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Nr. 102 Mittwoch den 2 Mai 1888.

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

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Bureau r Schulstraße 7.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf,

Amtlicher HHeit.

Betreffend: Die Bildung der für das Jahr 1888/89 nöthigen WeinsteuersEinschätzungs-Commissionen.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

Gießen, am 1. Mai 1888.

an die Großherzoglichen Bürgermeistereien der Landgemeinden des Kreises.

Diejenigen von Ihnen, welche unserer Auflage vom 12. v. Mts. Anzeiger Nr. 88 noch nicht entsprochen haben, werden an Erledigung derselben mit Frist von 3 Tagen erinnert.

Dr. Boekmann.

Politische Ueberficht.

Gießen, 1. Mai. j

Die im Befinden Kaiser Friedrichs eingetretene Wendung zunl Besseren macht jetzt sichtliche Fortschritte. Namentlich zeigt die tägliche Ftebercurve eine stetige Abnahme, ja, in den Morgenstunden ist das Fieber an manchen Tagen bereits ganz verschwunden und hoffen die Aerzte, in ein paar Tagen die Fiebererscheinungen ganz beseitigt zu haben. Zu diesem Zeitpunkte würde es auch möglich sein, dem hohen Patienten den Genuß der frischen Luft, deren er so sehr bedarf, wiederum zu gestatten und steht zu erwarten, daß die gegenwärtige prächtige Frühlingswitterung das ihrige mit zur Hebung des Allgemeinbefindens des kranken Monarchen beitragen wird. Da­gegen werden alle bisherigen, mehr oder weniger bestimmt auftretenden Meldungen von einer bevorstehenden Uebersiedelung des Kaisers und seiner Familie nach Schloß Friedrichskron bei Potsdam oder gar nach Wiesbaden von zuständiger Seite als un­begründet erklärt,* da der Zustand des erlauchten Kranken trotz der eingetretenen Besserung noch keineswegs ein derartiger ist, um schon jetzt einen Frühjahrsaufenthalt des Kaisers in bestimmte Erwägung zu ziehen. (S. indeßTelegr. Dep.")

Der letzthin durch kaiserliche Cabinetsordre vorgenommene ,®enera!6fd)iib* hat nicht weniger als 14 Generallieutenants zu Generälen der Infanterie, resp. der Kavallerie befördert. Ueberraschend kommt indessen dieses Massenavancement höherer Offieiere keineswegs, denn sämmtliche Beförderten befanden sich bereits in Stellungen, welche mit Officieren in der Charge der Generäle besetzt zu werden pflegen oder welche bereits früher öfter mit Generälen besetzt gewesen sind. Die beförderten Offieiere sind die Commandeure des 2., 4., 5., 6. und 15. (elsaß-lothringischen) Armeeeorps v. d. Burg, v. Grolmann, v. Meerscheidt-Hüllessem, v. Boehn und v. Heuduck die Gouverneure von Straßburg, Ulm und Mainz v. Verdy du Vernois, v. Guretzky- Cornitz und v. Winterfeld ferner die Generaladjutanten Graf Lehndorff, Fürst Radziwill und Graf Waldersee, welch letzterer zugleich Generalquartiermeister ist, und endlich der preußische Kriegsminister Bronsart v. Schellendorf, der Chef der Admiralität, v. Caprivi, und der Präses der Ober-Militär-Examtnationseommission, General­lieutenant des Barres. j

Das preußische Abgeordnetenhaus wird sich in diesen Tagen nach Er- j ledigung der Weichselregulirungsvorlage und der Kreis- und Provinzialordnung für Schleswig Holstein vertagen, um frühestens am 14. Mai nochmals zusammenzutreten. Es wird sich alsdann in der Hauptsache nur nochmals mit dem Volksschullastengesetz zu befassen haben, da dasselbe nach dem Mehrheitsbeschlüsse des Abgeordnetenhauses eine Verfassungsänderung bedingt und in Folge dessen über das Gesetz nochmals ab- gestimmt werden muß. In der Zwischenzeit wird auch das Herrenhaus Stellung zu dem Schullastengesetz nehmen und ob diePairs" die Beschlüsse der Abgeordneten allenthalben billigen werden, erscheint noch keineswegs als ausgemacht, so daß das Schicksal des Gesetzentwurfes nach wie vor in der Schwebe ist.

lieber die im Wahlkreise Altena i. W.-Jserlohn stattgefundene RetchstagS- ersatzwahl liegen noch keine abschließenden Daten vor. Da sich indessen nicht weniger als vier Candidaten ein nationalliberaler, ein freisinniger, ein eleriealer und ein soeiatistischer gegenüberstanden, so dürfte die hierdurch bedingte Stimmenzersplitterung vermuthltch eine engere Wahl nöthig gemacht haben. Das Mandat ging bekanntlich bei den Reichstagswahlen des vorigen Jahres aus den Händen der freisinnigen Partei in den Besitz der Nationalliberalen über.

In Bordeaux hielt Präsident Carnot auch am Sonntag bei einem offietellen Dejeuner einen kleinen Speech. Er erklärte u. A., daß es einer Politik der Klugheit, der Vorsicht und der Freiheit bedürfe, um dem Gesetze die erforderliche Achtung zu sichern. Eine solche Politik müsse dem Lande seine Sicherheit geben, solche Politik gewährleiste den Frieden nach Außen wie im Innern und eine solche Politik werde er befolgen.

Der Abzug der italienischen Expeditionstruppen aus Ostafrika scheint den Vorläufer zu erneuten ernstlichen Friedensoerhandlungen zwischen Italien und dem Negus von Abyssinien zu bilden. Der italienische Oberbefehlshaber in Massauah, General San Marzano, hat dem hervorragendsten unter den den Italienern freundlich gesinnten abyssinischen Häuptlingen, Kantibai, auf dessen Ersuchen die Ermächtigung ertheilt, mit dem König Johannes wegen Herbeiführung des Friedensschlusses zu unter­handeln. Nach der Versicherung Kantibai's soll der Negus ernstlich zum Frieden ge­neigt und gewillt sein, zu dessen Herbeiführung Vertrauensmänner nach Massauah zu entsenden. Es ist daher nicht unwahrscheinlich, daß General San Marzano den Friedensoertrag mit den Abyssiniern in seiner Reisetasche mit nach Hause bringt, denn daß die italienische Regierung froh sein wird, in nur einigermaßenanständiger" Weise mit dem Abyssinierfürsten auseinanderzukommen, ist sicher. Aber auch dem letzteren liegt augenscheinlich an einer baldigen friedlichen Auseinandersetzung mit den Italienern, denn derselbe befindet sich in einer sehr mißlichen Lage, da ihm in Folge der reooltirenden Haltung seines ersten Vasallenfürsten, des Königs Menelik von Schoa, und des offenen Abfalles vieler Soldaten eine militärische Aetton augenblicklich ganz unmöglich ist. Die Lage ist um so bedenklicher für den Negus, als die Schaaren des '< Mahdi, welche sich nach ihrem Einfall in die Provinz Gendar nach Norden zurück-

. gezogen hatten, mit beträchtlichen Streitkräften wieder gegen das Innere Abyssiniens ! vordringen. Jedenfalls wird aber die den Italienern so günstige Situation in Ost- f afrika dem Ministerpräsidenten Crtspi bei seinen an diesem Mittwoch in der Deputirten- kammer stattfindenden Darlegungen über die afrikanische Politik seines Cabinets eine recht erwünschte Stütze abgeben.

Amlschland.

(YVXI Berlin, 30. April. Der Kaiser hat, wie derReichsanzeiger" mittheilt, an den Minister der öffentlichen Arbeiten einen Erlaß gerichtet als Antwort auf einen Bericht desselben über die Entwickelung und die Ergebnisse der Verwaltung dieses Ministeriums in den letzten 10 Jahren. Es heißt darin:

Mit besonderer Befriedigung habe ich daraus ersehen, daß die von meinem in Gott ruhenden Herrn Vater etngeleitete Eisenbahnpolitik unter Ihrer umsichtigen Aus­führung die Hoffnungen nicht blos erfüllt, sondern auch übertroffen hat, welche von derselben für die Verkehrsverhältnisse und die Förderung der Volkswohlfahrt, wie für die Landesvertheidigung und nicht minder für die Finanzen des Staates gehegt worden sind. Diese bedeutsame Maßregel, welche Dank der angemessenen Verwaltungsorgani­sation in vortrefflicher Wirksamkeit ist, hat sich hiernach in jeder Beziehung als segens­reich erwiesen. Es gereicht mir zur hohen Freude, für die Durchführung jenes bedeu­tungsvollen Gedankens meine ungetheilte Anerkennung auszusprechen. Auch die Ab- theilung für das Bauwesen hat in diesem Zeitraum erhebliche Resultate aufzuweisen, welche in beredter Weise für die wirksame Unterstützung der Bedürfnisse des Landes Zeugniß oblegen.^ Die Schwierigkeiten, mit welchen die Berg-, Hütten- und Salinen- Verwaltung zu kämpfen gehabt hat, lassen Ihre trotzdem erzielten Ergebnisse um so verdienstlicher erscheinen. Ich kann nicht umhin, hervorzuheben, daß die Sorge für das Wohl der zahlreichen, Ihrem Ministerium untergebenen Beamten und Arbeiter mich besonders wohlthuend berührt hat. Ob und in welcher Art Sie den gedrängten Inhalt Ihres Berichts weiteren Kreisen, welche sich gewiß dafür interessiren, zugänglich machen wollen, will ich Ihrem Ermessen überlassen.

Telegraphische Depeschen.

Wolff'S telegr. Correspondenz - Brrrearr.

Berlin, 30. April. Der Kaiser nahm Vormittags Vorträge Wilmowski's und Winterfetd's entgegen und war Mittags außer Bett am Fenster eines nach dem Park htnausgehenden Zimmers. Die Uebersiedelung des Kaisers dürfte, sobald Witterung und Befinden es gestatten, nach Potsdam (Schloß Friedrichskron), nicht nach Wies­baden erfolgen. Der Kronprinz erschien heute zum Frühstück bet den Majestäten.

DerNordd. Allgem. Ztg." zufolge beschäftigte sich der Kaiser gestern mit leichter Leetüre. Die Temperatur war gestern Abend und heute früh nur wenig über normal. Die letzte Nacht brachte fast ununterbrochenen sechsstündigen Schlaf.

Der Kaiser empfing heute Abend 5,/2 Uhr den Reichskanzler zu einem halb­stündigen Vortrag.

Der Direetor der chirurgischen Klinik des Krankenhauses Charitö, der Ge­heime Medieinalrath Professor Bardeleben, ist jetzt definitiv an die Stelle des Geh. Medieinalrathes Professor v. Bergmann in der Behandlung Seiner Majestät des Kaisers getreten.

Berlin, 30. April. Das Abgeordnetenhaus nahm nach einer mehrstündigen Berathung die Vorlage, betreffend die Wetchselregulirung, durchweg in der in der ersten Bcrathung der Commission festgesetzten Fassung, demnach ohne die Kuptrung der Nogat, an. Der Minister v. Maybach hatte die Vorlage der jetzigen Commissionsberathung für unannehmbar erklärt, der Minister Dr. Luetus trat für die Vorlage der Regierung ein und hielt dieselbe eventuell auch in der in der ersten Commissionsberathung fest- gestellten Fassung für annehmbar. Zum Schluß wird der Antrag Rintclen und Ge­nossen, die Position der Eisenbahnoortage über die Verlegung des rheinischen Güter­bahnhofes in Aachen abzusetzen und die Regierung zu einer nochmaligen Prüfung des Projeetes aufzufordern, abgelehnt und die Position nach der Vorlage angenommen. In der morgen um 11 Uhr stattfindenden Sitzung wird über die Kreisordnung für Schleswig-Holstein und über kleinere Vorlagen berathen werden.

Berlin, 30. April. Bei dem gestrigen Festessen zu Ehren des Senators Carl Schurz aus Amerika im Kaiserhofe, welchem außer mehreren Abgeordneten und Nota- bilitäten auch der Staatsmtnister Graf Herbert Bismarck beiwohnte, brachte der Pro­fessor von Gneist einen Toast auf Schurz aus, der als Volksredner, als Führer von Armeeeorps in dem Freiheitskriege, als Senator und als Minister in der mustergtltigen Verwaltung immer derselbe geblieben sei. Schurz erwiderte, er stehe hier als ein ein­facher amerikanischer Bürger von deutscher Geburt.Wir Deutschgeborenen in Amerika haben für unser großartiges Gemeinwesen Liebe zur Braut, welche aber die Liebe zur alten Mutter nicht beeinträchtigt; wir begrüßten mit einer warmen Begeisterung die Vollendung und Einigung des deutschen Vaterlandes unter der Führung des mann­haften Geschlechtes der Hohenzollern, so begrüßten wir auch, wie sich der Kanzler als Kolossalfigur der Weltgeschichte über die Staatsmänner seiner Zeit erhob, Deutschland als Macht erster Größe in die Familie der Völker stellte und die Stege der Waffen zur Erhaltung des VölkecfriedenS ausbeutete. Den Deutschen Amerikas liegt vor allem die Erhaltung des freundschaftlichen Einvernehmens zwischen dem deutschen Vaterlande und der amerikanischen Republik am Herzen. Wenn es Meinungsverschiedenheiten über handelspolitische Interessen gibt, so ist doch zu hoffen, daß weise Maßnahmen beider­seits dieselben im Laufe der Zeit überwinden werden." Der Geschäftsträger der Ver­einigten Staaten, Colemann, betonte darauf in einer Rede das einträchtige Verhältniß, das zwischen Preußen und der transatlantischen Republik von Anfang an bestanden,