignisses, auf das man nicht unvorbereitet sein darf, die Kunde von demselben 36 Stunden geheim gehalten werden solle. Dies, wie gesagt, nur als Probe der auftauchenden grundlosen Gerüchte.

Berlin, 2. März. Der Kaiser hörte Vormittags militärische Meldun» gen und ewr.fing darauf gemeinsam mit der Kaiserin den Oberst Stube mit zwei Officißiea, einen Brandmeister und vier Feuerwehrmänner der hiesigen Feuerwehr, welche sich im vorigen Jahre besonders ausgezeichnet hatten. Er überreichte denselben Geschenke. Nachmittag- machte der Kaiser eine Ausfahrt.

Berlin, 2. März. DerReichs- Anzeiger" veröffentlicht folgendes Bulletin:

San Remo, den 2. März, 11 Uhr 45 Min. Vormittags. Nach einer guten Nacht ist auch beute das Befinden Sr. K. und K. Hoheit des Kronprinzen besser und die Stimmung gehoben. Der Appetit hat in den letzten Tagen zu­genommen. Husten und Auswurf wie bisher.

Berlin, 2. März. In dem hier verhandelten Socialtstenprec-ß wur­den durch das heute verkündete Urtheil die Angeklagten Ferkel, Apelt, Jahn, Schmidt, Wilschke und Seelig wegen Vergehens gegen die Artikel 128 unv 129 des Strafgesetzbuchs (Theilnahmr an geheimen Verbindungen) zu dreimonatigem, Scholz unv Neumann zu zweimonatigem Gefängniß verurtbestt. Von der Unter­suchungshaft werden zwei Monate auf die Strafe angkrechnet.

Italien.

San Nemo, 2. März. Im Laufe des Tagl.s ist keine Verschlimme­rung im Befinden de« Kronprinzen eingetreten. Der Kronprinz erschien Nach­mittag- 3V- Uhr wiederum auf dem Balkon und wu.de stüumsch vom Publikum begrüßt. Prinz Wilhelm, Prinz Heinrich, der Großherzog von Hessen und Prinzessin Irene von Hessen unternahm n eine Fahrt aus dem Dampfer Barbarigo." (Fr. Ztg.)

Deutscher Reichstag.

51. Sitzung vom 2. März 1888. 1

Die zweite Berathung des Gesetzes, betreffend die unter Ausschluß der Oeffentlichkeit stattftndenden Gerichtsverhandlungen, wird bei $ 175 fortgesetzt.

S 175 bestimmt, daß die Verhandlung über die Ausschließung der Oeffentlichkeit in nichtöffentlicher Sitzung stattfindet, wenn ein Betheiltgter es verlangt oder das Ge­richt eS für angemessen hält.

Absatz 2 setzt fest, daß, falls die Oeffentlichkeit wegen Gefährdung der Staats­sicherheit ausgeschlossen ist, das Gericht den anwesenden Personen die Geheimhaltung von Thatsachen, die durch die Verhandlung, durch die Anklageschrift oder dckrch andere amtliche Schriftstücke des Processes zu ihrer Kenntntß gelange, zur Pflicht machte.

An Stelle dieses Absatzes beantragt Abg. Munckel, einen nemn Paragraphen in das Strafgesetzbuch einzufügen, wonach, wer aus Gerichtsverhandlungen, für die wegen Gefährdung der Staatssicherheit die Oeffentlichkeit ausgeschlossen war, anderen Personen Mitthetluugen macht oder veröffentlicht, die geeignet sind, die Staatssicherheit zu gefährden, mit 1000 Geldstrafe oder mit Haft oder Gefängniß bis zu 6 Monaten bestraft wird.

Die Debatte wird gleichzeitig auch über Art. 2 (Strafbestimmungen) und Art. 3 (Verbot der Veröffentlichung durch die Presse) eröffnet.

Abg. R inte len (Centr.) erklärt sich gegen den $ 175 der Commissionsoorlage, sowie gegen den Antrag Munckel, der keine Verbesserung der Commissionsbeschlüsse bedeute. Der S.175 gebe die Möglichkeit, für alle politischen Processe die Oeffenllichkeit auszuschlteßen.

Abg. Günther (nl.) erwidert dem Abg. Rintelen, daß durch diese Vorlage die Staatssicherheit gewährleistet werden solle. Der S 175 bestrafe nur die dolose Mit­theilung von Thatsachen aus Processen, die der Sicherheit des Staates gefährlich sein könnten. Die bisherigen Erfahrungen garantiren, daß eine mißbräuchliche Anwendung der Bestimmungen dieses Paragraphen nicht zu befürchten sei.

Geh. Legationsrath Kayser begründet die Vorlage mit dem Hinweis auf die vorjährigen Landesverrathsprocesse. Herr Groeber, der gegen die Vorlage gesprochen, habe in der Commission selbst zugestanden, daß eine Gefahr darin liege, wenn die Staatssicherheit gefährdende Thatsachen in den UrlheilSgründen publicirt werden müßten. Der Antrag Munckel bewege sich durchaus auf dem Boden der Vorlage; er berge über schon für die harmlosesten Mittheilungen die Gefahr der Bestrafung. Er bitte, den Negierungen nicht Motive unterzuschieben, die denselben fernlägen. Daß der jetzige Zustand reformbedürftig sei, bewerfe der Umstand, daß man jüngst auf einen schweren Landesoerrathsproceß habe verzichten müssen, weil man sich sagte, das Bekanntwerden der Thalsachen dieses Processes wäre schlimmer, als wenn der Verbrecher abgeur- thetlt werde.

Abg. Munckel (frs.) betrachtet seinen Antrag nur für ein kleines Uebel. Er halte den Hinweis des Regterungscommissars auf die Hoch- und Landesverrachsprocesse für berechtigt, aber die Vorlage beschränke sich nicht auf diese allein, sie wolle den Schweigebefehl für alle Proceffe ermöglichen. Der Schweigebefehl treffe die anwesenden i Personen, er lasse aber all die zahlreichen Personen frei, die außerhalb der Verhandlung die Einzelheiten der Anklage re. kennen gelernt haben.

Geh. Rath v. Lenthe bestreitet, daß der S 175 die vom Vorredner gerügten Mängel enthalte. Der gerichtliche Schwetgebefehl führe sicherer zum Ziele als der Antrag Munckel.

Abg. Rintelen (Centr.) beantragt, im Anträge Munckel hinter dem Worte Staatssicherheit" zu setzendem Auslände gegenüber".

Nachdem sich Abg. Klemm (cons.) gegen die Abänderung ausgesprochen, wird die Diskussion geschlossen.

Der Antrag Rintelen wird abgelehnt, Absatz 1 des S 175 angenommen.

Unter Ablehnung des Antrags Munckel wird Absatz 2 des S 175 in namentlicher Abstimmung mit 159 gegen 126 Stimmen angenommen, ebenso Art. 2 und 3.

S 176 bestimmt, daß zu nichtöffentlichen Verhandlungen der Zutritt einzelnen Personen vom Gericht gestattet werden kann. Einer Aufforderung der Bethetligten bedarf es n cht. Die Ausschließung der Oeffentlichkeit stehl der Anwesenheit der die Dienstaussicht führenden Beamten der Justizverwaltung bei den Verhandlungen vor dem erkennenden Gerichte nicht entgegen.

Damit wird die Diskussion des S 195 verbunden, welcher bestimmt, daß bei der Berathung und Abstimmung außer den berufenen Richtern nur die bei demselben Ge­richte zu ihrer juristischen Ausbildung beschäftigten Personen zugegen sein dürfen, so­weit der Vorsitzende ihre Anwesenheit gestattet.

Die Abgeordneten Träger und Groeber beantragen folgenden Zusatz:Der Angeklagte kann verlangen, daß der Zutritt drei Personen seines Vertrauens ge­stattet werde".

Nach kurzer Diskussion wird dieser Antrag abgelehnt, die SS 176 und 195, so­wie der Rest der Vorlage angenommen.

Morgen 1 Uhr: Colonialjustizgesetz, Sonntagsruhe, Identitätsnachweis.

1 Telegraphische Depeschm

? Wolff s telegr. Eo-kMtzOrrdert- s

Berlin, 2. März. Abgeordnetenhaus. In der heutigen Sitzung wurde eine Reihe von Kapiteln des Cultusetats erledigt; es wurde dabei eine Mehrforderung von 6000 X unter bei Positioneinmalige Unterstützungen", die vorwiegend für das alt­katholische Seminar in Bonn bestimmt waren, gestrichen. Im Laufe der Debatte erklärte der Cultusminister v. Goßler dem Abgeordneten Jagdzewski gegenüber, daß das In­stitut der Staatspfarrer bald eingehen werde, da nur noch drei solche Pfarrer am Leben seien; die Agitationen wegen des Religionsunterrichts in deutscher Sprache und der Begünstigung der evangelischen Confession entbehrten jeder reellen Unterlage; er hoffe, es werde dem Erzbischof Dinder gelingen, seine Pläne durchzuführen, er werde dem­selben dabei die Hand bieten. Der Antrag der Abgeordneten Huene und Strombeck auf Erhöhung der Dotation für die katholischen Seelsorger wurde der Budgetcommission überwiesen. Ter Cultusminister bestreitet entschieden, daß die Regierung aus den Säkularisationen her die Verpflichtung habe, die fortschreitenden Bedürfnisse der Kirche zu befriedigen. Morgen um 11 Uhr findet die Fortsetzung der Beralhung statt.

DiePost" sagt, der Hauptgrund des Fallens des Rubel-Courses sei, daß Rußland über die Verhältnisse lebe und die Bevölkerung über die Leistungsfähigkeit hinaus belaste. Handel, Industrie und Ackerbau gingen zurück, die Sleuerquellen ver­stechten. Trotzdem nehme das Mtßverhältniß zwischen den Einnahmen und Ausgaben stetig zu, namentlich neuerdings, so daß die Gläubiger Rußlands von ernstlichen Be­sorgnissen erfüllt seien. DiePost" erinnert an die enormen Summen für die Flotte im Schwarzen Meere und für die Erhaltung der 300,000 Mann an der Westgrenze

San «em-, 2. März, Vormittags 11 Uhr 25 Min. Se. K. u. K. Hoheit der Kronprinz verbrachte eine gute Nacht. Husten und Auswurf sind unverändert. Augen­blicklich befindet sich Se. K. u. K. Hoheit der Kronprinz, von der ganzen Familie um­geben, auf dem großen Balkon. Das Wetter ist prächtig.

San Remo, 2. März, 10 Uhr 30 Min. Abends. Der Kronprinz verbrachte einen guten Tag. Der Husten war geringer.

Altona, 2. März. Die Nord-Fühnensche und die Gribskow-Bahn sind eben­falls wieder fahrbar, die Ueberfahrt von Maenedsund nachOerehooed ist dagegen noch unterbrochen.

Kopenhagen, 2. März. Die directe Bahnverbindung zwischen Gjedser und Kopenhagen ist roteber hergestellt.

LSrrWtfchtes

A Aus Rhein Hessen, 2. März. Kommenden Sonntag findet in Gunters­blum eine Versammlung von Landwrrthen aus ganz Rheinhessen statt, in welcher gegen die in der zweiten Kammer laut gewordene Behauptung, daß die Landwirth- schaft in Rheinhessen auf einer niederen Stufe stebe, protestirt werden fall. Landtags­abgeordneter Schröder hat sein Erscheinen in der Versammlung zugesagt.

A Bom Rhein, 2. März. Der Wasserstand wird für die Schifffahrt von Tag zu Tag ungünstiger. Schwere Schiffe mit größerem Tiefgang müssen schon liegen bleiben. Bestimmte Fahrtm können bereits seit mehreren Tagen nicht mehr eingehalten werden.

Handel und Verkehr.

Gießen, 3. März Auf dem heutigen Markt kostete: Butter per Pfund X 0.850 95, Hühnereier pr. St. 56 H, Gänseeier St. 1000 X Kiffe or. St. 58 X Käsematte 30 H, Erbsen pr. Liter 18 H, Linsen 30 Tauben per Paar 80 bis 100 H, Hühner per Stück X 0.901.30, Hahnen pr. Stück X 1.202.00, Enten per Stück X 2.002 50, Gänse per Pfund 0000 H, Ochsenfleisch per Pfund 58 bis 60 H, Kuh- und Rindfleisch 4550 H, Schweinefleisch 5460 Hammelfleisch 40 bis 60 H, Kalbfleisch 4046 X Kartoffeln per 100 Kilo X 4 505.20, Milch ver Liter 1218 X Weißkraut Stück 000 H, Zwiebeln per Centner X 10.0012.00.

Temperatur in Gießen.

Februar 1888.

Niederste....... 17,1 °R.

Mittlere....... 1,03

Mittel früherer Jahre.....-b 0,82

Höchste........+ 6,0

Niederschlag an 12 Tagen .... 0,86 Par. Zoll,

im Mittel früherer Jahre an 14 Tagen 1,49

Auszug aus den Standesamtsregistern des Standesamts Gießen.

Aufgebote.

Februar: 13. Johann Georg Kraft, Metzger zu Gießen, mit Anna Louise Weber zu Wetzlar. 23. Wilhelm Christian Frtedlein, Kaufmann zu Offenbach, nut Marie Flank zu Gießen. 25. Heinrich Berg, ^Kaufmann zu Essen an der Ruhr, mit Lina Löser zu Gießen. 25. Wilhelm Lenz, schreiner zu Gießen, mit Katharine Merkel zu Allendorf a. d. Lumda. 28. Konrad Steinbach von Burgsolms, Maurer dahier, mit Marie Kalharine Hagner zu Lollar. 28. Karl Ruppel, gebürtig von Hopfgarten, Schreiner dahier, mit Christiane Louise Relecker zu Biedenkopf. 29. Dr. Lothar Wilhelm Julius Heffter, Privatdocent dahier, mit Anna Caroline Amalie Zwenger zu Marburg. März: 1. Hermann Möbus von Borsdorf, Taglöhner zu Heuchelheim, mtt Marte Jäger von Wallenrod, wohnhaft zu Gießen. 2. Johann Georg Heller, Schlosser an der Matn-Weser-Bahn dahier, mit Katharina Josepha Markart von Offenbach a. M., wohnhaft hierselbst.

Eheschließungen.

Februar: 29. Fritz Hermann Kiehn, practischer Arzt zu Allendorf a. b. Lumda mit Josephine Friederike Caroline Aller zu Gießen. 29. Hernr ich Röddtng, Schreiner zu Marburg, mtt Katharine Gröninger zu Gießen. 29. Friedrich Wilhelm Christoph Heinrich Stooß, Kaufmann von hier, mit Jacobine Eleonore Dollhofen von Bingen. März: 2. Heinrich Schomber, Schuhmacher dahier, mit Anna Maria Louise Benner hierselbst. 2. Georg Ferdinand Repp, Kaufmann von Grünberg, mit Rosina Leuenberger von Dürrenroth.

Geborene.

Februar: 23. Dem Kaufmann Louis Lind ein Sohn. 24. Dem Steinhauer Heinrich Lerch ein Sohn, August. 24. Dem Stetnhauermetster Franz Jacob Simon Hewel eine Tochter, Katharine Franziska. 26. Dem Scrtbenten Wilhelm Ringel eine Tochter. 26. Dem Weißbinder Julius Heinrich Hoch ein Sohn. 27. Dem Kaufmann Louis Wolff ein Sohn, Albert Emil Heinrich Johannes. 28. Dcm Schlosser Ludwig Htnkler eine Tochter, Karoline Christiane. 28. Dem Dachdecker Karl Heck ein Sohn. März: 1. Dem Haulboisten Heinrich Nicolai ein Sohn, Heinrich Louis Friedrich.

Geffsrbene-

Februar: 24. Philipp Best, 67 Jahre alt, Schuhmachermeister dahier. 24. Elise Lind, geb. Weisel, 33 Jahre alt, Ehefrau von Arbeiter Eduard Lind von Klein-Linden. 24. Charlotte Weller, 15 Jahre alt, ledig von Werkhausen. 25. Elise Weigel, 20 Jahre alt, von Heidelbach, Kreis Alsfeld, Dienstmagd dahier. 26. Ein Kind weiblichen Geschlechts, 1 Tag alt, Tochter von Arbeiter Eduard Llnd von Klein-Linden. 26. Heinrich Kutscher von Bersrod, Musketier von der Leib-Compagnie 2. Großh. Hess. Jnfanterte-Reqimenls Nr. 116 dahier, 23 Jahre alt. 28. Heinrich Balser, 3 Jahre alt, Sohn von Maurer Heinrich Balser von Rödgen. 29. Ludwig Wilhelm Pfaff, 8 Jahre alt, Sohn von Schlossermeister Karl Pfaff dahier. 29. Daniel Walther, 33 Jabre alt, Taglobner babitr.

Auszug aus deu Kirchenbüchern der Stadt Gießen.

Evangelische Gemeinde.

ttdtAttU*

Den 29. Februar. Heinrich Rödding, Schreiner zu Dtarburg, und Katharine Gröninger, Tochter des Hautbotsten Johannes Gröninger zu Gießen.

Denselben. Friedrich Wilhelm Christoph Heinrich Stooß, Kaufmannn zu Gießen, und Jakobtne Eleonore Dollhofen, Tochter des verstorbenen Steuermanns Jakob Dollhofen zu Bingen.