Ausgabe 
3.11.1888
 
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Reich, so sei sie auch für Europa von hoher glücklicher Bedeutung. In dem Czaren wurde ein Monarch erhalten, welcher gerade in den letzten Jahren extremen Bestrebungen gegenüber wiederholt seine volle Autorität etnsetzte für die Erhaltung der Ruhe unseres Weltthcils und welcher als mächtigster Schirmherr des Friedens und seiner Freunde im eigenen Reiche waltet.

Paris, 1. November. Im heutigen Mtnisterrathe theilte Goblet mit, er habe Depeschen erhallen, worin die glückliche Errettung der kaiserlichen russischen Familie bei dem schweren Eisenbahnunfall gemeldet wird; er habe Herrn v. Laboulaye beauf­tragt, Herrn v. Giers die Glückwünsche der französischen Regierung auszusprechen mit dem Ersuchen, dieselben dem Czaren und der kaiserlichen Familie zu übermitteln.

Haag, 1. November. Der Zustand des Königs hat sich in Folge einer Hals­entzündung ungünstiger gestaltet, doch soll keine unmittelbare Gefahr vorhanden fein. Gutem Vernehmen nach wird heute Abend ein offictelles Bulletin über den Zustand des Königs ausgegeben werden.

Belgrad, 1. November. König Milan empfing gestern die Politiker Ristik, Garaschantn und Gruic in längerer Audienz.

König Milan und die serbische Regierung ließen dem russischen Gesandten Persiani heute ihre Glückwünsche anläßlich des glücklichen Entrinnens des Czaren aus dem Bahnunfall ausdrücken.

Petersburg, 1. November. In dem kaiserlichen Rescripte, welches die Ver­leihung des Wladimir-Ordens an Giers begleitete, heißt es:Ihre vorzüglichen Eigen­schaften, sowie die große Erfahrung, die Sie sich angeetgnet, bewogen Mich, Ihnen im Jahre 1882 den wichtigen Posten eines Ministers des Auswärtigen anzuvertrauen. Indem Ich seit dieser Zeit in Ihnen den nächsten Mitarbeiter, einen pünktlichen Aus­führer meiner Absichten bezüglich der internationalen Politik halte, konnte Ich Mich von Ihrer unermüdlichen Wirksamkeit in der Leitung der auswärtigen Beziehungen überzeugen, einer Leitung, welche der Würde und dem Dorthetle des Reiches voll­ständig entspricht."

Athen, 1. November. Nach dem gestrigen Tedeum zur Feier des Regierungs- jubiläums wurde ein großer Empfang im Königsschlosse unter unaufhörlichen Kund­gebungen der vor dem Palais versammelten Volksmenge abgehalten. Die Illumination gestaltete sich glänzend. Die Königsfamilie sah, umgeben von den fremden Fürstlich­keiten und deren Vertretern, dem Schauspiele vom Schloßbalkon aus zu, immer vom Volke jubelnd begrüßt. Beim sich anschließenden Familtendtner im Palais trugen der König und der Kronprinz das Großkreuz des österreichischen Stesansordens. Nach dem Diner fand ein Hofcercle statt.

Der Herzog von Edinburgh gibt Montag auf derAlexandra" ein Dejeuner, wozu die Königsfamilie, die Fürstlichkeiten und der Specialgesandte Oester­reichs, Sterneck, geladen sind.

Heute fand die Eröffnung der griechischen Ausstellung in Anwesenheit der Köntgsfamilie, der Fürstlichkeiten, des diplomatischen Corps und der Special­gesandten statt.

Hamburg, 2. November. (Privatdepesche.) DerHamb. Correspondence" zufolge sind die Berliner Postdtebe (siehe unter Berlin in der Beilage zum heutigen Blatte) am Donnerstag in Hamburg verhaftet worden. Ein ehemaliger Postassistent wollte bet einem Banquier Coupons einlösen, der Banquier schöpfte jedoch Verdacht und benachrichtigte die Polizei, welche den Postassistenten verhaftete. Ein Complice desselben wurde im Hotel angetroffen, wie er gerade Coupons in einen Koffer ein­packte. Die Werthsumme der gestohlenen Papiere ist sehr bedeutend.

Aus Franken, 31. October. Der Böttchergeselle Kullmann aus Magdeburg welcher vom unterfranktschen Schwurgerichte im Jahre 1874 wegen des Attentates auf den Fürsten Bismarck zu 14 Jahren Zuchthaus verurtheilt wurde, hat mit dem gestrigen Tage diese Strafe in dem Zuchthause St. Georgen bei Bayreuth verbüßt Derselbe wird nunmehr in die Gefangenenaustalt Amberg überführt, wo er noch 7 Jahrt Gesangnißstrafe wegen verschiedener während seiner Strafzeit verübter Vergehen abzu- sttzen hat Die Gesundheitsoerhältnisse Kullmanns sind aber derart, daß er wohl kaum mehr die Freiheit erlangen dürfte.

(Ein alter Rekrut.) Durch das Bezirkscommando zu Erbach im Odenwald wurde dem 117. Regiment dahier am Montag ein Mann zur Einstellung zugeführt der bereits 33 Jahre alt ist. Derselbe hat in seinen gestellungspflichtigen Jahren seine Meldung zur Stammrolle rc. unterlassen und trotzdem nach fernem Aufenthaltsorte geforscht wurde, konnte man diesen nicht ermitteln, obwohl der Mann sich nach seiner Aussage stets in Mainz und Castel aufgehalten hat, bis er sich vor einigen Tagen

.^n semem Geburtsort stellte. Der Mann muß nun nachträglich seiner Militärpflicht Genüge leisten.

~ Die Beschäftigung unserer Kinder im Zimmer ist eine Sorge, die alljährlich um diese Zeit an die Eltern herantritt. Die Spiele im Freien baden aufgehort oder sind doch nur an vereinzelten witterungsgünstigen Tagen noch praktikabel da steht denn unsere kleine Welt so recht von Herzen gelangweilt und allen Erwachsenen im Wege umher und ist es nicht natürlich genug? macht Dummheiten. Ist es- denn wirklich so schwer, Kinder im Zimmer zu beschäftigen, muß man dazu eine Bonne in Anspruch nehmen ober die Kleinen in einen Kindergarten schicken? Auf Beides sagt jebe verständige Mutter mit uns:Nein." Ja im Gegentheil, jetzt ist die beste Zeit, allerlei gute Triebe und Beschäftigungssinn in die jugendlichen Herzen zu pflanzen, man muß nur die Kleinen behandeln wie die Großen. Auch wir Großen wollen durch Erfolg, befriedigte Eitelkeit und dergleichen belohnt sein und thun so schrecklich wenig Gutes und Nützliches blos deshalb, weil es gut und nützlich ist. Also gilt es zu aller­erst das Interesse zu erregen und dann dies Interesse durch geeignete Lohneslockuna

Gleich die Wahl der Beschäfligung muß darauf zugeschnitten sein. Welcher Knabe hatte nicht Freude an einem kleinen Theater, welch' Mädchen n-cht an etner Puppenstube! Der Besitz beider ist ein Ziel, die Selbstanfertigung ist cm sür unsere Zwecke eminent geeignetes Mittel. Mutz denn Puppentheater, Puppenstube, Burg ober Park fertig aus dem Spielwaarenladen gekauft werden? Ist es nicht für alle Thetle besser, wenn in eigener Arbeit das Kind sich beschäftigt und bildet^ Die Materialien zu allerlei Pappklebereien dieser Art sind spottbillig in jeder Papier­handlung zu haben und es gehört nun nichts weiter dazu, als daß Vater oder Mutter wer gerade Zeit hat ober sich am fähigsten weiß, die Kleinen anleitet. Sind sie im Zuge, sehen sic aus dem Stückwerk die Gesammtheit aus zweckooller Ordnung des Einzelnen das Ganze wachsen, so ist ihr Eifer rührend. Sie sind durchschnittlich natürlich wunderbar empfänglich für Handfertigkeitslehren, auf welche Erfahrung ja Frobei seine ganze Kindergartenpädagogtk gründet. Und dann noch Eins, waS mrmer Kinderhände schufen, sei es solche eben genannte Pappklebearbeit, Waldmofaik, Puppenkleiderschneiderei oder sonst ein Fabrikat, es hält vielmals langer als alles gekaufte Spielzeug und ist anziehender für lange Dauer. Das darf Niemanden wundem. Die gehabte Mühe läßt es höher und richtiger schätzen, die Kenntnitz der Herstellung verlockt auch wohl zu rechtzeitiger, eigener Reparatur, an die man als Kind gekaufter Waare gegenüber gar nicht denkt. In dieser Weise die junge Welt zu Beschäftigung irn Zimmer heranzuziehen, ist also mehr als eine Aushülfe, es ist an sich selbst ein Stuck Erziehungspfltcht, das sich vergilt durch rechtzeitige Anregung zu eigenem schaffen nach Maßgabe der vorhandenen Kraft und durch Verminderung der >^er- storungslust.

Lokales.

Gießen, 2. November. [G-oncert.] Das gestern Abend in Stein's Saalbau stattgefundene Concert, gegeben vom Münchener Ausstellungs-Orchester, bot Den Besuchern genußreiche Stunden. Das Programm, raffintrt zusammengestellt, wurde auch ebenso abgespielt, denn wirklich nur raffinirtes und peinliches Einstudiren kann solch ein Ensemble zu Stande bringen. Als Solist fungirten Herr Döhler (Harfe) und Herr Edelmann (Violine), beide Herren waren nicht gut so schien es disponirt, was wir dem mangelhaften Besuch in die Schuhe schieben wollen, dagegen eine wahrhaft glänzende Leistung bot uns Herr Neupert (Trompete). Genannter Herr bläst mit einer Sicherheit und Leichtigkeit technisch schwere Figuren wie auch Cantilenen tadellos. Herrn Capellmeister Stoltz, der das ganze Programm auswendig birtgtrte, sowie seinem trefflich geschulten Orchester können wir nur das beste Lob ertheilen und hoffen wir, daß Herr Stoltz uns wieder einmal besuchen möchte.

Gießen, 2. November. Die Unsitte, Bettwäschezum Auslüften" in die offenen Fenster nach der Straße zu hinauszuhängen, scheint in letzter Zeit anstatt ab-, nur zuzunehmen. Nicht allein in frühen Morgenstunden, sondern bis zum Nachmittag kann man diese Unsitte wahrnehmen. Beispielsweise hing am verflossenen Sonntag in einem Hause der neuen Aula gegenüber noch um V2I Uhr Mittags an einem Fenster der ersten Etage die Bettwäsche heraus. Mag es nun Bequemlichkeit der Dienstboten sein, daß solches stattfinden konnte ober es eine andere Ursache gewesen sein: es paßt sich nicht, daß dem Passanten dicht vor der Nase diese Wäsche baumelt. Unsere Polizei würde sich den Dank Vieler erwerben, wollte sie ein etwas schärferes Augenmerk auf beregte Unsitte haben.

Gießen, 2. November. Die heute zur Ausgabe gelangte Nr. 11 der Verwal­tungsblätter hat folgenden Inhalt:

1. Entscheidung Großh. Verwaltungsgerichtshofs, betreffend Loosholzvertheilung in der Gemeinde Fränkisch-Crumbach, hier Reclamation des Phil. Dörr V., Adam Ripper und Consorten von Erlau gegen den Gemeinoe-Voranschlag pro 1886/87.

2. Entscheidung des Bundesamts für das Heimathwesen, in Sachen des Orts­armenverbandes Gießen gegen den Landarmenoerband Gießen wegen Unter­stützung des Karl Bergzog von Magdeburg.

vermischte«.

nn. Darmstadt, 1. November. Zu der Landesbaugewerkschule, welche am 15. November ihre Winter-Cursc eröffnet, ist auch in diesem Jahre der Zudrang jüngerer Techniker ein ganz außerordentlicher. Mehr als 120 Anmeldungen liegen beute schon vor unb mußten wegen Raummangel, da der fertiggestellte Neubau noch nicht bezogen werden kann, noch eine Anzahl Schüler zurückgewiesen werben. Seitens der Direction der Schule, der Großh. Centralstelle, ist eine Neuerung dahin getroffen, daß ein specieller Curs nur für Metallarbeiter und verwandte Gewerbe eingerichtet wurde, sodaß einem längst gefühlten Bedürfnitz hierdurch abgeholfen ist.

Darmstadt, 1. November. Die Allg. Electricitätsgesellschaft (früher deutsche Edisongesellschaft in Berlin) hat, um mit den Interessenten im Großherzogthum Hessen besser verkehren und Aufträge rascher ausführen zu können, hier, Schützenstraße Nr. 7, ein Bureau errichtet, durch welches deren Fabrikate zu Originalpreisen zu be­ziehen sind. *

Kösen. Für Corpsstudenten undalte Herren" dürfte die Nachricht von In­teresse fein, daß die Kunst- und Verlagshandlung von Carl Techow Hierselbst von dem Denkmal, welches deutsche Corpsstudenten ihren im Kriege 1870/71 gefallenen Kommilitonen errichteten, nunmehr eine plastische Vervielfältigung veranstaltet hat und daß Exemplare hiervon zu 10 JL zu haben sind.

Lennep, 31. October.Lieber aufhängen als wählen!" sagte gestern Morgen ein hiesiger Fabrikarbeiter zu seinem Bekannten, der ihn an feine bürgerliche Pflicht erinnerte. Trotz der so drastischen Verwahrung gegen das Wählen gab er dennoch im Wahllocale seine Stimme zu Gunsten eines Wahlmannes der KarteUparteien ab, ging .bann an feine Arbeitsstelle zurück und erhängte sich. (F, Z.)

Gingesandt.

Gießen, 2. November.

Die Benutzung des sogenannten Essiggäßchens und des unteren Niegelpfades, in welchen dasselbe einmündet, hat sich in der letzten Zeit außerordentlich gesteigert und ist bis in die späten Abendstunden hinein eine derartige, daß der Mangel jeglicher Beleuchtung dieser Fußwege stark empfunden wird. Namentlich sind es die Treppen­stufen am südlichen Ausgange des Durchlasses unter dem Bahnkörper, welche das Passiren in der Dunkelheit so sehr erschweren und im Winter bei Schnee und Eis geradezu gefährlich machen. Die Beleuchtung gerade dieser Stelle, vielleicht durch An­bringung einer Laterne an der Gartenmauer des katholischen Schwesternhauses, erscheint dringend geboten und nicht minder ist es ein Bedürfniß, daß auch die Beleuchtung des ziemlich steilen Aufstiegs am katholischen Schwesternhaus vorbei und des unteren Riegelpfades überhaupt einmal ernstlich in's Auge gefaßt würde.

Es bedarf wohl nur dieses Hinweises, um die hier so nothwendige Abhilfe zu. schaffen. Einer für Viele.

Literarische-.

Mit dem uns vorliegenden ersten Hefte seines eben beginnenden 31. Jahr­gangs legt »Neber Land und Meer« (Stuttgart, Deutsche Verlags-Anstalt) alle Ehre ein. Schon die ersten Blicke auf die reiche Folge meisterhafter Holzschnitte, obenanKaiser Wilhelm der Siegreiche" in Ferdinand Kellers schwungvoller Apotheose, erzeugen den Eindruck einer im besten Wortsinn vornehmen Erscheinung, der immer tiefer bestätigt wird, je näher wir uns mit dem Inhalt des glänzend ausgestatteten Heftes vertraut machen.Jenseits des Grades" von Leo Warren undNubia" von Richard Voß isind Novellen, deren Anfänge die bedeutsamsten Erwartungen erwecken, und die reizende novellistische SkizzeFrrrt!" von Heinrich Landsberger liegt hin bereits in ihrer ganzen knappen Geschlossenheit vor. Außerdem lesen wir treffliche Aufsätze von Wilhelm Lübke, A. G. v. Suttner, Heinrich Ehrlich, Ernst Eckstein, Fr. v. Hellwald und anderen, die eine reiche Ausbeute angenehm belehrenden Unter­haltungsstoffs darstellen. I. Koppays naiv lieblicheReise in's Leben" in farbigem Kunstdruck bildet eine reizende Beigabe. Bei solcher Trefflichkeit des Gebotenen und dem überaus billigen Preis von nur 50 Pfennig für das 14tägige Heft kann das beliebte Familien-Journal allen unseren Lesern aufs beste empfohlen werden.

»Wassersport« 1888/89, Nr. 5, enthält unter Rudern: Z 8 (Amateur-Be­stimmung des Deutschen Ruder-Verbandes), lieber die Regatten 1888 und die bei denselben zu Tage getretenen Uebelftänbe (Schluß). Ein neuer Rollfitz. Nachrichten. Unter ©egeln: ®er ©pinnafer (mit Bild), Praktische Winke für die Außerdienststellung von Yachten (Fortsetzung) und Nachrichten. Unter Eislauf und Allgemeines: Nach­richten, Briefkasten und officielle Mittheilungen der Clubs.

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Landwirthschaftttche Nachrichten.

(Nachdruck verboten.)

(Mäuse von Getreidefeimen fernzuhalten.j Es dürfte angezeigt fein, auf ein Zwar nicht mehr neues, aber bei richtiger Anwendung sehr erfolgreiches Verfahren auf­merksam zu machen, welches den Zweck hat, die das Feld verlassenden Mäuse an dem Eindringen in die Getreidefeimen zu verhindern. Dieses Verfahren besteht darin, daß der fertige Schober mit einem '/, Meter tiefen, möglichst schmalen Graben umzogen wird, welcher in allen seinen Punkten etwa einen Meter von demselben entfernt ist und dessen Seiten recht glatt abzustechen sind; dies ist vor Allem an ber inneren, d. h. dem Schoberen gelegenen Seite, welche auch fast senkrecht zu halten ist, zu beachten, während die äußere ein wenig von der senkrechten abweichen kann, weil ja naturgemäß jeder Graben oben etwas weiter wird als unten. Um den Graben recht schmal za machen, empfiehlt es sich, die oberen Stiche mit einem gewöhnlichen, die unteren mit einem Drainspaten auszuführen, welcher, falls er nicht vorhanden sein sollte, unschwer zu beschaffen ist. Nachdem der Graben fertiggefteUt ist, bohrt man mit einem Erd­bohrer in Abständen von etwa 3 Meter Löcher von 30 Zentimeter Tiefe in die Graben­sohle, in welche vierzöllige Drains so hineingesetzt werden, daß ihr oberes Ende mit der Grabensohle abschneidet. Nach Einsetzung der Drains ist es nothwendig, die lockere