Ausgabe 
2.3.1888
 
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Berlin, 29. Februar. DerReichs-Anzeiger" veröffentlicht folgendes SBulLtn aus San Remo:

San Remo, den 29. Februar, Norm ttags 10 Uhr 50 Min. Die Nachtlube Sr. K. und K. Hoheit des Kronprinz« n war anfänglich unterbrochen, fpäter befriedigend. Auswurf etwas reichlicher.

Dem Burderrathe ging ein Entwurf von Vorschriften über Einrich­tung und Betrieb von zur Anfertigung von Cigarren bestimmten Anlagen zu. Die­selben enthalten ausschließlich hygienische Maßnahmen zum Schutze der bei der Cigrrrenfabrikation beschäftigten Arbeiter.

Italien.

San Remo, 28 Februar. Der Kronprinz verbrachte einen ziemlich guten Tag, bUeb aber im Zimmer. Das Athmen ist leicht, der Auswurf unverändert.

Florenz, 29. Februar. Nach hier vorliegenden Meldungen soll die Königin von England am 23. Mürz incognito unter dem NamenHerzogin Kent" bier eintreffln und einen Monat verbleiben.

Deutscher Reichstag.

49. Sitzung vom 29. Februar 1888.

Der dem Abg. Buderus neulich versagte Urlaub wird heute bewilligt, da derselbe, wie der Präsident mittheilt, Urlaub behufs Verhetrathung nachsucht. (Heiterkeit.) Darauf wird in die zweite Berathung des vom Abg. Munckel eingebrachten Antrags auf Ausdehnung der Schwurgerichte auf politische und Preß­vergeben eingetreten.

Abg. Munckel: Sein Antrag sei ein Korrelat zu der Forderung der Regierung, die Oeffenllichkett im Gerichtsverfahren zu beschränken. Für Deutschland lägen die Verhältnisse gegenwärtig ebenso wie 1865 für Preußen. In einer Zett, wo Urtheile « la Dürholt gefällt wurden, sei es doppelte Pflicht der Volksvertreter, die alte seit 1848 stets geforderte Ausdehnung der Zuständigkeit der Schwurgerichte energisch zu verlangen.

Abg. d. Reinbaben (Rchsp.) meint, daß gerade die Mitglieder der Schwur­gerichte, dre mitten im politische^ Leben ständen, sich am wenigsten von dem Einflüsse ihrer politischen Anschauung würden frei machen können. Der gelehrte Richter sei viel eher in der Lage, objectio und ohne Rücksicht auf seine politische Ueberzeugung zu urtheilen. Der Druck von oben sei niemals so groß wie der von unten.

Abg. Eule mann (natl.) ist im Princip mit denr Antrag Munckel einverstanden, nur dürfe nicht das Schwurgericht, welches auf die Schuldfrage ja oder nein zu ant­worten habe, über politische Vergehen entscheiden, sondern das Schöffengericht. Redner wünscht, daß das Schöffengericht überall außer beim Reichsgericht eingeführt werde. Die von dem Antragsteller gerügten Uebelstände seien verschwindend gering, deshalb seien seine politischen Freunde Gegner des Antrags.

Abg. Edler v. Gräoe (Pole) erklärt Namens seiner Freunde, daß sie für den Antrag stimmen.

Nachdem noch Abgg. Träger für, Dr. Hartmann (cons.) gegen den Antrag gesprochen, zieht Abg. Munckel seinen Antrag zurück.

Eine gleiche Erklärung geben die Abgg. Munckel und Dr. Retchensperger auf den folgenden Gegenstand der Tagesordnung, den Antrag auf Wiederein­führung der Berufung ab.

Es folgt zweite Berathung der von den Abgg. Ackermann und Genossen sowie von den Abgg. Hitze und Genossen gestellten Anträge auf Einführung des Be­fähigungsnachweises.

Abg. Ackermann (cons.) verweist zur Begründung seines Antrags auf die zahlreichen Petitionen aus Handwerkerkreisen, die zu Gunsten des Befähigungsnach­weises eingegangen sind.

Abg. Dr. Baumbach (frets.) bekämpft den Antrag, dem man endlich mit offenem Visir entgegentreten müsse.

Abg. Biehl (Eentr.) bezeichnet die Berichte der Handelskammern als nicht maßgebend, da ja in den Handelskammern Leute sitzen, die systematisch das Handwerk unterdrücken und aufsaugen.

Geh. Rath. Lohmann erwidert, daß in Bezug auf das Bauhandwerk die Er­hebungen noch nicht beendet seien und die Resterungen daher hierüber noch keine Beschlüsse hätten fassen können.

"Nachdem noch Abg. Duvigneau (natl.) gegen den Antrag gesprochen, wird t)ie Discussion geschlossen.

S 14a, welcher für die verschiedenen Handwerkerarten den Besähigungsnachweis fordert, wird in namentlicher Abstimmung mit 115 gegen 114 Stimmen angenommen. Für denselben stimmen die Conseroatioen, das Centrum und ein Theil der Retchspartei.

§ 14b bestimmt, daß der Bundesrath auch für andere Handwerksarten den Befähigungsnachweis verlangen kann.

Der Paragraph wird mit 114 gegen 105 Stimmen angenommen.

S 14c setzt fest, daß wo Innungen bestehen, die Prüfung vor der Jnnungs- commission abzulegen ist.

Rach kurzer Discussion wird $ 14c in namentlicher Abstimmung mit 114 gegen 110 Stimmen angenommen.

Morgen: Fortsetzung der heutigen Berathung, Sonntagsruhe, nichtöffentliche Gerichtsverhandlungen.

Telegraphische Depesche«.

Löolff's telegr.

Berlin, 29. Februar. Abgeordnetenhaus. Der Antrag des Prinzen Arenberg auf Wiederoerteihung von korporationsrechten an die wieder zugelassenen Orden wurde dem Ersuchen des Prinzen Arenberg gemäß von der Tagesordnung abgesetzt, nachdem der Kultusminister v. Goßler erklärt hatte, die Regierung werde eine Novelle ein­bringen, welche den wieder zugelassenen Orden die Korporationsrechte wiedergeben solle. Das Abgeordnetenhaus erledigte darauf eine Reihe von Petitionen meistens nach den von der Kommission gestellten Anträgen und nahm dabei den Antrag, betreffend die Vorlegung eines Gesetzes, welches das Pensionsgesetz für Die Volksschullehrer auch auf olle Lehrer an den Mittelschulen ausdehnt, an. Der AuNag der Abgeordneten Hitze und Lieber, betreffend die Veröffentlichung von Jahresberichten der Fabrikinspectoren wird nach einer längeren Berathung gemäß dem Anträge der Budgetcommission ab­gelehnt. Morgen um elf Uhr kommt der Kultusetat zur Berathung.

Karlsruhe, 29. Februar. Die feierliche Beisetzung des Prinzen Ludwig Wil­helm fand unter großer Betheitigung der Bevölkerung statt. Nach dem Trauergebet in der Schloßkirche wurde der Sarg in den Leichenwagen gehoben und in feierlichem Zuge, der sich um 12 Uhr unter dem Geläute aller Glocken in Bewegung setzte, nach der Stadtkirche übergcführt. Eine Abtheilung Letbgrenadiere eröffnete den Zug, hieran schlossen sich die Dienerschaft des Verstorbenen, die Kammerherren und Junker; die Generale der badischen Armee trugen vor dem Leichenwagen die Orden des Verstorbenen. Zu Seiten des sechsspännigen Leichenwagens befanden sich Kammerherren und vier Stabsoffiziere, welche das Bahrtuch trugen. Der Großherzog und die übrigen fürst­lichen Her« schäften folgten im Wagen. Diesen schlossen sich die Flügeladjutanten des Prinzen, die Oberhof- und die tzofchargen, die Abgesandten der fremden Fürstlichkeiten, die Mitglieder des Staatsministeriums, die Präsidien des Landtags, als Stellvertreter des kommandirenden Generals Generallieutenant von Petersdorff, die Generalität, die Vertreter der Stadt an. Eine Grenadierabtheilung schloß den Zug, bei dessen Eintritt in die Stadtkirche die Orgel spielte. Nach dem Ehoralgesang hielt der Prälat Doll die ! Trauerrede. Die Großherzogin und die fürstlichen Damen wohnten der Trauerfeter | auf der Hoftribüne bei. Nach der Trauerrede wurde der Sarg unter Kanonendonner ; und Gesang in die Gruft versenkt, wo in Anwesenheit der höchsten Herrschaften die i Leiche eingesegnet wurde. Der größte Theil der Geschäfte ist geschlossen , die Balkone | auf dem Trauerwege sind schwarz verhängt, aus dem Marktplatz findet Trauer- ? parade statt.

Karlsruhe, 29. Februar^ Prinz Wilhelm von Preußen reift Nachts 1V2 Uhr nach Sau Remo ob.

., Kopenhagen, 29. Februar. Der ehemalige Finanzminister und Generalzoll- Mrektor Gras eponnetf seinerzeit Rathgeber des Königs Georg von Griechenland, ist in der vorigen Nacht gestorben.

Paris, 29. Februar. Deputirtenkammer. Bei der Berathung über das Budget des Auswärtigen kommt Marquis von Breteuil auf die durch die Trippelallianz geschaffene Lage zu sprechen, erklärt dem Auslande gegenüber gebe es weder Monarchisten noch Republikaner, und betont die Rothwendigkeit, der Unbeständigkeit des Minffteriums namentlich dem des Krieges und der Marine ein Ende zu setzen-, die Rechte werde niemals Schwierigkeiten schaffen, weil sie stets die Interessen des Vaterlandes höher stellen werde als die der Partei. Dem Kaiser von Rußland müßte Frankreich seine Sympathien be­zeugen, ohne jedoch dieselben zu übertreiben. Redner freut sich, daß die Mißverständnisse mit England beseitigt feien; auch gegen Italien habe Frankreich kein Uebelwollen. Redner schließt: Zeigen wir, daß die Ration den Frieden will, aber den Krieg nicht fürchtet; weisen wir jede Idee eines Offensiv-Krieges zurück. Im weiteren Verlaufe der Sitzung rechtfertigte der Minister des Auswärtigen, Flourens, den Angriffen des Deputirten de la Ferronay gegenüber die bezüglich des Suezkanals und der Reuen Hebriden abgeschloffene Konvention und erklärte, es gebe neben der Suezkanalfrage noch eine von dieser sehr ver­schiedene egyptische Frage. Frankreich habe das größte Interesse daran, dem Kanal einen internationalen Charakter zu geben, deshalb habe die Regierung die Verwirklichung der Konvention veranlaßt, welcher die Kammer gewiß zustimmen werde. (Zustimmung.)

29« Februar. Das Unterhaus nahm bei der fortgesetzten Berathung der Abänderung der Geschäftsordnung die Anträge der Regierung bis zur zwölften Resolution einschließlich an, iheilweise mit Amendements, welche von der Regierung acceptirt wurden. Dieselben bestimmen, daß der Präsident bet verschleppenden An­trägen von einer namentlichen Abstimmung absehen kann und die zweite Lesung der Antwortadresse aus die Thronrede wegfällt. Die Debatte wurde alsdann bis Dienstag vertagt. Der parnelltstische Deputirte Hyne wurde heute im Clommel wegen einer aufrührerischen Rede zu^sechs Wocken Gefängniß oerurthetlt. Er legte Berufung ein.

London, 29. Februar. Das Unterhaus erledigte die Regierungsanträge der Geschäftsordnung bis zur achten Resolution inclusive und vertagte hierauf die Debatte bis morgen.

Newyork, 29. Februar. Das Unionsquaretheater ist niedergebrannt. Durch den Einsturz eines Theiles des brennenden Daches wurden sechs Feuerwehrleute verletzt.

L o ik cr i e

Gießen, 1. März. Im Monat Februar wurden im hiesigen Schlachtbause geschlachtet: 1466 Stück Vieh und zwar 117 Ochsen, 12 Faselochsen und Kühe, 102 Rinder, 574 Kälber und Hammel, 651 Schweine und 10 Pferde. Hiervon waren 3 Ochsen, 1 Rind, 1 Kuh mit Perlsucht (Tuberkulose) behaftet und für nicht ladenrein eifannt, 1 Schwein mußte durch innere Beschädigung bei dem Transport für nicht genießbar erklärt werden, noch wurde 1 Pferd dem Abdecker, überwiesen.

S m ai H J t h

Neu - Ulrichstein-, 1. Marz. sMonats-Bcricht der Arbeiter-Kolonie vro Februar 1888.] Ultimo Februar sind in der Kolonie arbeits- resp. stellenlos ins- gesammt 115.

Hiervon waren landw. Arbeiter rc. 27, Backer 3, Bergleute 1, Böttcher 1, Brauer 1, Bronceur 1, Buchbinder 2, Cigarrenmacher 1, Konditor 1, Cand. theol. 1, Dachdecker 3, Eisengießer 1, Färber 3, Fleischer 2, Former 4, Gärtner 1, Graveur 1, Heizer 1, Hausbursche 1, Kaufleute 3, Kellner 3, Korbmacher 1, Landwirth 1, Maler 3, Maurer 2, Mühlenbauer 1, Schreiber 3, Schlosser 8, Schmiede 2, Schneider 11, Schuhmacher 8, Steinhauer 1, Stellmacher 1, Tapezierer 1, Tüncher 2, Weber 1, Zimmerleute 4, Tuchmacher 1, Seifensieder 1, Nadler 1.

Den Staaten nach kommen auf: Großherzogthum Hessen 34, Nassau 14, Thüringen 4, Bayern 16, Sachsen 9. Von Preußen auf die Provinzen: Branden­burg 3, Hannover 1, Hessen (Cassel) 14, Posen 1, Pommern 1, Westpreußen 3, Rheinland 13, Schleswig 1, Oesterreich 1.

Abgegangen sind im Laufe des Monats Februar 31.

Davon gingen auf eigenen Wunsch 21, durch die Colonie in Stellung 9, durch eigenes Bemühen 1.

Im Ganzen wurden seit Eröffnung der Anstalt ausgenommen 874 Colonisten.

Verpflegungstage: 3382, Arbeitstage: 2836, hierunter 90 für fremde Rechnung.

+ Frankfurt, 29. Februar. Seit mehr denn Jahresfrist werden hier von Zeit zu Zeit Silberdiebstähle mit solcher Geschicklichkeit und verblüffenden Sicherheit ausgeführt, daß allen jenen Leuten, die in der angenehmen Lage sind, über werthvclle Silbersachen zu verfügen, bange zu werden anfängt. Vergeblich fahndet die Polizei nach diesem Silberdieb man glaubt nämlich bestimmt, daß ein einzelner Mensch die Diebstähle ausführt vergeblich gebrauchen reiche Leute alle möglichen Vorsichts­maßregeln der Silberdieb treibt in kurzen Pausen sein verbrecherisches Handwerk weiter. In der Tagespresse, im Wirthshaus, in Gesellschaften überall spricht man vom Silberdieb, der mit der Einrichtung jener Häuser, wo er stiehlt und mit den Gepflogenheiten der Bewohner derselben so genau bekannt ist, daß er auch nicht ein einziges Mal fehlgeht, ja nicht einmal einen Schrank oder eine Kommode vergeblich öffnet. Er weiß ganz genau, wo die Leute ihre Silbersachen 'aufbewahren und ohne sich einen Moment zu besinnen, geschweige denn zu suchen, steigt er ein, geht auf den ihm bekannten Behälter zu, nimmt die Silberfachen heraus und entfernt sich ebenso geräuschlos wie er gekommen ist. Diese merkwürdige Wahrnehmung, welche bei der Mehrzahl der verübten Silberdiebstähle gemacht wurde, hat zu der Annahme und wohl nicht mit Unrecht geführt, daß der Dieb eine Persönlichkeit aus den fogen. besseren Kreisen ist, welche vermöge ihrer angeblichen socialen Stellung Zutritt zu den Häusern hat, die sie nachher bestiehlt. Im ruhigen geselligen Verkehr macht er seine Beobachtungen und nachdem Wochen, vielleicht Monate fett jenem Besuch verstrichen, macht er dem liebenswürdigen Gastgeber auch einmal feine Visite als Silberdieb. Was Wunder, daß der unheimliche Spitzbube Frankfurt und Umgebung in Athem hält, was Wunder, daß die Polizei mit Argusaugen Alles und Jeden bewacht i Verfloffenen Sonntag nun hieß es plötzlich, die Spuren des Silberdiebes seien in Lohr in Bayern gefunden. Es wurden auch Verhaftungen vorgenommen, leider aber ergab sich, daß die Polizei auf falscher Fährte war und zwei völlig unschuldige, geachtete Männer hiesiger Stadt grundlos hinter Schloß und Riegel verbracht und wie Verbrecher behandelt wurden. Der Silberdieb treibt unterdeß fein Wesen lustig weiter und gerade in dem Moment, als hier die Wogen die Erregung ob des Jrrtbums der Polizeiorgane recht hoch gingen, hat er wieder einen Besuch in der Uhlandstraße abgestattet und für mehrere Hundert Mark Silberfachen gestohlen. Möge es unserer Polizei recht bald gelingen, dieses ungemein raffinirten Gauners habhaft zu werden, damit endlich wieder Ruhe in die Gemüther Derer einziehen kann, die sich glückliche Besitzer kostbarer Silber- facken nennen können.

Limburg, 29. Februar. Rother Weizen pro Malters 15.0t), weißer Weizen X 14.80, ÄornJt 10.30, Gerste X 930, Hafer X 6.55, Erbsen X 00.00, Kartoffeln .m O.pn.

Nur wahres Heil beut die Natur! Welch' tiefe Wahrheit birgt dieser Spruch. Für jede der mannigfachen Krankheiten, die uns befallen, hat die gütige Natur ihre Gegenmittel und bietet uns dieselben in ihren unermeßlich werthoollen Mineralheilwassern. Eine solche Schatzquelle von Heilkräften ist u. a. auch das Bad Soden. Durch glückliche Zusammensetzung der bestbewährtesten Wasser dieses Bades ist es gelungen, Pastillen herzustellen, die von intensiver Heilkraft sind und das vor­züglichste Naturheilmittel bilden für erkrankte Lungen, für Hals- und Brustleiden, für Katarrhe des Kehlkopfes, der Verdauungsorgane und bei Unterleibsstörungen. Diese kostbaren Pastillen sind in allen Avotbeken die Schachtel tz 85 H zu haben. 24

Gottesdienst der israelitischen Religionsgesellschsst.

Freitag Abend 515 Uhr, Samstag Vormittag 880 Uhr, Samstag Nachackttag 381 Uhr, Samstag Abend 6W Uhr.