Ausgabe 
3.7.1888
 
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Dienstag den 3. Juli

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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

im.

Bureau r Schul st raße 7.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montagö.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Amltich er HHeit.

Betreffend: Die Enteignung von Gelände des Karl Hermann Jockel von Grünberg zu Gunsten der Stadt Grünberg.

Bekanntmachung.

Nachdem die Stadt Grünberg zum Zweck der Vergrößerung des Spielplatzes am Schulhause und der Anlage der Schulabtritte die Enteignung eines Theiles des nachverzeichneten Geländes des Karl Hermann Jockel von Grünberg

1) Flur I, Nr. 656,1538 lU Meter Wiese in der Heege zu Grünberg,

2) I, 657, 181 Grabgarten daselbst,

beÄMtgt hat, so wird der Plan nebst dem Anträge der Stadt Grünberg mit Anlagen in der Zeit vom Donnerstag den S. Juli bis Freitag den 20 Juli L I. auf dem Bureau der Großherzoglichen Bürgermeisterei Grünberg zu Jedermanns Einsicht offengelegt und wird Tagfahrt vor der Local-Commission auf Freitag den 20. Juli l. I., Nachmittags 2 Uhr, auf das Rath haus zu Grünberg zur Verhandlung über den Plan und die zu leistende Entschädiguna hierdurch anberaumt.

Der Eigenthümer des oben verzeichneten Geländes und etwaige Nebenberechtigte werden hierdurch aufgefordert

a. Einwendungen gegen den Plan bei Meldung des Ausschlusses und Annahme der Einwilligung in die beanspruchte Abtretung oder Beschränkung, b. Erklärung auf die angebotene Entschädigungssumme bei Meidung der Unterstellung der Annahme des Angebotes,

c. Anträge auf Ausdehnung der Enteignung bei Meidung des Ausschluffes mit solchen,

d. Anträge auf Aufrechterhaltung bestehender Lasten (Art. 19) bei Meidung des Ausschluffes mit solchen,

e. Anträge auf Einrichtung und Unterhaltung von Anlagm im Sinne des Art. 14,

f. etwaige noch unbekannte Ansprüche und Rechte an das zu enteignende Grundstück, im Termin vorzubringen.

Sofern in dem Termin Einwendungen gegen den Zweck und Plan, sowie die damit in Verbindung stehenden Anträge nicht vorgebracht werden sollten, dann wird in dem genannten Termin Freitag den 20. Juli l. I., Nachmittags 2 Uhr, zugleich über die Höhe der Entschädigung und die mit ihr zusammenhängenden Fragen verhandelt werden. ,,

Gießen, am 2. Juli 1888. GroßherzoglichSs KrMamt Gießen.

Dr. Bo.e k m*6 n n. 5435

Nr. 28 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 26. v. M., enthält:

(Nr. 1809.) Verordnung, betreffend die Uebertragung landesherrlicher Befugnisse auf den Statthalter in Elsaß-Lothringen. Vom 20. Juni 1888. (Nr. 1810.) Bekanntmachung, betreffend die Schiffsvermeffungsordnung. Vom 20. Juni 1888.

Nr. 29 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeoen den 29. v. M-, enthält:

(Nr. 1811.) Verordnung über die Inkraftsetzung des Gesetzes, betreffend die Unfall- und Krankenversicherung der in land- und forstwirthschafllichen Betrieben beschäftigten Personen vom 5. Mai 1886 für das Fürftenthum Schwarzburg-Sondershausen. Vom 26. Juni 1888.

Gießen, am 2. Juli 1888. Großherzogliches Kreisamt Gießen.

Dr. Boekmann.

Das Großhcrzoglichc Stcucr-Cvmmifsariat Gießen

an die Großherzoglichen OrtSgerichtSvorsteher deS Landbezirks.

Diejenigen von Ihnen, welche die Bau- und Cultur-Veränderungs-Verzeichniffe noch nicht eingesendet haben, werden an deren Einsendung, unter Anschluß etwaiger Meßbriefe, hierdurch erinnert.

Gießen, den 2. Juli 1888. Süssert.

Politische Uebersicht.

Gießen, 2. Juli.

Der Kaiser empfing im Laufe des Freitag die mit Überreichung der Adressen beauftragten Präsidien deS Herrenhauses und des Abgeordnetenhauses. Die Unterhaltung, welche der Monarch mit den Mitgliedern der Abgeordnetenhaus- Deputation pflog, betraf im wesentlichen nur die Ueberschwernrnungskatastrophen und sprach der Kaiser seine warme Theilnahme an dem Leide der davon Betroffenen aus; die Politik wurde nicht berührt und auch beim Empfange des Herrenhaus-Präsidiums scheint dies nicht der Fall gewesen zu sein. Die Präsidenten des Herrenhauses und des Abgeordnetenhauses begaben sich alsdann nach Schloß Friedrichskron, um der Kaiserin-Wrttwe Victoria den Ausdruck tiesster Theilnahme des Landtages am Heim­gänge Kaiser Friedrichs zu übermitteln.

Heber das Project der Krönung deS Kaisers und der Kaiserin als König und Königin von Preußen lauten die Meldungen noch recht widerspruchsvoll. Während Berliner Blätter, welche diese Nachricht mit am ersten gebracht hatten, wie z. B. die Nat. Ztg.", jetzt versichern, daß der Krönungsgedanke wieder aufgegeben sei, da die Krönung angesichts der so außerordentlich feierlichen Reichstagseröffnung nur als ein verspätetes prunkhaftes Nachspiel erscheinen würde, verbleibt dieKönigsbg. Hart. Ztg." dabei, daß die Krönung am 18. October d. I. in Königsberg doch erfolgen würde. Es muß abgewartet werden, wie sich dieser Widerspruch lösen wird.

Prinz und Prinzessin Heinrich von Preußen haben Ende vergangener Woche ihre Uebersiedelung nach Kiel bewerkstelligt, wo das hohe Paar im dortigen königlichen Schlosse den Sommer über residiren wird.

Generalfeldmarschall Graf Moltke hat sich zum Sommeraufenthalt nach seinem Landgut Creisau in Schlesien begeben.

Der Bundesrath erledigte in seiner Wochenplenarsitzung vom 28. v. M. eine sehr umfangreiche Tagesordnung, doch erscheint von den gefaßten Beschlüssen nur die Genehmigung des Entwurfes, betr. die Ausführungsbestimmungen zum Zuckersteuer­gesetz, von größerem Interesse.

Als die neueste Nachricht von Interesse auf dem Gebiete der innern Politik stellt sich jetzt diejenige von dem Entlassungsgesuche des Chefs der Admiralität, General von Caprivi, dar, deren Richtigkeit von allen Seiten bestätigt wird. Wie es scheint, ist die Demmission des Leiters unseres Marinewesens weniger durch die beabsichtigten Aenderungen in der Organisation der obersten Marinebehörde, als vielmehr durch die aus persönlichen Umständen sich ergebende Wahrscheinlichkeit, es könnten solche Ver- ünderuugen schon in nächster Zeit angeregt worden, veranlaßt werden. Djeser Even­tualität hat General v. Caprivi allem Anschein nach aus dem Wege gehen wollen.

Es gilt als sicher, daß bei dieser Gelegenheit der alte Wunsch der Marine, wieder einen Seemann zum obersten Chef zu bekommen, erfüllt werden wird, während Herrn v. Caprivi selbst das Cpmmando eines Armeecorps zugedacht sein soll, so daß also diese so schätzbare Kraft dem Wehrdienst des Vaterlandes erhalten bleiben wird. Welches Armeecorps künftig Herrn v. Caprivi zum Führer haben soll, entzieht sich noch der Beurtheilung.

Die Meldung über eine beabsichtigte Begegnung zwischen Kaiser Wilhelm und dem Czaren nimmt immer bestimmtere Formen an. Es wird versichert, daß in der Conferenz, welche der Kaiser am Freitag Nachmittag mit dem Reichskanzler hatte, dieletzten Beschlüsse" über diese Zusammenkunft gefaßt worden seien und würde dieselbe in der Zeit zwischen dem 10. und 14. Juli stattfinden, während über den Ort noch nichts Bestimmtes verlautet. Es ist allerdings in Hinblick auf die entgegen­kommenden Auslassungen Kaiser Wilhelms bezüglich Rußlands in seiner Thronrede und den hierbei betonten Wunsch sorgfältiger Pflege der persönlichen Freundschaft zum Kaiser Alexander die Begegnung beider Herrscher sehr wahrscheinlich geworden und daß hiermit die Wiederherstellung besserer Beziehungen zwischen Deutschland und Ruß­land vor aller Welt zum Ausdrucke gebracht würde, dürfte wohl allseitig zugegeben werden, um so ruhiger kann man den endgültigen Mittheilungen über Zeit und Ort der Entrevue entgegen sehen. Voraussichtlich wird indessen Fürst Bismarck derselben nickt beiwohnen; der Kanzler hat einen dreimonatlichen Urlaub erhalten, den er zum größten Theile in Varzin zu verbringen gedenkt, wie wenigstens Berliner Prioat- nachrichten wissen wollen. Eine Badereise des Kanzlers nach Kissingen soll diesmal nicht wahrscheinlich sein.

In harmonischer Weise ist in voriger Woche die österreichisch-ungarische Delegalionssession zum Abschlüsse gebracht worden und der Präsident der ungarischen Delegation, Graf Ludwig Tisza, konnte in seinem Rückblicke über die Sessions-Er­gebnisse mit Fug und Recht die Einmüthigkeit der gefaßten Beschlüsse hervorheben. Wenn Tisza weiter der Hoffnung Ausdruck verlieh, die Consolidirung der europäischen Verhältnisse würden sich unter Wahrung der Interessen der habsburgischen Monarchie mehr und mehr ermöglichen, so schließen sich alle europäischen Friedensfreunde diesem Wunsche an und wie die politischen Zeichen stehen, erscheinen die Erwartungen hin­sichtlich einer herannahenden ruhigeren Epoche für unfern Welttheil nur gerechtfertigt.

Berlin, 30. Juni. Se. Majestät der Kaiser, welcher gestern außer den bereits gemeldeten Personen noch die Professoren v. Bergmann und Gerhard empfangen und Nachmittag mit Ihren K. K. Hoheiten dem Prinzen und der Prinzessin Heinrich eine Segelpartie auf der Fregatte nach Wannsee unternommen hatte, nahm heute Vor-