Ausgabe 
2.9.1888 Erstes Blatt
 
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1888.

Nr. 205

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Erscheint täglich mit Ausnahme des MontagS.

Bureau r Schul st raße 7.

Erstes Blatt. Sonntag den T. September

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Amtlicher Hheit.

Gefunden: 1 Herrenjacke, 1 Faß, 1 Leiter, 3 Hundehalsbänder, 1 Ranzen, 1 Brosche, 1 Sack, 1 Kinder-Schiebkarren, 1 Notizbuch, 4 Gepäck Halter, 1 Messer, 1 unächter Ring, 1 Armband, 1 Stock, 1 Kinderkragen, 1 Handschuh, 1 Maßstab, 2 Fuhrbücher, 1 Brodbeutel, 1 Loupe.

Zugelaufen: 1 Stallhase.

Gießen, am 1. September 1888. Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

Fresenius.

Zum nationalen Gedenktage.

Der achtzehnte Gedenktag an jene große Schlacht und jene ruhmreiche Zeit, in welcher Deutschlands Macht sich aller Welt offenbarte und die nationale Einheit des Reiches mit wuchtigen Schwertern gefügt wurde, findet uns in einer bedeutsamen, charakteristischen Epoche des jungen Reichs. Die beiden herrlichsten Helden jener glor­reichen Zeit, der ewig unvergeßliche Heldengreis Kaiser Wilhelm I., der gottbegnadete erhabene Gründer der deutschen Einheit, und sein edler, vielbeklagter, erlauchter Sohn Kaiser Friedrich, der treue Helfer und Beistand des großen Vaters in schwerer Zett, weilen nicht mehr unter uns. Die Last des höchsten Gretsenalters ließ das wunder­bare Leben Kaiser Wilhelms I. dahin siechen und eine furchtbare Krankheit vernichtete das edle Leben Kaiser Friedrichs. Wie sollten wir die diesjährige Sedanfeier begehen können, ohne nicht noch einmal der beiden erhabensten Helden zu gedenken, die in der Schlacht bet Sedan die obersten Führer der deutschen Heere waren? Kaiser Wilhelms und Kaiser Friedrichs Tapferkeit und hobem nationalen Sinne war es ja überhaupt auch in erster Linie zu verdanken, daß der Feind mit seinen ränkeoollen Anschlägen 1870 auf ein großes, geeintes, waffenstarkes Deutschland stieß, welches Fürsten und Volksstämme besaß, die fest geeint nebeneinander standen und nicht Willens waren, auch nur eine Scholle deutscher Erde dem Feinde zu überlassen.

Wehmuth und Trauer erfaßt unser Herz, wenn wir daran denken, daß die beiden edlen kaiserlichen Helden, deren treue Augen mit unermüdlicher Sorgfalt über Deutschlands Wohl und Wehe wachten, nun für immer von uns gegangen sind. Aber wenn ihre gesalbten Leiber auch tobt sind, so sind doch die Großthaten und edlen Gesinnungen der beiden verewigten Kaiser noch unter uns lebendig und spornen unsere Heranwachsenden Geschlechter, wie auch diejenigen, welche gegenwärtig die Würde und Macht der deutschen Nation repräsentiren, zu herrlichen Tugenden an. Deutlich sehen wir es auch, daß der Genius Kaiser Wilhelms I. und der Edelsinn Kaiser Friedrichs noch unter uns weilt und zur herrlichen Freude aller Patrioten, in unserem jugendlichen Kaiser Wilhelm II. verkörpert, auch ferner über des Vaterlands Wohl und Ehre wachen wird. Ganz im Geiste seines erlauchten Großvaters und seines edeln Vaters sehen wir Kaiser Wilhelm II. das Scepter führen. Ein heiliger Ernst und ein unerschütterlicher Muth, eine pflicht­gemäße, unerbittliche Strenge und eine erhabene Herzensgüte zieren den erlauchten Enkel und Sohn ebenso wie den verewigten Großvater und Vater und so kann das deutsche Volk, einig in seinen Führern und Gliedern, auch an diesem Sedantage mit stolzer Zuversicht in die Zukunft schauen. Feiern wir doch kein schadenfrohes, eiteles Triumphfest, sondern wir begehen nur den größten Gedenktag aus der Zeit der glor­reichen Wiedergeburt Deutschlands zum dankbaren Angedenken an die tobten und lebenden Helden und zur Nacheiferung für die deutsche Jugend!

Politische Ueberficht.

Gießen, 1. September.

Im Stadtschlosse zu Potsdam vollzog sich am Freitag die Taufe des jüngsten Sohnes unseres Kaiserpaares ganz dem Programm gemäß. Fast sämmtliche Vertreter der kaiserlichen und königlichen Familie des Hauses Hohenzollern waren bei der Tauffeierlichkeit zugegen und machte es einen ganz besonders rührenden Eindruck, den jüngsten Hohenzollernprinzen von seiner kaiserlichen Mutter, seiner Groß­mutter und seiner Urgroßmutter bet der Tauffeierlichkeit umgeben zu sehen. Von den erlauchten Taufpathen des jungen Prinzen waren anwesend der König von Schweden, der im Moment der Taufe den fürstlichen Täufling in den Armen hielt, ferner der König und die Königin von Sachsen und der Großherzog und die Groß­herzogin von Mecklenburg - Schwerin, während der Kaiser und die Kaiserin von Oesterreich durch den Erzherzog Earl Ludwig und dessen Gemahlin die Erzherzogin Maria Theresia vertreten wurden. Wie schon berichtet, fand nach der Tauffeierlichkeit eine Desilir- und Gratulationscour vor der Kaiserin Victoria und danach ein Gala­diner in den Prachtsälen des Stadtfchlosses zu Potsdam statt.

Zum Ober Präsidenten der Provinz W e st p r eu ß en ist der bisherige Oberprüstdent von Hannover, v. Leipziger, ernannt worden, dem zugleich der königliche Kronen-Orden 1. Klasse verliehen wurde.

Das Festrrngs- und Flottenmanöver in der Kieler Bucht schloß am Donnerstag mit einem mehrstündigen Arttlleriekampfe zwischen dem angreifenden Panzergeschwader einerseits und den FortsFalkenstein" undStosch", sowie dem PanzerschiffWürttemberg" andererseits. Das Panzergeschwader forcirte den Eingang und ging vor den Wällen von Friedrichsort vor Anker. In der darauffolgenden Nacht vom Donnerstag auf Freitag wurde der Angriff des Panzergeschwaders fortgesetzt.

Die am Donnerstag im sechsten Berliner Reichstags-Wahlkreis vollzogene Ersatzwahl für den foeialdemokratifchen Abgeordneten Hasen­clever hatte das allseitig erwartete Ergebniß der Wahl des socialdemokratischen Kan­didaten Liebknecht. Die Wahlbetheiligung war erheblich geringer wie bei der im Jahre 1887 stattgefundenen Hauptwahl. Eingeschriebene Wähler 63582. Abgegebene Stimmen 41791. Dabei ergiebt sich, daß die Conseroatioen und Antisemiten den größten Rück­gang aufweisen, ihnen nahe kommt die Fortschrittspartei, aber auch die sonst rührige socialdemokratische Partei hat nicht vermocht, ihre frühere Truppenstärke in das Feld zu bringen.

Der französische Minister des Auswärtigen, Goblet, hat den Versuch gemacht, die Haltung Frankreichs in bcm Eonfltcte mit Italien zu rechtfertigen. Goblet hat an die Mächte eine Note gesandt, in welcher er ausführt, die von der

$ italienischen Regierung angeführtenBeispiele bewiesen, daß Aenderungen in der Souveränetät ' immer nur durch Verträge bekräftigt würden, es sei dies ebenso bei Algier der Fall J gewesen, als der Bey den Franzosen seine Rechte in einer regelmäßigen Kapitulation j übertragen habe. Eine Eroberung sei erst dann zu Ende geführt, wenn sie mit einem

Vertrage abschlösse und erst dann könne dieselbe einem Dritten gegenüber geltend gemacht werden. Italien habe sich jedoch auf keinen Vertrag berufen, es folge vielmehr aus den wiederholten Erklärungen der italienischen Regierung, daß Italien in Massauah einfach die Verwaltung ausübe. Die Capitulationen seien also nicht abgeschafft gewesen, erst die Noten des italienischen Cabinets vom 27. Juli hätten von der Souveränetät Akt genommen. Italien sei folglich nicht im Rechte gewesen, eine gereizte Haltung gegen den französischen Eonsul in Massauah einzunehmen, welcher seine Exequatur von der Pforte hatte und welchen die französische Regierung zurückberief, um einen Streit zu vermeiden. Goblet bemerkt schließlich, daß Italien sich mit Frankreich hätte verständigen müssen, anstatt eine Debatte vor Europa zu erheben. Da aber Italien eine solche vor den Mächten aufgeworfen habe, so werden dieselben anerkennen, daß Frankreich Maßnahmen treffen mußte, wie sie eine Regierung ergreifen muß, die auf Wahrung ihrer Rechte und ihrer Würde bedacht ist.

In Oberegypten wie im Suda« witthet noch immer der Bürgerkrieg weiter. Nach einer Meldung aus Kairo vom 28. v. Mts. hätten am 27. v. Mts. um 11 Uhr Abends 500 Derwische einen Angriff auf das Fort Khorrnoussa gemacht, welches eine Besatzung von 200 Mann hatte. Es wurden sofort aus Wadi-Halfa^Verftärkungen unter dem Befehl des Lieutinants Macell gesandt, welcher mit 100 Sudanesen die Derwische heftig angriff. Alle in der Festung befindlichen Derwische, im Ganzen 80 Mann, sowie die außerhalb des Forts befindlichen wurden getödtet. Der Verlust der Egypter beträgt 16 Todte und 27 Verwundete, unter welchen sich auch 2 Officiere befinden.

Wie aus der Bundeshauptstadt Washington gemeldet wird, hat die Eom- mission des Repräsentantenhauses für die auswärtigen Angelegenheiten dem Hause in der Fischerei-Angelegenheit mit Eanada eine Vorlage gemacht, welche entsprechend den vom Präsidenten Eleveland in seiner Botschaft gemachten Vorschlägen Repressalien gegen Eanada beantragte.

Telegraphische Pepeschen.

Wolst's telegr. Eorrespondenz. Bnrearr.

Berlin, 31. August. DerReichsanzeiger" veröffentlicht die letztwilligen Auf­zeichnungen Kaiser Wilhelm L, sowie einen Erlaß Sr. Maj. Kaisers Wilhelm II. unter heutigem Datum, welcher besagt: Diese Aufzeichnungen enthalten ein herrliches Zeugniß von der erhabenen Seelengröße und dem edlen und frommen Sinn dieses Monarchen, dessen Kenntniß Ick Meinem Volke nicht vorenthalten will- Ich habe deshalb an dem heutigen, für Mein Haus so bedeutungsvollen Tage beschlossen, einen Auszug davon bekannt zu geben als ein Denkmal zur Ehre des Entschlafenen und als ein Vorbild für Mein Haus und für mein Volk. Diese vier Auszüge datiren vom 10. April 1857, vom 31. Deceniber 1866 und vom 31. December der Jahre 1871 und 1878

Berlin, 31. August. Heute Nachmittags um 51/* Uhr sand unter den Linden vor der Universität die Uebergabe der Fahnenbänder an die Leibcompagnie des ersten Garde-Regiments, sowie an das zweite und vierte Garde-Regiment und das Garde- Füsilier-Regiment, deren Eommando der Kaiser vor seiner Thronbesteigung geführt hat, statt. Der Kaiser erschien in dem von den Truppen gebildeten Viereck zu Pferde und hielt nach dem Abreiten der Front eine Ansprache, welche etwa Folgendes besagt: Es fei sein Wille, die Truppen, deren Eommando er unter der Regierung seines glorreichen Großvaters erhalten, durch Verleihung von Fahnenbändern besonders zu ehren.Ihr wäret die einzigen Truppen, die mein Vater als Kaiser gesehen, und wir erinnern uns alle wehrnüthig des Tages, da die Brigade die Ehre hatte, dem Kaiser Friedrich vor­geführt zu werden. Im Andenken daran weihe ich diesen Regimentern die Bänder und hoffe, die Regimenter werden die Ehre ihrer Fahnen hochhalten und zu wahren wissen." Die aus dem Palais des Kaisers Wilhelm gebrachten, mit neuen Bändern versehenen Fahnen wurden hierauf in die Regimenter eingestellt. Der Eommandeur der zweiten Garde-Jnfanterie-Brigade, General von Falkenstein, dankte kurz für die den Truppen erwiesene hohe Ehre, und brachte ein dreimaliges Hurrah auf den aller­höchsten Kriegsherrn aus, worauf die Truppen im Parademarsch an dem Kaiser vorüberdefilirten. Die hohen Gäste des Kaisers wohnten der Feierlichkeit auf dem Balkon des Palais weiland Kaiser Friedrich's bei.

Berlin, 31. August. Sämmtliche Musikcorps des Garde-Corps marschirten um 8 Uhr, begleitet von Magnesiumfackeln tragenden Mannschaften, vom Opernplatz nach dem Lustgarten. Die Linden und der Lustgarten waren electrisch beleuchtet. Gegenüber dem Mittelportal des Schlosses war ein Podium für den Armee -INusik- tnipicienten Voigt errichtet. Der Kaiser und seine Gäste erschienen auf dem Schloß­balkon, worauf die Musikcorps 8 Märsche und Ouvertüren spielten. Dann folgte der Zapfenstreich, die Retraite. Abendsegen und zum Schluß ein dreimaliger Tusch unter Trommelwirbeln, worauf die Allerhöchsten Herrschaften sich zurückzogen. Die Musik­corps zogen nun unter dem Zapfenstreich-Marsch ab. Eine immense Menschenmenge bewegte sich auf den Straßen, welche in der Nähe bes Schlosses abgesperrt waren, jedoch herrschte überall musterhafte Ordnung. Das österreichische Erzherzogspaar ist Abends wieder nach Wien zurückgereist.

Berlin, 31. August. Dem Vernehmen nach ist der König von Schweden vom Deutschen Kaiser als Admiral ä la suite der deutschen Marine gestellt worden.

Potsdam, 31. August. Bei seiner um 2i/» Uhr vollzogenen Taufe erhielt der jüngste kaiserliche Prinz die Namen Oskar Karl Gustav Adolf.

München, 31. August. Nach dem nunmehr veröffentlichten osficiellen Pro­gramm für die Reise des Prinzregenten in die Pfalz wird die Reise vom 17. bis 28. September dauern und sich auf den Besuch der meisten Städte der Pfalz erstrecken.