Kr. SS Erstes Blatt. Sonntag den 4. März WA
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
B«rea»r Schulstr°b° 7. Erscheint täglich mtt Ausnahme d-s M-nt-gs. g2
Amtlicher Hßeit.
Gefunden: 2 Taschentücher 1 Messer, 1 Theil einer Vorstecknadel, 1 Paar Handschuhe, 1 einzelner Handschuh, 1 Schulbuch, 1 Kinder»! 50 Mark (gefunden auf dem Viehmarkt am 18. Januar L I.)
Gießen, am 3. März 1888. Großherzeglicher Polizeiamt Gießen.
Fresenius.
Politische Ueberfkcht.
Gießen, 3. März.
Der Bundesrath genehmigte in seiner am Donnerstag abgehaltenen Plenarsitzung Das Socialistengesttz in der Reichstagssaffung und stimmte den mit Guatemala, Honduras und Ecuador abgeschlossenen Verträgen zu.
Das preußische Abgeordnetenhaus nahm am Donnerstag die Specialberathung des Etats beim Etat des Cultusministeriums wieder auf. Die Einnahmen wurden debattelos bewilligt, dagegen entspann sich beim Tit. 1 der Ausgaben (Mnistergehalt) eine Erörterung allgemeiner Natur, welche die ganze Sitzung ausfüllte. Abg. Rickert brachte die unverblümte Agitation der Schulorgane zur Erzielung regierungsfreundlicher Wahlen bei den letzten Reichstagswahlen zur Sprache , wobei der freisinnige Redner eine Reihe von Einzelfällen anzog. Z>m gegenüber betonte der Cultusminister Dr. Goßler in seiner Erwiderung, daß nach fein ec Anschauung der Lehrer wie jeder andere Staatsbürger das Recht habe, seiner persönlichen Ansicht bei den Wahlen Ausdruck zu verleihen, also auch bei der Septennatssrage. Weiter erwähnte der Minister der Angüsse, denen er fortwährend von verschiedenen Seiten her ausgesetzt sei und erklärte er mit Entschiedenheit, er werde sich durch dieselben in seiner Amtsführung nicht wankend machen lassen. Seitens des Abg. Dr. Windthorst wurden verschiedene Klagen erhoben über die angeblich zu geringe Berücksichtigung der katholischen Interessen in der Cultusoerwaltung und kam dann der Centrumsführer auch auf die Angelegenheit der Kirchenvermögens-Verwaltung zu sprechen, womit Die Debatte allmälig auf das kirchenpolitifche Gebiet hinüderspielte. Die Discufsion streifte allerdings nochmals die Frage der Wahlagitationen, entwickelte sich aber bann zu einer regelrechten Culturkampsdebatte, wobei es namentlich wiederum zwischen dem nationalliberalen Abg. v. Eynern einer- und den Centrums-Abgeordneten v. Schorlemer und Dr. Windthorst anderseits zu einem scharfen Wortgefecht kam, das in einem Austausche gereizter persönlicher Be- mcrkungm endete.
Herr Wilson, der „Ex-Schwiegersohn der Republik", ist vom Pariser Zuchtpolizeigerichte in seiner bekannten Ordens-Affaire zu zwei Jahren Gesängniß, 1 3000 Frcs. Geldbuße und Verlust der Ehrenrechte auf fünf Jahre verurlyerlt worden. Dieses strenge Urtheil könnte in Anbetracht der Proceßocrhandlungen, die äußerlich gerade nicht einen so ungünstigen Verlauf für Wilson genommen hatten, eusigernwßen überraschen, wenn man eben nicht berücksichtigte, daß verschiedene Momente -ufammengenommen Herrn Wilson schwer belasteten. Die öffentliche Meinung hatte den Schwiegersohn Grevy'S längst verunheilt und somit entspricht der Ausspruch der Geschworenen nur der Äolksmeinung. In der Begründung des Unheils heißt es, Wilson habe das öffentliche Rechtsde- wußtssin und die öffentliche Moral verletzt.
In Rom kam er am Donnerstag zu einem Arbeiter-Exceß, der an die Londoner Crawalle erinnert Mehrere Hundert beschäftigungsloser Arbeiter wollten sich nach dem Capitol begeben, am Arbeit zu verlangen, die Polizei verhinderte indessen die Manifestanten am Ueberschreiten des Capitol- platzes, in Folge dessen es zwischen beiden Parteien zu einem heftigen Zusammenstöße kam. Hierbei wurden einige Schutzleute durch Steinwürfe verletzt; die Polizei zerstreute schließlich die Arbeitermaffe, nachdem verschiedene der Ruhestörer verhaftet worden waren. Der stellvertretende Bürgermeister von Rom sagte einer Arbeiter-Deputation die Anordnung öffentlicher Bauten durch die Stadtverwaltung zu.
Die „Risorma" bezeichnet das Gerücht, der italien-sche Botschafter in Paris, Graf Menabrea, beabsichtige, wegen des Ntchtzustandekommens des ttalienifch französischen Handelsvertrages von feinem Posten zurückzutreten, als gjtnzlick unbegründet.
Suf Die russischen Vorschläge hinsichtlich Bulgariens haben nun, wie ^Reuter s Bureau" erfährt, sämmtliche Mächte geantwortet. Das genannte Bureau meldet, Rußland habe nicht eine Collectwerklärung der Mächte, sondern von jeder derselben eine seinen Schritt m Constantinoprl unterstützende Er- j klärung gefordert. Die englische Regierung habe sich nun, wie es heiße, da- ! hin geäußert, daß sie dem Sultan n'.chl anrathen könne, irgend einen Schritt zur Entfernung des Prinzen Ferdinand zu unrerneymen, ohne vorher aus, reichende Maßregeln für die Regelung der bulgarischen Sache nach der Ad- reife des Prinzen Ferdinand vorgeschlagen zu haben. — In diesen „aus* reichenden Maßregeln" liegt aber eben der bulgarische Hase im Pfeffer und so wird denn vcrmuthlich der mit so großem Lärm elngekitete diplomatische Feldum gegen den Coburger im Sande verlaufen.
Deutschland.
nn. Darmstadt, 2. März. sZweite Kammer der Stände.j Die Be- rathung des Budgets findet bei Cap. 87, Büreaukssten für die (Berichte und Ortsge- !
। richte, Fortsetzung, nachdem noch in gestriger Sitzung zum Schluß Cap. 86 Annahme I des Hauses gefunden.
Cap. 87 findet nach dem Antrag des Ausschusses, 68 000 JL hierfür zu bewilligen ohne Debatte Annahme des Hauses. *
Cap. 89, Kosten der Standesregisterführung, werden aus der Mitte des Hauses viele Klagen laut, über die den Bürgermeistereien hierdurch aufgedürdete Arbeitslast.
Das Cap. wird mit 2500 JL ohne weitere Debatte genehmigt.
Zu Car.. 90, Landeszuchthaus Martenschloß, werden 106 830 JL ohne Debatte genehmig:.
Cs folgt Cap. 91/92, Gefängniß zu Darmstadt und Mainz.
Hierbei bringt der Abg. Jöst in eingehendster Weise Klagen zur Kenntniß deS Hauses über schlechte Behandlung der politischen Gefangenen gegenüber gemeiner Verbrecher, und zwar den Zwang zum Besuch der katholischen Predigt und Abnahme des Bartes.
Abg. Wasserburg führt ebenfalls über diesen Punkt Klage.
Geh. Staatsrath Hall wachs erwidert, die Gefängniß-Verwaltung von Mainz in Schutz nehmen zu müssen, da dieselbe nur nach dem Gesetz gehandelt, welches in diesem Hause s. Z. genehmigt wurde. Wenn der Abg. Jöst damit drohe, daß man mit dieser Behanolungsweise der Socialdemokratie eine neue Waffe in d:e Hand gegeben, welche wohl geeignet sei, s. Z. der Regierung Verlegenheiten zu bereiten, so betone er, daß die Hess. Staatsregierung unentwegt gegenüber diesen Drohungen unsere ^»taatsgesetze aufrecht erhalten werde. Gerechten Beschwerden werde sie gerne ein williges Ohr schenken.
Abg. Eu tfleisch befürwortet hierbei den in der gestrigen Sitzung gestellten Antrag der Abg. Jöst und Ullrich (Soc.) wegen der besseren Behandlung politischer Gefangener.
Hiernach wird Cap. 91, Gefängniß zu Darmstadt mit 39 570 jt, und Cap. 92 desgl. zu Mair.^ .nt 44 600 JL nach dem Ausschuß-Antrag genehmigt.
Es fo^Vnp. 93/95, Criminalkassen zu Starkenburg, Rheinhessen und Ober- hcssen, und wurden hierfür in Summa ca. 340000 X bewilligt.
Zu Cap. 97, Centralbauwesen im Ressort der Justizverwaltung hat der Ausschuß an der Regierungsforderung eine Reihe von Abstrichen beantragt.
Geh. Staatsrath Hallwachs bedauert, daß der Ausschuß gerade verschiedene wichtige Anforderungen, wie die Schieferbedachungen der Ostseite des Haftlocals Darmstadt und Errichtung eines Nebengebäudes für eine Gefangenwärterwohnung, Umbau des Schwurgerichtssaales zu Mainz, gestrichen habe, deren Ausführung kaum mehr aufschiebbar sei. Er bitte der Regierungsforderung zuzusttmmen.
Abg. Ullrich und Gutfleisch befürworten die Regierungsforderung.
Nach erfolgter Abstimmung wird der Antrag des Ausschusses, für dieses Cap. nur 58,208 JL zu genehmigen, mit allen gegen 9 Stimmen angenommen.
Es folgt Hauptabtheilung VIII, Cap. 98, Ministerium.
Hier beantragt der Ausschuß entgegen der Regierungsforderung Strich eines vortragenden Rathes, während der andere mit einem Durchschnittc'gehalt von 5 500 .X keinen Anstand erregt. Ferner fordert die Regierung für einen außerordentlichen vortragenden Ralh im Eisenbahnwesen 1000 JL Gehaltszulage. Hiergegen erhebt der Ausschuß Bedenken.
Gegen Anstellung eines juristischen Hilfsarbeiters findet der Ausschuß nichts einzuwenden.
Minister-Präsident Weber befürwortet in warmer Weise die Forderung der Regierung, die. nothwendig geworden durch die vom Staat in Angriff genommenen Neubauten.
Die Folgen einer Ablehnung der Forderung trage er nicht.
Abg. Schröder oertheidigt den Ausschuß-Antrag, welcher sodann mit allen Stimmen Annahme findet. Morgen Sitzung.
Berlin, 1. März. Die „Köln. Ztg." schreibt: Seit Monaten lauscht das ganze deutsche Volk mit immer steigender schmerzlicher Spannung den Nachrichten vom Krankenlager seines geliebten Kaisersohnes. Da es ein öffentliches Gehelmniß ist, daß unter den behandelnden Aerzten von jeher tiefgehende Meinungsverschiedenheiten bestände« haben, so kann es nicht wundernehmen, daß auch die Berichte aus San Remo diesen Zwiespalt an der Stirn tragen; und da ferner manche Zeitungen, namentlich aber ausländische darauf auszugehen scheinen, recht vielen Neuigkeitsstoff auf Kosten der Sachlichkeit darzubieten, so erklärt sich der in San Remo ergangene Befehl, daß die Aerzte den Zeitungsberichterstattern keinerlei Mittheilungen mehr machen sollen. Jndeffen ist es sehr fraglich, ob bei der Unzulänglichkeit der durch den „Reichsanzeiger" veröffentlichten ärztlichen Berichte das Verbot seinen Zweck erreicht. Diese Kargheit der amtlichen Berichterstattung wird das Bedürfniß genauerer, die Sachlage klarer wiedergebender Mittheilungen nur um so reger machen, und wenn das deutsche Publikum von seinen eigenen Zeitungen nicht mehr über das unterrichtet wird, was ihm so nahe am Herzen liegt, so wird es sich den der Erfahrung gemäß höchst unzuverlässigen, in unverantwortlicher Weise gefärbten Darstellungen auswärtiger Blätter zuwenden. Wir wollen nicht einmal von französischen Zeitungen reden, welche die widersinnigsten, zum Theil selbst in dieser Sache von Deutschenhaß eingegebenen Erfindungen verbreiten; auch die ihre fianzösische Kollegin sonst hoch überragende englische Presse trägt das ihrige dazu bei, ganz falsche Bilder von den Verhältnissen in San Remo zu geben. Die Quelle dieser einseitigen Darstellungen ist nicht schwer zu verfolgen. Ueberdies senden uns Landsleute in England fast täglich englische Zeitungen ein, so namentlich den Scotsman, deren Berichte aus San Remo von den deutschen Aerzten und der ganzen deutschen Wiffenschaft im verächtlichsten Tone sprechen und diesen die Schuld an der traurigen Wendung der Krankheit beimessen, während doch der schwerste Theil der Verantwortlichkeit auf jenem englischen Arzte ruht, der das Nebel, über dessen Natur die deutschen Aerzte sich klar sind, in seinem Wesen nicht erkannt hat und, wie es scheint, auch jetzt noch nicht erkennen will. Es wäre zu wünschen, daß, wenn die deutschen Aerzte keine außeramtlichen Mittheilungen geben sollen, auch ihre englischen Berufsgenossen sich durch dieses Verbot moralisch gebunden erachteten; denn schlimmer iwch als die einander widerstreitenden Nachrichten wären die von einem ganz einseitigen Gesichtspunkte aus verbreiteten. Wie sich übrigens bei den» Mangel an zuverlässigen Quellen die Berichterstattung aus Can Remo gestalten wird, davon können wir jetzt schon eine Probe


