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Nr. 178 Donnerstag den S. August 1888.

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Bitte Alt t Schulstraße 7. Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags. Eurch

Amtlicher HHeit.

An sämmtliche ^rtsgerichte unseres Be;irks.

Nach höchstem Erlaffe vom 28. v- M. haben Sie

1) in den Eheverlrägen die Brautleute darüber Erklärung abgeben zu lasten, ob das beiderseitige Vermögen, aus welche« sich der Ehevertrag erstreckt, nicht mehr oder mehr als 2000 beträgt; und in der Fragenbeantwortung haben Sie sich jedesmal zu äußern, ob jene Erklärung richtig ist, etwa mitübernommene Schulden kommen jedoch in Abzug.

2) Ferner haben Sie, wenn Sie eine Vollmacht in protokollarischer Form ausnehmen oder die Genehmigung der Vollmacht beglaubigen, den Stempelbetrag von 1 JL zu verwenden, nicht aber, wenn Sie nur die Vollmachtsunterschrift beglaubigen.

Gießen, den 25. Juli 1888. Großherzoglicher Amtsgericht.

Langsdorfs.

Politische Rundschau

(Ziehen, 1. August.

Die epochemachende Meeresfahrt Kaiser Wilhelms ist zur Stunde beendigt, aber vor ihrem Ausgange entrollte sie mit dem Besuche Kaiser Wilhelms in Kopenhagen noch ein letztes glänzendes Bild. Der offictöse Telegraph überstürzt sich fast in langen Meldungen über die erste Begegnung zwischen dem deutschen kaiser­lichen Geschwader und der dänischen Flotille mit König Christian an Bord, über den wahrhaft großartigen Empfang des deutschen Monarchen in Kopenhagen und über seinen Aufenthalt daselbst. Nach der überraschend warmen, ja begeisterten Aufnahme, welche dem deutschen Kaiser in der dänischen Hauptstadt von Anfang an zu Theil ge­worden ist, zu urtheilen, scheint man in Dänemark in der That von dem Bestreben beseelt zu sein, in ein aufrichtig freundschaftliches Verhältniß zu Deutschland zu treten und der Besuch unseres Kaisers in Kopenhagen bildet die Grundlage, auf welchem sich dieses Verhältniß, zum Segen für beide Theile, hostentlich gedeihlich weiter entwickeln wird. König Christian verlieh dem Prinzen Heinrich von Preußen den Clefanten- orden und dem Staatssecretair Grafen Herbert Bismarck das Großkreuz des Danebrog- Ordens.

Nach dem Galadiner in Schloß Amalienborg nahm der Kaiser den Thee im engeren Familienkreise, der dänischen Majestäten ein und begab sich Nachts gegen 11 Uhr nach herzlicher Verabschiedung von der dänischen Königsfamilie wieder an Bord der Hohenzollern". Dieselbe lichtete am Dienstag gegen Tagesanbruch die Anker und ist der Kaiser in den Abendstunden des Dienstag wieder in Kiel eingetroffen und sofort nach Friedrichsruh weitergereist.

Die Nachricht, Kaffer Wilhelm, welcher ein warmer Verehrer der Wagner'schen Musik ist, gedenke sich demnächst nach Bayreuth zum Besuche der dortigen Wagner- Aufführungen zu begeben, wird jetzt von mehreren Seiten bestätigt. Die betreffenden Anordnungen sind bereits ergangen und dürfte man auch über den Zeitpunkt der Reise des Kaisers nach Bayreuth bald Näheres erfahren.

Die Ccntenarfeier König Ludwigs I. ist in München in erhebendster und glänzendster Weise verlaufen und gilt dies namentlich von dem am Dienstag stattgefundenen feierlichen Festzuge, dem Mittelpunkte der ganzen Feier. Ganz Deutsch­land Hal im Geiste diese dem Gedenken des kunstsinnigen und patriotischen Bayern­königs geweihte Erinnerungsfeier mitbegangen, denn wenngleich König Ludwig I. die Verwirklichung der Ziele, die ihm vorgeschwebt und sozusagen seinem gesammten Schaffen und Wirken die Richtung oorgezeichnet, nicht erlebt, so lebt er doch als Vorkämpfer deutschnationalen Wesens, als Vertreter und Förderer des nationalen Gedankens im Herzen des deutschen Volkes unvergessen fort. Daneben hat der erlauchte Fürst als begeisterter Verehrer antiker Kunst wie als Beschützer und Förderer der deutschen Kunst namenrlich seine Haupt- und Residenzstadt zum Mittelpunkt einer neuen Cultur, zum Vororte elastischer Schöpfungsthätigkeit und zu einer Heimstätte deutschnationaler Kunst gemacht und auch hierdurch zur Erweckung des idealen Sinnes und jener Begeisterung in der deutschen Nation betgetragen, die späterhin auch nach anderen Richtungen hin so fruchtbringend gewirkt hat.

Der Pariser Arbeiterstrike droht nach Stimmungsberichten aus der franzö­sischen Hauptstadt ein allgemeiner zu werden und wird zugleich die Haltung der Stri- kenden eine immer bedenklichere. Ganz abgesehen von den bisherigen Zusammenstößen zwischen den feiernden Erdarbeitern einer-, der Polizei und dem Militär anderseits, bemühen sich die Strikenden, ihrer Sache einen politischen Anstrich zu geben, außerdem scheint es, als ob das revolutionäre Central-Comtto die Hand mit im Spiele habe. In einer Versammlung von 4,000 strikenden Erdarbeitern wurde eine Resolution gefaßt, welche beim Ministerpräsidenten Floquet gegen die Verwendung von Truppen gegen die Strikenden Protest einlegen soll und welche der Polizei alle Schuld an den stattgefundenen Zusammenstößen beimißt. Die Bauplätze in Paris und in den Vor­orten müssen von Polizei und Truppen fortwährend bewacht werden, da die Strikenden die noch arbeitenden Genossen an der Weiterarbeit verhindern wollen. Auch dehnt sich die Arbeitseinstellung von der Hauptstadt nach der Provinz aus, da aus verschiedenen Gegenden des Landes ebenfalls Arbeitseinstellungen gemeldet werden. Auch gegen die von der Regierung beschlossene Ausweisung der am Pariser Strtke bethetligten und wegen ihres tumultuarischen Verhaltens verhafteten ausländischen Arbeiter haben die strikenden Arbeiter wenigstens in der Commission ihrer Führer Stellung genommen. Die Commission erhob Widerspruch gegen die signalisirte Maßregel und erklärte, die französischen Arbeiter fühlten sich Eins mit ihren Brüdern von auswärts.

Die italienische Regierung hat sich genöthigt gesehen, infolge der Steuer­verwickelungen in Massauah den Brächten in zwei Noten officiell die förmliche Besitz­ergreifung des Massauah-Gebietes durch Italien bekannt zu geben. Herr Crispi führt in diesen Noten eine sehr scharfe Sprache gegen Frankreich, denn es wird mit dürren Worten erklärt, daß den Italienern in ihrem ostafrikanischen Colonialbesitz nur immer von französischer Seite Schwierigkeiten bereitet worden seien und scheine es, daß Frankreich in den friedlichen Fortschritten Italiens nur eine Verringerung seiner eigenen Macht erblicke. Diese Kundgebung des italienischen Ministerpräsidenten läßt

die italienisch-französischen Beziehungen auf's neue in nichts weniger als erfreulichem Lichte erscheinen.

In der Montagssitzung des englischen Unterhauses sand unter heftigen De­batten die Wahl der Richter-Commission statt, welche die bekannten Anklagen derTimes" gegen den Führer der irischen Nationalpartet, Parnell, untersuchen soll. Die Zahl der Mitglieder wurde hierbei auf drei festgesetzt; zwei der vorgeschlagenen Richter wurden unter Zustimmung des ganzen Hauses gewählt, gegen das dritte Commissionsmttglied Day, protestirten aber die Gladstonianer und Parnelliten, vermuthltch, weil Day schon in mehreren Processen gegen Parnelliten mitgewirkt hat. Schließlich genehmigte indessen das Haus doch die Ernennung Day's mit 269 gegen 180 Stimmen.

Telegraphische Depeschen.

Wolsi's telegr. Correspondenz. Bureau.

Berlin, 31. Juli, 9 Uhr Abends. Der Kaiser verweilt von heute bis morgen als Gast beim Reichskanzler in Friedrichsruh. Man darf annehmen, daß er durch diesen Besuch nicht nur seinem, von ihm besonders verehrten, ersten Rathgeber eine Eh^e erweisen will, sondern daß ihn auch der Wunsch leitet, mit demselben die Er­fahrungen und Ergebnisse seines Besuches in Petersburg persönlich zu besprechen. Dieser Aufenthalt in Friedrichsruh wird von politischen Persönlichkeiten thatsächlich als ein besonderer Beweis dafür aufgefaßt, daß es sich bet der russischen Reise des Kaisers doch um etwas mehr als eine Antrittsvisite gehandelt hat.

Berlin, 31. Juli. Den BerlinerPolitischen Nachrichten" zufolge haben die Bundesrathsausschüsse für den Zollanschluß Hamburgs und Bremens den Beschluß gefaßt, dem Reichskanzler vorzuschlagen, den Zollanschluß Mitte October in Aussicht zu nehmen.

Potsdam, 31. Juli. Bulletin von 6 Uhr Abends. Die Kaiserin ist fieberfrei und erfreut sich andauernd des besten Wohlseins; der junge Prinz ist ebenfalls wohl.

Kiel, 31. Juli. Das Kaisergeschwader hat um 8 Uhr 25 Min. Friedrichsort passirt, dieHohenzollern" warf um 8 Uhr 45 Min. dem Schloß gegenüber Anker, um 9 Uhr 30 Min. fiel auf ihr die Kaiserstandarte. In einer Schaluppe landeten der Kaiser und Prinz Heinrich an der Barbarossabrücke und fuhren zum Bahnhof, überall enthusiastisch begrüßt. Die Abreise erfolgte um 9 Uhr 45 Min.

Kiel, 31. Juli, 10.30 N. Gegen 8 Uhr gelangte das Geschwader bei Laboe in Sicht. Um 8 Ubr 25 Minuten dampfte dieHohenzollern" bei Friedrichsort vorüber. Prinz Heinrich stand auf der Commandobrücke, der Kaiser, an dessen Seite sich der Flügeladjutant v. Seckendorff befand, grüßte sehr freundlich. Die Strandbatterien salutirten. In größerer Entfernung folgtenBaden",Bayern",Kaiser",Friedrich der Große",Ziethen" und dann das Schulgeschwader. Um 8 Uhr 40 Min. salutirte Blücher", dannWürttemberg". Die Sprengung des KanonenbootsDrache" wird erst im Herbst erfolgen. DieWürttemberg" beleuchtete die Barbarossabrücke, an der der Kaiser landete, electrisch. (Fr. Z.)

Hamburg, 31. Juli. Es verlautet, der Kaiser werde in Friedrichsruh heute Abend zwischen 10 und 11 Uhr eintreffen. In Friedrichsruh sind Ehrenpforten errichtet und Kränze gewunden, Lampions zur Beleuchtung werden vorbereitet.

Friedrichsruh, 31. Juli, 12.55 N. Um 12 Uhr Nachts traf Kaiser Wilhelm mit Extrazug von Kiel via Schwarzenbeck hier ein. Schon seit 8 Uhr war der Bahnhof glänzend illuminirt. Der Zudrang von allen Gegenden ist ungeheuer, Bahnhof und Schloßpark wurden von Tausenden belagert, die Stunden lang geduldig ausharrten. Der Kaiser stieg in Marine-Uniform mit Mütze vor dem Parkthor aus, wo ihn der Reichskanzler und Graf Rantzau erwarteten; er begrüßte zunächst den Reichskanzler und dann die anderen erschienenen Herren. Er faßte den Fürsten am Arm und zog sich mit ihm in den Park zurück, wo die Gräfin Rantzau sich anschloß. Die Volks­menge sangHeil dir im Siegeskranz",Deutschland, Deutschland über Alles" und die Wacht am Rhein". (Fr. Z.)

Karlsruhe, 31. Juli. Die gestrige Untersuchung der Augen der Großherzogin ergab keine wesentliche Veränderung, das Allgemeinbefinden hinsichtlich der Zunahme der Körperkräfte ist erfreulich fortgeschritten.

Augsburg, 31. Juli. Der Kronprinz von Italien ist von Lindau kommend hier eingetroffen, die Wetterfahrt erfolgt morgen nach Berlin.

Wien, 31. Juli. Die Kronprinzessin ist heute Abend nach München abgereist. Numir Pascha ist heute Abend nach Berlin gefahren.

Kopenhagen, 31. Juli. Als Kaiser Wilhelm sich gestern Abend um 11 Uhr an Bord desHohenzollern" begab, wurde er vom König und sämmtltchen Prinzen begleitet. Der Landungsplatz und die angrenzenden Gebäude waren prachtvoll erleuchtet.

Das Kaiser-Geschwader passirte Morgens 5Va Uhr Dragoer, derHohen­zollern" um 71/2 Uhr.

Paris, 31. Juli. Die Versammlung der strikenden Erdarbeiter berieth heute Mittag über Mittel und Wege, den Strike auf die Arbeiter auf den Holzplätzen und die Zimmerleute zu übertragen. Nachmittags veranlaßten Schaaren strikender Erd­arbeiter die Zimmerleute auf einzelnen Bauplätzen die Arbeit niederzulegen. Bitz jetzt find 9800 Strikende im Centralbureau eingezeichnet. Der Gouverneur von