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M. 2 Dienstag den 3. Januar 1888.

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

SMrcau: Schul ft raße 7.

Erscheint tägLich mit Ausnahme des Montags.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn. Durch die Poft bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pst

Politische Ueberficht

Gießen, 2. Januar.

Die Neujahrs-Cour bei den Kaiserlichen Majestäten hat am Neujahrstage in der hergebrachten Weise stattgefunden, so daß zuerst die zur Zeit in Berlin anwesenden Mitglieder der Königlichen Familie, hierauf dre Hofstaaten, dann die Staatswürdenträger, die Generalität u. s. w. zur Be- glückwünschung erschienen. Den Beschluß bildete Nachmittags 2 Uhr der feier­liche Empfang der Botschafter durch den Kaiser. Erfreulicher Weise hat das kaiserliche Paar das neue Jahr in erwünschtem Wohlsein antreten können.

Die Theilnahme des deutschen Volkes an dem Geschicke seines Kronprinzen hat sich auch anläßlich des Jahreswechsels wieder glänzend ge­äußert. Unzählig sind die Aeußerungen herzlichsten Mitgefühles, die aus der Heimath zum Neujahrstage abermals beim Kronprinzen in San Remo ein- gelaufen sind, ganz besonders ragt aber die imposante Kundgebung der Bürger­schaft Berlins hervor, die allerdings noch nicht zur vollzogenen Thatsache ge­worden ist. Anläßlich des Jahreswechsels wird dem Kronprinzlichen Paare eine Riesenadreffe der Bürger der Reichshauptstadt überreicht werden, welche bereits gegen 190,000 Unterschriften zählt. Auch in Nürnberg ist laut ein­stimmigen Beschluffes des Magistrates eine Neujahrs-Glückwunsch.Adreffe an den deutschen Thronfolger und seine Gemahlin aufgelegt worden. Wenn etwas geeignet erscheint, die Hoffnung auf die Genesung des theueren Kranken neu zu beleben, so sind es die fortgesetzt ungewöhnlich günstig lautenden Nachrichten, welche jetzt aus San Remo über das Befinden des Kronprinzen einlausen und denen zufolge auch in dem örtlichen Leiden des hohen Herrn eine wesentliche Besserung eingetreten ist.

Papst ßeoXIII hat gelegentlich seines gegenwärtigen Priester-Jubiläums die schon signalisirt gewesene Encyclika an die bayrischen Bischöfe gerichtet. Das päpstliche Rundschreiben schlägt einen ziemlich selbstbewußten Ton an und behandelt in sehr bestimmter Weise die Fragen betreffs der Seminarien, der Ausbildung des Clerus und der Erziehung der Jugend. Zwar werden die Gläubigen ermahnt, geheimen Gesellschaften fern zu bleiben und weist der Papst ferner auf die aus der Einigkeit zwischen Kirche und Staat erwachsen­den Vortheile hin, anderseits fordert er aber auch die Katholiken Bayerns auf, die Rechte der Kirche und des Glaubens energisch zu verfechten und er­innert er an das zwischen Bayern und dem Vatican abgeschlossene Concordat. Zum Schluß bedauert der Papst, daß der Staat seinen Verpflichtungen nicht ebenso nachgekommen sei, wie der heilige Stuhl und setzt er seine Hoffnung aus die Weisheit des Prinz-Regenten. Diese Schlußwendung in der päpst- lichen Kundgebung wirkt um so überraschender, als ja Leo XIII. vor gar nicht so langer Zeit seine hohe Befriedigung über die günstige Lage der katholischen Kirche in Bayern ausgesprochen hat und daß seitdem eine Veränderung ein­getreten sein sollte, muß entschieden zurückgewiesen werden.

In dem europäischen Situationsbilde wechseln noch immer Licht und Schatten mit einander ab. Auf der einen Seite werdenberuhigende Erklärungen" in Aussicht gestellt, und bemühte mau sich, die besonderen Mis­sionen des Herrn v. Schleinitz in Petersburg und des Grafen Peter Schuwa- loff in Berlin im Lichte einer Wendung zum Besseren erscheinen zu lassen, während zugleich Mittheilungen von erneuten befriedigenden Versicherungen austauchen, welche der Botschafter Rußlands in Wien. Fürst Lobanoff, dem dortigen Cabinet abgegeben haben soll. Auf der anderen Seite wird ver­sicherte daß die russischen Truppenaufstellungen an den Westgrenzen ihren uu- gehinderten Fortgang nähmen und daß jetzt besonders im Südwesten des Czarenreiches, gegen die rumänische Grenze, Truppen angesammelt würden. Alle die sensationellen Meldungen über die militärischen Vorkehrungen Ruß­lands lassen sich indessen nur schwer auf ihre Richtigkeit hin prüfen, zumal die gerade zur Weihnachtszeit im Osten vielfach eingetretenen Eisenbahnstockungen eine Folge der Schneefälle den Informationen über die wahre Sach­laa e nicht gerade förderlich sind. Indessen läßt sich doch nicht verkennen daß Rußland in seinenVorsichtsmaßregeln" sortsährt und bierzu gehört auch die Umwandlung derLocalbataillone" in Archangel, Petrosawodsk. Perm, Ufa Orenburg und Astrachan in Reserve - Cadres - Bataillone, jedes zu 5 Com- paqnien. Da es sich hierbei aber um Truppenformationen im äußersten Osten des europäischen Rußlands handelt, so dürsten dieselben für etwaige europäische Verwickelungen schwerlich in Betracht kommen. Was das Gerücht anbelangt, der gegenwärtig in Paris weilende Commandeur des russischen Gardecorps, Herzog Alexander von Oldenburg, habe Seitens des Czaren den Auftrag, einen bestimmten russisch-französischen Allianzvertrag zu Stande zu bringen, so ist dasselbe wohl nur auf Rechnung des Allarmirungsgeschästes zu setzen, welches gegenwärtig von einzelnen Seilen mit mehr Eifer als Geschick betrieben wird. Auf das nämliche Conto wird auch die Meldung Pariser Blätter zu schreiben sein, wonach der Czar bei dem jüngst stattgefundenen Empfange des französischen Botschafters, Herrn v. Laboulage, demselben Ver­sicherungen warmer und aufrichtiger Feundschaft für Frankreich gegeben habe. Daß sich aber der jetzige russische Herrscher nun auf einmal zu dem französischen Rrdicalismus so stark hingezogen sühlen sollte, möchte doch zu bezweifeln sein.

Deutschland.

Darmstadt, 31. December. Se. Königl. Hoheit der Großherzog empfingen heute zum Vortrag den Staatsminister Kinger, den Ministerial- Präsidenten Weber, den Hosceremonienmeister Geheimerath v. Werner.

Darmstadt, 31. Decbr. Se. Königl. Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht:

Am 15. Decbr. dem Schullehrer Ludwig Karl Göbel zu Dautenheim, im Kreise Alzey, das Allgemeine Ehrenzeichen mit der Inschrift: ,gür lanfl» jährige treue Dienste" zu verleihen.

Berlin, 31. December. Der Kaiser nahm den Vortrag des Bevollmäch­tigten des Militärkabinets, Oberst v. Brauchitsch, entgegen, wie auch die Meldun­gen mehrerer hier eiugetroffener Generale und machte daraus um 2 Uhc eine Spazierfahrt. Um 4 Uhr erscheint der Staatssecrelär Gras Herbert Bismarck zum Vortrag.

Die Kaiserin empfängt um 4 Uhr den portugiesischen Gesandten behufs Entgegennahme des Ordens derEmpsängniß unserer lieben Frauen von Villa Vicosa." Gestern war Se. Maj. der Kaiser in der Oper. Daraus fand Ein­nahme des Thees bei Ihren Majestäten statt, wozu auch Minister Dr. Lucius, Generalpostmeister Dr. Stephan und Prinz Josef Windiischgrätz geladen waren.

Der Präsident Dr. Pape hat dem Reichskanzler den in erster Lesung festgestcllttn Entwurf eines bürgerlichen Gesetzbuchs überreicht.

Berlin, 31. December. Es darf jetzt al» sicher angesehen werden, daß die Vorlage, die Verlängerung und Abänderung des Socialistergesetzes betr., dem Reichstage erst kurz vor seinem Wiederzusammentreten zugehen wird. Wenn auf diese Weise eine vorzeitige Erörterung der Vorlage in der Presse verhindert werden sollte, so kann ein Blick in die Zeitungen beweisen, wie dieser Zweck erreicht ist. Damit beim Ernst auch die Komik nicht fehle, wird von osficiöser Seite daraus aufmerksam gemacht, daß auch das Gefitz über den Schutz der Vögel, da« mit dem Socialistengesetz an ein und demselben Tage im Bundes­rath erledigt wurde, noch nicht eingebracht sei.

Kiel, 31. December. Der Magistrat und dar Stadtverordneten Collegium übersandten anläßlich des Jahreswechsels eine Adresse an Se. Königl. Hoheit den Prinzen Heinrich nach San Remo, mit der Bitte, Sr. K. und K. Hoheit dem Kronprinzen die Glückwünsche der Stadt Kiel persönlich zu übermitteln.

Hesterreich.

Wien, 31. December. DerPesther Lloyd" bringt einen pessimistischen Artikel und läßt durchblicken, daß die Situation auf einem kritischen Punkt an­gelangt sei. Ein Versuch, die Situation aus Kosten der Würde und de« An­sehens der Monarchie zu klären, habe keinerlei Erfolg in Aussicht. (Fr. I.)

Wien, 1. Januar. DieWiener Ztg." bemerkt zu der gestrigen Ver­öffentlichung der gefälschten Aktenstücke durch den deutschenReichs-Anz." :Da­durch, daß Kaiser Alexander selbst zur Aufdeckung der Fälschungen mitwirkte, ist deren Ziel, ihn mit Argwohn oder Mißtrauen gegen die deutsche Politik zu erfüllen, röllig vereitelt, und hierin liegt wiederum ein gewichtige« Moment für die Erhaltung des Friedens."

Belgien.

Brüssel, 31. December. DerNord" sagt, wenn verlangt würde, daß Rußland seine Ansprüche in der bulgarischen Frage sormulire, so sei zu entgeg- nm, daß diese Ansprüche von lang her bekannt seien. Rußland verlange die Anwendung des Berliner Vertrages, es könne ihm aber nicht genügen, wenn man sich platonisch zu Gunsten desselben ausspreche.

Italien.

Rom, 31. December. Der König und die Königin empfingen gestern Abend die Mitglieder des diplomatischen Corp». Die Herren wurden von dem russtschen Botschafter, als Doyen des diplomatischen Corp», die Damen wurden von der Gemahlin des franzöfischen Botschafters vorgestellt.

Der Papst empfing heute Nachmittag in besonderer Audienz den Grase« v. Brühl-Pförten, welcher ein eigenhändiges Glückwunsch-Schreiben Sr. Maj. ds« Kaisers Wilhelm überreichte.

Der Papst empfing heute, außer dem Spcclalgesandten Sr. Maj. des deutschen Kaisers, auch den portugicfischm Botschafter, welcher ein eigenhändiges Schreiben seines Monarchen mit einem Kelch überreichte, sowie die Specialge­sandten des Königs von Sachsen und des Königs der Niederlande. Viele Pilger sind durch Schneestürme in Bologna zurückgehalten, zwischen Ravenna, Ancona und Bologna ist der Eisenbahnverkehr eingestellt.

Nemo, 1. Januar. Der Kronprinz erhielt viele hundert Glückwunsch- Telegramme. Mittag» erschienen in der Villa Zirio die Spitzen der Behörden,